Posts mit dem Label Freizeit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Freizeit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

2410 Was alles keine Arbeit ist


Was alles keine Arbeit ist


„Das ist doch keine Arbeit!“, war der stehende Satz in ihrer Familie. Als sie ganz klein war, wurde sie auf ihren Stuhl gesetzt, während die Eltern das machten, was Arbeit war. Manchmal kam sie auch zu den Großeltern. „Die haben ja schließlich nichts zu tun“, hieß es da, „Die können ganzen Samstag, Sonntag auf Gaude fahren, während wir schuften. Da können sie sich auch genauso gut ums Kind kümmern. Das ist doch keine Arbeit!“ Und deshalb kam sie fast immer zu den Großeltern, wenn es ging. Auch auf Urlaub fuhren sie mit ihr, manchmal. Auf Kur, und da saß sie dann, mitten unter den alten Leuten. Die anderen Kindern fuhren mit ihren Eltern auf Urlaub. Deshalb konnte sie sehr bald schnapsen und tarockieren und Patiencen legen. Dann kam sie in die Schule, und das war gut. Da war sie den ganzen Tag aus dem Weg, mit Hausaufgabenbetreuung. „Das ist doch keine Arbeit!“, hieß es, wenn die Noten nicht entsprachen, „Wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten zu lernen, dann müssten wir jetzt nicht so viel arbeiten. Aber wir hatten sie nun mal nicht. Wir mussten immer arbeiten, aber Du, Du sitzt nur rum und müsstest Deine Nase in die Bücher stecken. Stattdessen träumst Du vor Dich hin.“ Also strengte sie sich an, warum auch immer. Wenn das was sie machte, doch keine Arbeit war, dann hatte es auch keinen Wert. Wozu machte sie es dann? Vielleicht, weil sie doch hoffte, immer wieder aufs Neue, dass ihr irgendeine Anerkennung zu Teil würde. So machte sie Matura. „Gott sei Dank, das haben wir geschafft“, hieß es nur. Es war zur Kenntnis genommen worden. Zumindest das. Dass sie sich in dieser Nacht so betrunken war, dass sie nicht mehr nach Hause kam, das fiel nicht einmal auf. Die Eltern waren müde. Und als sie das erste Studium abschloss, da war niemand da. Das wurde nicht zur Kenntnis genommen. Nicht einmal das. Beim zweiten war es ein wenig anders. Da waren die Eltern da. Allerdings kamen sie zu spät, wie immer, denn die Arbeit wird erst im letzten Moment unterbrochen. „Jetzt könntest Du endlich was arbeiten!“, hieß es dann. Und sie strengte sich an. Vielleicht kam doch noch was, aber was sollte da noch kommen. Aber es war dann doch nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte, denn sie wurde Mutter. Zwei Mal. Sie beschloss sich, der vorherrschenden gesellschaftlichen Strömung trotzend, den Kindern zu widmen. Zumindest die ersten drei Jahre. „Aber wann gedenkst Du wieder was zu arbeiten?“, wurde sie dezent jedes Mal gefragt, wenn das Kind schon sechs Monate alt war, „Es wäre doch schon Zeit. Ich kenne andere, stell Dir vor, die gehen schon nach acht Wochen wieder arbeiten.“ „Und was machen sie mit den Kindern?“, fragte sie zurück. „Du gibst sie zu einer Tagesmutter“, war die Antwort. „Ich gebe also meine Kinder zu einer Tagesmutter, damit die etwas macht, was dann Arbeit ist, aber wenn ich es mache, keine?“, fragte sie. „Na ja, so kannst Du das nicht. Wozu hast Du schließlich studiert, wenn Du dann doch nichts anderes tust als bei den Kindern zu Hause zu verblöden?“, wurde sie gefragt. Und sie machte weiters lauter Dinge, die keine Arbeit waren. Sie kümmerte sich um die Kinder und um den Haushalt. Aber am Abend, wenn andere von der Arbeit müde in den Sessel sanken, da wagte sie es nicht, denn sie hatte ja schließlich nichts gearbeitet. Aber wenn sie nichts arbeitete, dann durfte sie auch nicht müde sein. Wovon auch? Sollte sie sich eingestehen müssen, dass sie müde war, vom Nichtarbeiten? Und so verlernte sie zu schlafen, als hätte sie keine Berechtigung zu ruhigem Schlaf. Dann begann sie wieder zu arbeiten, richtig zu arbeiten. Halbtags. Wieder nur ein halber Tag Arbeit. Später wurde es mehr. Aber egal was sie machte, sobald es begann ihr Spaß zu machen, hörte sie auf, denn wenn etwas Spaß macht, dann kann es keine Arbeit sein. Und wenn es keine Arbeit ist, dann ist es nichts wert. Nichts war was wert, von dem was sie getan hatte. Ihr ganzes Leben war eine einzige Aneinanderreihung von Dingen, die nichts wert waren, weil es keine Arbeit war. Und wenn ihr Leben nichts wert war, dann war auch sie nichts wert. Letztens saß sie da, und wollte einen Lebenslauf verfassen. Nach langem Überlegen stand da ein Satz: „Das war alles keine Arbeit!“ Das war aber nicht brauchbar. Deshalb zerknüllte sie den Zettel.

2010 Die Last der Muse


Die Last der Muse


Es soll Menschen geben, die haben das große Glück, dass sie ihr Hobby zum Beruf machen. Sie folgen somit ihrer Berufung und können damit auch ihr materielles Auskommen finden. Was gibt es Schöneres als die Last der Arbeit in die Lust des Wollens zu wandeln. Und doch, es ist nicht alles Gold was glänzt, wie der Volksmund es, wie immer, so treffend ausdrückt, denn nun muss man sich solch einen Menschen einmal vorstellen, der völlig ahnungslos einem grandiosen Vortrag von Dr. Konrad Paul Liessmann beiwohnen darf, in dem dieser Mensch erfährt, dass es wichtig ist nicht nur zu arbeiten, sondern auch Muse zu haben. Das imponiert diesem Menschen. Natürlich, Muse ist herrlich, und deshalb beschließt dieser Mensch gleich am nächsten Tag damit zu beginnen in seinem noch ein wenig mehr Glück zu bringen, wovon er offenbar noch nicht genug gehabt habe, mangels der Muse. Nun beginnt dieser Mensch des Morgens sein Tagwerk wie er es gewohnt ist, denn ganz umkrempeln, das ist ja gar nicht gut, während der überlegt, an welchem Punkt er die Muse ins vorgegebene Programm einbauen könnte. An und für sich hatte er sich angewöhnt am späten Vormittag eine Atempause einzulegen, doch statt – wie bisher – bloß mit einer Tasse Kaffee die Zeitung zu lesen, was ja im Grunde auch ein Teil seiner Arbeit war und damit nicht Muse, wollte er an diesem Tag einen Spaziergang machen. Deshalb machte er sich frohgemut auf den Weg. Die ersten paar Meter überlegte er wohin er überhaupt gehen wollte. Nachdem das geklärt war fiel ihm plötzlich ein, dass er noch ganz dringend eine E-Mail beantworten hätte müssen, und er überlegt schon ernsthaft umzukehren, als ihm der eigentliche Zweck dieses Aufbruchs wieder einfiel. Echt Glück gehabt, das war gerade noch rechtzeitig. Und dann dachte er daran wie er den restlichen Arbeitstag zu strukturieren gedachte und wen er noch anrufen müsse, als er sich wiederum ermahnen musste, denn selbst die Gedanken an die Arbeit sind schon Arbeit. Also die Gedanken schweifen lassen, so lange es ihm nicht gelingen sollte nichts zu denken. Er ließ sie also von der Leine. Ungewohnt der großen Freiheit blieben sie zunächst ganz nahe bei ihm, doch nach und nach wurden sie mutiger und wagten sich weiter hinaus, um letztendlich an einem Punkt anzukommen, an dem es ihm gelang ein Problem zu lösen, das ihm schon lange im Magen lag – und wieder war es beruflich. Wieder keine Muse. Doch ist es ihm eigentlich möglich Muse zu haben. Denn wenn er seine Arbeit zum Beruf macht, dann ist es doch in erster Linie nicht zweckgerichtet, auch wenn es letztlich einen Zweck erfüllt. So gesehen hat er immer Muse, egal was er macht, und kann auch bei diesem Spaziergang frei und ungestört über seine beruflichen Probleme nachdenken. Doch es soll ja eine Ausgewogenheit im Leben herrschen zwischen Arbeit und Muse, und wenn nun sein ganzes Tun für ihn Muse bedeutete, wo bliebe dann die Arbeit. Wenn aber nun die Zweckgerichtetheit nicht das Kriterium wäre, dann würde er doch ständig arbeiten und hätte keine Möglichkeit Muse in sein Leben zu bringen. Wie er es auch drehte, entweder bedeutete sein ganzes Leben Arbeit oder Muse. Je nach dem Blickwinkel. So ging der arme Mensch, der in seinem Leben niemals einen Ausgleich schaffen würde, zurück und meldete sich beim nächsten Bauern als Erntehelfer. Gut, man musste ihn erst einlernen, und diese Menschen, die es gewohnt sind mit dem Kopf zu arbeiten, die haben ja körperlich oft nicht viel zu bieten, doch er bekam es hin und arbeitete den ganzen Sommer hart und intensiv körperlich, so hart und intensiv, dass er jeden Abend völlig erschöpft ins Bett fiel. Jetzt, jetzt hatte er es geschafft, dass er die Arbeit in sein Leben brachte. Doch wo war nun Zeit für die Muse? Nun, über solchen Firlefanz denken doch auch nur Menschen nach, die sonst nicht ausgelastet sind. Anständig arbeitende Menschen hingegen sind des Abends rechtschaffen müde. Darüber könnte er sich wieder Gedanken machen, wenn er wieder zu seiner eigentlichen Profession zurückkehrte. Und dann würde er vielleicht auch endlich in der Lage sein einen Ausgleich zwischen Muse und Arbeit zu finden.