Posts mit dem Label Vertrauen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Vertrauen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

1105 Zulassen

Zulassen


Zulassen – Dich zu mir zu setzen, obwohl wir nichts voneinander wissen, außer vielleicht das Eine, das wir Menschen sind, die die Begegnung suchen, manchmal aus Langeweile oder bloßer Neugierde, manchmal aber auch um nicht unterzugehen im Sumpf der Isoliertheit und Ich-Verlorenheit.

Zulassen – Dich mir und mich Dir zuzusprechen, obwohl wir uns nicht zuvor sorgfältigst abgeklopft haben, uns vergewisserten, das Du es wert wärst, mein Vertrauen und meine Offenheit, doch wie sonst wäre Begegnung je möglich, ohne diese kleine Vorgabe.

Zulassen – Dich mir und mich Dir zu zeigen wie wir sind, obwohl es immer auch ein Wagnis ist, zu eröffnen und zuzulassen. Wie wirst Du damit umgehen, mit dem, was ich Dir entdecke, was ich Dir von mir erfahren lasse?

„Ich will Dich eintauchen lassen in meine Welt, die so ganz anders ist als Deine, und ich beginne damit: Hallo! Ich freue mich, dass Du hier bist.“, spreche ich mich Dir zu, während wir am Steg sitzen und den vollen, satten Mond sich im Wasser spiegeln sehen.
„Ja, ich bin hier, und doch, ich sollte es nicht sein, hier, wo alles so fremd ist, wo ich mich an nichts halten kann als an das Versprechen, das Du mir gibst.“, entgegnetest Du skeptisch.
„Ich weiß, es werden Spiele gespielt, woanders, Spiele mit Menschen, bei denen es Gewinner und Verlierer gibt, Kampf- und Machtspiele, Spiele um Prestige und Ansehen, Spiele um Interessen und Eigennutz, doch hier gibt es keine Spiele, nicht um Dich oder mich, nicht um den Preis des Miteinander.“, gebe ich zurück.
„Warum sollte ich Dir glauben? Worauf hin sollte ich Dir mein Vertrauen schenken, wo ich nichts habe als Dein Wort, wo ich auf nichts bauen kann als auf Deine Zusicherung, und wie wankelmütig sind doch die Menschen. Oder willst Du von Dir behaupten, dass Du noch nie enttäuscht hast?“, entgegnetest Du, logisch und nachvollziehbar.
„Ich behaupte nichts von mir, nur das, was Du an mir erlebst, so wie ich keine Vermutungen über Dich anstelle und nur das annehme, was Du mich von Dir erleben läßt, um es mir zu bewahren, vor der Welt, vor den anderen. Aber Sicherheit, nein, die kann es niemals geben.“, entgegnete ich nachdenklich.

Zulassen – haben denn Träume Schranken, so lange sie Träume sein dürfen.

Zulassen – kannst Du der Hoffnung Grenzen setzen ohne sie zu zerstören.

Zulassen – Sehnsucht, die in ihrem Wesen mich erfüllt und zu mir spricht, dass ich mich Dir zuwenden möchte, kann sie denn eingefriedet werden.

Zulassen – Staunen, dass Du bist in Deiner Einzigartigkeit und Unbestimmtheit und auch Unvorhersehbarkeit, wie könnte ich Abstriche machen ohne Dich zu verlieren noch bevor ich Dich wirklich gefunden habe.

Zulassen – Wachsen, das mir Deine Zutrauen und Deine Zuwendung ermöglicht, kann es denn begradigt werden, ohne seine Eigenständigkeit zu verlieren.

Zulassen – Zuneigung, die uns zueinander führt, uns die Hand zu reichen, einander zu stärken und zu begleiten, kann sie denn ein Maß haben, das sie kennbar macht, ohne zu enteignen.

Zulassen – Dich und mich im Wir!

2601 Wenn der Wahnsinn drei Mal klingelt


Wenn der Wahnsinn drei Mal klingelt


Als der Wahnsinn das erste Mal bei mir klingelte, vor mittlerweile etlichen Jahren, da öffnete ich die Türe, weil es sich nicht gehört nicht zu öffnen, wenn jemand an der Türe steht und Einlass begehrt. Und selbst dem Wahnsinn gegenüber ist Höflichkeit geboten, denn schließlich macht er auch nur seine Arbeit. Ich öffnete, aber ich ließ ihn nicht ein.
„Grüß Gott, Wahnsinn“, grüßte ich, höflich, doch ausweichend, denn obschon ich doch Umgang pflege, weiß ich noch immer nicht genau zu bestimmen, ob der Wahnsinn nun männlich oder weiblich ist. Ich neige ja zu der Ansicht, sowohl als auch, aber wie spricht man ein Sowohl-als auch an? Jedenfalls wollte ich ihm nicht zu nahe treten, so dass ich unbestimmt blieb, jedoch desto bestimmter bei meinem Standpunkt, als ich fortfuhr, „Ich bin noch nicht so weit, Sie zum Tee hereinzubitten.“

0601 Wer auf Gerüchte hört ...


Wer auf Gerüchte hört ...


„Poetik des Raumes“ war der Titel der Vorlesung, die ich bei ihm hörte, der an meiner Alma Mater eine Gastprofessor innehatte. Noch heute sehe ich den Lehrsaal vor mir, denn es war ein alter, in dem die Zuhörerbänke noch nach hinten hin anstiegen und der Vortragende in einem kleinen Kreis in der Mitte unten stand. Die Bänke waren hart und unbequem, die Tische davor, viel zu schmal um ein Blatt ordentlich ablegen zu können, und dennoch war es eine Vorlesung, die mir einen weiteren Einblick in die Literatur eröffnete, in einen Aspekt, den ich bisher eher übersehen hatte. Die Anordnung des Raumes stand im Mittelpunkt. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass Sicht Herrschaft bedeutet. Die Sicht des Herrschers über die Stadt, bedeutet den Radius seiner Herrschaft. So ist es keineswegs Zufall, dass es noch heute Städte gibt, die vom Herrschaftssitz aus in alle Richtungen überblickbar sind. Aber auch psychologische Aspekte trägt der Raum. Aber auch auf Gemälden oder wohl gerade auf Gemälden kommt dieser Aspekt zum Tragen. Vieles ist mir auch noch ein Vierteljahrhundert danach erinnerlich, wogegen ich vieles andere schon längst vergessen habe. Mit größtem Eifer besuchte ich diese Vorlesung. Doch auch die interessanteste Vorlesung geht einmal zu Ende, und an diesem Ende stand eine Prüfung an. Ich entschied mich sie mündlich zu absolvieren, aus dem einfachen Grund, weil ich mündlich immer viel sicherer war. Ich bereitete mich gewissenhaft auf diesen Tag vor, denn ich wollte besonders brillieren. Die Prüfung fand am Nachmittag statt, aber ich verbrachte den ganzen Tag auf der Universität, da ich andere Lehrveranstaltungen besuchte. In der Früh traf ich eine Freundin, die eben jene Vorlesung ebenfalls gehört hatte und während wir einen Kaffee miteinander tranken, kamen wir auf die Prüfung zu sprechen.
„Ich mache die Prüfung nicht bei dem“, sagte sie entschieden, aber für mich völlig unerwartet.
„Warum nicht?“, fragte ich irritiert.
„Hast Du es denn nicht gehört?“, entgegnete sie bloß.
„Was bitte soll ich gehört haben?“, fragte ich etwas ungeduldig, „Erzähl endlich und spann mich nicht unnötig auf die Folter.“
„Es geht das Gerücht, nun ja, dass er während er Prüfungen besonders freundlich zu Studentinnen sein soll.“
„Und was heißt das?“, fragte ich nun nochmals, mit aller Naivität.
„Kannst Du Dir das nicht denken?“, damit verabschiedete sie sich und ließ mich mit einem Gerücht und halbausgegorenen Hinweisen sitzen.
Phantasievoll wie ich war und bin, kamen mir die schändlichsten Gedanken in den Kopf und den ganzen Vormittag über kam ich nicht zur Ruhe.
„Solche Vorwürfe fallen ja schließlich nicht vom Himmel“, dachte ich, „Irgendwas muss ja da dran sein.“ Ich war schon nahe daran mich zu entschuldigen, als ich mich endlich zur Ordnung rief, denn seit wann war ich bereit auf irgendein Geschwätz von irgendjemanden zu hören, einfach so. Ich ging also zur Prüfung, die in einem kleinen Büro stattfand, in dem er untergebracht war.
„Ich werde die Türe offenlassen, wenn es Ihnen recht ist, damit niemand glaubt wir hätten etwas zu verbergen“, begann er, was in mir den Eindruck erweckte, als wären ihm eben jene Gerüchte auch schon zu Ohren gekommen.
„Nun, wie hat Ihnen die Vorlesung gefallen?“, begann er das Gespräch, und ich gehöre nun mal zu den Menschen, die mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten, so dass ich ihm ausführlich erzählte. Er saß mir gegenüber, auf seiner Seite des Schreibtisches, entspannt zurückgelehnt und hörte mir zu. Nachdem ich alle Aspekte erwähnt hatte, die mir wichtig erschienen, er wohl auch hier und da nachgefragt hatte, wusste ich nicht mehr weiter und um den Moment des Schweigens zu überbrücken, merkte ich an, dass ich ja eigentlich gekommen wäre um geprüft zu werden, und nicht zum Plaudern.
„Ich wüsste nicht, was ich Sie noch fragen könnte“, erwiderte er, während er das Zeugnis ausfüllte und mir reichte, „Sie haben mir alles bereits erzählt.“
Freudestrahlend verließ ich sein Büro. Wie fatal hätte es enden können, hätte ich auf diese Gerüchte gehört. Wie ich einige Tage später erfuhr, spielte wohl eine Rolle, dass er eine Gastprofessur bekommen hatte, zumal er aus einem gänzlich anderem Bereich kam. Auch war er für einen Professor noch sehr jung, was in Wien allemal noch immer ein Auswahlkriterium darstellt. Seitdem weiß ich, dass es immer ratsam ist nicht blindlings irgendwelchen Halbwahrheiten zuzustimmen, denn die Folgen können fatal sein.

0512 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (5):


In Begegnung treten


Maria war nun den fünften Tag am Hof ihrer Großtante. Vielleicht konnte man den ersten nicht so ganz rechnen, da sie erst am Abend angekommen war. Doch sie hatte durchgehalten, länger als sie es sich je hätte vorstellen können, hatte ausgehalten, die Tage in Gleichmut und ruhiger Geschäftigkeit oder einfach der Stille zu verbringen, hatte ausgehalten ganz ohne Handy und Laptop und virtueller Verbindung in die Außenwelt, hatte ausgehalten nicht einkaufen zu gehen und anderen Menschen zu begegnen. Doch was war es denn tatsächlich um die Begegnung der Menschen, dort in ihrem normalen Leben?

0212 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (2)


Erstes Erwachen


Maria von Matialis hatte noch tief und fest geschlafen. Die Geräusche ihrer Umgebung drangen vor bis in ihre Träume. Der Sturm, der mit unverminderter Heftigkeit ums Haus fegte und das anhaltende Prasseln des Schnees gegen die Scheibe. Sie war wieder das kleine Mädchen, das in ihrem Zimmer auf der Fensterbank saß und das Treiben vor dem Fenster beobachtete. Die Schneeflocken waren ihr wie tanzende kleine Elfen erschienen, angetan mit blütenweißen Kleidchen, einem winzigen Häubchen auf dem silbernen Haar und über und über mit Elfenstaub bedeckt. Unzählige kleine Glöckchen. Da saß sie und wartete, dass Peter Pan sie holen käme, weg von diesem Ort des Elends und der Verwahrlosung in ein Land der Freiheit und der Möglichkeiten, nach Nimmerland. Ab und zu wagte sich diese Erinnerung noch in ihre Träume, doch im Leben hatte sie das Träumen schon längst abgestellt. Einem Kind durfte man das gestatten, aber sie war nun erwachsen, mit beiden Beinen im Leben stehend, während sie alles dafür tat, dass sie nicht wachsen konnte. Sorgsam beschnitt sie jeden Trieb, der sich auch nur anschickte in eine Richtung zu wachsen, der ihr suspekt schien. Ihre Selbstkontrolle war allumfassend, denn um etwas zu erreichen muss man sich 100%ig darauf konzentrieren und alles andere aus dem Blick lassen. Und ihre Ziele waren so simpel. Und eigentlich galt das auch für das kleine Mädchen in ihren Träumen, die nichts weiter wünschte als das stille kleine Glück der Zugewandtheit. Doch sie dachte immer, es läge am Geld. Wenn sie einmal genug Geld hätte, dann würde alles funktionieren, dann würde sich das Glück ganz von selbst einstellen. Zur Not könnte sie es sich ja kaufen. Eine neue Handtasche macht glücklich. Neue Schuhe machen glücklich. Zumindest ein wenig. Für mehr Glück müssten es eben viele Handtaschen und viele Schuhe sein. Deshalb schüttelte sie das kleine Mädchen so schnell wie möglich ab, als würde es ihren Ansinnen im Wege stehen. Vielleicht noch ein Blick auf die tanzenden Elfen, die sich zu einer leisen Melodie wiegten und den glitzernden Elfenstaub versprühten. „Warum nur waren sie so großzügig damit?“, hatte sich Maria jedes Mal gefragt, „Man muss doch acht haben, dass er nicht ausginge. Denn ohne Elfenstaub könnten sie nicht fliegen.“ Dabei war es nicht wichtig. Was zählte war, dass die Kinder an sie glaubten, denn ohne diesen Glauben müssten sie sterben. So wie der Mensch aufhört zu existieren, wenn niemand mehr da ist, der an ihn denkt. Das scheinbare Glück, das Maria in den Dingen suchte, lag in Wahrheit in der Zugewandtheit. Plötzlich mischte sich ein unangenehmes Geräusch in ihren Traum, zerriss die leichte, leise Melodie, so dass sie klirrend zu Boden fiel, während die Elfen ihren Tanz vergaßen und wild durcheinanderstoben. Irritiert sah sich Maria um, langsam den Traum verlassend, als würde das Sehen beim Hören helfen. Blinzelnd sah sie aus dem Fenster, vor dem sich die Dämmerung durch das Schneegestöber kämpfte um ein klein wenig Licht zu schenken. Da endlich erkannte sie es, dieses hohe, schrille Geräusch. Es war der Hahn. „Und das mitten in der Nacht!“, dachte sie verärgert, „Wie spät ist es denn?“ Sie tappte neben ihrem Bett auf dem Nachtkästchen blindlings herum, als ihr einfiel, dass ihr Handy noch im Auto lag. Und das Auto, das lag vergraben unter einer Schneewehe irgendwo dort draußen. Nicht nur ihr Handy war dort. Auch ihr Laptop und all die anderen Sachen, die sie ganz dringend benötigte. Wie sollte sie es aushalten, hier in dieser Wildnis, ohne Handy, ohne Laptop? Wie sollte sie die Zeit überstehen ohne Kontakt zur Außenwelt? In diesem Moment war sie sich sicher, dass sie durch tödliche Langeweile langsam und qualvoll dahingerafft werden würde, hier am Ende der Welt, zwischen dem Nichts und dem Vielleicht. Niemand würde es bemerken. Irgendwann fänden sie dann ihren Wagen. Vielleicht im Frühjahr, aber dann käme jede Rettung zu spät. Denn mehr als einen Tag ohne elektronische Unterstützung, das war bereits zu viel. Damit schien sie sich abfinden zu müssen. Aber schon im nächsten Moment war sie wieder ganz bei sich. Sie musste sich nicht abfinden, sondern alles probieren was möglich war. Dann könnte sie immer noch aufgeben. Energisch schwang sie die Beine aus dem Bett und schlüpfte in die kuscheligen Hausschlapfen, die ihr ihre Großtante gegeben hatte. Das Zimmer war klein, aber gemütlich. Viel war nicht notwendig. Ein Bett, ein Kasten, ein Nachttisch, eine Kommode. Alles aus massiven Holz gefertigt. Viele Jahrzehnte hatten diese Möbel wohl schon überdauert, und so weit kein Mensch Hand anlegte, würden sie es wohl noch viele weitere. Es war einfach und bescheiden, und doch war es nicht die Armut, die sie kannte und floh. Armut ist die Verlassenheit. Einfachheit ist der Wille den Raum zu lassen für das Miteinander. So sehr sie sich dagegen sträubte, oder zumindest sich dagegen zu sträuben versuchte, es keimte bereits ein kleines Pflänzchen des Wohlfühlens in ihr. Verborgen zwar, so dass sie es geflissentlich ignorieren konnte, aber es war da, unausweichlich, als hätte sie keine Wahl. Maria verließ das Zimmer und betrat die Wohnstube, die von dem großen Kamin beherrscht wurde. Ein lustiges Feuer prasselte bereits darin, das den Raum mit anheimelnder Wärme erfüllte. Ihre Großtante saß auf der Eckbank und lud Maria ein sich zu ihr zu setzen. „Guten Morgen!“, sagte sie lächelnd, während sie eine Tasse mit dampfenden Kaffee vor sie stellte und eine Schüssel mit etwas, was wohl einem Müsli ähnelte, „Hast Du gut geschlafen?“ „Ja, danke“, entgegnete Maria kurz, „Wie spät ist es denn?“ „Sechs Uhr ungefähr“, erklärte ihre Großtante. Ihre sanften blauen Augen ruhten wohlwollend auf Maria, eingebettet in einem schmalen Gesicht, das wohl vom Alter gezeichnet war, aber dennoch Vitalität und Lebenslust ausstrahlte. Das silbergraue Haar hatte sie streng zurückgekämmt und in einen Knoten gebunden. Stille herrschte im Raum, die nur vom Prasseln des Feuers und dem Eifer des Schneesturms durchbrochen wurde, Stille, die Maria an jedem anderen Ort zur Verzweiflung getrieben hätte, war ihr hier Entlastung. Sie konnte alles sagen, musste aber nicht. Hier musste sie seit Langem einmal gar nichts. Der Tag lag wie ein offenes Buch vor ihr, ohne dass irgendetwas vorgegeben wäre. Mit Erstaunen bemerkte Maria, dass es sie weder unruhig noch nervös werden ließ. Sie nahm die Kaffeetasse in beide Hände. Es war eine jener bemalten Email-Becher, die sie schon aus Kindertagen kannte. Langsam kamen die Erinnerungen zurück, die Erinnerungen an so manchen unbeschwerten Tag, den sie hier verbringen durfte. „Tante Magdalena“, sagte sie schließlich, nachdem sie die ersten Schlucke genossen hatte und spürte, wie die Wärme sie durchströmte, „Warum hast Du mich eingeladen?“ „Weil ich wollte, dass Du da bist“, erklärte Magdalena kurz, doch sie spürte, dass es zu wenig war, deshalb setzte sie hinzu, „Vor ein paar Jahren starb mein Mann. Nicht unvorhergesehen. Er war 97 und das Herz wurde schwach. Eines Morgens, es war ein paar Tage nach Weihnachten, da nahm er mich an der Hand und wir machten gemeinsam eine Runde durch den Hof. An diesem Morgen nahm er Abschied, von seiner Heimat und von mir, bevor er ruhig entschlief und nicht mehr erwachte. Seitdem bewirtschafte ich den Hof alleine, und da tauchte immer öfter Dein Bild in mir auf. Du warst so ein wissbegieriges, weltoffenes kleines Mädchen, damals, in dem Sommer, den Du bei uns verbringen durftest. Es war für mich einer der schönsten Sommer, derer ich mich entsinne. Und in meinem Leben gab es viele Sommer. So sehr ich gewünscht hätte, Du könntest bleiben, musstest Du doch weg, denn in diesem Herbst kamst Du zur Schule. Es war ein trauriger Abschied, als Dich Deine Mutter wieder holte.“ „Aber warum jetzt?“, fragte Maria beharrlich nach, die spürte wie die Bilder dieses Sommers wieder zum Leben erwachten. Es war ein glücklicher Sommer gewesen. „Weil ich wusste, dass es Zeit war. Vielleicht war es auch nur eine Ahnung, aber es ist schön, dass Du da bist“, sagte Magdalena. Die Erinnerungen führten sie in den Tag, an dem Maria mitgenommen wurde in häusliche Tätigkeiten, an dem sie backte und kochte, den Raum für die kommenden Festtage schmückte, so dass sie die Zeit nicht spürte und auch nicht die Abwesenheit von Dingen, von denen sie bisher meinte, dass sie sie unbedingt benötigte, und während sie sich mit Feuereifer diesen Tätigkeiten widmete, wurde das Schiffchen am Webrahmen angesetzt, eine neue Reihe hinzuzufügen zum Bild ihres Lebens, und es war der zweite Tag des Advent. Es war der Beginn eines Weges, so weit es zu erkennen war, ein schmaler Weg, der vom Hauptweg abzweigte, der bis jetzt, gerade und stringent, das Bild beherrscht hatte. Wohin er wohl führte?

2211 Du hast sie Dir vertraut gemacht

Du hast sie Dir vertraut gemacht


Zuerst sahst Du sie nur ab und zu, wenn sie an Deinem Fenster vorbeiglitt, sanft und lautlos. Es war Zufall, purer Zufall, dass Du sie entdecktest, doch dann warst Du aufmerksamer, achtetest auf jedes leise Rascheln, auf den kleinsten Schatten, wenn Du aus dem Fenster sahst. Wunderschön war sie, und Du hattest Freude daran sie aus der Ferne zu sehen. An den Tagen, an denen Du sie sahst, warst Du fröhlich und ausgeglichen. Dieser eine kleine Moment genügte Deinen Tag zu verwandeln, diesen Tag in einen besonderen, herausgehoben aus der zähen Masse all der anderen Tage. Sie schritt in Dein Blickfeld, durch es hindurch und wieder hinaus. Es war ein guter Tag. Eines Tages blieb sie stehen, drehte den schlanken Hals in Deine Richtung und sah Dich an, nur einen Moment, doch Du warst verzaubert. Es war nun, als würdest Du auf sie warten. Öfter als sonst gingst Du ans Fenster, in der Hoffnung sie zu sehen, aber auch sie kam öfter vorbei. War sie das erste Mal nur einen Moment stehengeblieben, so war es nun länger. Eure Blicke fanden sich und verweilten ineinander. Niemals konntest Du sagen wie lange es gewesen war, niemals sagen ob es nur ein Moment, ein Herzschlag lang gewesen war oder eine Stunde. Die Zeit stand still. Du hattest die Gelegenheit sie genauer zu beobachten. Ihr Fell war weiß, mit braunen und schwarzen Flecken. „Eine Glückskatze“, dachtest Du bei Dir, „Wie sie sich wohl anfühlte? Wie sie wohl roch?“ So kam es dazu, dass Du einmal das Fenster öffnetest. Das Geräusch verschreckte sie, und sie sprang behände von dannen. An diesem Tag warst Du niedergeschlagen, da Du fürchtetest sie verschreckt zu haben, und wirklich ließ sie sich zwei Tage nicht blicken. Du dachtest, Du hättest sie verloren, doch am dritten Tag, da war sie wieder da. Sie saß auf der Wiese vor Deinem Fenster und schleckte sich die Pfoten. Am liebsten wärst Du aus dem Fenster gesprungen, direkt auf sie zu, so groß war Deine Freude, doch Du wolltest sie nicht noch einmal verlieren. So beließt Du es dabei sie zu beobachten, aber am nächsten Tag stand das Fenster bereits offen, als sie kam, so dass sie das Geräusch nicht verschrecken konnte. Und wirklich sie kam näher, hin zu Deinem Fenster. Wenn Du die Hand ausgestreckt hättest, Du hättest sie berühren können, so nahe war sie gekommen. Doch Du warst achtsam, wolltest ihr keinen Anlass geben zu erschrecken. Immer näher und näher kam sie, und Du warst Offenheit und Annahme. Ihr wurdet Euch vertrauter.  Du schenktest ihr die Hoffnung, sie wäre gut aufgehoben bei Dir. Du würdest sie stärken und schützen und beheimaten. Mit ihrem Näschen strich sie über Deinen Handrücken, streifte kokett Deinen Arm, und Du liest die Hand ganz sacht über ihr weiches Fell gleiten. Augenblicke der stillen Vertrautheit, des lebendigen Miteinander, und das Verstehen wuchs. Kennen lernen heißt sich und den anderen lernen, Preisgabe und Eingabe. Da ludst Du sie ein, doch zu Dir zu kommen. Nicht mehr nur am Fensterbrett sitzen, ludst sie ein in Dein Leben zu treten und es zu erfüllen. Du wolltest es, wolltest es wirklich, und endlich setzte sie an, zum Sprung, vom Fensterbrett ins Zimmer, doch Du, Du schlugst das Fenster zu, während ihre Pfote zwischen Fenster und Fensterrahmen steckte, so dass sie zerquetscht wurde und die Scheibe, die die Nase traf mit ihrem Blut verschmiert war. Aber sie ging nicht. Du hattest sie Dir vertraut gemacht. Trotz der Schmerzen, die Du ihr zugefügt hattest glaubte sie noch immer. Winselnd saß sie auf dem Fensterbrett, verletzt, gedemütigt, und Dich dennoch sehend. Du sahst drinnen und verschmähtest sie und ihren Schmerz, ja wurdest zornig, dass sie da saß und jammerte. Noch einmal öffnetest Du das Fenster, doch nicht um sie zu Dir zu holen, sondern sie endgültig wegzustoßen, weg von Deinem Fensterbrett, hinaus in die Kälte. Und Du hattest sie Dir vertraut gemacht.

1311 Du bist ein warmer Sommerregen

Quelle: F.H.Berndt/pixelio.de

Du bist ein warmer Sommerregen


Die Erinnerung an Dich durchfließt mich wie ein warmer Sommerregen, der mich reinwäscht von all dem Trübsinn, der Alltäglichkeit und der Normalität. Sommerregen in einer Wüstenlandschaft, die über Monate nach Regen lechzte, doch sobald die ersten Tropfen auftreffen, erblüht sie in den prächtigsten Farben, für eine kurze Weile. Die kurze Weile, die die Erinnerung an Dich mit mir umfasst. Sommerregen, der gegen das Fenster schlägt, dass man rasch noch schließt, nicht nur um das Wasser draußen zu halten. Das sowieso nicht. Sondern um zu sehen wie heiter und vergnügt diese kleinen Tropfen auf die Scheibe springen, aufs Fensterbrett, und sofort wieder forthüpfen, als wäre es nicht Glas, nicht Metall, sondern ein Trampolin. Eines für jeden dieser kleinen lustigen Kerle. Und ich sitze hinter dem geschlossenen Fenster ihnen zuzusehen bei ihrem heiteren Spiel. Es macht Lust mitzuspielen. Sommerregen, der abkühlt und Lust macht auf mehr. Für eine kurze Weile, die das damals war, und die ich mir nehme um mich ermutigen zu lassen. Diese Erinnerung an Dich mit mir.

Die Erinnerung an Dich mit mir ist wie ein warmer Sommerregen, der die brütende Hitze durchbricht und die Natur und die Menschen mit Leben beschenkt, kühlt und erfrischt, kurz und nachhaltig. Denn es waren diese wenigen Stunden, doch es waren nicht Stunden im eigentlichen Sinne, sondern ein der Zeit enthoben sein. Als wäre die Welt um uns versunken. Ich gehe im Gedanken den Weg. Jeden einzelnen Schritt. Ich erzähle unser Gespräch. Jedes einzelne Wort. Ich erfahre unser Zugewandtsein. Jeden einzelnen Blick. Ich lache unsere Freude. Jedes einzelne Lachen. Alles ist wohlverankert in meinem Gedächtnis. Und es war bis wir wieder zurücktraten in die Welt und in die Zeit. Als die Sonne aufging. Es war nicht mehr. Es war doch alles. Es war alles und noch viel mehr. Es war das Mehr als Alles.

Die Erinnerung an Dich mit mir ist wie ein warmer Sommerregen, der uns überrascht, wenn wir mit dem Boot mitten am See sind. Doch es ist nichts zu befürchten. Weder Schauer noch Blitz, weder Sturm noch Hagel begleiten ihn, nur die erfrischende, belebende Wirkung des kühlenden Nass. Er überrascht uns bei einem Spaziergang oder am See oder einfach mitten drinnen. Fernab von jeder Veranlassung. Einfach so. So breiten wir die Arme aus ihn zu empfangen. Ein Lächeln der Verzauberung im Gesicht. Und an dessen Ende steht der Regenbogen. Der Topf mit Gold ist längst gefunden.

Die Erinnerung an Dich mit mir ist wie ein warmer Sommerregen, der sich ohne Vorwarnung annähert und da ist. Einfach so. Ich heiße ihn willkommen wie einen guten Freund. Den besten Freund. Und ich verabschiede ihn ohne Gram. Er wird wiederkommen. Zum Abschied schenkt er mir den Regenbogen und die Zuversicht auf ein Wiedersehen. Dann verwelken die Blumen wieder, legen sich schlafen in der ausgedörrten Wüstenlandschaft des alltäglich Vergänglichen, doch bereit jederzeit wieder aufzublühen. Wenn er wiederkommt, mich zu durchfließen, mich zu umfließen.

Dann nehme ich Deine Hand und lade Dich ein durch diesen wunderbaren Sommerregen unserer Erinnerung zu laufen, barfuß durch das feuchte Gras, zu hüpfen wie die kleinen Regentropfen, lade Dich ein in die Erinnerung von Dir mit mir, lade Dich ein, die Welt und die Zeit noch einmal zu verlassen und zu sein.

Du bist der warme Sommerregen, der mich befreit und atmen lässt und mich auf mich selbst besinnen lässt, denn Deine Zuwendung hat mich in die Geborgenheit geführt, Dein Lachen in die Freude und Dein Verstehen in ein Zutrauen. So dass ich aufblühe wie die Blumen in der Wüste nach langer Dürre. Du bist mir, in dieser Erinnerung, die nichts weiter war als ein Miteinander, und doch für immer alles.

1509 Wie misst man Einzigartigkeit?


Wie misst man Einzigartigkeit?


Marianne war Mutter von vier Kindern. Die drei Großen waren schon rausgewurschtelt, wie man so schön sagt. Drei Mädchen waren es, 20, 18, und 16 Jahre alt. Drei brave Mädchen. Es hatte keine nennenswerten Schwierigkeiten gegeben. Alles verlief nach Plan. Rund um sie erlebte sie immer wieder Familien, die sog. „Problemkinder“ hatten, wobei sie es als Außenstehende nicht zu beurteilen vermochte ob das Problem denn wirklich die Kinder waren oder sie nur als Spiegel fungierten. Kinder spiegeln ihre Umgebung. Doch bei ihr schien alles perfekt zu sein. Die Mädchen waren leutselig, offen und zugewandt, ehrlich und verbindlich. Alle gefährlichen Klippen hatten sie umrundet, ungeschoren. Alle drei lernten brav und gaben niemals Grund zur Sorge, so dass Marianne schon seit vielen Jahren wieder arbeitete. Freiberuflich, denn sie wollte sich auch Zeit nehmen für ihre Kinder, denn wozu sollte man Kinder in die Welt setzen, wenn man sie dann nie zu Gesicht bekäme, war zumindest ihre Meinung. Jeder konnte es halten wie er wollte, doch für sie war das der Weg, auf dem sie sich wohlfühlte. Als die Mädchen klein waren arbeitete sie weniger, und unternahm viel mit ihnen. Je selbständiger sie wurden, desto mehr arbeitete sie. So waren alle zufrieden, bis ihr Nachzügler auf die Welt kam. Sechs Jahre war das mittlerweile her. Der Kleine war der erkorene Liebling seiner großen Schwestern. Sie stritten sich fast darum sich um ihn kümmern zu dürfen. Überall war der Kleine dabei. Für ihn war immer jemand da, der mit ihm spielte. Alles schien wunderbar zu sein, bis zu diesem Tag. Vor einer Woche war Mariannes Jüngster, Max, eingeschult worden, und schon musste sie zur Lehrerin kommen. Nach einer Woche. Aber Marianne dachte sich nichts weiter dabei. Bei ihren Kindern, da war doch schließlich nie etwas gewesen, und da würde auch niemals was sein. Frohgemut betrat sie das Schulgebäude, um eine halbe Stunde später, verstört, aber dafür um eine Strafpredigt reicher, den Sohn an der Hand, dasselbe wieder zu verlassen. In ihrem Kopf hämmerte es, während der kleine Junge an der Hand, sehr wohl spürend, dass die Worte, die die Lehrerin zu seiner Mutter gesagt hatte, diese nicht unbedingt schön gefunden hatte, auch wenn er sie nicht verstand. Offen gesagt hatte er noch nicht einmal wirklich zugehört. Da waren so komplizierte Worte vorgekommen, und während er sich ausklinkte, ging er in Gedanken schon durch, was er an diesem Nachmittag nicht alles Tolles machen wollte. Das Loch weitergraben im Garten, z.B. Dort wollte er im nächsten Frühjahr Kaulquappen ansetzen um zu beobachten wie daraus Frösche würden. Oder das Geschenk für seine Schwester. Papa hatte er das Holz abgeluchst, und nun hämmerte und sägte er was das Zeug hielt. Marianne schwirrten die schwierigen Wörter unterdessen durch den Kopf. ADHS war gefallen. Das konnte doch nicht sein! Max war aufgeweckt und umtriebig. Ständig bastelte er irgendetwas und konnte mittlerweile so gut mit den diversen Werkzeugen umgehen wie es wohl sobald kein anderes Kind konnte. Und plötzlich sollte er Verhaltensauffälligkeiten zeigen, sollte Anweisungen nicht befolgen. Und er schrieb auch nicht gerade auf der Zeile, so wie er es sollte. Ständig zappelte er auf seinem Stuhl herum, und die Unruhe wirkte ansteckend auf die Klassenkameraden. Die Lehrerin hatte Marianne eingebläut, dass sie Max zu mehr Disziplin drängen solle. Plötzlich ließ sie die Gedankenspiralen sein und sah ihr Kind an. Max blieb stehen und erwiderte ihren Blick.
„Was hältst Du davon, wenn wir nicht direkt nach Hause gehen, sondern einen kleinen Spaziergang machen?“, fragte Marianne, während sie doch das schlechte Gewissen drückte ihm nicht sofort eine Strafpredigt zu halten.
„Du meinst jetzt?“, entgegnete Max ungläubig.
„Ja, jetzt“, bestätigte Marianne.
„Super!“, entfuhr es ihn, als er sich endlich sicher war, dass es seine Mutter ernst meinte.
So nahmen sie den Umweg durch den Wald, und während Max frohgemut herumsprang, immer wieder auf etwas deutend, was er toll fand und viele Schätze einpackte, erkannte Marianne das Problem. Nicht ADHS, sondern unbezwingbare, raumgreifende Lebens- und Entdeckerfreude war es. Doch die hatte in der Schule keinen Platz.

1209 Unverhofft


 

Unverhofft


Seit Stunden saß ich nun da und meine Gedanken drehten sich im Kreis. Unbedingt musste ich fertig werden. Der Termin hing wie ein Damoklesschwert über meinem Nacken. Woher kommt überhaupt der Ausdruck „Damoklesschwert“?, ging es mir unvermittelt durch den Kopf, und sofort ging ich daran es nachzuschlagen. Da hatte ich zumindest den Eindruck etwas zu tun. Doch wem machte ich etwas vor? Mir selbst. Immer nur mir selbst. Tat so, als wäre das jetzt wichtig. Doch das war es nicht. Wichtig war die Arbeit, die fertig gemacht werden wollte, und ich kam keinen Schritt vorwärts. Wie ein Hund, der seinen Schwanz jagt, kam ich mir vor, und selbiger setzte sich nun auch noch vor mir hin und winselte. Verstohlen sah ich auf die Uhr. Er wollte raus, sich bewegen. Natürlich, es war höchste Zeit. „Ja, wir gehen gleich“, sagte ich ihm beschwichtigend, aber halbherzig, „Ich mach das da nur noch schnell fertig, dann gehen wir auch. Das musst Du doch verstehen!“ Musst? Natürlich verstand er es nicht, von müssen gar keine Rede. Und selbst wenn er meine Worte verstanden hätte, es wäre ziemlich egal gewesen, denn es war seine Zeit, so wie immer, da wollte er raus und das war seine Art es mir zu sagen. Unbeeindruckt winselte er weiter. Meine Konzentration war nun restlos dahin. Es war eine billige Ausrede, sehr billig, denn auch bevor er zu winseln begonnen hatte, funktionierte nichts. Aber es hat doch immer etwas Entlastendes, wenn man die Schuld auf jemand anderen schieben kann, und den Hund, den störte das nicht. Er ließ nicht nach, bis ich aufstand, verärgert das Halsband nahm und die Leine und mich auf den Weg machte. „Und, bist Du jetzt zufrieden?“, blaffte ich ihn missmutig an, „Jetzt, da Du Deinen Willen bekommen hast?“ Und ja, er war höchst zufrieden. Voller Vorfreude sprang er aus dem Haus, und auf die Straße. Zielstrebig schlug er den Weg in Richtung Wald ein. „Aber wir gehen nur ein bisschen“, hörte ich mich noch sagen, doch es war mehr als schwach. Asphalt unter meinen Füßen, Hundegekläff aus den anderen Gärten. Der Hund, den ich an der Leine führte, hatte es sehr eilig zu schnüffeln. Vom ersten Moment an war er ganz bei der Sache, nur in mir haderten noch zwei Seelen. Die eine, die mir vorwarf so undiszipliniert zu sein, und die andere, die sich vehement vorzudrängen versuchte um den Spaziergang zu erleben. Noch behielt erstere die Überhand, doch sobald wir den Wald betraten, die Geräusche nachließen, die Sonnenstrahlen sich durch die Blätter der Bäume schlängelten, legte ich jegliche Disziplin ab und war da. Atmete die Luft, roch die Erde und spürte den weichen Waldboden unter meinen Füßen. Ich ließ los. Das was ich zu Hause gelassen hatte und jetzt wirklich auch dort war, nicht mehr bei mir. Ich ließ los. Die Gedanken, die mich fesselten an das Problem, das ich umrundet hatte wie ein wilder Tiger. Jetzt hatte ich mich entfernt. Es würde noch da sein, wenn ich nach Hause käme, doch dann wäre es zu spät diese eine Stunde zu genießen, die wir hier verbrachten, die Eindrücke auf- und wahrzunehmen. Einfach hier zu sein, nichts weiter. Meine Gedanken waren noch wenige Meter zuvor durcheinandergewirbelt gewesen, als hätte ein Orkan in meinem Kopf gewütet. Langsam legten sie sich. Ruhe kehrte ein. Schritt um Schritt. Ich ging. Der Hund ging. Wir fanden in einen Rhythmus. Nebeneinander. Rhythmus. Gehen. Stehen bleiben. Wie eine Einheit. Und plötzlich, ohne dass ich auch nur daran gedacht hatte, erhob sich die Lösung aus all diesen Gedanken, die nun endlich Ruhe gaben, erhob sich, klar und einfach. Mit einem Schlag wusste ich was ich zu tun hatte, wie weitermachen, wie vollenden. Und die Antwort war schon immer dagewesen. Ich hatte sie nur nicht sehen können, so sehr hatte ich mich vergraben im Problem. Frohgemut schritt ich neben meinem Hund aus. Und als wir zurückkehrten, da vollendete ich die Arbeit mit aller Leichtigkeit, während mein Hund ruhig und zufrieden neben mir lag. Hatte er gewusst was ich brauchte? Es ist verführerisch das zu denken, aber es tut letztlich auch nichts zur Sache, denn was zählt ist, dass es so geschehen ist. Manchmal, da muss man erst fortgehen um zu sehen wovon man ausging.

2408 Leben um des Lebens willen


Leben um des Lebens willen


Ganz klein war sie noch, doch sie wollte nicht alleine sein, wollte mit mit den Großen, auch wenn sie ihre kurzen Beinchen noch nicht so schnell vorwärtstrugen. Es spielte keine Rolle. Sie gab ihr Bestes. Nur nicht alleine sein. So hoppelte sie hinter den anderen her. Ganz gleich wohin. Auch auf die Straße, wenn es sein musste.

Da war niemand, der sich um sie kümmerte. Das ist vielleicht zu viel gesagt. Dieses Hunderudel hatte wohl ein zu Hause, einen Garten und jemand, der sie fütterte, aber ansonsten waren sie gänzlich sich selbst überlassen. Sie waren einfach da, so wie die Blumen in der Wiese, und sollten sie einmal nicht mehr da sein, so wäre es wohl genau so gut. Ab und an wurde eine Hündin trächtig, gebar Junge und die waren dann eben auch da. Wieder ein paar Hunde mehr zum Durchfüttern. Achselzuckend wurde es zur Kenntnis genommen. Beim letzten Wurf waren es vier Welpen gewesen. Sie war die kleinste, Eigentlich hätte sie es gebraucht, dass sie sich irgendwo anschmiegen konnte. Ab und zu ließ es einer der anderen Hunde zu, doch zumeist wurde sie weggebissen. Schließlich musste sie sich gewöhnen. Und so lief sie hinterher. Immer suchte sie den Anschluss nicht zu verlieren.

An diesem warmen Frühlingstag hatten sie sich auf die Straße gelegt. Der Asphalt war warm und angenehm. Träge lagen sie da, doch immer aufmerksam, bereit bei Gefahr aufzuspringen und davon zu laufen. Sie lag mitten unter ihnen, als sich das Brummen vernehmen ließ und ein Motorrad heranbrauste. Sofort sprangen die Großen auf und waren mit einem Satz davon. Auch sie folgte ihrem Beispiel, doch ihre kurzen Beinchen wollten nicht wie sie. Es wäre nur noch ein einziger Sprung gewesen. Vielleicht hatte sie in der Panik auch einfach die falsche Richtung gewählt, denn da spürte sie auch schon einen stechenden Schmerz in der Seite, als das Vorderrad sie erfasste und zur Seite schleuderte. Wie betäubt blieb sie liegen, während das Motorrad davonstob und sie einfach liegen ließ. So wie ihre Artgenossen. Der Schmerz zog sich nun durch ihren ganzen Körper. Verzweifelt versuchte sie sich auf die Seite zu schieben, weg von der Straße, doch ihre Beine versagten ihr den Dienst. Kläglich winselte sie. So laut sie konnte. Menschen gingen vorüber. Plauderten. Lachten. Blickten ernst drein. Sie winselte. Irgendjemand würde sie hören. Sie hörten sie, doch ließen sie sich nicht beirren. Auch sie nicht, weinte so laut sie konnte.

Keinen Moment lang während der nächsten Stunden, die sie da schwer verletzt auf der Straße lag, keinen einzigen Moment fragte sie nach dem Sinn oder Unsinn ihres Lebens, nach Wert oder Unwert, Notwendigkeit oder Unnotwendigkeit, denn sie wollte nur eines. Leben. Sie fragte nicht, weil es nichts zu fragen gab. Mit aller Kraft, ohne darüber nachzudenken, kämpfte sie um ihr Leben, das gerade erst begonnen, schon zur Neige zu gehen schien. Entgegen all die Ignoranz und die Gleichgültigkeit, die sie umgab, kämpfte sie, und sie würde erst aufhören, wenn sie keine Kraft mehr hätte. Bis zum letzten Atemzug, um ein Leben, das vielleicht nicht hätte sein dürfen, und doch war. Sie wollte leben, weil es sich eben einmal so gefügt war, dass sie hier war und eben dieses Leben hatte. Das verteidigte sie. So wie sie es verstand.

Stunden vergingen, und sie spürte wohl, dass ihre Kräfte schwanden, aber sie ließ sich davon nicht beirren, sondern winselte weiter bis sie menschliche Stimmen vernahmen, die näher kamen, aber sich nicht wieder entfernten, wie all die anderen. Erst da, als sie sich aufgehoben fühlte, erst da schloss sie die Augen und hörte auf zu winseln, denn ihr Leben lag nun in diesen Händen und sie vertraute sich an. Bedingungslos. Sie wusste nicht was sie mit ihr vorhatten, aber sie überantwortete sich fraglos. Denn das Leben fragt nicht. Es ist einfach.

1508 Der alte Kater und der junge Hund

Der alte Kater und der junge Hund


Kam, fraß und ging. So ungefähr lassen sich die Besuche des Katers zusammenfassen. Nicht regelmäßig, und doch über Monate hinweg immer wieder kam er. Wir wussten nicht wem er gehörte oder ob er überhaupt ein zu Hause hatte, aber mit der Zeit gewöhnten wir uns an seine Besuche und kaum, dass wir uns daran gewöhnt hatten, blieben sie plötzlich aus. Etliche Jahre sind mittlerweile ins Land gegangen und da geschah es, dass er eines Nachts vor der Türe maunzte. Kam, fraß und ging, aber entgegen seiner früheren Gewohnheit nicht sofort. Wir hatten jedoch mittlerweile Zuwachs bekommen. Ein junger Hund bereicherte unser Leben und sah den Kater wohl als Spielgefährten. Vorsichtig und neugierig umkreiste er den Gast, der es sich mit Ruhe und Gelassenheit gefallen ließ. Alt war er inzwischen geworden, der Kater. Seine Bewegungen waren langsam und bedächtig, aber nicht weniger elegant und anmutig. Ständig hüpfte der Hund um ihn herum, wedelte auffordernd mit dem Schwanz und legte die Vorderpfoten auf, während die Hinterbeine aufrecht blieben, denn er wollte spielen. Da half keine noch so einladende Geste, kein Gehüpfe und kein Winseln, der alte Kater spielte nicht mit dem jungen Hund. In aller Ruhe fraß der Kater. Freudig sah der junge Hund, dass sogar noch was für ihn übrig war. Gierig fraß er die Schüssel leer. Doch wo war er jetzt hin, der Kater? Er hatte es sich, entgegen seiner früheren Gewohnheit, auf der Couch gemütlich gemacht, und zwar genau dort, wo der junge Hund seinen bevorzugten Liegeplatz hatte. Irritiert stupste er den Kater an, doch mit einem kurzen Prankenhieb auf die Nase waren die Fronten geklärt. So leicht ließ sich der junge Hund nicht abweisen. Für diese Nacht begnügte er sich noch damit auf dem Teppich vor der Couch zu nächtigen. Doch bereits einige Nächte später lagen sie traut vereint auf der Couch, als hätten sie immer zusammengehört. Nun kam der Kater jede Nacht, fraß, schlief und verließ uns erst im Morgengrauen. Es war ein trautes, ruhiges Miteinander. Dennoch mutete uns sein Verhalten seltsam an. Was war geschehen, dass er plötzlich so heimisch und sesshaft geworden war, der alte Streuner? Eines Morgens fand ich nun die beiden, die mittlerweile Freunde geworden waren, scheinbar friedlich schlafend auf der Couch, bloß stand er nicht mehr auf, der Kater. Friedlich war er wohl in dieser Nacht verschieden. Immer wieder stupste ihn der junge Hund an, doch der Kater rührte sich nicht mehr. Es war mir, als würde mich unser Hund fragend ansehen. „Was ist da los? Warum rührt er sich nicht? Und vor allem, kann ich jetzt nicht mehr seine Futterschüssel leer fressen?“, wollte er mich vielleicht fragen. Wir haben ihn feierlich im Garten begraben. Bis heute wissen wir nicht wem er gehörte, und so konnten wir auch niemanden erzählen was mit ihm passiert ist. Aber wenn ich es könnte, so würde ich erzählen, dass er in Ruhe und Geborgenheit starb, so wie ich es jedem von uns wünschen würde, in Ruhe, Frieden und Geborgenheit sterben zu dürfen. Offenbar hatte sich der Kater bewußt solch einen Ort gesucht. Er spürte sein Ende nahen und fand einen Freund. So verschieden die beiden wohl waren, so wenig sie sich miteinander verständigen konnten, so einfach und unkompliziert war ihr Miteinander.

So einfach kann es sein, das Miteinander, fraglos, sorglos, einfach seiend.

1905 Du hast Dich in mein Herz geschlichen


Du hast Dich in mein Herz geschlichen


Eigentlich bin ich der Prinz im Haus. Nicht von Anfang an, natürlich. Wenn man als kleiner Welpe zu seinen Besitzern kommt, dann gilt es zunächst die Lage zu sondieren. Kluge Hunde tun das, und zu dieser Sorte kann ich mich, bei aller Bescheidenheit zählen. Nicht so wie andere, die mit Übereifer und Unverfrorenheit in das Haus stürmen und alles in Besitz nehmen. Das haben die Menschen nicht so gerne. Einem Welpen wird wohl noch so manches verziehen, doch es bleibt etwas im Gedächtnis haften. Ich für mein Teil gab mich schüchtern. Das begann schon beim Gartentürl. Dort setzten sie mich ab und ich blieb einmal, zog die Stirn in Falten und gab so das Bild der absoluten Verlorenheit und Verlassenheit. Schon kamen sie an und baten mich doch weiterzugehen, Zaghaft folgte ich, doch immer nur mit kleinen Schritten, mal dahin, mal dorthin schnuppernd, bis ich endlich an der Türe war. Skeptisch sah ich ins Innere und diesmal blieb ich so lange, bis ich mein erstes Leckerli bekam. Das ganze funktionierte alles tadellos. Die Menschen sind so leicht zu dressieren. Nach diesem Motto eroberte ich nach und nach nicht nur ihre Herzen, sondern auch ihre Couch und das Bett. Wenn sie sich brav benahmen bekamen sie eine Belohnung. Positive Verstärkung ist immer noch die beste Erziehungsmethode. Wie gerne doch die Menschen spielen. Da werfen sie mit Stöckchen und freuen sich, dass sie fortfliegen. Ich habe das zwar nie ganz verstanden, aber ich setzte mich eben hin und sah ihnen zu. Sie zu holen ist allerdings gänzlich unter meiner Würde. Wenn sie schon Spaß am Wegschmeißen haben, dann sollen sie es sich doch gefälligst selber holen. Die Ruhe behielt ich bei, und auch, wenn sich die Menschen manchmal töricht benahmen, so bin ich doch weise und weitsichtig genug ihnen das nachzusehen. Sie sind eben doch nur Menschen und verstehen es nicht besser. Wichtig ist nur – und da kenne ich kein Pardon -, dass zuverlässig Futter bereitsteht und ich spazieren geführt werde wann immer ich Lust dazu habe. Ansonsten erbitte ich mir Ruhe aus. Schließlich brauche ich viel Zeit mich von den Strapazen des Hunde-Daseins zu erholen. Und die Erziehungsarbeit, das könnt ihr mir glauben, ist sehr wohl kein Zuckerschlecken. Ich für meinen Teil verstehe ja die Sorgen und Nöte der Erzieher für kleine Menschen sehr gut, aber nachdem ich mich grundsätzlich nicht in menschliche Angelegenheiten einmische, so lange sie mich nicht direkt betreffen, schweige ich beredt. Brav sind sie meine Menschen. Grundsätzlich hatte ich nichts auszusetzen, bis auf ein paar Kleinigkeiten, aber keinerlei Erziehungsarbeit ist perfekt, noch nicht einmal meine, aber dann taten sie etwas, das war wirklich das Schlimmste, was sie tun konnten, und ich verstehe bis heute nicht, dass sie dazu überhaupt in der Lage waren. Sie setzten mir einen anderen Welpen vor die Nase, noch dazu ein Mädchen. Zutiefst war ich in meiner Ehre als Hausherr und männlicher Haushaltsvorstand gekränkt. Nicht nur, dass die Kleine so absolut kein Benehmen hatte, dass sie mir auf Schritt und Tritt nachlief und frech mein Futter fraß, wenn ich mir zu lange Zeit ließ, sie legte sich auch auf meine bevorzugten Liegeplätze. Wenn sie kam ging ich, doch sie ließ nicht locker. Immer war sie um mich, stupste mich, wedelte mit dem Schwanz, leckte mir die Lefzen, und auch wenn ich es nicht wollte, es gelang ihr doch irgendwie mich um den Finger zu wickeln, einfach indem sie nicht aufgab, und eigentlich – das musste ich schon zugeben – hatte mir ein Spielgefährte gefehlt. Nun war es zwar eine Spielgefährtin gewesen, aber da wusste ich zumindest mit Sicherheit, dass sie mir meinen Platz nicht streitig machte. Und ich hasse es um irgendetwas zu kämpfen. Jetzt liege ich auf der Couch und die Kleine, die mittlerweile auch schon so groß ist wie ich, legt sich neben mich. Es ist gut, dass sie da ist, muss ich inzwischen eingestehen. Wie auch immer sie es gemacht hat, aber sie hat sich in mein Herz geschlichen und ich kann erst ruhig einschlafen, wenn sie da neben mir liegt.

1804 Perlen sammeln

Perlen sammeln


Die Tage gehen dahin. Immer ist irgendetwas zu tun. Du nimmst Dir vor früher aufzustehen, dann kann vielleicht alles gelassener vor sich gehen. Aber wenn Du früher aufstehst und ein wenig Zeit mehr hast, dann könntest Du doch etwas machen, was Du Dir schon lange vorgenommen hast, aber nie dazugekommen bist. Und wieder ist die Zeit, die Du gewonnen hast, verplant. Du würdest so gerne einmal auf der Terrasse sitzen, bloß zehn Minuten und nichts tun, als die Blumen und Bäume zu betrachten und den Schmetterling beim Fliegen. Durchatmen, ein und aus, und nichts weiter. Doch Du wagst es nicht. Vertane, da ungenutzte Zeit. Es macht Dich nervös, wenn Du sagen müsstest, Du hättest jetzt nichts gemacht als so vor Dich hingelebt, und sei es auch nur für diese wenigen Minuten. Doch die Tage gehen dahin, und am Abend fällst Du todmüde ins Bett und fragst Dich, wo er hin ist der Tag, einfach weg, und Deine Hände sind leer. Zum Glück fragst Du Dich nur selten, denn Du meist zu müde um noch irgendetwas zu denken.

Die Tage gehen dahin, und niemals ist etwas gut genug. Es funktioniert und klappt und es geht voran, und alles was so funktioniert, das wird von Dir nicht beachtet. Es ist allzu selbstverständlich, das Funktionieren. Und dann passieren Fehler, kleine unbedeutende, oftmals so minimal, dass sie niemandem außer Dir auffallen, aber Du weißt es, und selbst vom gelungensten Tag bleibt Dir nichts im Gedächtnis, als dieser eine kleine Fehler, der selbst den besten Tag in Deinem Erinnern zu einem verlorenen verkommt. Und Tag reiht sich an Tag. Nichts bleibt, bis auf das Versagen.

Doch an diesem Morgen, als Du es nicht mehr schaffst aus dem Bett zu kommen, beschließt Du Perlen zu sammeln. Für jeden schönen Moment, für all das was Dich glücklich machte, steckst Du Dir eine Perle in die Tasche, sie allabendlich auf eine Kette zu fädeln. Anfangs sind Deine Taschen noch leer, doch endlich findet sich eine, und dann mehr. Bald schon ist Deine Kette lang, und Du sammelst weiter, Kette um Kette, wirst aufmerksamer und achtsamer, auf den Moment und das Gelingen, wendest Dich ab vom einheitlichen Dahinfließen und Versagen, und so findest die Muse zwischen dem Tun, findest das Lächeln zwischen dem Ernst, findest die Berührung zwischen der Trennung, findest das Lebendige zwischen dem Funktionalen, findest das Glück zwischen dem Einerlei.

Tag um Tag geht dahin, doch nicht mehr unbenannte, sondern Tag um Tag als je gelebter, zugänglich und erfreulich, und wenn Du jetzt des Abends ins Bett gehst, so kannst Du Dir sagen, ja es war ein guter Tag.

0201 Es passiert ganz unverhofft


Es passiert ganz unverhofft


Wir begegneten uns, immer wieder. Es war unvermeidlich, da wir zu tun hatten, an diesem Ort. Natürlich, Du oder ich hätten auch früher oder später dort hinkommen können, doch es ergab sich immer wieder, dass wir zur gleichen Zeit hinkamen. Nicht, dass wir es darauf angelegt hätten oder uns dezidiert verabredeten, es passierte einfach, aber ich weiß noch, ich begann irgendwann mich über dieses Passieren zu freuen, auch wenn wir nichts weiter, als ein paar Belanglosigkeiten austauschten. Wir grüßten einander, ein paar Worte wurden gewechselt, und dann gingen wir wieder auseinander. Ich wusste nichts von Dir, außer dass Du auch hierherkamst und wie Du aussahst. Doch eines Tages, da war es anders, da passierte etwas, und es passierte ganz unverhofft.

Wieder einmal trafen wir aufeinander, grüßten einander, und ich war schon im Begriff mich umzudrehen und wieder zu gehen, als ich innehielt, in meiner Bewegung und in meinem Blick, der Dich traf.
„Ich war gerade im Begriff einen Kaffee trinken zu gehen, dort, in dem Café nebenan. Hättest Du Lust mich zu begleiten?“, fragte ich, und wusste nicht warum. Ich bin normaler Weise nicht der Typ eigentlich fremde Menschen anzusprechen und sie ins Café oder sonstwohin zu bitten, doch es war mir, als wärst Du mir nicht fremd, sondern vertraut, in diesem Moment, obwohl ich nichts weiter von Dir wusste, eigentlich.
„Gerne“, antwortetest Du nur, und wir gingen hinüber, und es passierte etwas, und es passierte ganz unverhofft.

Wir setzten uns. Es war noch früh am Vormittag und wenige Leute waren in dem Lokal. Dennoch hatten wir, ohne uns darüber abzusprechen, den gleichen Tisch gewählt, ganz am Rand, so dass es möglich war ungestört zu reden. Ein wenig hielten wir uns noch an die Konvention, tauschten Namen und Lebensumstände aus, doch dann glitten wir in die Tiefe unserer Gedanken und nahmen einander mit, öffneten uns einander zu und fanden Annahme. Da war so viel Verstehen und so viel Gleichklang, so viel was uns verband. Es war wie Magie, und gleichzeitig so selbstverständlich, dass wir einander Einblick schenkten in Gedanken und Empfindungen, die wir sonst vor der Welt verborgen hielten.

„Noch nie hatte ich mich derart anvertraut“, verrietst Du mir.
„Noch nie hatte ich mich derart anvertrauen können“, verriet ich Dir.
„Ich kann Dir nicht sagen, warum ich das getan habe. Es war nur so eine Sicherheit, dass ich mich Dir anvertrauen kann“, gabst Du zu.
„Ich kann Dir auch nicht sagen, warum ich das getan habe. Es war nur so eine Sicherheit, dass ich bei Dir Annahme finde“, gab ich zu.
Und es passierte etwas, und es passierte ganz unverhofft.

Mittlerweile sind wir seit Jahren befreundet, und oft denke ich an diesen Moment zurück, weil ich nicht verstehe warum gerade wir uns einander derart anvertrauten und annahmen. So vielen Menschen begegnen wir tagtäglich, manchen auch immer wieder, und doch geht es niemals über einen Gruß, ein paar Höflichkeitsfloskeln hinaus, doch manchmal wird aus dieser Flüchtigkeit eine wahre, innige Begegnung des Anvertrauens und Annehmens. Vielleicht gibt es daran nichts zu verstehen, nichts zu wissen, sondern einfach nur zu leben.

1109 Das Glück und die Notwendigkeit


Das Glück und die Notwendigkeit


Still saß sie neben mir am Steg und betrachtete den Mond. Sie war lange nicht mehr hiergewesen, sehr, sehr lange.

„Ich weiß nicht was es ist, aber dieser Ort hier, der tut etwas mit mir“, sagte sie unvermittelt.
„Was tut er mit Dir?“, fragte ich interessiert.
„Er macht mich ruhig und gelassen, ausgeglichen und heiter. Wenn ich die andere Welt hinter mir lasse, dann auch all meine Begrenztheit. Es ist nicht einfach so, dass die Probleme und Sorgen drüben blieben, aber es ist, als könnte ich sie hier in einen weiteren Kontext stellen und dadurch wirken sie nicht mehr so bedrohlich“, sagte sie.
„Das macht der Mond, und Du spürst, dass hier keine Erwartungen an Dich gestellt werden“, versuchte ich eine Annäherung.
„Keine Erwartungen ... Stimmt, ich komme an, nach langer, langer Zeit wieder. Sonst würde ich mir wahrscheinlich die eine oder andere Ausrede zurechtlegen warum ich so lange nicht da war, nur für den Fall, dass die vorwurfsvolle Frage käme, doch bei Dir ist es nicht notwendig. Du freust Dich, dass ich da bin, egal ob ich jeden Tag komme oder alle zehn Jahre. Immer fühle ich mich willkommen“, sagte sie nachdenklich.
„Es ist auch gut, dass Du da bist. Macht es denn irgendeinen Sinn an Dein Nicht-hier-Gewesen-sein irgendeinen Gedanken zu verschwenden. Nein, ich bleibe und bin hier bei Dir, so wie Du bei mir“, ergänzte ich.
„Eine eigentümliche Magie geht von diesem Ort aus, so als ob sich alle Notwendigkeit verflüchtigen würde. Ich kann hier sitzen, in den Mond sehen und einfach nichts tun“, meinte sie weiter.
„Es ist der Mond und die Nacht und die Weite des Glücks. Wo das Glück lebt hat die Notwendigkeit ausgedient, denn das Glück ist ohne Notwendigkeit, ist purer Luxus. Am Ende der Fragen und des Wünschens, steht das Glück für sich, in aller Fülle“, sagte ich.
„Aber was ist denn wirklich notwendig?“, fragte sie unvermittelt.
„Nichts, eigentlich nichts, in diesem Spiel, das Leben heißt“, antwortete ich.
„Nein, das Leben ist kein Spiel, es ist bitterer Ernst!“, sagte sie nachdrücklich.
„Es hat einen Anfang und ein Ende. Wir haben weder mit dem Anfang noch mit dem Ende was zu tun. Reinste Willkür setzt uns hinein und holt uns wieder heraus. Und da soll es kein Spiel sein?“, entgegnete ich.
„Wenn es ein Spiel wäre, so eines, bei dem der Mensch nur verlieren kann“, erwiderte sie.
„Warum? Kann es nicht auch heißen, dass wir gewonnen haben, wenn wir aus dem Spiel herausgenommen werden, dass wir es gut gemacht haben?“, fragte sie weiter.
„Wer sollte das beurteilen, ob wir es gut gemacht haben? Wer legt die Maßstäbe zurecht? Vielleicht passiert es dann, wenn wir gelebt haben, wenn wir es geschafft haben die Notwendigkeit hinter uns zu lassen und uns dem Glück öffnen konnten. Vielleicht geht es um nichts weiter als um diesen einen Moment der völligen Hingabe und das Loslassens, inmitten eines permanenten Brauchens und Haben-wollens. Vielleicht geht es einfach um ein Stück der Ewigkeit“, versuchte ich mich anzunähern.
„Ich habe nicht mehr lange, nur noch eine kurze Weile zu leben, sagen meine Ärzte“, eröffnete sie mir.
„Dann bleib doch!“, forderte ich sie auf.
„Ich kann nicht. Es gibt noch viel zu viel zu tun“, sagte sie ernsthaft.