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0502 Stille

Stille


Erfahrungen sind unhintergehbar. Be-Gegnungen verändern Dich, und diese Veränderung ist unumkehrbar. Will ich die Be-Gegnung, so muss ich ganz wollen, mich ganz darauf einlassen und mich ganz darin verlieren. Mache ich Abstriche von dieser Ganzheit, so geschieht auch die Be-Gegnung nicht Es ist ein mit offenen Augen in einen schwarzen Bergsee springen, mit dem Kopf voran, denn das Du ist die Unergründlichkeit.

3001 Weil Du nicht mehr da bist


Weil Du nicht mehr da bist


Ich lache nicht mehr. Es gibt nichts mehr zu lachen. Kein Recht und keine Begründung. Als wäre es infam und teilnahmslos. Oder einfach nur gedankenlos. Weil Du nicht mehr da bist und mein Lachen mit Dir ging. Und doch, ich werde wieder lachen, denn ich werde mich ertappen, dass Momente auftauchen, die einen Hauch von Dir mit sich tragen, ein Bild und eine Begebenheit, in der wir das Lachen teilten. Dann werde ich lachen. Weil es unser Lachen war. Und weil Du es so gewollt hättest, wenn Du nicht mehr da bist.

2101 Wenn Du gehen willst, dann schließe die Türe zu


Wenn Du gehst, dann schließe die Türe zu


Unsere Lebensumstände haben sich geändert. Alles ist anders. Ich habe mich verändert. Ich bin nicht mehr so. So wie damals eben. Du hast Dich nicht verändert. Sagst Du. Du bleibst immer gleich. Das nennst Du Verlässlichkeit. Ich nenne es Langeweile. Ende des Lebens mittendrinnen. Du verstehst es nicht. Aber Du kommst nicht mehr damit zurecht, dass es so ist. Lange hättest Du es versucht, aber jetzt geht es nicht mehr. Ich dachte wir kriegen das hin. Wir haben es doch immer noch hingekriegt. Trotz all der Jahre. Ich glaube es immer noch nicht. Du glaubst es nicht. Vielleicht, meinst Du, dass es sein könnte. Du weißt es nicht. Du willst es herausfinden. Nachdenken. Dir klar werden. Du willst sehen wie es ist, wenn Du nicht mehr da bist.

Vielleicht gehst Du, denn die Türe steht offen.

Wir finden nicht mehr zueinander. Sagst Du. Unsere Lebenswege kreuzen sich nur mehr durch Zufall, nicht mehr aufgrund von Interesse. Was haben wir gemeinsam? Du meinst, es ist nichts geblieben. Ich sage, man kann es neu entdecken, wenn man will. Aber Du bist in Deiner Bahn. Du änderst Dich nicht. Ich mich schon. Veränderung ist schlecht. Du kannst es nicht anders machen. Du willst nichts Neues entdecken. Du willst Dich nicht einlassen. Deshalb darf ich das auch nicht. Wenn ich es tue, dann muss ich mit Konsequenzen rechnen. Nimm die Stricknadeln. Das Klappern ist vertraut. Nicht das Andere, das vorher nicht war, und das Du nicht willst, weil es nicht da sein darf. Nur das was immer war. Ich frage Dich was immer war. In unserer Geschichte. Nichts war immer. Alles kam. Auch das Neue, das jetzt schon gewohnt ist, aber irgendwann war es eben neu. Du siehst es nicht so. Entweder war es immer oder eben nicht. Ein stringentes Weltbild. Meines ist Dir suspekt, mit den Veränderungen. Du willst Kontinuität bewahren. Das geht mit mir nicht.

Du gehst, weil die Türe offen steht.

Das Leben hat uns gelehrt. Dich anders als mich. Oder war es die Einstellung die anders war. Wenn ich mit meinen Lebensumständen nicht zufrieden bin, dann muss ich sie ändern. Wenn Du mit Deinen Lebensumständen nicht zufrieden bist, dann jammerst Du, und siehst sie doch als unabänderlich. Es gibt daran nichts zu rütteln. Ich frage nach. Ich soll nicht so viel fragen. Ich stelle in Frage. Ich soll es bleiben lassen. Es gibt nichts zu Hinterfragen. Im Großen und Ganzen ist es ja gut wie es ist. Immer der selbe Trott. Dazwischen wird eben ein wenig gejammert. Arbeit ist Leid. Freude geht aufs Wochenende. Arbeit muss nicht Leid sein. Doch meinst Du, und freust Dich auf die Freizeit. Dann gehst Du. Du bist nicht da. Warst es eigentlich nie. Niemals da. Bloß ein Ort für einen Zwischenstopp. Ich stand zur Verfügung. Jetzt nicht mehr. Eine weitere Veränderung, die Du nicht verstehst. Man muss sich aufs Verstehen einlassen, die Augen, die Hände, das Herz und den Kopf öffnen. Du bleibst verschlossen. Leichter ist es eine Türe zu öffnen.

Wenn Du gehst, dann bleib nicht auf halbem Wege stehen.

Erst am Ende ist es vorbei. Daran glaube ich nach wie vor. Verloren ist nichts. Außer wenn wir es verloren geben. Es gilt zu akzeptieren. Auch wenn ich es nicht verstehe. Die Zeit schlägt Wunden und heilt sie. Wir schlagen uns Wunden und wir können sie heilen. Oder sie kultivieren und uns lustvoll daran weiden. Es ist nicht mein Weg. Hier zu sein. Das ist mein Anliegen. Nicht im Gestern. Nicht im Morgen. Es ist völlig egal was in zwanzig Jahren ist. Du siehst mich an, und ich weiß, dass Deine Entscheidung gefallen ist. Auch wenn Du es nicht sagst. Auch, wenn ich es nicht verstehe. Aber ich sehe es. Wenn Du eine Entscheidung triffst, dann steh dazu und trag sie durch. Du kannst Dir nicht alle Optionen offen halten. Du kannst nicht gehen, und von mir erwarten, dass ich den Platz für Dich warm halte, falls Du doch nochmals kommst. Wenn Du gehst, dann mach es ganz.

Wenn Du gehst, dann schließ die Türe zu.

1311 Du bist ein warmer Sommerregen

Quelle: F.H.Berndt/pixelio.de

Du bist ein warmer Sommerregen


Die Erinnerung an Dich durchfließt mich wie ein warmer Sommerregen, der mich reinwäscht von all dem Trübsinn, der Alltäglichkeit und der Normalität. Sommerregen in einer Wüstenlandschaft, die über Monate nach Regen lechzte, doch sobald die ersten Tropfen auftreffen, erblüht sie in den prächtigsten Farben, für eine kurze Weile. Die kurze Weile, die die Erinnerung an Dich mit mir umfasst. Sommerregen, der gegen das Fenster schlägt, dass man rasch noch schließt, nicht nur um das Wasser draußen zu halten. Das sowieso nicht. Sondern um zu sehen wie heiter und vergnügt diese kleinen Tropfen auf die Scheibe springen, aufs Fensterbrett, und sofort wieder forthüpfen, als wäre es nicht Glas, nicht Metall, sondern ein Trampolin. Eines für jeden dieser kleinen lustigen Kerle. Und ich sitze hinter dem geschlossenen Fenster ihnen zuzusehen bei ihrem heiteren Spiel. Es macht Lust mitzuspielen. Sommerregen, der abkühlt und Lust macht auf mehr. Für eine kurze Weile, die das damals war, und die ich mir nehme um mich ermutigen zu lassen. Diese Erinnerung an Dich mit mir.

Die Erinnerung an Dich mit mir ist wie ein warmer Sommerregen, der die brütende Hitze durchbricht und die Natur und die Menschen mit Leben beschenkt, kühlt und erfrischt, kurz und nachhaltig. Denn es waren diese wenigen Stunden, doch es waren nicht Stunden im eigentlichen Sinne, sondern ein der Zeit enthoben sein. Als wäre die Welt um uns versunken. Ich gehe im Gedanken den Weg. Jeden einzelnen Schritt. Ich erzähle unser Gespräch. Jedes einzelne Wort. Ich erfahre unser Zugewandtsein. Jeden einzelnen Blick. Ich lache unsere Freude. Jedes einzelne Lachen. Alles ist wohlverankert in meinem Gedächtnis. Und es war bis wir wieder zurücktraten in die Welt und in die Zeit. Als die Sonne aufging. Es war nicht mehr. Es war doch alles. Es war alles und noch viel mehr. Es war das Mehr als Alles.

Die Erinnerung an Dich mit mir ist wie ein warmer Sommerregen, der uns überrascht, wenn wir mit dem Boot mitten am See sind. Doch es ist nichts zu befürchten. Weder Schauer noch Blitz, weder Sturm noch Hagel begleiten ihn, nur die erfrischende, belebende Wirkung des kühlenden Nass. Er überrascht uns bei einem Spaziergang oder am See oder einfach mitten drinnen. Fernab von jeder Veranlassung. Einfach so. So breiten wir die Arme aus ihn zu empfangen. Ein Lächeln der Verzauberung im Gesicht. Und an dessen Ende steht der Regenbogen. Der Topf mit Gold ist längst gefunden.

Die Erinnerung an Dich mit mir ist wie ein warmer Sommerregen, der sich ohne Vorwarnung annähert und da ist. Einfach so. Ich heiße ihn willkommen wie einen guten Freund. Den besten Freund. Und ich verabschiede ihn ohne Gram. Er wird wiederkommen. Zum Abschied schenkt er mir den Regenbogen und die Zuversicht auf ein Wiedersehen. Dann verwelken die Blumen wieder, legen sich schlafen in der ausgedörrten Wüstenlandschaft des alltäglich Vergänglichen, doch bereit jederzeit wieder aufzublühen. Wenn er wiederkommt, mich zu durchfließen, mich zu umfließen.

Dann nehme ich Deine Hand und lade Dich ein durch diesen wunderbaren Sommerregen unserer Erinnerung zu laufen, barfuß durch das feuchte Gras, zu hüpfen wie die kleinen Regentropfen, lade Dich ein in die Erinnerung von Dir mit mir, lade Dich ein, die Welt und die Zeit noch einmal zu verlassen und zu sein.

Du bist der warme Sommerregen, der mich befreit und atmen lässt und mich auf mich selbst besinnen lässt, denn Deine Zuwendung hat mich in die Geborgenheit geführt, Dein Lachen in die Freude und Dein Verstehen in ein Zutrauen. So dass ich aufblühe wie die Blumen in der Wüste nach langer Dürre. Du bist mir, in dieser Erinnerung, die nichts weiter war als ein Miteinander, und doch für immer alles.

Maria und Joseph: Geschichten für den Advent


Maria und Joseph: Adventgeschichten

Maria und Joseph: Geschichten für Ihren Advent


Maria und Joseph, eine katholische Religionslehrerin und ein evangelischer Pastor, ziehen in einen kleinen Ort. Lebendige Begegnungen geschehen und erzählen wie Miteinander-Leben und Gegenseitig-Helfen funktionieren können.

Maria und Joseph: Ein sonderbares Paar

Maria und Joseph ziehen in einen kleinen Ort und fallen sofort auf, weil sie keinen Fernseher und kein Auto besitzen, doch rasch wird klar, dass dies zwar ungewöhnlich, aber nicht beängstigend ist. Begegnung geschieht auf Augenhöhe, in aller Offenheit und Zugewandtheit. Die Menschen gehen aufeinander zu und beginnen ihre Vorurteile abzulegen. In der Nacht der Weihnacht geschieht so wahrhaft ein Weihnachtswunder, das in all seiner Selbstverständlichkeit Staunen erweckt.

Maria ist für ihre Schüler da

Natürlich ist es für sie wichtig ihren Stoff zu vermitteln und den ihr anvertrauten Kindern etwas Beizubringen, doch es gibt, neben der fachlichen, auch die menschliche Ebene. Ihre Schüler nehmen ihre Probleme und Sorgen mit in den Unterricht. Maria kann es nicht einfach ignorieren, sondern versucht ihnen so gut wie möglich zur Seite zu stehen, und sie lässt sie erkennen, dass sie die Lösung in sich tragen. Oft bedarf es nur einer kleinen Handreichung dies zu entdecken.

Joseph lebt Gemeinde

Joseph ist in seiner Funktion nicht einfach nur Amtsperson, sondern er signalisiert von Anfang an Zugänglichkeit, möchte die Menschen kennenlernen und von ihnen lernen. So geschieht es schon sehr bald, dass diese sich ihm anvertrauen und seine offene Hand annehmen, sich halten und führen lassen, zu dem, was an Kräften und Stärken immer schon in ihnen schlummerte. Er schenkt ihnen die Möglichkeit zu sich selbst. Er ist für sie da, so wie Jesus es einst für die Menschen war, die zu ihm kamen.

Gemeinsam den Advent erleben

Und so erleben sie die Zeit des Advent, des Weges hin zum Weihnachtsfest als eine gemeinschaftsstiftende, die die Menschen nicht auseinander- sondern zusammenführt, erleben eine Ankunft mitten im Leben, dessen integrative und lebenspendende Kraft sich tatsächlich in der Heiligen Nacht in einem ganz besonderen Ereignis, in einer Ankunft, offenbart.

Das Adventkalenderbuch, Maria und Joseph, ein Begleiter durch Ihren Advent wird sie die Botschaft von Weihnachten neu entdecken lassen.

0111 Allerheiligen

Allerheiligen

"Heute sind wir auf dem Friedhof gewesen", erzählst Du, nachdem Du Dich neben mich gesetzt hast, und der Nebel legt sich in sanften Schleiern um die Welt.
"Warum wart ihr heute auf dem Friedhof?", frage ich, und blase eine allzu kecke Nebelschwade fort.
"Weil Allerheiligen ist, und da geht man auf den Friedhof", antwortest Du.
"Und deshalb wart ihr auch dort, nur deshalb?", frage ich weiter.
"Vielleicht, aber es ist auch, ich mag Friedhöfe. Es ist so ruhig und besinnlich dort. Einer der letzten Orte auf dieser Welt, an dem es keine Hintergrundbeschallung, keine marktschreierischen Werbeeinschaltungen gibt. Ich denke daran, dass ich auch einmal hier liegen werden, und das beruhigt mich", sagst Du nachdenklich.
"Warum beruhigt es Dich?", frage ich erstaunt.
"Weil ich sicher sein kann, dass es uns allen so geht, dass jeder von uns einmal hier liegen wird und endlich Ruhe gibt, die, die meinen, dass die Welt sich ohne sie nicht weiterdreht genauso wie die, die niemand vermissen wird. Ich sehe mir die Gräber an, die namenlosen und die, um die sich schon lange niemand gekümmert hat. Nicht vermisst zu werden - es ist gut zu wissen, dass das Leben weitergeht, einfach so, ob mit mir oder ohne mich", sagst Du sinnend.
"Nicht vermisst zu werden ist doch schlimm, ist doch, als hätte ich keine Spuren hinterlassen", sage ich.
"Wäre es Dir lieber zu wissen, dass es jemanden gibt, nur einen gibt, der sich grämt, weil Du nicht mehr bist, der in Kummer und Leid verhaftet bleibt? Willst Du das?", fragst Du.
"Nein, das möchte ich nicht, natürlich nicht, aber so ganz und gar verschwinden ...", entgegne ich.
"Wir gedenken der Toten, einmal im Jahr, besuchen den Friedhof, zumindest einmal im Jahr, doch wie viel kümmern wir uns um die Lebenden. Wie viel Zeit nehmen wir uns für die Menschen, die jetzt um uns sind und für die wir wichtig sein können, die wir befördern und die wir stützen können, mit denen wir lachen und das Leben genießen können? Wie viel Zeit nehmen wir uns füreinander?", fragst Du.
"Aber die Toten, die die uns vorangegangen sind, die haben Anteil an dem was wir sind. Die, die mit uns gingen und jetzt nicht mehr, haben uns gestützt und befördert, haben mit uns gelacht und das Leben genossen. Da ist es doch nur recht und billig, dass wir ihrer gedenken!", entgegne ich.
"Tun wir das nicht viel besser, indem wir das, was wir geschenkt bekamen, weitergeben, indem wir im Miteinander sind und uns verbinden? Können wir das nicht jeden Tag tun, indem wir uns entfalten und unsere Gaben und Talente nutzen, uns einander schenken? Tun wir das nicht viel besser, indem wir einfach leben?", fragst Du und suchst meinen Blick.
"Dann lass uns leben, lieben, atmen, zusammen sein, lachen, weinen, stützen, verbinden, betören, verführen und berühren", sage ich, Deinem Blick begegnend.
Und Du nimmst meine Hand und mich mit, mitten hinein ins Leben.

0310 Trotzdem

Trotzdem


Du hast natürlich recht, es ist lange her. Wenn ich jetzt versuche mich zu entsinnen, so ist es, als würde ein ganzes Leben zwischen dem Damals, in dem Du mir Du warst, und dem Heute, da Du aus dem Du herausgetreten warst und mich als leere Du-Hülle zurückließt, liegen. Und ist dem nicht wirklich so? Denn in jenem Damals war ich eine andere als in dem Heute. Früheres und jetziges Leben – und dazwischen eine breite Demarkationslinie, die der Schmerz zog, und unauslöschlich besteht, so lange wie ich besteht. Um Deine Frage zu beantworten, ja, Du hast mir damals sehr, sehr weh getan. Nein, um Gottes willen, das ist kein Vorwurf, keine Schuldzuweisung und auch kein Rekeln im Selbstmitleid, nur eine Antwort auf Deine Frage. Wenn Du keine Antwort willst, dann darfst Du die Frage nicht stellen.

Ich habe es wohl auch lange einfach nicht gemerkt, allzu lange, dass ich noch immer barfuß über die Wiese tanzte, als Du schon längst den Weg aus dem Wald suchtest, dass ich noch immer auf Bäume kletterte, hoch hinaus, als Du schon längst wieder festen Boden unter den Füßen hattest, dass ich mich mit dem Ringelspiel noch immer drehte, als Du schon längst ausgestiegen warst, dass ich die Musik noch immer hörte, als Du schon längst woanders zuhörtest , und dass ich meinen Blick noch immer zu den Sternen wandte, als Du ihn längst abgewandt hattest.

Trotzdem, trotz des Schmerzes und der Demarkationslinie, die er in mir zog, vermochte ich es, all die Momente, die ich mit Dir, als wir uns Du waren, glücklich war, in einen Sack zu packen und herüber zu retten. Langsam packte ich ihn jetzt aus, und besehe jedes Stück ganz genau, und ich merke, dass es noch immer gut tut, trotz des Schmerzes. Und vor allem merke ich, dass ich es wieder kann.

Ich kann wieder barfuß über die Wiese tanzen, als ob Du den Weg aus dem Wald nie gesucht hättest,
                      trotzdem.
Ich kann wieder auf Bäume klettern, hoch hinaus, als ob Du niemals den festen Boden unter den Füßen zurückgewinnen wolltest,
                                                                     trotzdem.
Ich kann mich wieder mit dem Ringelspiel drehen, als ob Du nie ausgestiegen wärst,
                                                                                                                                         trotzdem.
Ich kann die Musik wieder hören, als ob Du niemals woanders zugehört hättest,
                                                                                                                                    trotzdem.
Ich kann meinen Blick wieder zu den Sternen wenden, als ob Du Dich niemals abgewendet hättest,
                              trotzdem.
Doch vor allem kann ich erkennen wie viel mehr ich geschenkt bekam, als ich verlor,
                                                                                                                                         trotzdem.

2409 Wie viel Leben verträgt die Liebe?


Wie viel Leben verträgt die Liebe?


Weißt Du noch, ganz am Anfang, dieser Anfang von uns beiden, dieser Anfang von Dir und mir, wo alles neu und aufregend war. Dieser Anfang, da jeder Sonnenaufgang nochmals besonderer war als jeder, den wir zuvor erlebt hatten, und jede Blume noch intensiver duftete und leuchtender strahlte, als jemals in unserem Leben. Dieser Anfang, da der Blick verklärt ist und die ganze Welt neu ersteht, in Deinem und meinem Blick. Dieser Anfang, der wie eine zweite Geburt anmutet. Ein neues Leben, mitten im bekannten. Ein neuer Anfang. Ein neues Leben. Ein neuer Himmel und eine neue Erde. Dieser Anfang, da wir immer Zeit fanden, zu reden und auch zu schweigen. Dieser Anfang, da uns keine Mühe zu schwer war einander doch noch zu sehen oder zu plaudern. Dieser Anfang, da diese Mühe leicht war. Dieser Anfang, da wir uns frei und unbeschwert fühlten, frei in unserer Zuwendung und in unserem Miteinander. Dieser Anfang, von dem wir meinten, dass es niemals enden würde. Bis an die Grenzen der Unendlichkeit und noch viel weiter. Dieser Anfang. Erinnerst Du Dich noch?

Mittlerweile sind viele Jahre ins Land gezogen und dieser Anfang, an den ich immer noch denke, mittlerweile mit ein wenig Wehmut, tritt in immer weitere Ferne. Viele Verpflichtungen bestimmen unser Leben, solche, die uns auferlegt wurden und solche, die wir uns auferlegten. Arbeit um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Freizeitvergnügen, bei denen wir auch schon zumeist getrennte Wege gehen. Da waren natürlich auch die Kinder. Doch die sind inzwischen schon groß. Es ist keine Ausrede mehr. Und da ist die Müdigkeit. Vielleicht auch die Gewissheit, dass es einen neuen Tag geben wird, und dass das nicht unbedingt heute sein muss. Es lässt sich verschieben. Morgen werden wir auch noch da sein. Heute bin ich müde. Aber morgen. Vielleicht.

Es ist nichts passiert, nur, dass uns das ganz normale Leben erreichte und wir uns erreichen ließen. Vielleicht wäre es nur notwendig ein wenig mehr Energie aufzuwenden, Mühen auf uns zu nehmen, die jetzt so unendlich schwer zu sein scheinen. Wohin ist die Leichtigkeit verschwunden? An welcher Stelle haben wir unsere Kräfte verloren, so dass wir nur mehr das Notwendigste tun? An welcher Stelle haben wir uns aus den Augen verloren?

Dabei wäre es gar nicht so schwer. Ein paar Minuten nur, draußen zu sitzen auf der Terrasse und davon zu erzählen, was der Tag so mit sich brachte oder vor dem Kamin. Ein paar Minuten den Fernseher abzudrehen. Für eine kurze Zeit das Buch auf die Seite zu legen. Doch es passt nicht. Vielleicht morgen.

Die Blumen blühen so wie immer, Sonnenaufgänge folgen auf Sonnenuntergänge, ohne dass wir darauf achteten. Die Welt ist wieder wie sie immer war. Vielleicht noch ein wenig dumpfer und düsterer als zuvor, vor dem Erleben des Aufblühens. Aber ich kann mich auch täuschen, denn es ist lange her.

Aber vielleicht sollte ich Dich einfach einmal wieder an der Hand nehmen und herausholen aus diesem Leben, das unsere Liebe zu begraben und zu ersticken droht, hinaus an einen Ort, nicht allzu weit, und doch ganz anders, nur um zu sehen, ob es möglich ist die Welt noch einmal so zu sehen wie zu jenem Anfang damals.

Buchvorstellung: "Zweisprache"


Zweisprache


Der Herbst die da. Die Blätter fallen von den Bäumen und wollen gebündelt, gebunden werden, am besten in ein Buch, denn auch die Abende werden länger und laden ein zu lesen. Wo es sich trifft, so hier, wenn mich das Leben wieder hat, auf eine ganz neue Art und Weise, wenn sich die Hitze des Sommers in der Erinnerung verklärt, dann ist das Zwischenzeit, zwischen Hitze und Kälte, zwischen dem Nicht-mehr des Sommers und dem Noch-nicht des Winters. Sommer und Winter sind klar und überschaubar. Hitze und Kälte. Frühling und Herbst sind Übergänge, die Unentschlossenheit und das Wagnis. Abschied, der schon vollzogen ist, und Begrüßung, die noch aussteht. Zwischenzeit. Unsicherheit. Abschied, der mich umfängt mit Melancholie und Nostalgie. Abschied vom Sommer. Abschied von Dir. Gerade erst hat er sich eingestellt. Der Sommer. Du. Ich blicke zurück, weil das Zurück sicher ist. Nur der Blick nach vorne geht in die Offenheit. Unsicherheit, auch im Aufeinanderzugehen. Alles, was ich von Dir weiß ist, Du bist ein Mensch, wenn ich mich damit nicht aufhalte mich von Äußerlichkeiten ablenken zu lassen. Alles was ich weiß. Ein Mensch. Wie ich. Und doch ganz anders. Ein eigenes Universum. Du. So wie ich Dir. In der Offenheit geschieht Annahme, Ermöglichung. Niemals werde ich erfahren wie es sich anfühlt Du zu sein. Genauso wenig wie Du je weißt, wie es ist Ich zu sein, aber wir können es uns erzählen. In der Gebrochenheit der Sprache, Deiner und meiner, uns erzählen wie es ist Du zu sein, Ich zu sein. Glück und Schmerz in einem. Die Gebrochenheit des Menschen. Glück Dich erweiternd zu erfahren, aber auch der Schmerz nie restlos zu verstehen. Wir haben nichts weiter als die Sprache, um uns zu erfahren, doch wenn wir sie sorgsam handhaben, so bringt auch sie uns weiter. Dennoch nur Krücke. Niemals wird die Heilung vollständig sein. Denn die Sehnsucht bleibt und die Möglichkeit des Verlustes. Wiewohl auch der Verlust niemals ein gänzlicher ist, denn was wir uns schenkten, das können wir nicht mehr verlieren. Es ist eingebrannt wie das Erleben, wie das Geboren-werden, das Leben und das Sterben. Wie das Annähern, das Verbinden und das Entbinden.

Zweisprache lebendigen Atems
Zweisprache der Annnährung
Zweisprache des Erkennens
Zweisprache des Verwebens
Zweisprache des Verlierens
Zweisprache der Sehnsucht
Zweisprache des Wiederfindens
Zweisprache aus Ich und Ich
Zweisprache aus Du und Du
Zweisprache bis zum Wir
Zweisprache der Veränderung
Zweisprache der Treue

Zweisprache – Deine und meine Sprache, gewillt zu verstehen, sehnend, träumend, beglückend und erfüllend.
Zweisprache – manchmal zum Dialog findend.

Der Herbst ist da, und unsere „Zweisprache“ ist gebündelt und gebunden.

0609 Der Pinselmacher (Teil 3):

Die Einlösung einer Sehnsucht


Die kommenden fünf Tage waren die längsten und die kürzesten meines Lebens zugleich. Die längsten, weil ich es kaum erwarten konnte sie, deren Anblick und Stimme, mich so sehr in ihren Bann gezogen hatte, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte. Die kürzesten, weil ich meine ganze Kunst daran verwandte den perfekten Pinsel zu kreieren. Ich arbeitete bis spät in die Nacht und saß im Morgengrauen schon wieder in der Werkstatt, und als ich am Morgen des fünften Tages den Pinsel in Händen hielt, wusste ich, er war perfekt.

Am frühen Nachmittag wurde ich in der Villa des Malers vorstellig, doch wie groß war meine Enttäuschung, als ich Felicitas alleine antraf. Offenbar wollte sie mich nicht wiedersehen. ‚Zeigen Sie her was Sie mir anzubieten haben.’, forderte mich Felicitas auf. ‚Natürlich.’, hörte ich mich sagen, und reichte ihr den Pinsel. ‚Sie haben nicht zu viel versprochen.’, musste selbst Felicitas zugeben, ‚Dieser Pinsel umschmeichelt meine Haut. Ich nehme ihn, und machen Sie mir noch fünf weitere.’ ‚Sehr gerne.’, antwortete ich, während mein Blick immer noch den Raum absuchte, als hoffte ich darauf, dass sie doch da war, und ich hätte sie bloß übersehen. Fieberhaft suchte ich einen Grund noch zu bleiben, als mir die erlösende Idee kam: ‚Darf ich Ihnen eine Haarbürste zeigen, die Ihr Haar ebenso umschmeichelt wie der Pinsel Ihre Haut?’ ‚Wenn Sie schon mal da sind.’, entgegnete Felicitas achselzuckend. So packte ich eine Haarbürste aus und reichte sie ihr. Kurz sah ich ihr zu wie sie die Bürste ebenso wie ihr Haar malträtierte, bevor ich mich entschloss einzugreifen. ‚Würden Sie mir gestatten, dass ich Ihr Haar bürste?’, fragte ich nervös. ‚Von mir aus.’, antwortete sie kurz und reichte mir die Bürste. Mit langen, geraden Strichen bürstete ich ihr Haar und Felicitas zeigte sich sichtlich angetan, forderte mich gar auf mich zu ihr zu setzen und nicht aufzuhören sie ihr Haar zu bürsten.

In dem Moment ging die Türe auf, und sie trat herein, sie, der all meine Gedanken und all mein Sehnen gehörte. Als ich sie erkannte, sprang ich rasch auf, als hätte sie uns bei etwas Unschicklichem ertappt. ‚Ach, da bist Du ja, Maria.’, begrüßte Felicitas ihre Freundin, und ich kannte nun endlich, endlich ihren Namen. ‚Sieh nur wer da ist! Und weißt Du was? Er hat tatsächlich Wort gehalten. Der Pinsel ist großartig, und nebenbei, die Haarbürste auch. Ich hatte gerade eine großartige Idee. Wir haben doch morgen Abend unseren Cocktailabend. Was hältst Du davon, wenn wir unsere Busenfeindinnen, meinte natürlich   -freundinnen ein wenig neidisch machen, und seine Arbeit vorführen.’ ‚Wenn der Herr Fent einverstanden ist bei Deinen Spielchen mitzuspielen, soll es mir recht sein.’, antwortete Maria knapp. Und wie ich einverstanden war, bedeutete es doch, dass ich sie bereits morgen wiedersehen würde. ‚Mit dem größten Vergnügen.’, antwortete ich deshalb rasch, aus Angst, Felicitas könnte es sich nochmals anders überlegen. Morgen, schon morgen würde ich sie wieder sehen. Dieser Gedanke begleitete und beflügelte mich.

Pünktlich zur angegebenen Stunde fand ich mich am nächsten Tag wieder in der Villa ein. Der große Saal, in dem ich bereits am Vortag empfangen wurde, war nun von ungefähr fünfzehn Mädchen bevölkert. Man spürte den heftigen Konkurrenzkampf in jeder Pore. Doch ich, ich hatte nur Augen für Maria. Für mich war sie die Schönste und der einzige Grund meines Hierseins. Felicitas empfing mich überschwänglich und präsentierte mich ihren Gästen wie ihre größte Trophäe. ‚Jetzt wollen wir doch mal Ihre Meisterstücke sehen.’, tönte mir eine piepsige Stimme entgegen. Sie gehörte zu einem vollbusigen, vollmundigen Mädchen, das sich nun hervor zu tun suchte. ‚Sei nicht so ungeduldig.’, wies Felicitas sie zurecht, ‚Zuerst wollen wir unserem Gast etwas zu trinken anbieten. Außerdem wollen wir endlich das förmliche Sie weglassen.’ Also wurde mir ein Cocktail in die Hand gedrückt und ich wurde zu trinken genötigt. Sofort spürte ich wie mir der Alkohol, dessen ich nicht gewohnt war, zu Kopf stieg. Mir wurde warm, aber ich fühlte mich auch leichter und ungehemmter. ‚Franz’, so fuhr nun Felicitas fort, ‚ist ein wahrer Künstler auf seinem Gebiet.’ ‚Können wir jetzt endlich etwas sehen?’, ließ sich die piepsige Stimme wiederum vernehmen. So präsentierte ich meine Musterstücke und hatte auch die Gelegenheit ihre richtige Handhabung zu demonstrieren. Dann trat ich zurück und überließ die Stücke der Horde Mädchen. Vorläufig schien ich nicht mehr interessant zu sein, und nachdem mir mittlerweile vom Alkohol sehr heiß geworden war, öffnete ich eine der vielen Glastüren und trat hinaus auf die Terrasse, atmete tief durch und sah hinauf zu den Sternen.

‚Eine wunderschöne Frühlingsnacht.’, hörte ich eine wohlbekannte, sanfte Stimme hinter mir. Leise war Maria an mich herangetreten. ‚Doch mit Deiner Schönheit kann er sich nicht messen.’, sagte ich voll Überzeugung und doch unüberlegt.’ Sofort biss ich mir auf die Zunge, doch es war gesagt und nicht mehr rückgängig zu machen. Doch Maria lächelte mich an, und indem sie sich bei mir unterhakte, mich mitnahm zu einem Spaziergang durch den weitläufigen Garten, forderte sie mich auf ihr von mir zu erzählen. Ich folgte dieser Aufforderung, folgte ihr in einer Art, wie ich es noch nie zuvor getan hatte. Sie war die erste, der ich mich anvertrauen durfte, und sie war wohl auch die erste, der ich mich anvertrauen wollte. Dieses Erleben mit ihr war das schönste und intensivste meines Lebens. Ich wünschte, diese Minuten würden bleiben bis in alle Ewigkeit.

2908 Liebe & So

Liebe & so


Ich musste wohl eingeschlafen sein. Trotz allem war ich eingeschlafen, versunken in die Wärme Deiner Berührung und die der Nacht, versunken in Dich und in meine Gedanken. Ich musste wohl eingeschlafen sein, hinein in die aufgehende und untergehende Sonne, denn die Nacht war wiedergekehrt, und ich erwachte in Deine Arme.

Du bist geblieben, dieses eine Mal bist Du geblieben, hier, bei mir, auf meinem Steg. Dass es Dir gelungen war so ruhig hier zu bleiben? Dass es nichts gab, keine anderwertige Aufgabe oder Verpflichtung, die Dich von mir forttrieb, hinaus in Dein, mir namenloses Leben? Ich hütete mich wohlweislich Dich zu fragen, denn vielleicht hast Du einfach nur vergessen, dass es da noch etwas gab, dort in einem Irgendwo, etwas, das Du bloß vergessen hattest. Fragte nicht, um nicht vorzeitig darauf aufmerksam zu machen, dass Du gehen könntest, eigentlich. Nein, ich tat nichts dergleichen, stattdessen lächelte ich Dich an, küsste Dich, mit geschlossenen Augen, um diese Berührung nicht zu verlieren, so kurz sie auch immer sein mochte.

„Siehst Du den Mond?“, fragtest Du mich schließlich.
„Natürlich sehe ich ihn, sehe ihn wie jede Nacht.“, antwortete ich irritiert.
„Ja, Du siehst ihn, aber er ist nicht immer gleich, doch vor allem, er kommt und er geht, zwar verlässlich, aber sein Kommen und Gehen macht es, dass wir uns darauf freuen ihn zu sehen.“, sagtest Du.
„Und so freue ich mich darauf, dass Du kommst. Ist das nun Deine Art mir zu sagen, dass Du gehen willst?“, fragte ich, etwas konsterniert.
„Nein, es ist meine Art Dir zu sagen, dass ich hier bin und Dir bin, nicht immer und nicht immer gleich, aber wenn ich da bin, dann bin ich Dir, ganz und gar und restlos, Dir hingegeben, ewig gleichen und zugleich ewig sich ändernden Mond.“, sagtest Du.
„Liebst Du mich?“, fragte ich Dich.

Du antwortetest nicht, lange antwortetest Du nicht. Ich dachte schon, Du hättest meine Frage nicht gehört, als hätten sie der Wind und die Wellen davongetragen.

„Nein.“, antwortetest Du schließlich, „nein, ich liebe Dich nicht.“

Und sogleich rückte ich von Dir ab. Das war keine Antwort auf solch eine Frage. Das war einfach keine Option.

„Ich liebe Dich nicht, wie die Welt uns zu lieben lehrt, mit all den implizierten Macht- und Herrschaftsansprüchen, mit dem damit verbundenen Versagen der Offenheit für neue Begegnungen, mit dem Zwang der Wiederholung.“, sagtest Du.
„Wenn Du mich nicht so liebst, dann doch anders. Erklär es mir!“, bat ich, bereitwillig in Deinen Arm zurückkehrend.
„Ich liebe Dich, wenn Du damit meinst, Raum Deiner Ankunft zu sein, den Du verlassen und in den Du wieder zurückkehren darfst, wenn Du damit meinst, Raum Deiner Offenbarung Deiner selbst zu sein, in all ihrer Schönheit und Abgründigkeit, wenn Du damit meinst, die Freiheit zu wachsen, über Dich selbst hinaus, wenn Du damit meinst, der Nährboden, aus dem Du Kraft schöpfen kannst. Wenn Du das meinst, ja, dann liebe ich Dich.“, sagtest Du.
„Ja, dann, wenn Du meinst lebendigstes, atmendes Leben, dann liebe ich Dich.“, sagte ich.

Und der Mond ging seine Bahn.

2708 Zulassen

Zulassen


Zulassen – Dich zu mir zu setzen, obwohl wir nichts voneinander wissen, außer vielleicht das Eine, das wir Menschen sind, die die Begegnung suchen, manchmal aus Langeweile oder bloßer Neugierde, manchmal aber auch um nicht unterzugehen im Sumpf der Isoliertheit und Ich-Verlorenheit.

Zulassen – Dich mir und mich Dir zuzusprechen, obwohl wir uns nicht zuvor sorgfältigst abgeklopft haben, uns vergewisserten, das Du es wert wärst, mein Vertrauen und meine Offenheit, doch wie sonst wäre Begegnung je möglich, ohne diese kleine Vorgabe.

Zulassen – Dich mir und mich Dir zu zeigen wie wir sind, obwohl es immer auch ein Wagnis ist, zu eröffnen und zuzulassen. Wie wirst Du damit umgehen, mit dem, was ich Dir entdecke, was ich Dir von mir erfahren lasse?

„Ich will Dich eintauchen lassen in meine Welt, die so ganz anders ist als Deine, und ich beginne damit: Hallo! Ich freue mich, dass Du hier bist.“, spreche ich mich Dir zu, während wir am Steg sitzen und den vollen, satten Mond sich im Wasser spiegeln sehen.
„Ja, ich bin hier, und doch, ich sollte es nicht sein, hier, wo alles so fremd ist, wo ich mich an nichts halten kann als an das Versprechen, das Du mir gibst.“, entgegnetest Du skeptisch.
„Ich weiß, es werden Spiele gespielt, woanders, Spiele mit Menschen, bei denen es Gewinner und Verlierer gibt, Kampf- und Machtspiele, Spiele um Prestige und Ansehen, Spiele um Interessen und Eigennutz, doch hier gibt es keine Spiele, nicht um Dich oder mich, nicht um den Preis des Miteinander.“, gebe ich zurück.
„Warum sollte ich Dir glauben? Worauf hin sollte ich Dir mein Vertrauen schenken, wo ich nichts habe als Dein Wort, wo ich auf nichts bauen kann als auf Deine Zusicherung, und wie wankelmütig sind doch die Menschen. Oder willst Du von Dir behaupten, dass Du noch nie enttäuscht hast?“, entgegnetest Du, logisch und nachvollziehbar.
„Ich behaupte nichts von mir, nur das, was Du an mir erlebst, so wie ich keine Vermutungen über Dich anstelle und nur das annehme, was Du mich von Dir erleben läßt, um es mir zu bewahren, vor der Welt, vor den anderen. Aber Sicherheit, nein, die kann es niemals geben.“, entgegnete ich nachdenklich.

Zulassen – haben denn Träume Schranken, so lange sie Träume sein dürfen.

Zulassen – kannst Du der Hoffnung Grenzen setzen ohne sie zu zerstören.

Zulassen – Sehnsucht, die in ihrem Wesen mich erfüllt und zu mir spricht, dass ich mich Dir zuwenden möchte, kann sie denn eingefriedet werden.

Zulassen – Staunen, dass Du bist in Deiner Einzigartigkeit und Unbestimmtheit und auch Unvorhersehbarkeit, wie könnte ich Abstriche machen ohne Dich zu verlieren noch bevor ich Dich wirklich gefunden habe.

Zulassen – Wachsen, das mir Deine Zutrauen und Deine Zuwendung ermöglicht, kann es denn begradigt werden, ohne seine Eigenständigkeit zu verlieren.

Zulassen – Zuneigung, die uns zueinander führt, uns die Hand zu reichen, einander zu stärken und zu begleiten, kann sie denn ein Maß haben, das sie kennbar macht, ohne zu enteignen.

Zulassen – Dich und mich im Wir!

2408 Leben um des Lebens willen


Leben um des Lebens willen


Ganz klein war sie noch, doch sie wollte nicht alleine sein, wollte mit mit den Großen, auch wenn sie ihre kurzen Beinchen noch nicht so schnell vorwärtstrugen. Es spielte keine Rolle. Sie gab ihr Bestes. Nur nicht alleine sein. So hoppelte sie hinter den anderen her. Ganz gleich wohin. Auch auf die Straße, wenn es sein musste.

Da war niemand, der sich um sie kümmerte. Das ist vielleicht zu viel gesagt. Dieses Hunderudel hatte wohl ein zu Hause, einen Garten und jemand, der sie fütterte, aber ansonsten waren sie gänzlich sich selbst überlassen. Sie waren einfach da, so wie die Blumen in der Wiese, und sollten sie einmal nicht mehr da sein, so wäre es wohl genau so gut. Ab und an wurde eine Hündin trächtig, gebar Junge und die waren dann eben auch da. Wieder ein paar Hunde mehr zum Durchfüttern. Achselzuckend wurde es zur Kenntnis genommen. Beim letzten Wurf waren es vier Welpen gewesen. Sie war die kleinste, Eigentlich hätte sie es gebraucht, dass sie sich irgendwo anschmiegen konnte. Ab und zu ließ es einer der anderen Hunde zu, doch zumeist wurde sie weggebissen. Schließlich musste sie sich gewöhnen. Und so lief sie hinterher. Immer suchte sie den Anschluss nicht zu verlieren.

An diesem warmen Frühlingstag hatten sie sich auf die Straße gelegt. Der Asphalt war warm und angenehm. Träge lagen sie da, doch immer aufmerksam, bereit bei Gefahr aufzuspringen und davon zu laufen. Sie lag mitten unter ihnen, als sich das Brummen vernehmen ließ und ein Motorrad heranbrauste. Sofort sprangen die Großen auf und waren mit einem Satz davon. Auch sie folgte ihrem Beispiel, doch ihre kurzen Beinchen wollten nicht wie sie. Es wäre nur noch ein einziger Sprung gewesen. Vielleicht hatte sie in der Panik auch einfach die falsche Richtung gewählt, denn da spürte sie auch schon einen stechenden Schmerz in der Seite, als das Vorderrad sie erfasste und zur Seite schleuderte. Wie betäubt blieb sie liegen, während das Motorrad davonstob und sie einfach liegen ließ. So wie ihre Artgenossen. Der Schmerz zog sich nun durch ihren ganzen Körper. Verzweifelt versuchte sie sich auf die Seite zu schieben, weg von der Straße, doch ihre Beine versagten ihr den Dienst. Kläglich winselte sie. So laut sie konnte. Menschen gingen vorüber. Plauderten. Lachten. Blickten ernst drein. Sie winselte. Irgendjemand würde sie hören. Sie hörten sie, doch ließen sie sich nicht beirren. Auch sie nicht, weinte so laut sie konnte.

Keinen Moment lang während der nächsten Stunden, die sie da schwer verletzt auf der Straße lag, keinen einzigen Moment fragte sie nach dem Sinn oder Unsinn ihres Lebens, nach Wert oder Unwert, Notwendigkeit oder Unnotwendigkeit, denn sie wollte nur eines. Leben. Sie fragte nicht, weil es nichts zu fragen gab. Mit aller Kraft, ohne darüber nachzudenken, kämpfte sie um ihr Leben, das gerade erst begonnen, schon zur Neige zu gehen schien. Entgegen all die Ignoranz und die Gleichgültigkeit, die sie umgab, kämpfte sie, und sie würde erst aufhören, wenn sie keine Kraft mehr hätte. Bis zum letzten Atemzug, um ein Leben, das vielleicht nicht hätte sein dürfen, und doch war. Sie wollte leben, weil es sich eben einmal so gefügt war, dass sie hier war und eben dieses Leben hatte. Das verteidigte sie. So wie sie es verstand.

Stunden vergingen, und sie spürte wohl, dass ihre Kräfte schwanden, aber sie ließ sich davon nicht beirren, sondern winselte weiter bis sie menschliche Stimmen vernahmen, die näher kamen, aber sich nicht wieder entfernten, wie all die anderen. Erst da, als sie sich aufgehoben fühlte, erst da schloss sie die Augen und hörte auf zu winseln, denn ihr Leben lag nun in diesen Händen und sie vertraute sich an. Bedingungslos. Sie wusste nicht was sie mit ihr vorhatten, aber sie überantwortete sich fraglos. Denn das Leben fragt nicht. Es ist einfach.

2008 Eine Welt voller magischer Momente


Eine Welt voller magischer Momente


Es gab eine Zeit, da hatte ich es immer eilig. „Carpe diem – nutze den Tag“, das war mein Motto, tagtäglich, Stunde um Stunde. Zunächst ließ ich noch die Wochenenden aus und die Feiertage, doch dann dachte ich darüber nach und wusste nicht warum eigentlich. Auch diese waren angetan produktiv zu sein. Was sollte mich abhalten? Alles verlorene Zeit, wenn sie nicht produktiv genutzt wurde. Aber da ging immer noch ein wenig mehr. Ein bisschen früher aufstehen, ein bisschen später schlafen gehen. Unproduktive Dinge, die notwendig waren auf ein Minimum reduzieren, Essen, Körperpflege, Entspannung, Vergnügen. Wer braucht denn das? Und nachdem nicht mehr mehr herauszuholen war aus der verfügbaren Zeit, da kam mir der Gedanke, diese Zeit einfach noch effektiver zu nutzen. Alles musste noch schneller gehen, wortwörtlich, auch das Gehen. Und aus dem Gehen wurde ein Laufen. Eiltempo. Weder links noch rechts schauen. Immer schneller. Fokussiert auf das Wesentliche. Das zu Erledigende. Sonst nichts. Alles war Zu-Erledigendes. Alles musste geschafft werden. Keine Zeit zu Lachen. Keine Zeit Innezuhalten. Und der Berg den ich abtrug schien nicht kleiner, sondern immer größer zu werden, von Tag zu Tag. Der Gipfel lag im Nebel, aber der interessierte mich schon lange nicht mehr, denn ich sah gerade das Stück, das vor mir lag. Keinen Zentimeter weiter. Eingeschränkte Sicht. Die Scheuklappen immer enger schnüren. Es war wie ein Wahn. Zeit sparen, um sie noch mehr zu füllen. Taktung. Fließbandtätigkeit ohne Fließband. Letztes Mal habe ich vier Minuten für etwas gebraucht. Das müsste doch auch in drei Minuten möglich sein. Und das war das nächste Ziel. Ich fühlte mich immer ausgelaugter und elender. Von Spaß war keine Rede mehr. Nur mehr Erledigen, Tätig-sein. Das Leben ist nun mal kein Kindergeburtstag. Es ist harte Arbeit. Tag für Tag. Und wenn ich einmal gezwungen war einfach dazusitzen und nichts zu tun, dann war ich im Geiste beim Tätig-sein. Der Genuss ging verloren und auch das Lachen. Alles Verschwendung. Schlafen kannst Du auch noch, wenn Du tot bist. Sehr reichlich sogar. Und wenn es wirklich nicht mehr ging, dann schmiss ich eben eine Tablette ein. Nichts Ernstes. Bloß so kleine Dinger aus der Apotheke. Kann ja nicht schaden, wenn sie noch nicht mal rezeptpflichtig sind. Und dann ging es wieder eine Weile. Doch dann kam der Tag, da nutzten auch die Tabletten nicht mehr. So sehr ich auch wollte, mein Körper ließ mich nicht mehr. Zu schwach mich aus dem Bett zu bewegen. Vier Wochen Krankenhaus. Gezwungene Ruhe. Schlafen und müde sein. Zwei Operationen. Kein Appetit. Nur Angst. Was sollte werden. Sollte das nun das Ende sein? Und wenn es das war, war es dann zumindest so, dass ich sagen hätte können, dass es ein gelebtes Leben war? Alles versank in die Bedeutungslosigkeit. Wenn ich es nicht getan hätte, dann hätte es weder den Lauf der Welt verändert noch sonst irgendwelche dramatischen Auswirkungen gehabt. Aber ich dachte plötzlich daran wie oft Du versucht hattest mich zu erreichen. Du hattest Dich zu mir gesetzt, einfach so und es war so selbstverständlich, mehr als das, es war mir lästig. Und ich habe es nicht zugelassen, dass ich die Freude erlebe, dass Du da bist. Nichts weiter. Du wolltest mich mitnehmen in Deine Gedanken, doch ich konnte nicht mitgehen. Ich hatte zu tun. Oder in die Sterne schauen. Oder die Blume im Garten, die frisch erblüht war oder das Lachen der Kinder. Alles war verstummt. Ich sah die Welt neu, aus dem Fenster meines Krankenbettes, da war der Himmel in seinem Farbenspiel, der Herbst in all seiner Pracht. Ich dachte an Deine Augen und an Deine Hand, an unser Miteinander, das ich nicht mehr wahrnahm. Ich sah den Trost, den ich in Deinen Armen fand und das Lachen, das wir uns schenkten, wenn wir uns einfach fallen ließen. Plötzlich war sie wieder da, diese Welt, die voll war mit magischen Momenten. Und ich war dankbar, dass ich gezwungen war innezuhalten. Da war ein Grund um hier zu sein, noch nicht zu sterben. Ich wollte leben, um zu leben. Und die Welt zu entdecken, jeden Tag aufs Neue, mit Dir an meiner Seite. Und wenn ich heute meine Hand um Deine schließe, dann bin ich da und spüre, dass es gut tut und mir Kraft schenkt. Vielleicht bin ich weniger produktiv – aber auf jeden Fall lebendiger.

1108 Du bist ein warmer Sommerregen


Quelle: F.H.Berndt/pixelio.de

Du bist ein warmer Sommerregen


Die Erinnerung an Dich durchfließt mich wie ein warmer Sommerregen, der mich reinwäscht von all dem Trübsinn, der Alltäglichkeit und der Normalität. Sommerregen in einer Wüstenlandschaft, die über Monate nach Regen lechzte, doch sobald die ersten Tropfen auftreffen, erblüht sie in den prächtigsten Farben, für eine kurze Weile. Die kurze Weile, die die Erinnerung an Dich mit mir umfasst. Sommerregen, der gegen das Fenster schlägt, dass man rasch noch schließt, nicht nur um das Wasser draußen zu halten. Das sowieso nicht. Sondern um zu sehen wie heiter und vergnügt diese kleinen Tropfen auf die Scheibe springen, aufs Fensterbrett, und sofort wieder forthüpfen, als wäre es nicht Glas, nicht Metall, sondern ein Trampolin. Eines für jeden dieser kleinen lustigen Kerle. Und ich sitze hinter dem geschlossenen Fenster ihnen zuzusehen bei ihrem heiteren Spiel. Es macht Lust mitzuspielen. Sommerregen, der abkühlt und Lust macht auf mehr. Für eine kurze Weile, die das damals war, und die ich mir nehme um mich ermutigen zu lassen. Diese Erinnerung an Dich mit mir.

Die Erinnerung an Dich mit mir ist wie ein warmer Sommerregen, der die brütende Hitze durchbricht und die Natur und die Menschen mit Leben beschenkt, kühlt und erfrischt, kurz und nachhaltig. Denn es waren diese wenigen Stunden, doch es waren nicht Stunden im eigentlichen Sinne, sondern ein der Zeit enthoben sein. Als wäre die Welt um uns versunken. Ich gehe im Gedanken den Weg. Jeden einzelnen Schritt. Ich erzähle unser Gespräch. Jedes einzelne Wort. Ich erfahre unser Zugewandtsein. Jeden einzelnen Blick. Ich lache unsere Freude. Jedes einzelne Lachen. Alles ist wohlverankert in meinem Gedächtnis. Und es war bis wir wieder zurücktraten in die Welt und in die Zeit. Als die Sonne aufging. Es war nicht mehr. Es war doch alles. Es war alles und noch viel mehr. Es war das Mehr als Alles.

Die Erinnerung an Dich mit mir ist wie ein warmer Sommerregen, der uns überrascht, wenn wir mit dem Boot mitten am See sind. Doch es ist nichts zu befürchten. Weder Schauer noch Blitz, weder Sturm noch Hagel begleiten ihn, nur die erfrischende, belebende Wirkung des kühlenden Nass. Er überrascht uns bei einem Spaziergang oder am See oder einfach mitten drinnen. Fernab von jeder Veranlassung. Einfach so. So breiten wir die Arme aus ihn zu empfangen. Ein Lächeln der Verzauberung im Gesicht. Und an dessen Ende steht der Regenbogen. Der Topf mit Gold ist längst gefunden.

Die Erinnerung an Dich mit mir ist wie ein warmer Sommerregen, der sich ohne Vorwarnung annähert und da ist. Einfach so. Ich heiße ihn willkommen wie einen guten Freund. Den besten Freund. Und ich verabschiede ihn ohne Gram. Er wird wiederkommen. Zum Abschied schenkt er mir den Regenbogen und die Zuversicht auf ein Wiedersehen. Dann verwelken die Blumen wieder, legen sich schlafen in der ausgedörrten Wüstenlandschaft des alltäglich Vergänglichen, doch bereit jederzeit wieder aufzublühen. Wenn er wiederkommt, mich zu durchfließen, mich zu umfließen.

Dann nehme ich Deine Hand und lade Dich ein durch diesen wunderbaren Sommerregen unserer Erinnerung zu laufen, barfuß durch das feuchte Gras, zu hüpfen wie die kleinen Regentropfen, lade Dich ein in die Erinnerung von Dir mit mir, lade Dich ein, die Welt und die Zeit noch einmal zu verlassen und zu sein.

Du bist der warme Sommerregen, der mich befreit und atmen lässt und mich auf mich selbst besinnen lässt, denn Deine Zuwendung hat mich in die Geborgenheit geführt, Dein Lachen in die Freude und Dein Verstehen in ein Zutrauen. So dass ich aufblühe wie die Blumen in der Wüste nach langer Dürre. Du bist mir, in dieser Erinnerung, die nichts weiter war als ein Miteinander, und doch für immer alles.

0408 Eine Verwechslung? (Teil 1)


Eine Verwechslung? (Teil 1)


Nyx sitzt auf ihrem Steg am See direkt vor der Burg, in die sie sich vor langer Zeit zurückgezogen hat und denkt nach. Ihr langes schwarzes Haar flattert sanft im Wind. Die Luft ist lau und anschmiegsam. Doch sie bemerkt es nicht, denn sie ist in diesen Gedanken versunken, in etwas, das sie nicht versteht. Sie sucht und sucht nach etwas, was sie vergessen hat oder einen Fehler, den sie gemacht hat. Denn sie gehört zu den Menschen, die prinzipiell davon ausgehen, dass sie den Fehler begangen haben, und nicht die anderen, irgendwer. Und wenn es doch der andere war, so haben sie ihn einfach nur nicht davon abgehalten. Dabei hatte alles so wunderbar begonnen. Nyx hatte nichts weiter gemacht als eine Geschichte erzählt, eine Geschichte rund um Sehnsucht und Liebe. Postwendend war ein Kommentar gekommen. Darüber freute sie sich, denn dieser Kommentar ging auf ihre Geschichte ein, spann sie fort und endete mit den Worten:

„Du hast mir in die Seele geblickt und unsere Geschichte erzählt.“

Ja, sie hatte eine Geschichte erzählt, die sie „unsere“ nennen konnte, doch das war eine zwischen ihr und einer Vertrauten, die sie nicht namentlich erwähnte. Aber vielleicht meinte der Kommentator seine Geschichte, die er „unsere“ nannte, seine eigene Geschichte, die er in ihrer wiederfand. Das kam vor, denn Geschichten rund um Sehnsucht und Liebe sind sich in so vielem ähnlich. Genau das musste es sein. Nyx entschied sich für diese Interpretationsmöglichkeit und antwortete entsprechend, denn sie kannte ihn nicht.

„Das freut mich sehr, dass Du Dich darin wiederfindest.“

Nyx war es sich zufrieden, denn sie war überzeugt davon, sie hatte es richtig verstanden, doch diese Selbstzufriedenheit über das Verstehen hielt nicht lange an, eigentlich nur bis zum nächsten Kommentar.

„Natürlich finde ich mich darin wieder, Du Dummerchen, denn es ist ja unsere Geschichte, Deine und meine. Du kannst Dich hinter welchem Pseudonym auch immer verstecken, ich werde Dich immer erkennen, denn Dein Erzählen ist einzigartig.“

Nyx war schockiert. Was war nur passiert? Was hatte sie getan? Nein, das konnte nur eine Verwechslung sein, doch er klang so überzeugend. Vielleicht stimmte es ja, dass es dort draußen jemanden gab, die ihr ähnlich war, aber so sehr.  Dennoch versuchte sie es nochmals, wollte sie doch keine falschen Hoffnungen wecken.

„Ich bin nicht die, für die Du mich hältst. Es tut mir leid.“

Damit müsste das Missverständnis doch endlich aus der Welt sein, dachte sie zumindest, doch er setzte noch einen drauf.

„Das Herz irrt nicht. Es ist mir schon klar warum Du Dich versteckst, denn Du fürchtest unsere Feinde, die uns verfolgen von Anbeginn an, und Du fürchtest sie, weil Du um mich bangst. Doch Du musst keine Sorge haben. Ich habe sie alle besiegt, und ich kann mich nun unbehelligt auf den Weg zu Dir machen. Zuerst dachte ich, Du liebtest mich nicht mehr, bis mir klar wurde, dass Du all diese Vorsichtsmaßnahmen nur um meinetwillen vornimmst, doch es ist alles geregelt, denn ich habe viel mächtigere Freunde als ich Feinde habe. Also sorge Dich nicht, und komm zu dem Ort, an dem wir uns zum ersten Mal trafen, dort am Wasser in unserer Stadt, die wir nun zurückgewonnen haben. Du, meine Liebste, alles hast Du nur für mich getan. Jetzt werde ich für Dich da sein.“

Und nun sitzt sie am Steg und weiß nicht weiter. Es ist ihr, als wäre sie in eine fremde Welt, in ein fremdes Miteinander eingebrochen, oder besser gesagt, eingebrochen worden, und nun findet sie keinen Weg heraus. Warum ist es so schwer verstanden zu werden? Doch dann schreibt sie das einzige, was sie noch schreiben kann:

„Ich bin nicht sie. Ich wünschte, Du würdest sie finden, aber ich bin es nicht.“

Damit würde nun endlich alles klar sein, alles Missverständnisse endgültig beseitigt, denkt Nyx, als sie aufsteht um ins Bett zu gehen.