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2008 Eine Welt voller magischer Momente


Eine Welt voller magischer Momente


Es gab eine Zeit, da hatte ich es immer eilig. „Carpe diem – nutze den Tag“, das war mein Motto, tagtäglich, Stunde um Stunde. Zunächst ließ ich noch die Wochenenden aus und die Feiertage, doch dann dachte ich darüber nach und wusste nicht warum eigentlich. Auch diese waren angetan produktiv zu sein. Was sollte mich abhalten? Alles verlorene Zeit, wenn sie nicht produktiv genutzt wurde. Aber da ging immer noch ein wenig mehr. Ein bisschen früher aufstehen, ein bisschen später schlafen gehen. Unproduktive Dinge, die notwendig waren auf ein Minimum reduzieren, Essen, Körperpflege, Entspannung, Vergnügen. Wer braucht denn das? Und nachdem nicht mehr mehr herauszuholen war aus der verfügbaren Zeit, da kam mir der Gedanke, diese Zeit einfach noch effektiver zu nutzen. Alles musste noch schneller gehen, wortwörtlich, auch das Gehen. Und aus dem Gehen wurde ein Laufen. Eiltempo. Weder links noch rechts schauen. Immer schneller. Fokussiert auf das Wesentliche. Das zu Erledigende. Sonst nichts. Alles war Zu-Erledigendes. Alles musste geschafft werden. Keine Zeit zu Lachen. Keine Zeit Innezuhalten. Und der Berg den ich abtrug schien nicht kleiner, sondern immer größer zu werden, von Tag zu Tag. Der Gipfel lag im Nebel, aber der interessierte mich schon lange nicht mehr, denn ich sah gerade das Stück, das vor mir lag. Keinen Zentimeter weiter. Eingeschränkte Sicht. Die Scheuklappen immer enger schnüren. Es war wie ein Wahn. Zeit sparen, um sie noch mehr zu füllen. Taktung. Fließbandtätigkeit ohne Fließband. Letztes Mal habe ich vier Minuten für etwas gebraucht. Das müsste doch auch in drei Minuten möglich sein. Und das war das nächste Ziel. Ich fühlte mich immer ausgelaugter und elender. Von Spaß war keine Rede mehr. Nur mehr Erledigen, Tätig-sein. Das Leben ist nun mal kein Kindergeburtstag. Es ist harte Arbeit. Tag für Tag. Und wenn ich einmal gezwungen war einfach dazusitzen und nichts zu tun, dann war ich im Geiste beim Tätig-sein. Der Genuss ging verloren und auch das Lachen. Alles Verschwendung. Schlafen kannst Du auch noch, wenn Du tot bist. Sehr reichlich sogar. Und wenn es wirklich nicht mehr ging, dann schmiss ich eben eine Tablette ein. Nichts Ernstes. Bloß so kleine Dinger aus der Apotheke. Kann ja nicht schaden, wenn sie noch nicht mal rezeptpflichtig sind. Und dann ging es wieder eine Weile. Doch dann kam der Tag, da nutzten auch die Tabletten nicht mehr. So sehr ich auch wollte, mein Körper ließ mich nicht mehr. Zu schwach mich aus dem Bett zu bewegen. Vier Wochen Krankenhaus. Gezwungene Ruhe. Schlafen und müde sein. Zwei Operationen. Kein Appetit. Nur Angst. Was sollte werden. Sollte das nun das Ende sein? Und wenn es das war, war es dann zumindest so, dass ich sagen hätte können, dass es ein gelebtes Leben war? Alles versank in die Bedeutungslosigkeit. Wenn ich es nicht getan hätte, dann hätte es weder den Lauf der Welt verändert noch sonst irgendwelche dramatischen Auswirkungen gehabt. Aber ich dachte plötzlich daran wie oft Du versucht hattest mich zu erreichen. Du hattest Dich zu mir gesetzt, einfach so und es war so selbstverständlich, mehr als das, es war mir lästig. Und ich habe es nicht zugelassen, dass ich die Freude erlebe, dass Du da bist. Nichts weiter. Du wolltest mich mitnehmen in Deine Gedanken, doch ich konnte nicht mitgehen. Ich hatte zu tun. Oder in die Sterne schauen. Oder die Blume im Garten, die frisch erblüht war oder das Lachen der Kinder. Alles war verstummt. Ich sah die Welt neu, aus dem Fenster meines Krankenbettes, da war der Himmel in seinem Farbenspiel, der Herbst in all seiner Pracht. Ich dachte an Deine Augen und an Deine Hand, an unser Miteinander, das ich nicht mehr wahrnahm. Ich sah den Trost, den ich in Deinen Armen fand und das Lachen, das wir uns schenkten, wenn wir uns einfach fallen ließen. Plötzlich war sie wieder da, diese Welt, die voll war mit magischen Momenten. Und ich war dankbar, dass ich gezwungen war innezuhalten. Da war ein Grund um hier zu sein, noch nicht zu sterben. Ich wollte leben, um zu leben. Und die Welt zu entdecken, jeden Tag aufs Neue, mit Dir an meiner Seite. Und wenn ich heute meine Hand um Deine schließe, dann bin ich da und spüre, dass es gut tut und mir Kraft schenkt. Vielleicht bin ich weniger produktiv – aber auf jeden Fall lebendiger.

"Die Pianobar" (Eine Leseprobe)

Prolog


Mein Name ist Anna Marx. Ich bin im Marketing beschäftigt, doch nur als Überbrückung und weil es mir der einzig mögliche Platz schien meine Kreativität auszuleben. Doch meine eigentliche Leidenschaft sind die Bücher, oder besser gesagt, jede Art von Texten. So weit ich zurückdenken kann, sehe ich mich immer nur lesend. Irgendwann begann ich meine eigenen Texte zu verfassen, weil mir das Geschriebene, das ich vorfand, zu wenig war. Es war nicht mehr das, was ich suchte. Meine Leidenschaft ließ nicht nach. Sie wurde nur präzisier. Ich war es immer und werde immer davon überzeugt sein, dass Bücher etwas bewirken in unserem Leben. Zu Anfang erweiterten sie meinen Horizont, indem ich Geschichten durchlebte, die nicht meine waren, niemals meine sein konnten, und doch durfte ich sie miterleben, über Zeiten und Weiten hinweg, eintauchen in fremde Welten und Gedanken, mein eigenes Leben für ein paar Stunden hinter mir lassend.

Ich wurde älter, wie das die Zeit eben so mit sich bringt, und manchmal zweifelte ich an der Sinnhaftigkeit meiner Leidenschaft, doch dann fand ich dieses Buch, das mir meinen Glauben mit einem Schlag wiederschenkte, meinen Glauben an die Schicksalhaftigkeit von Büchern.

Ich hatte es gefunden, weil es für mich bestimmt war, und zwar genau an diesem Tag, genau zu dieser Stunde. Irgendwer hatte es selbst gefunden oder vielleicht war es auch der Trödler, hatte es zwischen all die anderen Bücher gestellt, als wäre es wie alle anderen. Er hat es sich wohl nicht allzu genau angesehen, denn hätte er es getan, dann hätte er sofort festgestellt, dass es ganz und gar nicht so war wie alle anderen. Zunächst einmal war es mit der Hand geschrieben, aber auch kunstvoll in Leder gebunden. Aber vielleicht hatte auch das so sein sollen, diese Missachtung.

Wer weiß wie viele Menschen es schon vor mir in Händen gehalten hatten, wie viele Menschen es nicht in ihrem Wert erkannt hatten. Aber wohl, auch sie konnten es nicht, denn es war für mich bestimmt oder zumindest für jemanden, der sich davon ansprechen ließ, den es zum Handeln anregte. Es war dazu ausersehen in meine Hände zu fallen, auf dass ich es lese und entsprechend auf das Gelesene reagiere. Natürlich kann man immer noch sagen, bloßer Zufall.

Es gibt Menschen, die halten alles bloß für Zufall. Und wenn man ihnen hunderte Beispiele bringt. Dann sagen sie immer noch, es seien doch nur Einzelfälle. Natürlich sind sie das, sonst wäre es ja auch nichts Besonderes. Sie sind allerdings sogar mehr als bloß Einzelfälle, sie sind einzigartig, jedes in seiner Art. Und wenn ich von einem Haus träume, einem Haus, das ganz anders aussieht als alle anderen, und wenn ich dieses Haus auch noch finde, sofort weiß, ich kenne es nicht nur aus meinem Traum, nein, ich war schon einmal hier, vor meiner Zeit, dann schütteln sie bloß den Kopf und nennen es Humbug.

Manche jedoch, die wissen worum es geht, und die wissen, dass es etwas Verbindendes gibt über Zeiten und Welten hinweg, etwas, in das wir eingesponnen sind, mit dem wir verknüpft sind. Die verstehen, dass mir das Buch ein Auftrag war, den ich gemeinsam mit meinem besten Freund, Karl Bonai, seines Zeichens Controller und nebenbei virtuoser Pianist, zu erfüllen gedachte.

Auch er gehörte zunächst zu denen, die sich skeptisch gezeigt hätten, doch er blieb trotz allem an meiner Seite und ließ sich ein, trotz aller Bedenken und Vorbehalte. Schlussendlich musste er zugeben, dass es doch manchmal so sein könnte, wie ich mir in meinem literaturzersetzten Gehirn zusammenreime. Zumindest dieses eine Mal müsste er eingestehen, dass ich recht hatte. Was aber noch lange nicht bedeuten soll, dass er nun bereit sei, solche Phänomene uneingeschränkt und ohne jede weitere Vorbehalte anzuerkennen, sondern nur, und die Betonung liegt auf nur, in diesem einen, einzigen spezifischen Fall tatsächlich so sein hätte können. Oder es könnte auch trotzdem Zufall sein und es hat sich alles andere aus unserer mentalen Arbeit ergeben. Aber letztlich spielt das auch keine Rolle.

Denn es ist wie das ist, sagt die Liebe, und auch das Leben schert sich grundsätzlich einen Dreck um unsere, im Vergleich zu diesem, vernachlässigbaren geistigen Leistungen. Aber das Buch ließ uns eine Aufgabe zukommen – welche das war und wie wir sie erfüllten, das könnt ihr hier nachlesen:

Die Pianobar