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19.11. Zeiten-wende


Die Zeiten ändern sich, und das scheinbar immer schneller, dank des technischen Fortschritts. Das einzige Problem ist, dass der Mensch sich nicht ändert. Immer bleibt er gleich – mit menschlichem Gehirn und menschlichen Taten. Ohne Bewertung.

Seit zwei Millionen Jahren – genauer ist es leider nicht zu bekommen – bevölkert jetzt der Mensch die Erde. Zuerst, so darf man sich das mal vorstellen, unbedeutend und klein, vor allem im Vergleich zu den übermächtigen Dinosauriern, aber auch in der Anzahl. Hier und da wird es wohl passiert sein, dass man einem dieser Spezies begegnet ist, aber der Großteil der Erde war noch menschenfrei. Es menschelte noch nicht. Störte wohl auch nicht weiters, weder, dass es ihn gab noch, dass es ihn nur in so geringem Ausmaß gab. Das war die eigentliche narzisstische Kränkung des Menschen.

Denn da war keiner, der in Freudenjubel ausbrach wegen seiner bloßen Anwesenheit und niemand kam mit Kuchen zum Geburtstag, mit der ersten Kerze. Da wird sich wohl der erste Mensch gedacht haben: „Eines Tages, da werde ich die Welt beherrschen und dann werdet ihr blöden Dinosaurier ausgestorben sein und ich werde mir alles Erdreich Untertan machen.“ Da ging ein Lachen durch die Lande, und dieses Lachen, in das alle einstimmten, verbreitete eine solche Druckwelle, dass auf der Stelle alle Dinosaurier tot umfielen. Und das ist die ganze, nüchterne Wahrheit.

Doch was machte der Mensch damals, außer Essen besorgen, schlafen und sich fortpflanzen? Nichts, würde ich sagen. Er arbeitete heiße zwei Stunden pro Tag, und gab sich ansonsten dem Müßiggang hin. Doch er wollte mehr, und dann, seit der Erfindung des Rades, ging es Schlag auf Schlag. Vor allem wohl wegen der großen Disziplin bei der Fortpflanzung, Eine Erfindung folgte der anderen, Krieg um Krieg wurde erfochten, weil man dem Fortpflanzungswillen nicht eindämmen wollte und demzufolge immer mehr Land benötigte. Dann konnten die Lebensmittel gehortet werden, und das gipfelte in der Erfindung des Kühlschranks.

Und was tut der Mensch heute? Essen besorgen, indem er dafür arbeiten geht, schlafen und sich fortpflanzen. Dafür allein bräuchte er wahrscheinlich auch nicht mehr als zwei Stunden am Tag zu arbeiten, aber er muss ja all die Dinge mitbedenken, die rundherum noch vorhanden sind, sie zu erhalten und in Betrieb zu halten. Dabei ist es doch nur Beiwerk. Nichts hat sich geändert, nichts am Menschen, außer dem technischen Rundherum und die scheins unendlichen Möglichkeiten, die er einzig und allein dazu benutzt alles zu unterwerfen und mit seinen Abfällen zuzumüllen. So hat er seine Ankündigung von dereinst wahr gemacht.

Immer weiter ging der sogenannte Fortschritt voran, der den Hunger überwinden half, damit wieder Millionen Menschen verhungern, der den direkten Kampf Mann gegen Mann überwinden half, damit wir auf die Ferne töten können und der die sozialen Ungleichheiten immer mehr vertiefte. So viele Fortschritte, nur der Mensch entwickelte sich nicht weiter.

Vielleicht wäre es Zeit für eine echte Zeiten-wende, Zeit, dass wir dem technischen Fortschritt folgen und in unserem Mensch-sein fortschreiten, der ohne Wenn und Aber für die Menschenrechte eintritt, egal für wen, egal wo, der sich gegen Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zur Wehr setzt und endlich versteht, dass die Welt eine Einheit bildet, eine Kugel, ohne Anfang und Ende.

Zeiten-wende, heißt einander zuzuwenden und zu verstehen, anzunehmen, ohne Einschränkungen und Abstriche.

Zeiten-wende hin zu einem Mensch-sein, das den Namen auch verdient.

Und die Welt, die retten wir dann ganz nebenbei, ohne dass wir darüber auch noch extra nachdenken müssten, denn dann passiert es einfach.

0208 Nimm mich wie ich werde


Nimm mich wie ich werde


„Ich gehe zum Lernkreis“, sage ich kurz, während ich meine Tasche nochmals durchstöbere um zu sehen, ob ich eh alles mithabe was ich brauche.
„Wohin gehst Du?“, fragst Du, als Du Dich nun doch entschließt den Blick vom Fernseher abzuwenden, „Und was ist mit Abendessen. Und überhaupt, jetzt bin ich gerade eben nach Hause gekommen und Du gehst schon wieder.“
„Ja, aber Du schaust eh fern, und während Du das machst, mache ich normalerweise was anderes. Es müsste eigentlich egal sein“, merke ich kopfschüttelnd an.
„Nein, ist es nicht, denn dann weiß ich, dass Du da bist, und das ist gut. Das genügt mir“, erklärst Du, während Du die Arme vor der Brust verschränkst. Wie ein kleines, bockiges Kind schießt es mir durch den Kopf.
„Ich bin ja in zwei Stunden wieder da, und dann essen wir eben mal ein wenig später“, sage ich dennoch ernst, so weit es mir möglich ist.
„Aber ich habe Hunger, und vor allem, was soll das jetzt werden, mit dem dauernd irgendwo helfen. Früher hast Du Dich auch nur um mich gekümmert und es war Dir genug!“, und jetzt liegt er offen zu Tage der Trotz, doch es nutzt nichts, ich möchte doch, dass Du mich verstehst.
„Ja, früher, vielleicht war es mir genug, oder ich wusste es einfach noch nicht, dass es viel zu tun gibt und man viel bewirken kann, auch mit kleinen Einsätzen“, sage ich beschwichtigend.
„Aber ich kenne Dich kaum wieder mit dem ständigen sozialen Engagement. Ich habe Dich so genommen wie Du bist, doch nun bist Du nicht mehr wie Du bist“, meinst Du traurig, „Ich kenne Dich kaum wieder.
„Das stimmt, Du hast mich so genommen wie ich bin, mit allen Macken und Fehlern, aber Menschen entwickeln sich weiter, und wenn man jemanden liebt, dann respektiert man das. Ich entwickle mich weiter und finde näher zum Sinn, den mein Leben haben könnte. Du entwickelst Dich weiter. Alle“, versuche ich zu beschwichtigen.
„Nein, ich nicht. Es ist auch nicht notwendig, nicht sinnvoll. Menschen ändern sich nicht. Sie bleiben wie sie sind. Und das ist auch gut so. Man kann sich ja auf gar nichts mehr verlassen“, erklärst Du, und es kommt mir vor, als würde gerade ein Teil Deiner Welt zusammenbrechen.
„Auch Du, denn die Aufgaben ändern sich, und damit der Mensch. Er wächst daran“, versuche ich zu erklären.
„Bei mir passt alles. Ich habe alles. Gehe arbeiten. Irgendwann in Pension. Alles ist gut. Ich brauche keine Veränderung“, sagst Du schlicht, „Aber Du, Du bist nie mit etwas zufrieden, meinst immer die Welt verändern zu wollen. Früher hat es auch genügt, das Haus und der Urlaub. Wir.“
„Ich bin zufrieden, sehr sogar, vor allem, dass ich die Möglichkeit habe jetzt anderen zu helfen, die nicht diese Möglichkeiten haben“, entgegne ich kurz.
„Also Dich um mich zu kümmern ist Dir also zu wenig Aufgabe?“, fragst Du herausfordernd.
„Du sagtest doch gerade, Du hättest alles was Du willst. Was bitte soll ich mich da kümmern?“, frage ich nun meinerseits.
„Ich will Dich halt einfach nehmen können wie Du bist. Denn das ist der größte Liebesbeweis!“, fasst Du die Sprücherlweisheit zusammen.
„Der größte Liebesbeweis ist jemand so zu nehmen wie er ist, an jedem Tag neu. Es ist die Zusage jemanden zu begleiten auf dem Weg zu werden, seine Potentiale und Möglichkeiten und Talente zu entwickeln, und auf jedem Punkt dieses Weges zu nehmen wie er an diesem Punkt gerade ist, und nicht einen Moment einzufrieren. Das würde bedeuten den Menschen der Lebendigkeit zu entreißen und auf einen bestimmten Status Quo festzunageln“, präzisiere ich.
„Aber ich will Dich so wie Du bist und liebe Dich so wie Du bist!“, bleibst Du beharrlich.
„Du willst mich so wie ich war und liebst mich so wie ich war“, halte ich entgegen, „Eigentlich schade.“