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2201 Wozu bin ich?



Wozu bin ich?


„Ich habe lange nichts von Dir gehört“, sagte sie, und sah ihrer Freundin fest in die Augen. Doch diese wich ihrem Blick beharrlich aus.
„Es war keine Zeit“, entgegnete sie ausweichend, „Du weißt ja wie das ist, mit den Kindern und der Arbeit und dem Haushalt. Und eben mit allem.“
„Ja, das haben wir alle“, hielt sie entgegen, „Doch mal Hallo sagen und erzählen wie es Dir geht. Das wäre doch nicht so schwer. Dazu ist doch Zeit.“
„Meinst Du?“, fragte sie. Endlich lagen die Hände still, und der Blick fokussierte sich auf die Freundin, „Ja, vielleicht. Aber Du hast Dein eigenes Leben. Was hätte Dich das interessiert?“
„Ich dachte wir sind Freunde?“, meinte sie kopfschüttelnd, „Da interessiert man sich eben.“
„Niemand interessiert sich für mich“, erklärte sie hartnäckig, „Was hätte ich Dir sagen sollen? Was hätte ich Dir sagen können, was Dir einen Mehrwert gebracht hätte?

0112 Adventgeschichte (1): Das gewebte Bild


Ankunft im Nirgendwo


Maria von Matialis machte ihrem Namen immer und überall die gebührende Ehre. Martialisch, fest und entschlossen war ihr Auftreten. Niemals ließ sie auch nur den geringsten Zweifel an ihrer Entschlossenheit. Unter normalen Umständen. Aber das waren ganz bestimmt keine normalen Umstände. Nicht nur, dass sie die Stadt mit all ihren Annehmlichkeiten hinter sich gelassen hatte, sie steuerte auch direkt das Nirgendwo an. „Rottal, 81 Einwohner“, spukte es ihr im Kopf herum, „Mein Gott, was will ich dort? Das muss schon ein verdammt großer Batzen Geld sein, dass sich das auszahlt. Umso weiter sie sich von der Großstadt entfernte, desto leerer wurden die Straßen. Sie spürte wie sich ihr der Hals zuschnürte. Selbst der Himmel schien sich immer mehr zu verdüstern, passend zu ihrer Stimmung. In Gmünd hielt sie noch einmal an. Eine letzte Nacht noch in der Zivilisation zu verbringen war ihre Absicht, so weit das für Gmünd überhaupt noch zutraf. Zu ihrer Überraschung fand sie ein passables Hotel. Natürlich war es kein Vergleich zu dem, was sie gewohnt war, aber die Zimmer waren sauber und das Bad angenehm. Während sie im warmen Wasser entspannte, immer wieder an ihrem Sekt nippend, versuchte sie so wenig wie möglich an den nächsten Tag zu denken, der so unausweichlich kam wie die Ebbe nach der Flut. Aber sie fühlte sich gestärkt, als sie nun endgültig den nächsten Schritt tat, hinaus aus einem Ort, der noch halbwegs danach aussah, hinein in die Wildnis. Alles ist zu überstehen, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Sachte schlängelte sich die Straße durch die Landschaft, aber Maria hatte kein Auge für Landschaft, die doch nichts weiter war als die Abwesenheit von zivilisatorischen Eingriffen. Wild und ungezähmt, das war Landschaft. Wenn es nach ihr ginge, so dürfte das auf gar keinen Fall so bleiben, aber im Gegensatz zu den Menschen, die hier wohnten, konnte sie wieder zurück. Ihre Wohnung kam ihr nicht abhanden. „Wie konnte man nur freiwillig hier wohnen?“, schoss es ihr immer wieder durch den Kopf, während sie gehorsam den Anweisungen ihres Navigationsgerätes folgte. Immer seltener wurden die menschlichen Behausungen, und entsprechend der Abstand zwischen dem einen und dem nächsten größer. Nur noch wenige Kilometer, dann würde sie es geschafft haben, aber diese wenigen letzten Kilometer entwickelten sich immer mehr zum Alptraum, denn zu allem Überfluss hatte ein wildes Schneetreiben eingesetzt, so dass die Sicht immer schlechter wurde. Ein heftiger Sturm fegte den Schnee auf die Fahrbahn, so dass Maria gezwungen war langsamer zu fahren. Der Himmel verdunkelte sich. Wo war die Fahrbahn geblieben? Plötzlich blieb das Auto stecken. Verärgert trat sie das Gaspedal durch, ließ den Motor aufheulen, doch die Räder drehten nur durch und wirbelten den Schnee auf. Sonst tat sich nichts. Nach etlichen erfolglosen Versuchen ließ sie sich erschöpft in den lederüberzogenen Sitz sinken. Es war aussichtslos. Was sollte sie tun? Schließlich konnte sie nicht einfach hier bleiben und warten bis der Frühling kam. „Hilfe!“, schoss es ihr durch den Kopf, „Du musst Hilfe holen. Aber woher?“ Dumpf erinnerte sie sich, dass sie an einem Vierkanthof vorbeigekommen war. Obwohl sie keine Ahnung hatte wie lange das her war, entschied sie doch es zu versuchen, denn ein Bauernhof, das bedeutete vermutlich, dass es dort einen Traktor gab, der sie bergen konnte. Gegen den Schnee und den Sturm kämpfend stapfte sie über die menschenleere Landstraße. Die Nässe und die Kälte fraßen sich durch ihre Stiefel und ihre Kleidung. Klatschnass erreichte sie den Hof, während die Dämmerung bereits einsetzte. „Mein Gott, was ist denn mit Dir?“, empfing sie die Bäuerin, sich die Hände an der Schürze trockenwischend in ihrem breiten Waldviertler Dialekt, „Komm mal rein und wärm Dich auf.“ „Das ist sehr freundlich, aber ich muss weiter, und mein Auto, das hängt im Schnee fest“, erklärte Maria rasch. „Das werden wir heute nicht mehr finden“, meinte die Bäuerin kopfschüttelnd, „Wo willst denn hin?“ „Zu meiner Großtante, die wohnt nicht weit von hier“, entgegnete Maria, „Aber was ist mit meinem Auto?“ „Großtante? Das kann nur die Zirbenbäuerin sein“, überlegte die Bäuerin, während sie die Hände resolut in die breiten Hüften stemmte. „Magdalena Zwick heißt sie“, meinte Maria erschöpft. „Ja, sag ich doch. Das ist wirklich nicht weit. Der Luisl wird Dich hinbringen, und wegen dem Auto, das schauen wir uns morgen an“, meinte die Bäuerin mit einer Ruhe, als wäre es eine Kleinigkeit, „Luisl! Komm bring die Dame zur Zirbenbäuerin.“ Auf den Ruf folgten laut vernehmliche Schritte und ein großer, derber Mann erschien im Türrahmen, den er fast vollständig ausfüllte. „Das ist mein Sohn“, erklärte die Bäuerin an Maria gewandt, „So gut er auch bei der Arbeit ist, so langsam ist er im Kopf.“ Damit wandte sie sich ihm wieder zu, „Was ist jetzt?“ „Muss das sein“, erwiderte er langsam. „Ja, das muss sein“, erklärte die Mutter, und so saß Maria wenige Augenblicke später im Führerhaus des Traktors, eingezwängt zwischen der Tür und dem Luisl. Wie froh war sie, als sie ein einsames Gehöft ansteuerten. Mittlerweile war es schon fast dunkel, doch aus den Fenstern strömte ein warmes, einladendes Licht. Niemals hätte sie sich träumen lassen, dass sie einmal dankbar sein würde einfach irgendwo anzukommen, und sei es mitten im Nirgendwo. Dieses Häuschen erschien ihr wie die letzte, unbezwingbare Bastion gegen das Absinken ins Nichts. Da ging die Tür auf und eine schlanke Gestalt erschien. Langsam schritt sie auf den Traktor zu. „Grüß Dich Gott Luisl. Was machst denn hier bei mir bei so einem Wetter?“, fragte die Frau. „Grüß Gott Zirbenbäuerin“, erwiderte der Luisl höflich, „Ich bring Dir da jemanden mit. Die Mutter hats angschafft.“ Langsam schälte sich Maria aus den Winkel der Fahrerkabine, in die sie sich gekauert hatte. „Maria“, strahlte die Zirbenbäuerin, als sie sie erkannte, „Schön, dass Du da bist.“ „Hallo Tante Magdalena!“, gelang es Maria noch zwischen den blau gefrorenen Lippen hervorzupressen. Kurz darauf war sie im Warmen. Das Häuschen war klein aber gemütlich. Da war nicht viel, aber dennoch wirkte es nicht arm, nicht so, wie sie die Armut kannte, heruntergekommen und verwahrlost. Vielmehr war es sauber und gepflegt. Ein warmes Bad stand bereit, und nachdem sie sich darin endlich wieder erwärmt, die nassen Kleider gegen trockene getauscht hatte, saß sie neben ihrer Tante vor dem Kamin und trank in kleinen Schlucken Tee, süßen, kräftigen Tee. Es war ihr, als würde sie zum ersten Mal in ihrem Leben spüren was Wärme ist. Es war gut angekommen zu sein. „Schön, dass Du da bist“, wiederholte die Tante. Das Feuer züngelte im Kamin. Ruhig und bezähmt, und doch voller Kraft. Maria dachte, ihre Tante wirkte, als wäre sie wie dieses Feuer. Sie war angekommen und wusste sich angenommen. Vielleicht war es das, was sie in ihrem Leben immer vermisst hatte, was sie weder in teuren Kleidern noch in sonstigen käuflichen Dingen gefunden hatte, ein Angenommen-sein. Hier am Ende der Welt musste es ihr passieren, mit aller Selbstverständlichkeit. Aber vielleicht war es einfach nur die Erschöpfung, die sie weich werden ließ. Wer konnte das schon so genau wissen. Kurze Zeit später schlief sie ruhig und zufrieden ein. Und es war der erste Tag des Advent und eine weitere Zeile im Webbild, das ihr Leben war. Noch war es nicht zu erkennen, denn es war etwas völlig Neues, was hier seinen Anfang nahm.

2408 Leben um des Lebens willen


Leben um des Lebens willen


Ganz klein war sie noch, doch sie wollte nicht alleine sein, wollte mit mit den Großen, auch wenn sie ihre kurzen Beinchen noch nicht so schnell vorwärtstrugen. Es spielte keine Rolle. Sie gab ihr Bestes. Nur nicht alleine sein. So hoppelte sie hinter den anderen her. Ganz gleich wohin. Auch auf die Straße, wenn es sein musste.

Da war niemand, der sich um sie kümmerte. Das ist vielleicht zu viel gesagt. Dieses Hunderudel hatte wohl ein zu Hause, einen Garten und jemand, der sie fütterte, aber ansonsten waren sie gänzlich sich selbst überlassen. Sie waren einfach da, so wie die Blumen in der Wiese, und sollten sie einmal nicht mehr da sein, so wäre es wohl genau so gut. Ab und an wurde eine Hündin trächtig, gebar Junge und die waren dann eben auch da. Wieder ein paar Hunde mehr zum Durchfüttern. Achselzuckend wurde es zur Kenntnis genommen. Beim letzten Wurf waren es vier Welpen gewesen. Sie war die kleinste, Eigentlich hätte sie es gebraucht, dass sie sich irgendwo anschmiegen konnte. Ab und zu ließ es einer der anderen Hunde zu, doch zumeist wurde sie weggebissen. Schließlich musste sie sich gewöhnen. Und so lief sie hinterher. Immer suchte sie den Anschluss nicht zu verlieren.

An diesem warmen Frühlingstag hatten sie sich auf die Straße gelegt. Der Asphalt war warm und angenehm. Träge lagen sie da, doch immer aufmerksam, bereit bei Gefahr aufzuspringen und davon zu laufen. Sie lag mitten unter ihnen, als sich das Brummen vernehmen ließ und ein Motorrad heranbrauste. Sofort sprangen die Großen auf und waren mit einem Satz davon. Auch sie folgte ihrem Beispiel, doch ihre kurzen Beinchen wollten nicht wie sie. Es wäre nur noch ein einziger Sprung gewesen. Vielleicht hatte sie in der Panik auch einfach die falsche Richtung gewählt, denn da spürte sie auch schon einen stechenden Schmerz in der Seite, als das Vorderrad sie erfasste und zur Seite schleuderte. Wie betäubt blieb sie liegen, während das Motorrad davonstob und sie einfach liegen ließ. So wie ihre Artgenossen. Der Schmerz zog sich nun durch ihren ganzen Körper. Verzweifelt versuchte sie sich auf die Seite zu schieben, weg von der Straße, doch ihre Beine versagten ihr den Dienst. Kläglich winselte sie. So laut sie konnte. Menschen gingen vorüber. Plauderten. Lachten. Blickten ernst drein. Sie winselte. Irgendjemand würde sie hören. Sie hörten sie, doch ließen sie sich nicht beirren. Auch sie nicht, weinte so laut sie konnte.

Keinen Moment lang während der nächsten Stunden, die sie da schwer verletzt auf der Straße lag, keinen einzigen Moment fragte sie nach dem Sinn oder Unsinn ihres Lebens, nach Wert oder Unwert, Notwendigkeit oder Unnotwendigkeit, denn sie wollte nur eines. Leben. Sie fragte nicht, weil es nichts zu fragen gab. Mit aller Kraft, ohne darüber nachzudenken, kämpfte sie um ihr Leben, das gerade erst begonnen, schon zur Neige zu gehen schien. Entgegen all die Ignoranz und die Gleichgültigkeit, die sie umgab, kämpfte sie, und sie würde erst aufhören, wenn sie keine Kraft mehr hätte. Bis zum letzten Atemzug, um ein Leben, das vielleicht nicht hätte sein dürfen, und doch war. Sie wollte leben, weil es sich eben einmal so gefügt war, dass sie hier war und eben dieses Leben hatte. Das verteidigte sie. So wie sie es verstand.

Stunden vergingen, und sie spürte wohl, dass ihre Kräfte schwanden, aber sie ließ sich davon nicht beirren, sondern winselte weiter bis sie menschliche Stimmen vernahmen, die näher kamen, aber sich nicht wieder entfernten, wie all die anderen. Erst da, als sie sich aufgehoben fühlte, erst da schloss sie die Augen und hörte auf zu winseln, denn ihr Leben lag nun in diesen Händen und sie vertraute sich an. Bedingungslos. Sie wusste nicht was sie mit ihr vorhatten, aber sie überantwortete sich fraglos. Denn das Leben fragt nicht. Es ist einfach.