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2601 Wenn der Wahnsinn drei Mal klingelt


Wenn der Wahnsinn drei Mal klingelt


Als der Wahnsinn das erste Mal bei mir klingelte, vor mittlerweile etlichen Jahren, da öffnete ich die Türe, weil es sich nicht gehört nicht zu öffnen, wenn jemand an der Türe steht und Einlass begehrt. Und selbst dem Wahnsinn gegenüber ist Höflichkeit geboten, denn schließlich macht er auch nur seine Arbeit. Ich öffnete, aber ich ließ ihn nicht ein.
„Grüß Gott, Wahnsinn“, grüßte ich, höflich, doch ausweichend, denn obschon ich doch Umgang pflege, weiß ich noch immer nicht genau zu bestimmen, ob der Wahnsinn nun männlich oder weiblich ist. Ich neige ja zu der Ansicht, sowohl als auch, aber wie spricht man ein Sowohl-als auch an? Jedenfalls wollte ich ihm nicht zu nahe treten, so dass ich unbestimmt blieb, jedoch desto bestimmter bei meinem Standpunkt, als ich fortfuhr, „Ich bin noch nicht so weit, Sie zum Tee hereinzubitten.“

2012 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (20):


Der Baum des Lebens


„Komm, lass uns den Christbaum schmücken“, forderte Maria Uwe auf. Voller Unruhe und Vorfreude war sie neben ihm gesessen, hatte den Nachmittagstee schneller als sonst getrunken, mit weniger Bedacht und mehr Eile. Nun saß sie da, brennend darauf, dass auch er endlich den letzten Schluck getan hätte, um endlich diese Worte zu sagen,
„Komm, lass uns einen Christbaum schmücken.“

1812 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (18):


Das Leben atmen


Magdalena betrachtete mit Wohlwollen wie sich das Leben um sie entwickelte. Ganz unschuldig war sie vielleicht nicht. Könnte man sagen. Schließlich hatte sie ihre Nichte eingeladen. Aber das war auch schon alles. Niemals hätte sie sonst diesen Schritt getan, aber jeden der darauf folgte, den hatte Maria aus eigenem Antriebe gesetzt, aus eigener Kraft und Stärke. Magdalena wusste nur allzu gut, dass sich im Leben nichts zwingen lässt.

1012 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (10):


Im Leben verloren


Maria hatte also ihr Lager neben dem der Hunde aufgeschlagen. Trotzdem sie sich wie erschlagen fühlte, fand sie doch keine Ruhe. Unverwandt lauschte sie in die Dunkelheit, aber sie hörte kaum etwas anderes als die ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge von ein paar Lebewesen, von denen sie bis vor wenigen Stunden noch nicht einmal wusste, dass sie auf der Welt waren. Still lag sie da, versuchte Schlaf zu finden. Was war es, das sie so anrührte, dass alles andere plötzlich nebensächlich erschien? Was war geschehen, dass sie in diesem Moment genau wusste, dass es nur eine adäquate Möglichkeit gab zu reagieren? Das Leben selbst hatte sie aufgefordert eine Entscheidung zu treffen. Und Maria hatte sie angenommen. Die Frage war die nach einer Annahme, und ihre Antwort war klar und eindeutig, Ja. Nicht nur in Worten, auch in ihren Gedanken, in ihren Taten, war es reinste Zustimmung. Fokussierend auf diesen Moment des Gebraucht-werdens. Hineingestoßen in eine Situation, in der es nicht mehr abzuwägen gab, sondern eine Hinwendung verlangt wurde, heruntergebrochen auf die existenziellsten aller Bedürfnisse. Nahrung. Zuwendung. Schutz.

0312 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (3):


Das Leben zu be-greifen


„Was nur, was, tut man an so einem gottverlassenen, oder sonst was verlassenem Ort den ganzen Tag? Wie bringt man die Zeit herum?“, hatte sich Maria am ersten Tag, am Tag ihrer Ankunft noch gefragt, doch bereits am nächsten war die Frage verschwunden. In Windeseile war der Tag vergangen, erfüllt mit Tätigkeiten, die unmittelbar Sinn machten, bis sie am Abend, mit einem Buch in der Hand einschlief. Sie konnte sich nicht mehr entsinnen wann sie das letzte Mal so ruhig und gut geschlafen hatte, ohne die anhaltende innere Getriebenheit, die ihr wie ein Feldwebel ständig zurief, sie solle doch verdammt nochmal jeden Moment des Tages nutzen. „Wissen Sie warum Sie eine meiner besten, ja meine beste Studentin sind?“, hörte sie ihren Professor fragen, der immer ständig solche Fragen stellte, um sie auch rundweg selbst zu beantworten. Das war immer der Moment, in dem man die Frischlinge sofort erkannte, denn es waren diejenigen, die meinten, dass die Frage an jemand anderen gerichtet war. Hurtig ergriffen sie das Wort, doch es wurde ihnen sofort deutlich gemacht, dass sie gefälligst den Mund zu halten hatten, wenn der Vorgesetzte sprach. Abmahnende, drohende Blicke durchfuhren wie Säbel den Vorlauten. Jeder hatte es verstanden, bis auf eine Studentin, die sich durch nichts beirren ließ und munter weiter plauderte. „Eine Frage, die man sich selbst beantwortet, ist keine Frage, sondern eine Frotzelei“, erklärte sie, nachdem sie von ihrem Kollegen auf den Fauxpas hingewiesen wurde. Sie hatte das Institut auch schon bald verlassen, und studierte nun Philosophie oder irgend etwas anderes Unnötiges, so weit Maria erfahren hatte. „Sie sind meine beste Studentin“, antwortete der Professor also auf seine eigene Frage, „Weil Sie jede Minute des Tages nutzen, weil Sie 16 Stunden am Tag aktiv sind, deshalb, und weil sie meinen Vorgaben Folge leisten.“ Aufs Höchste mit sich und der Welt und mit sich zufrieden war er während dieses Vortrags auf seinem Schreibtisch gesessen, breitbeinig, während Maria ihm gegenüber auf einem kleinen Stuhl saß. Schon diese Anordnung zeigte die soziale Stellung, die sie einnahmen. Maria musste lächeln, denn zum ersten Mal wurde ihr bewusst wie viel Redundanz es erforderte um diesen Vorgaben zu genügen. Löcher ausheben um sie wieder zuzuschütten. Das war der ganze Sinn. Doch wenn sie hier das Feuer im Kamin entfachte, dann wurde der Sinn unmittelbar ersichtlich. Das Feuer wärmte den Raum, doch anders als eine sterile Elektroheizung, mit einer lebendigen Wärme. „Komm, wir müssen Späne hacken“, forderte Magdalena ihre Nichte auf, nachdem sie das Frühstücksgeschirr abgewaschen hatten. „Aber das kann ich doch nicht“, warf Maria ein, obwohl sie genau wusste, dass es keinen Sinn hatte. „Als Du klein warst konntest Du es“, erwiderte Magdalena lächelnd und ging ihr voran in den Schuppen, der neben dem Haus lag. Der Sturm hatte endlich nachgelassen, so dass die dicken Schneeflocken beschaulich und langsam zur Erde fielen. „Meine Elfen haben ein bisschen zu viel gegessen“, hatte Maria an diesem Morgen gedacht, doch ohne den Gedanken wegschieben zu wollen. Sie ließ ihn gewähren, auch außerhalb ihrer Träume. Die Landschaft ersteckte sich in sanften Hügeln vor ihnen, die mit einer dicken, weißen Decke verhüllt waren. Zaghaft brach die Sonne durch die Wolken und entlockte den Schneekristallen da und dort ein Glitzern. Magdalena drängte nicht, sondern ließ Maria gewähren, als sie merkte, dass sie ihren Blick hinaus in die Welt schickte. Als würde sie zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wirklich hinsehen. Erst als Maria wieder den Blick zurückholte ging Magdalena ihr die wenigen Schritte voran in den Schuppen. An allen Seiten war Holz aufgestapelt. Es würde für diesen Winter reichen, selbst für solch einen langen, wie er am nördlichsten Punkt Österreichs zu herrschen pflegte. „Der Winter fühlt sich wohl bei uns“, pflegte Magdalena zu sagen. Aus irgendeiner Lade in ihrem Gedächtnis war der Satz herausgehüpft, einer Lade, von der Maria noch nicht einmal mehr gewusst hatte, dass sie da war, doch nun war sie entdeckt und sacht nahm Maria ein Stück ums andere heraus. „Aber warum haben wir Späne gehackt, wenn ich doch im Sommer hier war?“, fragte Maria, nachdem sie den Schuppen betreten hatten, der vollgefüllt war mit Feuerholz, so dass sie nicht fürchten musste zu frieren. „Du warst so wissbegierig, so neugierig, wolltest alles mitmachen, alles lernen. Ganz im Gegensatz zu Deiner Schwester, die immer nur herumsaß und sich bedienen ließ. Keinen Schritt setzte sie vor die Türe, aus lauter Angst schmutzig zu werden oder etwas Unsauberes mit den Händen anzugreifen, aber du warst mitten drinnen im Geschehen, beim Versorgen der Tiere, bei den Arbeiten im Gemüsegarten, beim Kochen und eben auch beim Spänehacken, die Dein Großonkel schon für den Winter vorbereitete. Und dann darfst Du nicht vergessen, dass es hier auch im Sommer schon mal recht kalt werden kann. So ist man immer vorbereitet.“ „Und ich bin auch mit ihm in den Wald gegangen?“, fragte Maria weiter. „Ja, das bist Du“, erwiderte Magdalena lächelnd, während sie das erste Holzscheit auf den Pflock stellte und die kleine Hacke zur Hand nahm, „Mein Mann wusste alles über den Wald. Du warst so voller Begeisterung, wenn es Euch gelang etwas zu entdecken, einen Ameisenhaufen, einen Fuchsbau, den Biberdamm.“ „Es war immer so friedlich und harmonisch bei Euch“, hörte sich Maria sagen, während ihr unzusammenhängende Bilder durch den Kopf schossen, vom Naschen aus einem Marmeladeglas, von Schafen auf der Weide, dem hohen Gras, durch das sie lief, bevor es sich dem Schnitter beugen musste, von verstohlenen Sonnenstrahlen, die durch die Bäume fielen und der Hacke in ihrer Hand. Ja, es stimmte, sie waren genau hier gestanden und ihr Großonkel hatte es ihr gezeigt. Ihre Haut war gerötet, vor Eifer und Freude. Schaffen mit den Händen. „Friedlich und harmonisch“, wiederholte sie, als wollte sie sich den Klang der Worte nochmals zu Gemüte führen, „Ganz anders als bei uns zu Hause, wo es immer laut war und nichts herrschte als Unzufriedenheit. Ich wäre so gerne hier geblieben. Irgendwann, so dachte ich damals, würde ich ein Handwerk lernen, Tischler oder Zimmermann und dann könnte ich alles reparieren und ausbessern und die Möbel restaurieren. Das sagte ich auch Onkel Toni, und ich weiß noch, er hat mich angelacht und gemeint, dass das schön wäre, wenn ich bei Euch bliebe.“ „Es wäre schön gewesen“, gab Magdalena zu. „Und dann haben sie uns geholt, mich und Johanna. Johanna war heilfroh, aber ich wollte nicht weg, und da hat mir Mama gesagt, dass ihr uns nicht länger hierhaben wolltet, dass ihr froh wärt, wenn wir endlich wieder weg waren, weil wir für Euch nur eine Belastung waren, das hat sie gesagt“, fuhr Maria fort, die mit einem Mal begriff warum sie diese Erinnerung in eine der untersten Schubladen gesteckt hatte und alles tat um es zu vergessen. Es war ihr beinahe gelungen, so dass nichts weiter blieb als ein bitterer Nachgeschmack. „Ich habe das auch erst viel später erfahren. Irgendwann hat es mir Deine Mutter erzählt, weil sie meinte, wir hätten Dich verdorben“, erzählte Magdalene ungerührt, die mehr auf die Kraft der Taten als die der Worte vertraute, und Maria wusste nun wie es wirklich war, damals, nachdem sie das ganze Bild wiedergefunden hatte. Die Tage voll Sonnenschein und Eintracht und Miteinander, aber auch den Schmerz des Abschieds. „Nie wieder würde ich herkommen, habe ich mir damals geschworen“, fiel es Maria wieder ein, „Ich schwor mir aus dem Elend und der Enge auszubrechen, und den einzigen Weg sah ich darin finanziell unabhängig zu sein, und das hieß für mich so viel Geld zu haben, dass ich von niemanden abhängig war, geschaffen durch meine eigene Arbeit. Dann würde ich glücklich sein, irgendwo in einer großen Stadt, irgendwo inmitten vieler Menschen, die alle ihre eigenen Ziele verfolgen. Aber langsam entdecke ich, dass Unabhängigkeit auch Einsamkeit ist. Wo Misstrauen und Vorsicht dominieren, weil man weiß, dass der andere genauso rücksichtslos agieren würde wie man selbst, da gibt es keine Freundschaft und keinen wirklich menschlichen Kontakt. Immer auf der Hut und immer wachsam. Das wäre das Leben gewesen, das mich erwartet hätte.“ Resolut nahm sie die Hacke in die Hand, die ihr Magdalena reichte, setzte sie an, hieb leicht in das Holz um eine kleine Kerbe zu erhalten, um danach den Scheit hochzuheben und ihn mit voller Wucht auf den Pflock donnern zu lassen, so dass der erste Span herunterfiel. „Siehst Du, Du kannst es“, sagte Magdalena lächelnd, und das Webschiffchen fuhr durch die Bänder eine neue Reihe zu bilden auf dem Webbild des Lebens, eine besondere Reihe, denn sie schloss in sich Bilder aus einem früheren Teil des Gesamtbildes, und es war der dritte Tag des Advent.

0111 Allerheiligen

Allerheiligen

"Heute sind wir auf dem Friedhof gewesen", erzählst Du, nachdem Du Dich neben mich gesetzt hast, und der Nebel legt sich in sanften Schleiern um die Welt.
"Warum wart ihr heute auf dem Friedhof?", frage ich, und blase eine allzu kecke Nebelschwade fort.
"Weil Allerheiligen ist, und da geht man auf den Friedhof", antwortest Du.
"Und deshalb wart ihr auch dort, nur deshalb?", frage ich weiter.
"Vielleicht, aber es ist auch, ich mag Friedhöfe. Es ist so ruhig und besinnlich dort. Einer der letzten Orte auf dieser Welt, an dem es keine Hintergrundbeschallung, keine marktschreierischen Werbeeinschaltungen gibt. Ich denke daran, dass ich auch einmal hier liegen werden, und das beruhigt mich", sagst Du nachdenklich.
"Warum beruhigt es Dich?", frage ich erstaunt.
"Weil ich sicher sein kann, dass es uns allen so geht, dass jeder von uns einmal hier liegen wird und endlich Ruhe gibt, die, die meinen, dass die Welt sich ohne sie nicht weiterdreht genauso wie die, die niemand vermissen wird. Ich sehe mir die Gräber an, die namenlosen und die, um die sich schon lange niemand gekümmert hat. Nicht vermisst zu werden - es ist gut zu wissen, dass das Leben weitergeht, einfach so, ob mit mir oder ohne mich", sagst Du sinnend.
"Nicht vermisst zu werden ist doch schlimm, ist doch, als hätte ich keine Spuren hinterlassen", sage ich.
"Wäre es Dir lieber zu wissen, dass es jemanden gibt, nur einen gibt, der sich grämt, weil Du nicht mehr bist, der in Kummer und Leid verhaftet bleibt? Willst Du das?", fragst Du.
"Nein, das möchte ich nicht, natürlich nicht, aber so ganz und gar verschwinden ...", entgegne ich.
"Wir gedenken der Toten, einmal im Jahr, besuchen den Friedhof, zumindest einmal im Jahr, doch wie viel kümmern wir uns um die Lebenden. Wie viel Zeit nehmen wir uns für die Menschen, die jetzt um uns sind und für die wir wichtig sein können, die wir befördern und die wir stützen können, mit denen wir lachen und das Leben genießen können? Wie viel Zeit nehmen wir uns füreinander?", fragst Du.
"Aber die Toten, die die uns vorangegangen sind, die haben Anteil an dem was wir sind. Die, die mit uns gingen und jetzt nicht mehr, haben uns gestützt und befördert, haben mit uns gelacht und das Leben genossen. Da ist es doch nur recht und billig, dass wir ihrer gedenken!", entgegne ich.
"Tun wir das nicht viel besser, indem wir das, was wir geschenkt bekamen, weitergeben, indem wir im Miteinander sind und uns verbinden? Können wir das nicht jeden Tag tun, indem wir uns entfalten und unsere Gaben und Talente nutzen, uns einander schenken? Tun wir das nicht viel besser, indem wir einfach leben?", fragst Du und suchst meinen Blick.
"Dann lass uns leben, lieben, atmen, zusammen sein, lachen, weinen, stützen, verbinden, betören, verführen und berühren", sage ich, Deinem Blick begegnend.
Und Du nimmst meine Hand und mich mit, mitten hinein ins Leben.

2408 Leben um des Lebens willen


Leben um des Lebens willen


Ganz klein war sie noch, doch sie wollte nicht alleine sein, wollte mit mit den Großen, auch wenn sie ihre kurzen Beinchen noch nicht so schnell vorwärtstrugen. Es spielte keine Rolle. Sie gab ihr Bestes. Nur nicht alleine sein. So hoppelte sie hinter den anderen her. Ganz gleich wohin. Auch auf die Straße, wenn es sein musste.

Da war niemand, der sich um sie kümmerte. Das ist vielleicht zu viel gesagt. Dieses Hunderudel hatte wohl ein zu Hause, einen Garten und jemand, der sie fütterte, aber ansonsten waren sie gänzlich sich selbst überlassen. Sie waren einfach da, so wie die Blumen in der Wiese, und sollten sie einmal nicht mehr da sein, so wäre es wohl genau so gut. Ab und an wurde eine Hündin trächtig, gebar Junge und die waren dann eben auch da. Wieder ein paar Hunde mehr zum Durchfüttern. Achselzuckend wurde es zur Kenntnis genommen. Beim letzten Wurf waren es vier Welpen gewesen. Sie war die kleinste, Eigentlich hätte sie es gebraucht, dass sie sich irgendwo anschmiegen konnte. Ab und zu ließ es einer der anderen Hunde zu, doch zumeist wurde sie weggebissen. Schließlich musste sie sich gewöhnen. Und so lief sie hinterher. Immer suchte sie den Anschluss nicht zu verlieren.

An diesem warmen Frühlingstag hatten sie sich auf die Straße gelegt. Der Asphalt war warm und angenehm. Träge lagen sie da, doch immer aufmerksam, bereit bei Gefahr aufzuspringen und davon zu laufen. Sie lag mitten unter ihnen, als sich das Brummen vernehmen ließ und ein Motorrad heranbrauste. Sofort sprangen die Großen auf und waren mit einem Satz davon. Auch sie folgte ihrem Beispiel, doch ihre kurzen Beinchen wollten nicht wie sie. Es wäre nur noch ein einziger Sprung gewesen. Vielleicht hatte sie in der Panik auch einfach die falsche Richtung gewählt, denn da spürte sie auch schon einen stechenden Schmerz in der Seite, als das Vorderrad sie erfasste und zur Seite schleuderte. Wie betäubt blieb sie liegen, während das Motorrad davonstob und sie einfach liegen ließ. So wie ihre Artgenossen. Der Schmerz zog sich nun durch ihren ganzen Körper. Verzweifelt versuchte sie sich auf die Seite zu schieben, weg von der Straße, doch ihre Beine versagten ihr den Dienst. Kläglich winselte sie. So laut sie konnte. Menschen gingen vorüber. Plauderten. Lachten. Blickten ernst drein. Sie winselte. Irgendjemand würde sie hören. Sie hörten sie, doch ließen sie sich nicht beirren. Auch sie nicht, weinte so laut sie konnte.

Keinen Moment lang während der nächsten Stunden, die sie da schwer verletzt auf der Straße lag, keinen einzigen Moment fragte sie nach dem Sinn oder Unsinn ihres Lebens, nach Wert oder Unwert, Notwendigkeit oder Unnotwendigkeit, denn sie wollte nur eines. Leben. Sie fragte nicht, weil es nichts zu fragen gab. Mit aller Kraft, ohne darüber nachzudenken, kämpfte sie um ihr Leben, das gerade erst begonnen, schon zur Neige zu gehen schien. Entgegen all die Ignoranz und die Gleichgültigkeit, die sie umgab, kämpfte sie, und sie würde erst aufhören, wenn sie keine Kraft mehr hätte. Bis zum letzten Atemzug, um ein Leben, das vielleicht nicht hätte sein dürfen, und doch war. Sie wollte leben, weil es sich eben einmal so gefügt war, dass sie hier war und eben dieses Leben hatte. Das verteidigte sie. So wie sie es verstand.

Stunden vergingen, und sie spürte wohl, dass ihre Kräfte schwanden, aber sie ließ sich davon nicht beirren, sondern winselte weiter bis sie menschliche Stimmen vernahmen, die näher kamen, aber sich nicht wieder entfernten, wie all die anderen. Erst da, als sie sich aufgehoben fühlte, erst da schloss sie die Augen und hörte auf zu winseln, denn ihr Leben lag nun in diesen Händen und sie vertraute sich an. Bedingungslos. Sie wusste nicht was sie mit ihr vorhatten, aber sie überantwortete sich fraglos. Denn das Leben fragt nicht. Es ist einfach.

2008 Eine Welt voller magischer Momente


Eine Welt voller magischer Momente


Es gab eine Zeit, da hatte ich es immer eilig. „Carpe diem – nutze den Tag“, das war mein Motto, tagtäglich, Stunde um Stunde. Zunächst ließ ich noch die Wochenenden aus und die Feiertage, doch dann dachte ich darüber nach und wusste nicht warum eigentlich. Auch diese waren angetan produktiv zu sein. Was sollte mich abhalten? Alles verlorene Zeit, wenn sie nicht produktiv genutzt wurde. Aber da ging immer noch ein wenig mehr. Ein bisschen früher aufstehen, ein bisschen später schlafen gehen. Unproduktive Dinge, die notwendig waren auf ein Minimum reduzieren, Essen, Körperpflege, Entspannung, Vergnügen. Wer braucht denn das? Und nachdem nicht mehr mehr herauszuholen war aus der verfügbaren Zeit, da kam mir der Gedanke, diese Zeit einfach noch effektiver zu nutzen. Alles musste noch schneller gehen, wortwörtlich, auch das Gehen. Und aus dem Gehen wurde ein Laufen. Eiltempo. Weder links noch rechts schauen. Immer schneller. Fokussiert auf das Wesentliche. Das zu Erledigende. Sonst nichts. Alles war Zu-Erledigendes. Alles musste geschafft werden. Keine Zeit zu Lachen. Keine Zeit Innezuhalten. Und der Berg den ich abtrug schien nicht kleiner, sondern immer größer zu werden, von Tag zu Tag. Der Gipfel lag im Nebel, aber der interessierte mich schon lange nicht mehr, denn ich sah gerade das Stück, das vor mir lag. Keinen Zentimeter weiter. Eingeschränkte Sicht. Die Scheuklappen immer enger schnüren. Es war wie ein Wahn. Zeit sparen, um sie noch mehr zu füllen. Taktung. Fließbandtätigkeit ohne Fließband. Letztes Mal habe ich vier Minuten für etwas gebraucht. Das müsste doch auch in drei Minuten möglich sein. Und das war das nächste Ziel. Ich fühlte mich immer ausgelaugter und elender. Von Spaß war keine Rede mehr. Nur mehr Erledigen, Tätig-sein. Das Leben ist nun mal kein Kindergeburtstag. Es ist harte Arbeit. Tag für Tag. Und wenn ich einmal gezwungen war einfach dazusitzen und nichts zu tun, dann war ich im Geiste beim Tätig-sein. Der Genuss ging verloren und auch das Lachen. Alles Verschwendung. Schlafen kannst Du auch noch, wenn Du tot bist. Sehr reichlich sogar. Und wenn es wirklich nicht mehr ging, dann schmiss ich eben eine Tablette ein. Nichts Ernstes. Bloß so kleine Dinger aus der Apotheke. Kann ja nicht schaden, wenn sie noch nicht mal rezeptpflichtig sind. Und dann ging es wieder eine Weile. Doch dann kam der Tag, da nutzten auch die Tabletten nicht mehr. So sehr ich auch wollte, mein Körper ließ mich nicht mehr. Zu schwach mich aus dem Bett zu bewegen. Vier Wochen Krankenhaus. Gezwungene Ruhe. Schlafen und müde sein. Zwei Operationen. Kein Appetit. Nur Angst. Was sollte werden. Sollte das nun das Ende sein? Und wenn es das war, war es dann zumindest so, dass ich sagen hätte können, dass es ein gelebtes Leben war? Alles versank in die Bedeutungslosigkeit. Wenn ich es nicht getan hätte, dann hätte es weder den Lauf der Welt verändert noch sonst irgendwelche dramatischen Auswirkungen gehabt. Aber ich dachte plötzlich daran wie oft Du versucht hattest mich zu erreichen. Du hattest Dich zu mir gesetzt, einfach so und es war so selbstverständlich, mehr als das, es war mir lästig. Und ich habe es nicht zugelassen, dass ich die Freude erlebe, dass Du da bist. Nichts weiter. Du wolltest mich mitnehmen in Deine Gedanken, doch ich konnte nicht mitgehen. Ich hatte zu tun. Oder in die Sterne schauen. Oder die Blume im Garten, die frisch erblüht war oder das Lachen der Kinder. Alles war verstummt. Ich sah die Welt neu, aus dem Fenster meines Krankenbettes, da war der Himmel in seinem Farbenspiel, der Herbst in all seiner Pracht. Ich dachte an Deine Augen und an Deine Hand, an unser Miteinander, das ich nicht mehr wahrnahm. Ich sah den Trost, den ich in Deinen Armen fand und das Lachen, das wir uns schenkten, wenn wir uns einfach fallen ließen. Plötzlich war sie wieder da, diese Welt, die voll war mit magischen Momenten. Und ich war dankbar, dass ich gezwungen war innezuhalten. Da war ein Grund um hier zu sein, noch nicht zu sterben. Ich wollte leben, um zu leben. Und die Welt zu entdecken, jeden Tag aufs Neue, mit Dir an meiner Seite. Und wenn ich heute meine Hand um Deine schließe, dann bin ich da und spüre, dass es gut tut und mir Kraft schenkt. Vielleicht bin ich weniger produktiv – aber auf jeden Fall lebendiger.

0208 Nimm mich wie ich werde


Nimm mich wie ich werde


„Ich gehe zum Lernkreis“, sage ich kurz, während ich meine Tasche nochmals durchstöbere um zu sehen, ob ich eh alles mithabe was ich brauche.
„Wohin gehst Du?“, fragst Du, als Du Dich nun doch entschließt den Blick vom Fernseher abzuwenden, „Und was ist mit Abendessen. Und überhaupt, jetzt bin ich gerade eben nach Hause gekommen und Du gehst schon wieder.“
„Ja, aber Du schaust eh fern, und während Du das machst, mache ich normalerweise was anderes. Es müsste eigentlich egal sein“, merke ich kopfschüttelnd an.
„Nein, ist es nicht, denn dann weiß ich, dass Du da bist, und das ist gut. Das genügt mir“, erklärst Du, während Du die Arme vor der Brust verschränkst. Wie ein kleines, bockiges Kind schießt es mir durch den Kopf.
„Ich bin ja in zwei Stunden wieder da, und dann essen wir eben mal ein wenig später“, sage ich dennoch ernst, so weit es mir möglich ist.
„Aber ich habe Hunger, und vor allem, was soll das jetzt werden, mit dem dauernd irgendwo helfen. Früher hast Du Dich auch nur um mich gekümmert und es war Dir genug!“, und jetzt liegt er offen zu Tage der Trotz, doch es nutzt nichts, ich möchte doch, dass Du mich verstehst.
„Ja, früher, vielleicht war es mir genug, oder ich wusste es einfach noch nicht, dass es viel zu tun gibt und man viel bewirken kann, auch mit kleinen Einsätzen“, sage ich beschwichtigend.
„Aber ich kenne Dich kaum wieder mit dem ständigen sozialen Engagement. Ich habe Dich so genommen wie Du bist, doch nun bist Du nicht mehr wie Du bist“, meinst Du traurig, „Ich kenne Dich kaum wieder.
„Das stimmt, Du hast mich so genommen wie ich bin, mit allen Macken und Fehlern, aber Menschen entwickeln sich weiter, und wenn man jemanden liebt, dann respektiert man das. Ich entwickle mich weiter und finde näher zum Sinn, den mein Leben haben könnte. Du entwickelst Dich weiter. Alle“, versuche ich zu beschwichtigen.
„Nein, ich nicht. Es ist auch nicht notwendig, nicht sinnvoll. Menschen ändern sich nicht. Sie bleiben wie sie sind. Und das ist auch gut so. Man kann sich ja auf gar nichts mehr verlassen“, erklärst Du, und es kommt mir vor, als würde gerade ein Teil Deiner Welt zusammenbrechen.
„Auch Du, denn die Aufgaben ändern sich, und damit der Mensch. Er wächst daran“, versuche ich zu erklären.
„Bei mir passt alles. Ich habe alles. Gehe arbeiten. Irgendwann in Pension. Alles ist gut. Ich brauche keine Veränderung“, sagst Du schlicht, „Aber Du, Du bist nie mit etwas zufrieden, meinst immer die Welt verändern zu wollen. Früher hat es auch genügt, das Haus und der Urlaub. Wir.“
„Ich bin zufrieden, sehr sogar, vor allem, dass ich die Möglichkeit habe jetzt anderen zu helfen, die nicht diese Möglichkeiten haben“, entgegne ich kurz.
„Also Dich um mich zu kümmern ist Dir also zu wenig Aufgabe?“, fragst Du herausfordernd.
„Du sagtest doch gerade, Du hättest alles was Du willst. Was bitte soll ich mich da kümmern?“, frage ich nun meinerseits.
„Ich will Dich halt einfach nehmen können wie Du bist. Denn das ist der größte Liebesbeweis!“, fasst Du die Sprücherlweisheit zusammen.
„Der größte Liebesbeweis ist jemand so zu nehmen wie er ist, an jedem Tag neu. Es ist die Zusage jemanden zu begleiten auf dem Weg zu werden, seine Potentiale und Möglichkeiten und Talente zu entwickeln, und auf jedem Punkt dieses Weges zu nehmen wie er an diesem Punkt gerade ist, und nicht einen Moment einzufrieren. Das würde bedeuten den Menschen der Lebendigkeit zu entreißen und auf einen bestimmten Status Quo festzunageln“, präzisiere ich.
„Aber ich will Dich so wie Du bist und liebe Dich so wie Du bist!“, bleibst Du beharrlich.
„Du willst mich so wie ich war und liebst mich so wie ich war“, halte ich entgegen, „Eigentlich schade.“

1209 Ich wünsche mir ein Ringelspiel


Ich wünsche mir ein Ringelspiel


„Wunderbar hast Du meine Welt gestaltet“, sage ich sinnend, nachdem wir sie durchgangen waren.
„Hast Du es denn schon wieder vergessen? Nicht ich habe sie gestaltet, wir haben das getan, gemeinsam, dem Chaos sprechend enthoben“, entgegnest Du.
„Stimmt, ich erinnere mich. Den Mond und die Burg und den See und den Steg und den Weg, nur nicht die Blaue Blume“, sage ich.
„Die Blaue Blume zeigt sich wann und wo sie will. Sie lässt sich nicht zwingen, wie sich die meisten wesentlichen Dinge des Lebens nicht zwingen lassen“, meintest Du nachdenklich.
„Es ist wirklich alles wunderbar, so wie wir es wollten, und es ist ein Ort geworden, an dem es möglich ist sich frei zu fühlen, weit und lebendig“, sage ich.
„Eine ganz eigene magische Wirkung hat er, dieser Ort, und wenn ich nicht da sein kann, dann sehne ich mich danach“, ergänzt Du.
„Nur noch eines fehlt mir, dann ist sie vollständig“, sage ich.
„Und was könnte das sein?“, fragst Du.
„Ich wünsche mir ein Ringelspiel!“, antworte ich sehnsüchtig.
„Ein Ringelspiel?“, fragst Du ungläubig.
„Ja, ein Ringelspiel. Du weißt schon, so eines wie es sie auf fast jedem Spielplatz gibt, so eines mit einer Bank rundherum und mit einer Scheibe in der Mitte zum Drehen“, erkläre ich.
„So ein Ringelspiel wünschst Du Dir also? Wozu brauchst Du bloß ein Ringelspiel? Bist Du denn nicht schon ein wenig zu alt dafür?“, fragst Du entgeistert.
„Wenn Du auf diesem Ringelspiel sitzt und drehst, immer und immer weiter, wenn der Wind durch Deine Haare streift und sie fliegen lässt, und wenn Du Dich dann nach hinten lehnst und Dich einfach drehen lässt, mit geschlossenen Augen, dann ist es, als würdest Du fliegen, fliegen ohne abzustürzen“, erkläre ich.
„Ein nettes kleines Vergnügen“, bestätigst Du nachdenklich.
„Und eines für das man nie zu alt wird. Oder ist man irgendwann zu alt um zu spielen, Freude zu haben einfach um der Freude willen, zu Lachen einfach um des Lachens willen, und weil das Leben nicht immer ernst sein muss“, setze ich nach.
„Du hast recht. Die Welt aus der Perspektive der Zweckfreiheit sehen, die Welt mit all den großen und kleinen Wundern, sie einfach wirken lassen ohne nach einem Warum zu fragen“, ergänzt Du.
„Und zu springen, zu laufen,  zu tanzen, Hand in Hand mit Dir“, sage ich, und lächle Dich an.
„Nie zu alt zu spielen. Gut, Du sollst Dein Ringelspiel haben. Darf ich dann auch mal mitfahren?“, fragst Du kleinlaut.
„Wenn Du nicht doch schon zu alt bist ...“, necke ich Dich.
„Na warte, Du freche Göre!“, sagst Du lachend und versuchst mich zu haschen, doch ich springe auf.
„Schnapp mich doch, wenn Du kannst“, sage ich herausfordernd und schon setzt Du hinter mir her. Kreuz und quer jagst Du mich über die Wiese, bis wir atemlos und lachend niedersinken.
„Du siehst, wir brauchen ein Ringelspiel“, sage ich abschließend.
„Ja, unbedingt“, bestätigst Du.

1109 Das Glück und die Notwendigkeit


Das Glück und die Notwendigkeit


Still saß sie neben mir am Steg und betrachtete den Mond. Sie war lange nicht mehr hiergewesen, sehr, sehr lange.

„Ich weiß nicht was es ist, aber dieser Ort hier, der tut etwas mit mir“, sagte sie unvermittelt.
„Was tut er mit Dir?“, fragte ich interessiert.
„Er macht mich ruhig und gelassen, ausgeglichen und heiter. Wenn ich die andere Welt hinter mir lasse, dann auch all meine Begrenztheit. Es ist nicht einfach so, dass die Probleme und Sorgen drüben blieben, aber es ist, als könnte ich sie hier in einen weiteren Kontext stellen und dadurch wirken sie nicht mehr so bedrohlich“, sagte sie.
„Das macht der Mond, und Du spürst, dass hier keine Erwartungen an Dich gestellt werden“, versuchte ich eine Annäherung.
„Keine Erwartungen ... Stimmt, ich komme an, nach langer, langer Zeit wieder. Sonst würde ich mir wahrscheinlich die eine oder andere Ausrede zurechtlegen warum ich so lange nicht da war, nur für den Fall, dass die vorwurfsvolle Frage käme, doch bei Dir ist es nicht notwendig. Du freust Dich, dass ich da bin, egal ob ich jeden Tag komme oder alle zehn Jahre. Immer fühle ich mich willkommen“, sagte sie nachdenklich.
„Es ist auch gut, dass Du da bist. Macht es denn irgendeinen Sinn an Dein Nicht-hier-Gewesen-sein irgendeinen Gedanken zu verschwenden. Nein, ich bleibe und bin hier bei Dir, so wie Du bei mir“, ergänzte ich.
„Eine eigentümliche Magie geht von diesem Ort aus, so als ob sich alle Notwendigkeit verflüchtigen würde. Ich kann hier sitzen, in den Mond sehen und einfach nichts tun“, meinte sie weiter.
„Es ist der Mond und die Nacht und die Weite des Glücks. Wo das Glück lebt hat die Notwendigkeit ausgedient, denn das Glück ist ohne Notwendigkeit, ist purer Luxus. Am Ende der Fragen und des Wünschens, steht das Glück für sich, in aller Fülle“, sagte ich.
„Aber was ist denn wirklich notwendig?“, fragte sie unvermittelt.
„Nichts, eigentlich nichts, in diesem Spiel, das Leben heißt“, antwortete ich.
„Nein, das Leben ist kein Spiel, es ist bitterer Ernst!“, sagte sie nachdrücklich.
„Es hat einen Anfang und ein Ende. Wir haben weder mit dem Anfang noch mit dem Ende was zu tun. Reinste Willkür setzt uns hinein und holt uns wieder heraus. Und da soll es kein Spiel sein?“, entgegnete ich.
„Wenn es ein Spiel wäre, so eines, bei dem der Mensch nur verlieren kann“, erwiderte sie.
„Warum? Kann es nicht auch heißen, dass wir gewonnen haben, wenn wir aus dem Spiel herausgenommen werden, dass wir es gut gemacht haben?“, fragte sie weiter.
„Wer sollte das beurteilen, ob wir es gut gemacht haben? Wer legt die Maßstäbe zurecht? Vielleicht passiert es dann, wenn wir gelebt haben, wenn wir es geschafft haben die Notwendigkeit hinter uns zu lassen und uns dem Glück öffnen konnten. Vielleicht geht es um nichts weiter als um diesen einen Moment der völligen Hingabe und das Loslassens, inmitten eines permanenten Brauchens und Haben-wollens. Vielleicht geht es einfach um ein Stück der Ewigkeit“, versuchte ich mich anzunähern.
„Ich habe nicht mehr lange, nur noch eine kurze Weile zu leben, sagen meine Ärzte“, eröffnete sie mir.
„Dann bleib doch!“, forderte ich sie auf.
„Ich kann nicht. Es gibt noch viel zu viel zu tun“, sagte sie ernsthaft.