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2412 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (24):


Eine gesegnete Nacht


Gehörte nicht dieser Tag zu jenen, von denen sich die meisten alles erwarten und letztendlich so wenig eingelöst finden? Aber ist es denn verwunderlich? So viele Vorbereitungen werden, so viel Zeit, Mühe und Geld investiert. Da muss es doch etwas ganz Besonderes werden. Verdammt noch mal, und wenn es nicht freiwillig geschieht, dann muss man eben gewaltig nachhelfen. Nach all dem Stress sollte dann, wie von Engeln geschickt, der himmlische Frieden über die Häuser fallen, in die Häuser, in die Menschen, in die Herzen. Bestimmend in den letzten Tagen war zwar die Hektik. Alle waren mürrisch und gereizt und überstrapaziert, aber der Abend, der sollte dann gefälligst all die Mühen belohnen. Hatte man die Kinder am Tag zuvor noch angeschrien. Seis drum. Sie bekämen ja viele, viele Geschenke. Hatte man sich über den Partner geärgert und sich schmollend zurückgezogen. Seis drum. Man liebte sich ja. Jeder müsste das verstehen, dass man eben ein wenig angespannt war. Und da war ja noch das Verzeihen. Jeder hatte mir mein schreckliches Betragen zu verzeihen. Rasch noch den Christbaum aufgeputzt. Durch die Läden zwängen, vorbei an vielen anderen hastenden Menschen, die – so wie man selbst – beim kleinsten Anlass in die Luft gingen. Geschenke, in letzter Minute für die Urstrumpftante oder den Großneffen, die man doch sonst das ganze Jahre nicht zu Gesicht bekam. Aber die Familie, die ist schließlich das Beste. Da ist man zu Hause. Und doch wünscht man sich nichts, als dass endlich alles vorbei wäre. Stille Nacht! Heilige Nacht!

Aus allen verfügbaren Lautsprechern lärmen Weihnachtslieder. Schon seit Monaten. Überall Glitzern und Funkeln. Last Christmas. Verdammt, was sollte denn an diesen letzten Weihnachten so besonderes gewesen sein, dass man ständig daran erinnert werden musste? Seit Monaten. Irgendwann hörte man es nicht mehr. Irgendwann sah man es nicht mehr. Es war einfach zu selbstverständlich. Die friedlichste Zeit des Jahres sollte es sein, die ruhigste. Daran erinnert man sich am allerwenigsten. Ruhe? Stille? Ja, vielleicht im Januar, wenn man sich von den verdammten Vorbereitungen auf diesen ach so einmaligen Abend erholen kann. Wenn man verzweifelt versucht die überflüssigen Kilos, die man sich in seinem Frust angefressen hatte, wieder loszuwerden. Jedes Jahr das gleiche Theater. Jedes Jahr die gleichen Vorsätze, die man fasst für das nächste Jahr, aber letztendlich scheint es doch einfacher zu sein, wenn man alles so macht wie immer. Es ist zwar nicht unbedingt gut, aber bekannt. Man weiß was man zu tun hat.

Im kleinen Häuschen in Rottal kamen weder Musikmüll noch Glanz, weder Hektik noch Stress an. Das einzige, was äußerlich anzeigte, dass der Heilige Abend gekommen war, war der sorgsam geschmückte Christbaum vor dem Haus, geschmückt für das menschliche Auge und für tierische Freunde. Viel hing nicht mehr daran, denn die Tiere hatten sich bereits gütlich daran getan, und es war eine wahre Freude zu sehen mit welchem Genuss sie sich die Leckerbissen einverleibten. In aller Ruhe und Beschaulichkeit hatte man den Tag angenommen, wie jeden anderen, in Offenheit und Zuversicht. Nur, dass Uwe an diesem Tag die Stallarbeit alleine machen wollte. Nein, mehr noch, er wollte nicht nur, er bestand darauf.

„Was treibt der nur so lange im Stall?“, fragte plötzlich Maria, der es schon ein wenig merkwürdig vorkam, „Ich meine, natürlich sind wir gemeinsam schneller, aber er braucht jetzt schon wirklich sehr lange.“
„Lass ihn nur“, lenkte Magdalena ein, „Er wird schon seine Gründe haben, und ich bin mir sicher, wir werden es erfahren, wenn es an der Zeit ist.“
„Wenn es an der Zeit ist, das heißt es doch immer. Ich will es aber jetzt wissen!“, forderte Maria verdrossen.
„Geduld ist nicht wirklich Deine Stärke“, meinte Magdalena lächelnd.
„Weißt Du vielleicht was, was ich nicht weiß?“, wandte sich nun Maria misstrauisch Magdalena zu, „Du weißt doch auch sicher was er während der letzten Tage immer wieder alleine draußen gemacht hat?“
„Kann sein“, antwortete Magdalena ausweichend, „Aber warum ist es so schwer für Dich, Dich einfach anzuvertrauen, darauf zu vertrauen, dass es gut sein wird was er macht, wenn er es macht?“
„Du hast wahrscheinlich recht“, gab Maria kleinmütig zu, „Aber es wird wohl noch einige Zeit dauern bis ich den gewohnten Argwohn abstreifen kann.“
„Du bist auf dem besten Weg“, erklärte Magdalena lächelnd.

Uwe kam rechtzeitig zum Abendessen ins Haus, und nachdem dieses aufgegessen war, bat er Magdalena und Maria sich anzuziehen und vor die Türe zu kommen, denn dort warte eine Überraschung auf sie. Nazl beobachtete das Geschehen vom Haus aus, denn er wollte nicht mitkommen zur Christmette. Das hatte mehrere Gründe. Zunächst war es, dass er sich noch zu schwach für solch einen Ausflug fühlte. Dazu kam noch, dass es ihm schwer fiele so viele Menschen um sich zu haben. Und außerdem musste sich doch jemand um die Welpen kümmern, die noch viel zu klein waren, als dass man sie alleine lassen konnten. So standen Maria und Magdalena, angetan mit warmen Mänteln, Schals, Handschuhen und Mützen in einer kalten, klaren Winternacht vor dem Haus und harrten der Dinge, die da kommen würden, während Uwe hinter dem Haus verschwand. Ein paar Minuten später hörten sie leises Glockenklingeln, das näher kam. Endlich fuhr ein Schlitten vor, der von einem Friesen gezogen wurde. Und auf dem Kutschbock erkannte Maria Uwe. Vor Staunen blieb ihr der Mund offenstehen. Der weihnachtlich geschmückte Schlitten, das stolze, robuste Pferd, es war wie ein Traum. Geschickt sprang Uwe vom Kutschbock und half den Damen beim Aufsteigen. Zuletzt breitete er eine Decke über ihre Beine, und dann ging es in sachtem Trab davon. So erreichten sie die Kirche. Viele Menschen strömten zum Eingang, und es war wirkliche Freude in ihren Gesichtern zu lesen. Grüße und Glückwünsche wurden freigiebig verteilt, und selbst sie, die Fremden wurden nicht vergessen. Die Kirche selbst war klein, aber wirkte sehr heimelig. Vor dem Altar stand die Grippe. Und hier bekamen sie eine Ahnung von dem was das Geheimnis von Weihnachten sein konnte. In der letzten Reihe hatten sie noch einen Platz gefunden.

„Wie lange ich in keiner Kirche mehr war“, dachte Maria, während sie interessiert das Geschehen verfolgte, „Wahrscheinlich war es das letzte Mal im Zuge meiner Firmung. Sicher sogar.“ Und auch, wenn das schon einige Jahre zurücklag, so war sie sich doch ziemlich sicher, dass sie es anders in Erinnerung hatte. Damals, da hatte sie sich schrecklich gelangweilt. Alles wirkte so unpersönlich, und das Einzige, was zu zählen schien, war die äußere Form. „Als wenn das Protokoll bei dem Besuch eines großen Staatsmannes abgespult wurde“, schoss es ihr durch den Kopf, aber da war nichts fürs Herz gewesen, nichts was die Seele erreicht, geschweige denn, sie bewegt hätte. Und sollte es nicht das Herz erreichen, die Seele bewegen? Doch das hier, das war ganz anders. Natürlich war der Ort nicht mit ausschließlich musikalischen Menschen gesegnet, und doch sangen alle mit. Vielleicht hätte diese Darbietung niemals vor dem strengen Ohr eines Kritikers Bestand gehabt, aber es ging um die Freude, die sich darin ausdrückte, und das tat sie. Der Pfarrer war der Gemeinde zugewandt und bezog sie ein, so weit es irgendwie ging.

Da legte Uwe unversehens die Hand auf Marias. Ihre Blicke trafen sich. Es war einer jener Momente, das wussten sie beide, in dem es keines Wortes bedarf um zu wissen was der andere empfand. Es war diese Art der gezeigten, unsprechbaren Verbundenheit, die sich nur in Momenten wahrhafter Zugewandtheit ereignen. Eine wahrhaft gesegnete Nacht. Und es war die Nacht der Ankunft.

Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade!

2312 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (23):


Zur Ruhe kommen


Maria war fahrig und unkonzentriert an diesem Tag. Immer wieder fiel etwas aus ihrer Hand, als würden ihre Hände keinen Bezug finden zu dem Anzufassenden. Sie schüttete sich gar das heiße Teewasser über die Hand. Dann stand sie, sehr lange, beim Wasserhahn und kühlte die verbrühte Stelle mit kaltem Wasser. Sie hatte ihr Gleichgewicht verloren und eine innere Unruhe ließ es nicht zu, dass sie bei der Sache blieb.

„Es setzt Dir zu“, sagte Uwe unvermittelt, zwischen das Fließen des Wassers und das Zischen des Wasserkessels. Verwirrt sah ihn Maria an, als hätte sie nicht verstanden. Ein paar Mal ging sie den Satz durch. Eigentlich ein sehr einfacher Satz, aber die Bedeutungen kullerten durcheinander. Die Worte fanden keinen Zusammenhang, als wären sie wahllos aus verschiedenen Zeitungen ausgeschnitten und achtlos zueinander gestellt worden. Erst nach und nach kam es zurück, das Verstehen.
„Was sollte mir denn zusetzen?“, fragte Maria, die sich auch nicht sicher war ob Uwes Satz eine Aussage oder eine Frage war. Wie kann man mit einem Satz umgehen, denn man nicht zu deuten vermag?
„Die Auseinandersetzung mit Deiner Mutter“, erklärte er ruhig und sachlich.
„Das war keine Auseinandersetzung“, entgegnete Maria gereizt, „Denn es gibt nichts auseinanderzusetzen. Ich habe ihr meine Meinung gesagt und ihr ihre Selbstsucht verziehen. Dass sie mich nicht versteht, das ist mir doch so ziemlich egal.“
„Nein, es ist Dir nicht egal“, meinte er entschieden, „Es belastet Dich, weil Du ihr nicht erklären konntest, was Dir wichtig ist. Im Grund wünscht Du Dir doch, dass sie Dich versteht und Dir Deinen Segen gibt.“
„Ich brauche ihren Segen nicht. Ich weiß sehr gut selbst was ich tue. Schließlich bin ich alt genug“, erklärte Maria trotzig.
„Es ist völlig egal wie alt Du bist oder wie sicher, sie ist Deine Mutter. Das ist eine ganz eigene Beziehung“, erwiderte Uwe geduldig, „Ist es nicht so, dass Du Dein Leben lang versucht hast ihr zu gefallen? Wolltest Du nicht, dass sie stolz auf Dich ist, dass sie Dich anerkennt? Das kannst Du nicht einfach so von einem auf den anderen Tag ablegen und so tun, als gäbe es das nicht.“
„Und was soll ich dann Deiner Meinung nach tun? Das was sie will?“, fragte Maria gereizt.
„Nein, das nicht, aber wenn Du es Dir eingestehst, dann hast Du die Möglichkeit damit umzugehen und eine Versöhnung mit Deiner Vorstellung von Dir als guter Tochter und als eigenständigen Menschen bewirken“, erklärte Uwe, „Eine Versöhnung, die Dich wirklich freimacht und nicht nur eine vorübergehende Vergessenheit bedeutet. Du kannst Dich vielleicht selbst täuschen, aber nicht auf die Dauer selbst belügen.“
„Eine Versöhnung, ja das würde ich mir wünschen“, meinte Maria nachdenklich, „Eine Versöhnung. Warum ist es nur so furchtbar schwer das Kind in sich hinter sich zu lassen, frei zu sein für das eigene Leben?“
„Es gibt zwei Gründe. Der erste ist die Loyalität, die man meint seinen Eltern in der Form zu schulden, indem man ihre Erwartungen erfüllt. Wobei diese Erwartungen ungerecht sind, sofern sie das Leben des eigenen Kindes nicht befördern“, meinte Uwe, „Der zweite Grund ist, dass wir immer nach der Liebe unserer Eltern verlangen, vor allem dann, wenn wir sie nicht bedingungslos bekommen haben. Wir lernen, dass wir Bedingungen erfüllen müssen um geliebt zu werden, und es fällt uns schwer uns von dieser Vorstellung frei zu machen. Auch weil wir es selten erkennen. Doch wahre Liebe ist bedingungslos. Sobald Bedingungen daran geknüpft werden, ist es nicht mehr Liebe, sondern ein Handel. Du tust das für mich, dann tue ich das für Dich.“
„Das heißt also, dass mich meine Mutter nie geliebt hat, sondern nur für ihre Zwecke benutzte?“, fragte Maria traurig.
„Wahrscheinlich nicht bewusst. Vielleicht hat sie es auch nie anders gelernt und konnte es nur so weitergeben“, erklärte nun Uwe, „Denn war es nicht so, dass sie wiederum nur geliebt wurde, wenn sie den Vorstellungen ihrer Mutter entsprach, wenn sie das brave, gute, artige, wohlerzogene Mädchen war? Eine Vorstellung, gegen die sie sich niemals aufgelehnt hat und die sie fraglos akzeptierte, bis zur letzten Konsequenz?“
Und in Marias Kopf erstand ein Bild, ein Bild ihrer Mutter, wie sie auf ihrem Sessel saß, wartend, dass ihre Mutter käme ihr zu sagen, dass sie es gut machte. Selbst dann noch, als ihre Marias Großmutter schon lange nicht mehr lebte.
„Es war, als würde sie immer gefallen wollen, als würde sie damit rechnen, dass jeden Moment jemand hereinkäme und ihr zustimmend zunickte, sagte, dass sie es gut machte“, sagte Maria gedankenverloren, „Sie war angewiesen auf diesen Zuspruch, der niemals kam. Nie mehr wieder. Stattdessen haben sich alle abgewandt, weil sie nicht verstanden. Auch ich. Es war der falsche Weg. Jetzt, wenn ich es so vor mir sehe, dann wünschte ich, ich hätte es ihr einfach gesagt. Vielleicht hätte ich sie aus ihrer Lethargie holen können, ihr ermöglicht einen anderen Weg einzuschlagen, aber wahrscheinlich ist es jetzt zu spät. Niemals habe ich sie wirklich gesehen. Ich habe viel zu sehr auf das gehört was sie sagte, und nicht auf das, was sie meinte. So ist es doch meine Schuld, mein Versäumnis.“
„Nein, das ist es nicht“, erklärte Uwe entschieden, „Es geht auch gar nicht um Schuld, sondern um Verständnis. Erst wenn Du sie so siehst wie sie ist, kannst Du auch ihr Handeln verstehen, doch verantwortlich ist sie selbst. Du kannst anders auf sie zugehen, wenn Du verstehst, aber auch die Verantwortung, die Du Dir auflastest für sie oder Dir aufbürden hast lassen, endlich hinter Dir lassen und Dir zugestehen, dass es nicht Deine Aufgabe ist ihr Leben zu leben und sie glücklich zu machen. Du kannst diese Bürde, die nicht Deine ist, endlich ablegen und Dich freier auf sie zubewegen. Du kannst ihr begegnen wie sie ist.“
„Dennoch, es tut weh, es tut so weh, als würde ich etwas verlieren, etwas entzwei schneiden“, sagte Maria leise.
„Natürlich tut es weh. Etwas hinter sich zu lassen, woran man allzu lange festgehalten hat, tut immer weh, doch der Schmerz führt in eine neue Möglichkeit. Erst wenn Du ihn aushältst, kannst Du neu beginnen. Altlasten verstellen Dir die Sicht auf das Jetzt. Wenn Du Dich von ihnen lösen kannst, dann führt es zu etwas Neuem“, erklärte Uwe.
„Wirst Du für mich da sein?“, fragte Maria unsicher.
„Ich werde für Dich da sein“, sagte Uwe entschieden.
„Auch wenn ich schwach und verletzlich bin?“, fragte Maria weiter.
„Gerade wenn Du schwach und verletzlich bist“, antwortete Uwe.

Sachte nahm Uwe Maria in die Arme, und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wagte sie es sich einfach anheim zu geben, seinen Armen, seinem Halt, wagte sie es schwach zu sein und verletzlich, ohne Angst zu haben. Langsam verließ sie die Unruhe und die Ruhe zog in ihr Herz ein und in ihre Gedanken. Wenn sie es selbst geschafft haben würde, dann würde sie auf ihre Mutter zu gehen und ihr das erklären können, was sie selbst erst gerade zu begreifen begann. Dann würden sie einen Weg zueinander finden, wenn ihre Mutter das wollte. Wenn nicht, dann hätte Maria zumindest alles versucht und könnte sich mit sich selbst versöhnen und tröstende Worte finden für ihr inneres Kind. Dann würde Frieden herrschen.

Vielleicht war das die eigentliche Botschaft von Weihnachten, dass der Friede damit beginnt, ihn mit sich selbst zu schließen. Und das Webschiffchen webte fort, auch an diesem Abend, dem Abend des dreiundzwanzigsten Advents.

1912 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (19):


Ein Abschluss


„Ich habe den Eindruck, Du gehst Deiner Verantwortung aus dem Weg“, sagte Uwe zu Maria an diesem neuen Tag.
„Wie kommst Du darauf?“, entgegnete Maria ausweichend, „Ich mache doch alles was zu machen ist.“
„Nein, das meine ich nicht, und das weißt Du ganz genau“, erwiderte Uwe, „Da steht nun Dein Auto und darin liegen Dein Handy und Dein Laptop. Du hast seit fast drei Wochen weder telephoniert noch E-Mails abgerufen noch sonst irgendwas erledigt.“
„Das hat alles Zeit“, versuchte Maria es zu bagatellisieren, unterstützt von einer wegwerfenden Handbewegung.
„Wenn Du eine Entscheidung triffst, oder besser getroffen hast, dann musst Du sie auch leben. Sonst holen Dich die nicht erledigten Dinge immer wieder ein“, meinte Uwe, „Und vor allem, es ist wichtig alles in Ordnung zu hinterlassen. Aber wer weiß, vielleicht machst Du es nur deshalb nicht, weil Du Dir noch nicht sicher bist.“
„Natürlich bin ich mir sicher!“, erwiderte Maria heftig, wohl ein wenig zu heftig. Sie fühlte sich bei einer Nachlässigkeit ertappt. Aber sie wusste, es würde nicht leicht sein.

1612 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (16):


Eine überraschende Entdeckung


Es ward ein neuer Tag eingehüllt in die Beruhigung, die die Normalität mit sich bringt. Lächelnd kümmerte sich Maria um die Welpen, die immer neugieriger wurden. Ob sie ihre Mutter schon vergessen hatten? Aber was sollten sie machen? Sollten sie trauern und ihr eigenes Leben darüber vergessen? Was wäre das Leben, wenn wir es vernachlässigten, nur weil wir wissen, dass es den Tod gibt? Sie schritten voran, die vier Racker. Und das war gut so.

1412 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (14):


Eine Ankunft


Maria war angekommen. Nicht nur, dass sie vor nunmehr fast zwei Wochen das Haus betreten hatte, sondern sie war gewollt hier. Zunächst war ein Teil von ihr noch in ihrem alten Leben geblieben, denn nur an einem Ort zu weilen, heißt noch lange nicht dort zu sein. Bald schon zog dieser nach, der Teil der sich gewehrt hatte gegen das Hier-sein. Aber warum hatte sie sich verweigert? Weil wir wohl immer am bekannten hängen, an dem, was wir uns erarbeitet und aufgebaut haben, ganz gleich ob es uns gut tut oder nicht. Irgendwann haben wir es uns eingebildet, und dann, wenn wir es haben, dann kann es doch nicht falsch sein, darf es nicht sein. Es ist immer schwer loszulassen, denn wir haben Angst vor den leeren Händen, vor dem Moment, da wir unsere Hände ansehen und meinen nichts mehr zu haben. Doch dann wird uns etwas Neues hineingelegt, irgendwoher. Es ist unsicher. Zu unsicher. So doch lieber Sicherheit und Gewohnheit. Aber mittlerweile merkte Maria, dass sie mit zunehmenden Widerwillen daran dachte wieder weggehen zu müssen, Widerwillen gegen das, was sie bei dem Praktikum erwartete. Dabei war es doch vor wenigen Tagen noch das gewesen, was sie sich am meisten gewünscht hatte. Was war nur mit ihr passiert? War sie denn wirklich so flatterhaft und wankelmütig, dass sie gerade noch so dachte und im nächsten Moment ganz anders? Und wenn sie auf dieses Praktikum verzichtete, wäre sie nicht furchtbar undankbar? Undankbar den Menschen gegenüber, die ihre ganze Hoffnung in sie setzten, die sich rückhaltlos für sie einsetzten?

1312 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (13):


Armut des Herzens


Maria hatte ihr Lager beibehalten, mit aller Selbstverständlichkeit, neben den Welpen, die zusehends lebhafter wurden und schon langsam begannen ihre Umgebung zu erkunden. Hatten sie bisher ihre Zeit damit zugebracht zu schlafen und zu fressen, so erweiterten sie nun ihren Radius und Maria musste aufpassen, wenn sie das Haus verließ, dass sich nicht einer der Vier hinausschlich. Sie waren noch nicht bereit für die Welt. Noch waren sie zu klein und hilflos. Plötzlich erkannte Maria so viele Gefahren, die auf so kleine Geschöpfe lauerten, sah sie, weil sie sich hatte anrühren lassen und die Welt anders sah als zuvor. Und dennoch gab es so viel zu erkunden. Die Wohnstube, die Küche, alles war neu und aufregend. Und wer weiß schon wie die Welt aus ihrer Perspektive aussieht. Maria stellte sich vor, dass sie riesengroß und überwältigend sein musste, aber sie hatten das unbedingte Vertrauen, dass sie sicher waren. Da war alles was sie brauchten, Wärme und Sicherheit, Fressen und ein Platz zum Schlafen. Sie verlangten nicht nach mehr, weil sie es nicht brauchten.

1112 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (11):


Die Unerbittlichkeit der Zeit.


Maria von Matialis war erwacht, geweckt durch den mittlerweile vertrauten Ruf des Hahnes, war geweckt in einen neuen Tag, der kam, in aller Unerbittlichkeit. War sie die letzten Tage voller Tatendrang aus dem Bett gesprungen, so fühlte sie sich an diesem Tag unendlich müde. Die Gedanken kamen zurück, aber vielleicht kehrten sie auch gar nicht zurück, sondern waren immer da gewesen, treu an ihrer Seite, bloß, dass der Schlaf besänftigend die Türe geschlossen hatte, zwischen ihr und ihren Gedanken, sie separierten voneinander, für wenige Stunden der sorglosen Vergessen, der Selbstvergessenheit. Doch die Türe war nur angelehnt und das Erwachen war wie ein kleiner Luftzug, der doch stark genug war die Türe wieder aufzustoßen. Sofort stoben sie herein, all die unseligen Gedanken, die sie angesprungen und sich an ihre festgekrallt hatten wie Kletten, als sie da draußen stand, am Grab der Hündin, unter der Tanne. Sie sagte nicht, „Herzlich willkommen“, nicht einmal „Hallo“, denn sie wollte sie weder willkommen heißen noch begrüßen, sondern sie loswerden.
„Haut ab“, sagte sie zu den Gedanken, doch die Gedanken hörten nicht und blieben. Am liebsten hätte sich Maria in irgendeine Ecke verkrochen, dort zu bleiben, bis es vorbei wäre, endlich vorbei. Doch als sie sich aufsetzen wollte, von ihrem Lager, das sie neben dem der Welpen aufgeschlagen hatte, bemerkte sie, dass sich etwas bewegte, dass etwas auf ihrer Decke lag. Die Kleinen hatten sich offenbar in der Nacht nicht nur aneinander, sondern auch an sie gekuschelt. Sie suchten die Wärme, die sie zuvor bei der Mutter gefunden hatten. Jetzt war diese nicht mehr da. Aber es schien sie nicht zu stören.

0712 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (7)


Sich selbst zu überwinden


Maria von Matialis machte sich selbst und ihren Vorstellungen von sich selbst keine Ehre mehr. All die Stärke, die in ihrem Auftreten lag und ihren Taten, war verloren gegangen, irgendwo auf dem Weg zwischen Wien und diesem abgelegenen Ort. Irgendwo zwischen den Tagen hatte sie sich selbst verloren. Vielleicht war verloren nicht ganz das richtige Wort. Es war mehr eine Diskrepanz zwischen dem was sie von sich selbst erwartete und wie sie sich sah, und dem, was sie hier tat und präsentierte. Eine Kluft, die mitten durch sie selbst hindurchging, scheinbar unversöhnlich und ohne die geringste Möglichkeit die beiden Teile wieder zu versöhnen. Sie begann ihr bisheriges Leben zu hinterfragen, und allein dieses Hinterfragen ängstigte sie.

0512 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (5):


In Begegnung treten


Maria war nun den fünften Tag am Hof ihrer Großtante. Vielleicht konnte man den ersten nicht so ganz rechnen, da sie erst am Abend angekommen war. Doch sie hatte durchgehalten, länger als sie es sich je hätte vorstellen können, hatte ausgehalten, die Tage in Gleichmut und ruhiger Geschäftigkeit oder einfach der Stille zu verbringen, hatte ausgehalten ganz ohne Handy und Laptop und virtueller Verbindung in die Außenwelt, hatte ausgehalten nicht einkaufen zu gehen und anderen Menschen zu begegnen. Doch was war es denn tatsächlich um die Begegnung der Menschen, dort in ihrem normalen Leben?

0312 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (3):


Das Leben zu be-greifen


„Was nur, was, tut man an so einem gottverlassenen, oder sonst was verlassenem Ort den ganzen Tag? Wie bringt man die Zeit herum?“, hatte sich Maria am ersten Tag, am Tag ihrer Ankunft noch gefragt, doch bereits am nächsten war die Frage verschwunden. In Windeseile war der Tag vergangen, erfüllt mit Tätigkeiten, die unmittelbar Sinn machten, bis sie am Abend, mit einem Buch in der Hand einschlief. Sie konnte sich nicht mehr entsinnen wann sie das letzte Mal so ruhig und gut geschlafen hatte, ohne die anhaltende innere Getriebenheit, die ihr wie ein Feldwebel ständig zurief, sie solle doch verdammt nochmal jeden Moment des Tages nutzen. „Wissen Sie warum Sie eine meiner besten, ja meine beste Studentin sind?“, hörte sie ihren Professor fragen, der immer ständig solche Fragen stellte, um sie auch rundweg selbst zu beantworten. Das war immer der Moment, in dem man die Frischlinge sofort erkannte, denn es waren diejenigen, die meinten, dass die Frage an jemand anderen gerichtet war. Hurtig ergriffen sie das Wort, doch es wurde ihnen sofort deutlich gemacht, dass sie gefälligst den Mund zu halten hatten, wenn der Vorgesetzte sprach. Abmahnende, drohende Blicke durchfuhren wie Säbel den Vorlauten. Jeder hatte es verstanden, bis auf eine Studentin, die sich durch nichts beirren ließ und munter weiter plauderte. „Eine Frage, die man sich selbst beantwortet, ist keine Frage, sondern eine Frotzelei“, erklärte sie, nachdem sie von ihrem Kollegen auf den Fauxpas hingewiesen wurde. Sie hatte das Institut auch schon bald verlassen, und studierte nun Philosophie oder irgend etwas anderes Unnötiges, so weit Maria erfahren hatte. „Sie sind meine beste Studentin“, antwortete der Professor also auf seine eigene Frage, „Weil Sie jede Minute des Tages nutzen, weil Sie 16 Stunden am Tag aktiv sind, deshalb, und weil sie meinen Vorgaben Folge leisten.“ Aufs Höchste mit sich und der Welt und mit sich zufrieden war er während dieses Vortrags auf seinem Schreibtisch gesessen, breitbeinig, während Maria ihm gegenüber auf einem kleinen Stuhl saß. Schon diese Anordnung zeigte die soziale Stellung, die sie einnahmen. Maria musste lächeln, denn zum ersten Mal wurde ihr bewusst wie viel Redundanz es erforderte um diesen Vorgaben zu genügen. Löcher ausheben um sie wieder zuzuschütten. Das war der ganze Sinn. Doch wenn sie hier das Feuer im Kamin entfachte, dann wurde der Sinn unmittelbar ersichtlich. Das Feuer wärmte den Raum, doch anders als eine sterile Elektroheizung, mit einer lebendigen Wärme. „Komm, wir müssen Späne hacken“, forderte Magdalena ihre Nichte auf, nachdem sie das Frühstücksgeschirr abgewaschen hatten. „Aber das kann ich doch nicht“, warf Maria ein, obwohl sie genau wusste, dass es keinen Sinn hatte. „Als Du klein warst konntest Du es“, erwiderte Magdalena lächelnd und ging ihr voran in den Schuppen, der neben dem Haus lag. Der Sturm hatte endlich nachgelassen, so dass die dicken Schneeflocken beschaulich und langsam zur Erde fielen. „Meine Elfen haben ein bisschen zu viel gegessen“, hatte Maria an diesem Morgen gedacht, doch ohne den Gedanken wegschieben zu wollen. Sie ließ ihn gewähren, auch außerhalb ihrer Träume. Die Landschaft ersteckte sich in sanften Hügeln vor ihnen, die mit einer dicken, weißen Decke verhüllt waren. Zaghaft brach die Sonne durch die Wolken und entlockte den Schneekristallen da und dort ein Glitzern. Magdalena drängte nicht, sondern ließ Maria gewähren, als sie merkte, dass sie ihren Blick hinaus in die Welt schickte. Als würde sie zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wirklich hinsehen. Erst als Maria wieder den Blick zurückholte ging Magdalena ihr die wenigen Schritte voran in den Schuppen. An allen Seiten war Holz aufgestapelt. Es würde für diesen Winter reichen, selbst für solch einen langen, wie er am nördlichsten Punkt Österreichs zu herrschen pflegte. „Der Winter fühlt sich wohl bei uns“, pflegte Magdalena zu sagen. Aus irgendeiner Lade in ihrem Gedächtnis war der Satz herausgehüpft, einer Lade, von der Maria noch nicht einmal mehr gewusst hatte, dass sie da war, doch nun war sie entdeckt und sacht nahm Maria ein Stück ums andere heraus. „Aber warum haben wir Späne gehackt, wenn ich doch im Sommer hier war?“, fragte Maria, nachdem sie den Schuppen betreten hatten, der vollgefüllt war mit Feuerholz, so dass sie nicht fürchten musste zu frieren. „Du warst so wissbegierig, so neugierig, wolltest alles mitmachen, alles lernen. Ganz im Gegensatz zu Deiner Schwester, die immer nur herumsaß und sich bedienen ließ. Keinen Schritt setzte sie vor die Türe, aus lauter Angst schmutzig zu werden oder etwas Unsauberes mit den Händen anzugreifen, aber du warst mitten drinnen im Geschehen, beim Versorgen der Tiere, bei den Arbeiten im Gemüsegarten, beim Kochen und eben auch beim Spänehacken, die Dein Großonkel schon für den Winter vorbereitete. Und dann darfst Du nicht vergessen, dass es hier auch im Sommer schon mal recht kalt werden kann. So ist man immer vorbereitet.“ „Und ich bin auch mit ihm in den Wald gegangen?“, fragte Maria weiter. „Ja, das bist Du“, erwiderte Magdalena lächelnd, während sie das erste Holzscheit auf den Pflock stellte und die kleine Hacke zur Hand nahm, „Mein Mann wusste alles über den Wald. Du warst so voller Begeisterung, wenn es Euch gelang etwas zu entdecken, einen Ameisenhaufen, einen Fuchsbau, den Biberdamm.“ „Es war immer so friedlich und harmonisch bei Euch“, hörte sich Maria sagen, während ihr unzusammenhängende Bilder durch den Kopf schossen, vom Naschen aus einem Marmeladeglas, von Schafen auf der Weide, dem hohen Gras, durch das sie lief, bevor es sich dem Schnitter beugen musste, von verstohlenen Sonnenstrahlen, die durch die Bäume fielen und der Hacke in ihrer Hand. Ja, es stimmte, sie waren genau hier gestanden und ihr Großonkel hatte es ihr gezeigt. Ihre Haut war gerötet, vor Eifer und Freude. Schaffen mit den Händen. „Friedlich und harmonisch“, wiederholte sie, als wollte sie sich den Klang der Worte nochmals zu Gemüte führen, „Ganz anders als bei uns zu Hause, wo es immer laut war und nichts herrschte als Unzufriedenheit. Ich wäre so gerne hier geblieben. Irgendwann, so dachte ich damals, würde ich ein Handwerk lernen, Tischler oder Zimmermann und dann könnte ich alles reparieren und ausbessern und die Möbel restaurieren. Das sagte ich auch Onkel Toni, und ich weiß noch, er hat mich angelacht und gemeint, dass das schön wäre, wenn ich bei Euch bliebe.“ „Es wäre schön gewesen“, gab Magdalena zu. „Und dann haben sie uns geholt, mich und Johanna. Johanna war heilfroh, aber ich wollte nicht weg, und da hat mir Mama gesagt, dass ihr uns nicht länger hierhaben wolltet, dass ihr froh wärt, wenn wir endlich wieder weg waren, weil wir für Euch nur eine Belastung waren, das hat sie gesagt“, fuhr Maria fort, die mit einem Mal begriff warum sie diese Erinnerung in eine der untersten Schubladen gesteckt hatte und alles tat um es zu vergessen. Es war ihr beinahe gelungen, so dass nichts weiter blieb als ein bitterer Nachgeschmack. „Ich habe das auch erst viel später erfahren. Irgendwann hat es mir Deine Mutter erzählt, weil sie meinte, wir hätten Dich verdorben“, erzählte Magdalene ungerührt, die mehr auf die Kraft der Taten als die der Worte vertraute, und Maria wusste nun wie es wirklich war, damals, nachdem sie das ganze Bild wiedergefunden hatte. Die Tage voll Sonnenschein und Eintracht und Miteinander, aber auch den Schmerz des Abschieds. „Nie wieder würde ich herkommen, habe ich mir damals geschworen“, fiel es Maria wieder ein, „Ich schwor mir aus dem Elend und der Enge auszubrechen, und den einzigen Weg sah ich darin finanziell unabhängig zu sein, und das hieß für mich so viel Geld zu haben, dass ich von niemanden abhängig war, geschaffen durch meine eigene Arbeit. Dann würde ich glücklich sein, irgendwo in einer großen Stadt, irgendwo inmitten vieler Menschen, die alle ihre eigenen Ziele verfolgen. Aber langsam entdecke ich, dass Unabhängigkeit auch Einsamkeit ist. Wo Misstrauen und Vorsicht dominieren, weil man weiß, dass der andere genauso rücksichtslos agieren würde wie man selbst, da gibt es keine Freundschaft und keinen wirklich menschlichen Kontakt. Immer auf der Hut und immer wachsam. Das wäre das Leben gewesen, das mich erwartet hätte.“ Resolut nahm sie die Hacke in die Hand, die ihr Magdalena reichte, setzte sie an, hieb leicht in das Holz um eine kleine Kerbe zu erhalten, um danach den Scheit hochzuheben und ihn mit voller Wucht auf den Pflock donnern zu lassen, so dass der erste Span herunterfiel. „Siehst Du, Du kannst es“, sagte Magdalena lächelnd, und das Webschiffchen fuhr durch die Bänder eine neue Reihe zu bilden auf dem Webbild des Lebens, eine besondere Reihe, denn sie schloss in sich Bilder aus einem früheren Teil des Gesamtbildes, und es war der dritte Tag des Advent.

0212 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (2)


Erstes Erwachen


Maria von Matialis hatte noch tief und fest geschlafen. Die Geräusche ihrer Umgebung drangen vor bis in ihre Träume. Der Sturm, der mit unverminderter Heftigkeit ums Haus fegte und das anhaltende Prasseln des Schnees gegen die Scheibe. Sie war wieder das kleine Mädchen, das in ihrem Zimmer auf der Fensterbank saß und das Treiben vor dem Fenster beobachtete. Die Schneeflocken waren ihr wie tanzende kleine Elfen erschienen, angetan mit blütenweißen Kleidchen, einem winzigen Häubchen auf dem silbernen Haar und über und über mit Elfenstaub bedeckt. Unzählige kleine Glöckchen. Da saß sie und wartete, dass Peter Pan sie holen käme, weg von diesem Ort des Elends und der Verwahrlosung in ein Land der Freiheit und der Möglichkeiten, nach Nimmerland. Ab und zu wagte sich diese Erinnerung noch in ihre Träume, doch im Leben hatte sie das Träumen schon längst abgestellt. Einem Kind durfte man das gestatten, aber sie war nun erwachsen, mit beiden Beinen im Leben stehend, während sie alles dafür tat, dass sie nicht wachsen konnte. Sorgsam beschnitt sie jeden Trieb, der sich auch nur anschickte in eine Richtung zu wachsen, der ihr suspekt schien. Ihre Selbstkontrolle war allumfassend, denn um etwas zu erreichen muss man sich 100%ig darauf konzentrieren und alles andere aus dem Blick lassen. Und ihre Ziele waren so simpel. Und eigentlich galt das auch für das kleine Mädchen in ihren Träumen, die nichts weiter wünschte als das stille kleine Glück der Zugewandtheit. Doch sie dachte immer, es läge am Geld. Wenn sie einmal genug Geld hätte, dann würde alles funktionieren, dann würde sich das Glück ganz von selbst einstellen. Zur Not könnte sie es sich ja kaufen. Eine neue Handtasche macht glücklich. Neue Schuhe machen glücklich. Zumindest ein wenig. Für mehr Glück müssten es eben viele Handtaschen und viele Schuhe sein. Deshalb schüttelte sie das kleine Mädchen so schnell wie möglich ab, als würde es ihren Ansinnen im Wege stehen. Vielleicht noch ein Blick auf die tanzenden Elfen, die sich zu einer leisen Melodie wiegten und den glitzernden Elfenstaub versprühten. „Warum nur waren sie so großzügig damit?“, hatte sich Maria jedes Mal gefragt, „Man muss doch acht haben, dass er nicht ausginge. Denn ohne Elfenstaub könnten sie nicht fliegen.“ Dabei war es nicht wichtig. Was zählte war, dass die Kinder an sie glaubten, denn ohne diesen Glauben müssten sie sterben. So wie der Mensch aufhört zu existieren, wenn niemand mehr da ist, der an ihn denkt. Das scheinbare Glück, das Maria in den Dingen suchte, lag in Wahrheit in der Zugewandtheit. Plötzlich mischte sich ein unangenehmes Geräusch in ihren Traum, zerriss die leichte, leise Melodie, so dass sie klirrend zu Boden fiel, während die Elfen ihren Tanz vergaßen und wild durcheinanderstoben. Irritiert sah sich Maria um, langsam den Traum verlassend, als würde das Sehen beim Hören helfen. Blinzelnd sah sie aus dem Fenster, vor dem sich die Dämmerung durch das Schneegestöber kämpfte um ein klein wenig Licht zu schenken. Da endlich erkannte sie es, dieses hohe, schrille Geräusch. Es war der Hahn. „Und das mitten in der Nacht!“, dachte sie verärgert, „Wie spät ist es denn?“ Sie tappte neben ihrem Bett auf dem Nachtkästchen blindlings herum, als ihr einfiel, dass ihr Handy noch im Auto lag. Und das Auto, das lag vergraben unter einer Schneewehe irgendwo dort draußen. Nicht nur ihr Handy war dort. Auch ihr Laptop und all die anderen Sachen, die sie ganz dringend benötigte. Wie sollte sie es aushalten, hier in dieser Wildnis, ohne Handy, ohne Laptop? Wie sollte sie die Zeit überstehen ohne Kontakt zur Außenwelt? In diesem Moment war sie sich sicher, dass sie durch tödliche Langeweile langsam und qualvoll dahingerafft werden würde, hier am Ende der Welt, zwischen dem Nichts und dem Vielleicht. Niemand würde es bemerken. Irgendwann fänden sie dann ihren Wagen. Vielleicht im Frühjahr, aber dann käme jede Rettung zu spät. Denn mehr als einen Tag ohne elektronische Unterstützung, das war bereits zu viel. Damit schien sie sich abfinden zu müssen. Aber schon im nächsten Moment war sie wieder ganz bei sich. Sie musste sich nicht abfinden, sondern alles probieren was möglich war. Dann könnte sie immer noch aufgeben. Energisch schwang sie die Beine aus dem Bett und schlüpfte in die kuscheligen Hausschlapfen, die ihr ihre Großtante gegeben hatte. Das Zimmer war klein, aber gemütlich. Viel war nicht notwendig. Ein Bett, ein Kasten, ein Nachttisch, eine Kommode. Alles aus massiven Holz gefertigt. Viele Jahrzehnte hatten diese Möbel wohl schon überdauert, und so weit kein Mensch Hand anlegte, würden sie es wohl noch viele weitere. Es war einfach und bescheiden, und doch war es nicht die Armut, die sie kannte und floh. Armut ist die Verlassenheit. Einfachheit ist der Wille den Raum zu lassen für das Miteinander. So sehr sie sich dagegen sträubte, oder zumindest sich dagegen zu sträuben versuchte, es keimte bereits ein kleines Pflänzchen des Wohlfühlens in ihr. Verborgen zwar, so dass sie es geflissentlich ignorieren konnte, aber es war da, unausweichlich, als hätte sie keine Wahl. Maria verließ das Zimmer und betrat die Wohnstube, die von dem großen Kamin beherrscht wurde. Ein lustiges Feuer prasselte bereits darin, das den Raum mit anheimelnder Wärme erfüllte. Ihre Großtante saß auf der Eckbank und lud Maria ein sich zu ihr zu setzen. „Guten Morgen!“, sagte sie lächelnd, während sie eine Tasse mit dampfenden Kaffee vor sie stellte und eine Schüssel mit etwas, was wohl einem Müsli ähnelte, „Hast Du gut geschlafen?“ „Ja, danke“, entgegnete Maria kurz, „Wie spät ist es denn?“ „Sechs Uhr ungefähr“, erklärte ihre Großtante. Ihre sanften blauen Augen ruhten wohlwollend auf Maria, eingebettet in einem schmalen Gesicht, das wohl vom Alter gezeichnet war, aber dennoch Vitalität und Lebenslust ausstrahlte. Das silbergraue Haar hatte sie streng zurückgekämmt und in einen Knoten gebunden. Stille herrschte im Raum, die nur vom Prasseln des Feuers und dem Eifer des Schneesturms durchbrochen wurde, Stille, die Maria an jedem anderen Ort zur Verzweiflung getrieben hätte, war ihr hier Entlastung. Sie konnte alles sagen, musste aber nicht. Hier musste sie seit Langem einmal gar nichts. Der Tag lag wie ein offenes Buch vor ihr, ohne dass irgendetwas vorgegeben wäre. Mit Erstaunen bemerkte Maria, dass es sie weder unruhig noch nervös werden ließ. Sie nahm die Kaffeetasse in beide Hände. Es war eine jener bemalten Email-Becher, die sie schon aus Kindertagen kannte. Langsam kamen die Erinnerungen zurück, die Erinnerungen an so manchen unbeschwerten Tag, den sie hier verbringen durfte. „Tante Magdalena“, sagte sie schließlich, nachdem sie die ersten Schlucke genossen hatte und spürte, wie die Wärme sie durchströmte, „Warum hast Du mich eingeladen?“ „Weil ich wollte, dass Du da bist“, erklärte Magdalena kurz, doch sie spürte, dass es zu wenig war, deshalb setzte sie hinzu, „Vor ein paar Jahren starb mein Mann. Nicht unvorhergesehen. Er war 97 und das Herz wurde schwach. Eines Morgens, es war ein paar Tage nach Weihnachten, da nahm er mich an der Hand und wir machten gemeinsam eine Runde durch den Hof. An diesem Morgen nahm er Abschied, von seiner Heimat und von mir, bevor er ruhig entschlief und nicht mehr erwachte. Seitdem bewirtschafte ich den Hof alleine, und da tauchte immer öfter Dein Bild in mir auf. Du warst so ein wissbegieriges, weltoffenes kleines Mädchen, damals, in dem Sommer, den Du bei uns verbringen durftest. Es war für mich einer der schönsten Sommer, derer ich mich entsinne. Und in meinem Leben gab es viele Sommer. So sehr ich gewünscht hätte, Du könntest bleiben, musstest Du doch weg, denn in diesem Herbst kamst Du zur Schule. Es war ein trauriger Abschied, als Dich Deine Mutter wieder holte.“ „Aber warum jetzt?“, fragte Maria beharrlich nach, die spürte wie die Bilder dieses Sommers wieder zum Leben erwachten. Es war ein glücklicher Sommer gewesen. „Weil ich wusste, dass es Zeit war. Vielleicht war es auch nur eine Ahnung, aber es ist schön, dass Du da bist“, sagte Magdalena. Die Erinnerungen führten sie in den Tag, an dem Maria mitgenommen wurde in häusliche Tätigkeiten, an dem sie backte und kochte, den Raum für die kommenden Festtage schmückte, so dass sie die Zeit nicht spürte und auch nicht die Abwesenheit von Dingen, von denen sie bisher meinte, dass sie sie unbedingt benötigte, und während sie sich mit Feuereifer diesen Tätigkeiten widmete, wurde das Schiffchen am Webrahmen angesetzt, eine neue Reihe hinzuzufügen zum Bild ihres Lebens, und es war der zweite Tag des Advent. Es war der Beginn eines Weges, so weit es zu erkennen war, ein schmaler Weg, der vom Hauptweg abzweigte, der bis jetzt, gerade und stringent, das Bild beherrscht hatte. Wohin er wohl führte?

2107 Erzählen



Erzählen


Es ist mittlerweile über 25 Jahre her, dass ich die Kraft des Erzählens für mich entdeckte, damals unter einer Laterne auf einer Wiese in Hastings. Zuerst waren nur eine Freundin und ich da. Wir warteten auf den Bus, der uns abholen sollte. Wir waren zu früh dran. Viel zu früh. Doch auch andere stießen zu uns, und ich wurde gebeten eine meiner Geschichten zu erzählen, und ich tat es, und aus einer wurden mehrere. Ich erzählte. Nichts weiter, stieg ein in das erzählte Geschehen und nahm die anderen mit, so sie wollten. Was rund um uns noch geschah? Ich kann es nicht sagen. Ich genoss den Moment und das Miteinander und den Austausch, bewährte mich als aufmerksame Führerin. Zuletzt sprachen wir darüber. Dann stiegen wir in den Bus ein und fuhren weg, weg von dem Ort und aus dem Geschehen. Danach habe ich lange nicht mehr erzählt, nur das Erleben begleitete mich, überrollte mich ab und an in einer sanften Welle und trug mich fort zu der Laterne in Hastings vor über 25 Jahren.

Die Zeit verging, die Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten wurden mehr, wollten erfüllt werden, und auch wenn ich von diesem Damals, nicht nur räumlich, weit weg schien, so war es doch immer irgendwo präsent. In einer kleinen Schublade im großen Kasten meiner Erinnerungen. Und jetzt habe ich sie wieder einmal aufgemacht. Nicht nur für einen kurzen Blick hinein, sondern um sie wirklich herauszunehmen, fühlte mich ein, wie es war, gelehnt an die Laterne, erzählend, beobachtend, und plötzlich wusste ich, dass es das war, was ich immer wollte. Nicht nur schreiben, fixieren und weitergehen, sondern erzählen und näherbringen. Zuerst hatte ich gedacht, es wäre die Nacht, die diese seltsame, magische Stimmung zauberte, so dass ich meine Geschichten zunächst immer in der Nacht ansiedelte, sie erzählen ließ von meinem Alter Ego, Nyx Nachtgedanken. Aber das war es nicht.

Es war das verbindende Band des Erzählens, das Brücken schlägt zu weit entfernten Epochen und Brücken in die Ferne, das uns aufmerken lässt auf das Hier und Jetzt, das uns aber auch ein wenig dem Alltag vorenthält. Erzählen – zum Lachen zu bringen, zum Weinen, zum Nachdenken, zum Verstehen. Und wenn man zurückkehrt in diesen Alltag, so tut man es gestärkt und zuversichtlich. Vieles lässt sich mit Geschichten viel besser erklären, als durch bloße Beschreibung, denn wir können das Gelingen der Protagonisten nachvollziehen, ebenso wie ihr Scheitern. Und wenn es gut ist, dann verleitet es dazu ein wenig innezuhalten, ohne die Realität gänzlich zu negieren.

Ich will nichts weiter als meine Geschichten zu erzählen, und wenn ich meine sage, so sind es all die, die ich in mir gesammelt habe, aus eigener Anschauung, aus Gelesenem, aus Gesehenem, aus dem, was mir erzählt wurde, und bisweilen aus meinen Träumen und Phantastereien, denn dem der erzählt, dem stehen die Welten des innen und des Außen offen. Nichts, was nicht zugänglich wäre, nichts, was sich verschließen würde, und doch nichts weiter als eine Geschichte. Geschichten drängen und zwingen nicht. Vielleicht verführen sie oder verzaubern. Vielleicht schenken sie uns Worte, nach denen wir schon lange gesucht haben, aber letztlich entscheidet der Hörende ob er sich auf die Geschichte einlässt oder nicht.

Ich bin die Erzählerin, und als solche biete ich Geschichten an. Nichts weiter. Und ich freue mich, wenn ihr euch einlasst.

1407 Am Ende des Regenbogens


Am Ende des Regenbogens


Es hatte geregnet, den ganzen Tag über hatte es geregnet. Sanft klopften die Tropfen an meine Scheiben und spielten mir ein Wiegenlied. Es war ein windstiller Tag gewesen. Deshalb fielen die Tropfen sanft und behutsam. Manchmal klingen sie wie Peitschenknallen, und manchmal einfach wie eine warme Melodie, und gerade als die Sonne unterging hörte der Regen auf und ein wunderschöner Regenbogen erstand am Horizont.
„Kennst Du die Geschichte vom Topf mit Gold, der am Ende des Regenbogens zu finden ist?“, fragte ich, vertieft in den Anblick des bunten Bogens.
„Klar, wer kennt die nicht?“, antwortetest Du pragmatisch.
„Wie auch immer. Wir werden uns den Topf jetzt holen, habe ich gerade beschlossen“, entgegnete ich und nahm Dich an der Hand, Dich mit mir fortzuziehen, doch Du stemmtest Dich dagegen.
„So ein Unsinn! Du weißt doch genau, dass man das Ende des Regenbogens nicht erreichen kann“, sagtest Du kopfschüttelnd.
„Wer sagt das? Hast Du es schon probiert?“, blieb ich beharrlich.
„Das brauche ich nicht zu probieren. Ich weiß es, weil das nur eine Spiegelung ist“, meintest Du, „Und außerdem hätte ich noch viel zu tun.“
„Klar, dann sitzt Du wieder über Deiner Arbeit und ich kann sehen wo ich bleiben kann. Aber heute lasse ich mich nicht so einfach abspeisen, Du kommst mit. Die Arbeit ist keine Spiegelung. Oder vielleicht doch? Vielleicht ist sie weg, wenn wir wieder da sind“, erklärte ich, so ernst es mir irgend möglich war.
„Also schön“, gabst du seufzend nach, „Dann gehen wir halt. Du gibst ja doch vorher keine Ruhe.“
„Ganz bestimmt nicht“, sagte ich lachend und nahm Dich bei der Hand. Diesmal stemmtest Du Dich nicht dagegen. Wir gingen los, rund um den See, immer in Richtung Regenbogen. Die Luft war klar und mild. Ganz bewusst sog ich sie ein, schnupperte in den Abend, der sich uns warm und sanft darbot. Das Wasser im See war ruhig und nur einzelne Tropfen, die sich noch verirrten, kräuselten die Oberfläche. Scheu traten einzelne Tiere aus dem Wald um zu grasen. Der Frühling hatte bereits Einzug gehalten und am Rande des Weges blühten Schneeglöckchen und Primeln. Alles war auf Werden eingestellt, Werden und Wachsen, Blühen und Gedeihen. Das Gras stand im satten Grün und die Weidekätzchen zeigten ihre Pracht.
„Ein schöner Name, Weidekätzchen, wie kleine Kätzchen, die sich an einen Ast schmiegen“, sagte ich lächelnd, während ich die Finger über die kleinen Härchen streichen ließ. Wir plauderten, Du und ich, wie schon lange nicht mehr, entdeckten Neues um uns und in uns, während wir immer in Richtung Regenbogen gingen.
Doch dann geschah es, das Unausweichliche. Die Sonne ging unter und mit ihr der Regenbogen. Wir hatten es nicht bemerkt, doch endlich hieltst Du mich an und wiest mich darauf hin.
„Der Regenbogen ist weg“, meintest Du überrascht.
„Ich weiß“, sagte ich lapidar.
„Aber wohin gehen wir jetzt? Wo sollen wir den Topf mit Gold finden?“, fragtest Du überrascht, „Deswegen sind wir doch losgegangen? Oder nicht?“
„Ja, wir sind deswegen losgegangen, und wir haben ihn schon längst gefunden“, erklärte ich ernst.
„Weißt Du was, was ich nicht weiß?“, fragtest Du irritiert.
„Offenbar. Aber hast Du es denn nicht gemerkt? Wir haben die Welt entdeckt, haben gelacht und geredet, haben uns gespürt und uns in der Welt. Das ist der Schatz, der Topf mit Gold, den wir gefunden haben“, erklärte ich Dir.
„Und er war so nahe“, sagtest Du nachdenklich, „Komm, wir machen uns Tee und erfreuen uns noch eine Weile daran.“