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1701 Osterreise ins Miteinander (Leseprobe)

Prolog


Der Fasching geht seinem Ende entgegen. Noch ein letzter Abend, eine Nacht der Ausgelassenheit und der Exzesse, denn weil uns nun die Fastenzeit bevorsteht, wird noch so viel wie möglich gegessen und vor allem getrunken– oft sogar mehr. Der Sylvester, der traditionelle Was-ich-doch-nicht-alles-besser-machen-will-Tag, ist schon lange vorbei. Deshalb kommen heute die nächsten guten Vorsätze. 40 Tage sind auch leichter durchzuhalten als 365. Die einen wollen auf Alkohol verzichten, andere auf Fleisch, wieder andere auf Süßigkeiten – und ziehen dabei eine Sauermiene auf, als würden sie gerade ihre letzte Bluse und das letzte Stück Brot hergeben, und müssten von nun an frieren und hungern. Eine einigermaßen zynische Veranstaltung angesichts der Tatsache, dass der größte Teil der Menschheit nach wie vor am Rande des Existenzminimums lebt. Natürlich könnte man sagen, diese Menschen brauchen sich um die Fastenzeit nicht zu bekümmern, denn sie tun ja sowieso nichts anderes, aber wir, die wir in Überfluss und eingehüllt in andauernde Unterhaltung leben, wir müssen uns schon sehr anstrengen um in der Fastenzeit was zu leisten, um uns selbst zu kasteien. Das was für andere selbstverständlich ist, müssen wir uns hart erarbeiten. Und sehnsüchtig wandert der Blick auf die Tafel Schokolade, die nun endgültig im Regal eingesperrt wird. So schwer kann das Leben sein. Damit ist der Sinn der Fastenzeit wohl vollinhaltlich begriffen worden. Oder?

1112 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (11):


Die Unerbittlichkeit der Zeit.


Maria von Matialis war erwacht, geweckt durch den mittlerweile vertrauten Ruf des Hahnes, war geweckt in einen neuen Tag, der kam, in aller Unerbittlichkeit. War sie die letzten Tage voller Tatendrang aus dem Bett gesprungen, so fühlte sie sich an diesem Tag unendlich müde. Die Gedanken kamen zurück, aber vielleicht kehrten sie auch gar nicht zurück, sondern waren immer da gewesen, treu an ihrer Seite, bloß, dass der Schlaf besänftigend die Türe geschlossen hatte, zwischen ihr und ihren Gedanken, sie separierten voneinander, für wenige Stunden der sorglosen Vergessen, der Selbstvergessenheit. Doch die Türe war nur angelehnt und das Erwachen war wie ein kleiner Luftzug, der doch stark genug war die Türe wieder aufzustoßen. Sofort stoben sie herein, all die unseligen Gedanken, die sie angesprungen und sich an ihre festgekrallt hatten wie Kletten, als sie da draußen stand, am Grab der Hündin, unter der Tanne. Sie sagte nicht, „Herzlich willkommen“, nicht einmal „Hallo“, denn sie wollte sie weder willkommen heißen noch begrüßen, sondern sie loswerden.
„Haut ab“, sagte sie zu den Gedanken, doch die Gedanken hörten nicht und blieben. Am liebsten hätte sich Maria in irgendeine Ecke verkrochen, dort zu bleiben, bis es vorbei wäre, endlich vorbei. Doch als sie sich aufsetzen wollte, von ihrem Lager, das sie neben dem der Welpen aufgeschlagen hatte, bemerkte sie, dass sich etwas bewegte, dass etwas auf ihrer Decke lag. Die Kleinen hatten sich offenbar in der Nacht nicht nur aneinander, sondern auch an sie gekuschelt. Sie suchten die Wärme, die sie zuvor bei der Mutter gefunden hatten. Jetzt war diese nicht mehr da. Aber es schien sie nicht zu stören.

2209 Wie die Zeit vergeht


Wie die Zeit vergeht ...


Du sitzt auf der Terrasse. Die Arbeit für heute ist getan, denkst Du. All die großen und kleinen Dinge, die Du zu erledigen hattest. Manches ist wohl auch liegengeblieben, aber das ist nicht so dringend. Das kannst Du auch noch morgen erledigen, oder vielleicht doch noch heute, wenn Du Dich dazu aufraffen könntest. Du beschließt diese kurze Zeit einfach still sitzen zu bleiben. Es ist ruhig um Dich. Alle schlafen schon, außer Dir. Du nutzt die Nachtstunden gerne um zu arbeiten, denn dann entziehst Du niemandem Deine Aufmerksamkeit und Deine Zuwendung. Nur da hast Du kein schlechtes Gewissen, dass Du irgendjemanden vernachlässigen könntest. Die Nacht gehört Dir, und Du nutzt sie. Doch jetzt, jetzt sitzt Du einfach nur da und tust nichts. Eigentlich solltest Du schlafen gehen, wenn Du schon nichts arbeitest, oder Dir zumindest ein Buch schnappen und lesen. Wie viel Du Dir doch immer vornimmst, damit auch ja jede Minute des Tages ausgefüllt ist, keine Zeit für Ruhe oder beunruhigende Gedanken. Du gehst nicht schlafen und nimmst auch kein Buch zur Hand. Du bist zu müde um aufzustehen, zu müde um irgendetwas zu tun, außer hier zu sitzen und in den Nachthimmel zu blicken. Und es bohrt in Dir, dass Du einfach nichts tust, einfach nichts. Nicht einmal diese wenigen Minuten kannst Du bleiben ohne Dir darüber Gedanken zu machen, dass Du tust was Du tust. Du hast zwar keine Kraft mehr, aber Du denkst, dass Du Dich zwingen müsstest weiterzumachen, immer weiter. Dann würdest Du auch schlafen können, sofort einschlafen und tief und traumlos schlafen. Du willst Deine Gedanken nicht hören, und Dich nicht ablenken lassen. Absurd wie viel Energie Du darauf verschwendest Dich selbst an die Kantare zu nehmen. Dann ist er da, plötzlich da, ungebeten und ungerufen, dieser Traum, den Du vor Jahren träumtest, als das Leben noch offen und undefiniert vor Dir lag. Eines Tages, warst Du damals überzeugt, eines Tages würdest Du ihn war machen, würdest Du ausziehen und einfach diesen Traum verwirklichen, der keinerlei materielle Rechtfertigung hatte. Nichts weiter war es als ihr eigenes Glück. Aber zuerst musstest Du Dir etwas aufbauen, Dich finanziell absichern, und dann, dann würdest Du Deinen Traum wieder herauskramen und ihn verwirklichen. Das Leben stellt nun mal gewisse Ansprüche. Damals warst Du wohlgemut. Schließlich hattest Du Dein ganzes Leben vor Dir, und das war unendlich lang. Und dann vergingen die Jahre, eines ums andere. Ab und zu dachtest Du noch an diesen Traum zurück, aber es passte nicht. Hattest Du eine Stufe genommen, so waren da automatisch zwei andere, die Du auch noch hinaufsteigen musstest, und wenn diese erklommen werden würden, dann würde es endlich so weit sein, doch nach diesen weiteren zwei Stufen waren da wieder zwei weitere. Schließlich hattest Du Verantwortung übernommen, und das konntest Du nicht einfach abschütteln. Doch jetzt, da Du hier sitzt, jetzt steht er vor Dir, Dein Traum und fordert Dich ein. Du willst nicht, nicht an ihn denken, doch Du kannst ihm nicht ausweichen. Mahnend steht er vor Dir und fordert Dich ein. Du windest Dich, versuchst Dich an den üblichen Ausreden, doch hier klingen sie plötzlich so schal und leer. Bis jetzt hast Du Dir selbst abgenommen was Du sagtest, doch jetzt klappt es nicht mehr. Es hört sich so schal und leer an, so wie sich Dein Leben anfühlt. Immer wieder machst Du Dir etwas vor, aber Du kannst Dich nicht selbst belügen, nicht für immer. Du spürst wie Deine Kräfte nachlassen, mit den Jahren immer weniger wird. Du spürst wie Dir Dein Leben immer mehr entgleitet, bis es eines Tages völlig fremdbestimmt sein wird. Doch Du sitzt nur hier und tust nichts, einfach nichts. Verschieben und aussitzen, nicht nachdenken und nicht hinterfragen, das war die Device in all den Jahren. Trotzdem gingst Du aufrecht und lächelnd durchs Leben, Tag um Tag, Jahr um Jahr, und die Zeit vergeht ...

0101 Der Moment der Ewigkeit


Der Moment der Ewigkeit


Die Nacht erwacht, und ich in sie. Ich lasse mich von ihr erfassen, umhüllen von ihrer Zärtlichkeit, umschmeicheln von ihrer Wärme. Die Nacht erwacht, entfaltet sich, um wieder zu entschlafen. Sie ist dem Werden und Vergehen ebenso unterworfen wie ich und alles andere vom Sein ins Seiende gesetzte. Der ewige Kreislauf von Werden und Vergehen, von Willkommen-heißen und Abschied-nehmen, von Geburt und Tod. Der ewige Kreislauf des Atemholens und des Atemgebens. Alles, vom Marginalsten bis zum Größten ist dem Fortgang der Zeit unterworfen, ist in der Zeit entstanden und ist in der Zeit vergangen, ist seiend in der Zeit. Ich bin in der Zeit, seiend in der Zeit, die mich begleitet, wohlvertraut, von Anfang bis zum Ende, wohlvertraut und doch so unbekannt. Wohlvertraut, weil ich ihren Rhythmus mit aller Selbstverständlichkeit hinnehmen und mich ihm fraglos unterwerfe. Unbekannt, weil ich der Selbstverständlichkeit mißtraue und mich über das seiend hinaus fragend auf das Sein richte. Die Zeit, als eingefangen  und gezähmt in fassbare Einheiten, Sekunden, Minuten und Stunden, die mich unberührt lassen, da sie konventionalisiert, mit meiner Zeit nichts zu tun haben. Seiend bewege ich mich in der Zeit, kräfte- und gedankensparend, da sie geschieht und ich mich nicht berühren lasse.

Doch neben dieser Zeit, die alles reglementiert, gibt es noch die eine, meine Zeit. Zeit des Wartens, die zäh und stur nicht von der Stelle gehen will. Zeit der Erfüllung, die galoppiert wie ein junges, ungestümes, kraftstrotzendes Fohlen. Und noch immer ist es Zeit des seienden, wohl nicht mehr dem allgemeinen Rhythmus unterworfen, aber immer noch außerhalb bleibend.

Ich sitze auf meinem Steg, höre das Plätschern des Wassers und das Rascheln der Blätter im Wind. Ich sitze auf meinem Steg, sehe den vollen, klaren Mond und die Sterne im Wasser gespiegelt. Ich lasse los, das Sehen und das Hören, lasse los, das Erfahren und Erkennen, lasse los, das Benennen und Benutzen, lasse los und mich fallen. Ich löse die Sicherheit der Fesselung um mich zu öffnen, entrolle mich wie ein Pergament, ganz und gar und restlos, um nichts mehr zurückzubehalten, was ich sorgsamst verwahrte, um nichts mehr zu verbergen, was ich peinlichst hütete, um nichts mehr zu behalten, was Ich war, um mich in der Hingabe und völliger Selbstvergessenheit als eine Angesprochene wiederzufinden, als Du, in der Überantwortung an den Moment, der weder Werden noch Vergehen kennt, der Moment, der außerhalb der geregelten Zeit steht, der Moment der Ewigkeit und Geworfenheit ins Sein. Du im Je-Jetzt, nicht gesprochen, nicht einmal gehaucht, nicht gedacht, nicht einmal geträumt, Du im Je-Jetzt bloß gelegt, geatmet, Je-Jetzt, als das Unbegreiflichste und doch dem Ursprung am Nächsten. Du seiend, einen kurzen Blick zu erhaschen auf das Sein an sich. Darbringung, Opferung, Schlachtung – Je-Jetzt. Entfaltung, Ganzwerdung, Vervollständigung als Geschenk der Überfülle im Je-Jetzt, dem Moment der Ewigkeit mitten im Leben, außerhalb des Seienden, mitten in der Unfaßbarkeit des Seins-Moment der Ewigkeit, Je-Jetzt.