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0608 Eine Verwechslung? (Teil 2)


Eine Verwechslung? (Teil 2)


Nyx findet nicht zur Ruhe in dieser Nacht. Sie sieht sich in ihrem Traum einem Unbekannten gegenüber, der sie anspricht als jemand anderen. Auch hier noch leugnet sie, doch dann kommt er auf sie zu, greift an ihren Hals und zieht ihr die Maske vom Gesicht, und unter dieser Maske kommt die zum Vorschein, die er suchte. Immer war sie es gewesen, und nicht einmal sie selbst wusste davon. Oder doch nicht? Denn eine Sekunde später ist wieder ihr eigenes Gesicht dort, wo es hingehört. Eine Verirrung der Sinne? Nichts als Lug und Trug? Wer ist sie? Sie hat sich verloren? Oder war sie nie die gewesen von der sie glaubte, dass sie es ist? Oder hat sich der Gedanke bereits schon so festgesetzt, dass sie selbst wankt? Sie entflieht dem Traum und der Nacht. Während der nächsten Tage kommen immer und immer wieder die selben Nachrichten. Sie solle es doch endlich zugeben, dass sie seine Geliebte wäre. Sie bräuchte sich nicht länger zu verstecken, und sie wiederholt immer und immer wieder, dass sie es nicht könne, weil sie es nicht sei. Warum sie den Kontakt nicht einfach abgebrochen hat, obwohl er sie so zermürbt?

Zweierlei sprach dafür noch nicht aufzugeben. Zum Einen war es die Neugierde. Ob er sie wohl noch finden würde? Eine wunderbare Geschichte mit einem Happy End bahnte sich in ihrem Kopf an. Vielleicht konnte sie auch einen bescheidenen Beitrag dazu leisten, dass sie sich fänden, dass sie, die Unbekannte durch ihre Korrespondenz aufmerksam würde. Endlich würde sie erkennen wie groß und echt seine Liebe wäre, würde sich melden und alles wäre gut. Zum Anderen lag es wohl an den nach wie vor intensiven, überlegten und inspirierenden Kommentaren, die er noch immer schrieb, jenseits jener Verwechslung, die ihr schon einige gute Ideen beschert hatten. Darauf wollte sie nicht verzichten.

Tag für Tag, fast ein Monat lang wiederholte sie nun die Geschichte ihrer Existenz – ihr Eigen-Sein verteidigend gegen eine so unbezwingbare Mauer der Gewissheit. Wenn sie es leugnete, wusste er sofort warum sie leugnete. Es war ein Vorwand, dass ihn noch mehr zu bestätigen schien. Bis sie eines Tages den Einfall hatte ihm ein Bild zu schicken. Da konnte es keine Missverständnisse mehr geben, doch was konnte man schon sicher sein bei jemanden, der es bewerkstelligte jeden Einwand zu entkräften, jede Gegendarstellung zu torpedieren. Doch das Foto, das zeigte endlich die erwünschte Wirkung.

„Du hast mich die ganzen Wochen an der Nase herumgeführt, hast Dich für jemanden ausgegeben, der Du nicht bist, hast mit meinen Gefühlen und meiner Sehnsucht Katz und Maus gespielt. Du bist das Allerletzte!“

Das war seine Reaktion. Dennoch ließ sich Nyx nicht aus der Ruhe bringen. Endlich hatte er es verstanden.

„Ich habe nie behauptet sie zu sein. Immer wieder habe ich es Dir gesagt, dass ich nicht die bin, für die Du mich hältst, doch jetzt glaubst Du es endlich.“

Es schien dennoch ein Schlusspunkt zu sein, doch nein, er schaffte es denselben zu setzen:

„Gerade indem Du leugnetest suggeriertest Du mir das Gegenteil, zogst mich tiefer und tiefer in Deine Klauen, Du Sirene, Du Hyäne. Aber Du konntest doch nicht glauben, dass ich ewig auf Deine Lügen hereinfalle. Ich habe Dich nun durchschaut, und ich werde die ganze Welt vor Dir warnen!“

Nyx saß am Steg, auch an diesem Abend und verstand die Welt nicht mehr. Aber vielleicht sollte es auch aufgeben sie verstehen zu wollen.

0408 Eine Verwechslung? (Teil 1)


Eine Verwechslung? (Teil 1)


Nyx sitzt auf ihrem Steg am See direkt vor der Burg, in die sie sich vor langer Zeit zurückgezogen hat und denkt nach. Ihr langes schwarzes Haar flattert sanft im Wind. Die Luft ist lau und anschmiegsam. Doch sie bemerkt es nicht, denn sie ist in diesen Gedanken versunken, in etwas, das sie nicht versteht. Sie sucht und sucht nach etwas, was sie vergessen hat oder einen Fehler, den sie gemacht hat. Denn sie gehört zu den Menschen, die prinzipiell davon ausgehen, dass sie den Fehler begangen haben, und nicht die anderen, irgendwer. Und wenn es doch der andere war, so haben sie ihn einfach nur nicht davon abgehalten. Dabei hatte alles so wunderbar begonnen. Nyx hatte nichts weiter gemacht als eine Geschichte erzählt, eine Geschichte rund um Sehnsucht und Liebe. Postwendend war ein Kommentar gekommen. Darüber freute sie sich, denn dieser Kommentar ging auf ihre Geschichte ein, spann sie fort und endete mit den Worten:

„Du hast mir in die Seele geblickt und unsere Geschichte erzählt.“

Ja, sie hatte eine Geschichte erzählt, die sie „unsere“ nennen konnte, doch das war eine zwischen ihr und einer Vertrauten, die sie nicht namentlich erwähnte. Aber vielleicht meinte der Kommentator seine Geschichte, die er „unsere“ nannte, seine eigene Geschichte, die er in ihrer wiederfand. Das kam vor, denn Geschichten rund um Sehnsucht und Liebe sind sich in so vielem ähnlich. Genau das musste es sein. Nyx entschied sich für diese Interpretationsmöglichkeit und antwortete entsprechend, denn sie kannte ihn nicht.

„Das freut mich sehr, dass Du Dich darin wiederfindest.“

Nyx war es sich zufrieden, denn sie war überzeugt davon, sie hatte es richtig verstanden, doch diese Selbstzufriedenheit über das Verstehen hielt nicht lange an, eigentlich nur bis zum nächsten Kommentar.

„Natürlich finde ich mich darin wieder, Du Dummerchen, denn es ist ja unsere Geschichte, Deine und meine. Du kannst Dich hinter welchem Pseudonym auch immer verstecken, ich werde Dich immer erkennen, denn Dein Erzählen ist einzigartig.“

Nyx war schockiert. Was war nur passiert? Was hatte sie getan? Nein, das konnte nur eine Verwechslung sein, doch er klang so überzeugend. Vielleicht stimmte es ja, dass es dort draußen jemanden gab, die ihr ähnlich war, aber so sehr.  Dennoch versuchte sie es nochmals, wollte sie doch keine falschen Hoffnungen wecken.

„Ich bin nicht die, für die Du mich hältst. Es tut mir leid.“

Damit müsste das Missverständnis doch endlich aus der Welt sein, dachte sie zumindest, doch er setzte noch einen drauf.

„Das Herz irrt nicht. Es ist mir schon klar warum Du Dich versteckst, denn Du fürchtest unsere Feinde, die uns verfolgen von Anbeginn an, und Du fürchtest sie, weil Du um mich bangst. Doch Du musst keine Sorge haben. Ich habe sie alle besiegt, und ich kann mich nun unbehelligt auf den Weg zu Dir machen. Zuerst dachte ich, Du liebtest mich nicht mehr, bis mir klar wurde, dass Du all diese Vorsichtsmaßnahmen nur um meinetwillen vornimmst, doch es ist alles geregelt, denn ich habe viel mächtigere Freunde als ich Feinde habe. Also sorge Dich nicht, und komm zu dem Ort, an dem wir uns zum ersten Mal trafen, dort am Wasser in unserer Stadt, die wir nun zurückgewonnen haben. Du, meine Liebste, alles hast Du nur für mich getan. Jetzt werde ich für Dich da sein.“

Und nun sitzt sie am Steg und weiß nicht weiter. Es ist ihr, als wäre sie in eine fremde Welt, in ein fremdes Miteinander eingebrochen, oder besser gesagt, eingebrochen worden, und nun findet sie keinen Weg heraus. Warum ist es so schwer verstanden zu werden? Doch dann schreibt sie das einzige, was sie noch schreiben kann:

„Ich bin nicht sie. Ich wünschte, Du würdest sie finden, aber ich bin es nicht.“

Damit würde nun endlich alles klar sein, alles Missverständnisse endgültig beseitigt, denkt Nyx, als sie aufsteht um ins Bett zu gehen.

"Die Pianobar" (Eine Leseprobe)

Prolog


Mein Name ist Anna Marx. Ich bin im Marketing beschäftigt, doch nur als Überbrückung und weil es mir der einzig mögliche Platz schien meine Kreativität auszuleben. Doch meine eigentliche Leidenschaft sind die Bücher, oder besser gesagt, jede Art von Texten. So weit ich zurückdenken kann, sehe ich mich immer nur lesend. Irgendwann begann ich meine eigenen Texte zu verfassen, weil mir das Geschriebene, das ich vorfand, zu wenig war. Es war nicht mehr das, was ich suchte. Meine Leidenschaft ließ nicht nach. Sie wurde nur präzisier. Ich war es immer und werde immer davon überzeugt sein, dass Bücher etwas bewirken in unserem Leben. Zu Anfang erweiterten sie meinen Horizont, indem ich Geschichten durchlebte, die nicht meine waren, niemals meine sein konnten, und doch durfte ich sie miterleben, über Zeiten und Weiten hinweg, eintauchen in fremde Welten und Gedanken, mein eigenes Leben für ein paar Stunden hinter mir lassend.

Ich wurde älter, wie das die Zeit eben so mit sich bringt, und manchmal zweifelte ich an der Sinnhaftigkeit meiner Leidenschaft, doch dann fand ich dieses Buch, das mir meinen Glauben mit einem Schlag wiederschenkte, meinen Glauben an die Schicksalhaftigkeit von Büchern.

Ich hatte es gefunden, weil es für mich bestimmt war, und zwar genau an diesem Tag, genau zu dieser Stunde. Irgendwer hatte es selbst gefunden oder vielleicht war es auch der Trödler, hatte es zwischen all die anderen Bücher gestellt, als wäre es wie alle anderen. Er hat es sich wohl nicht allzu genau angesehen, denn hätte er es getan, dann hätte er sofort festgestellt, dass es ganz und gar nicht so war wie alle anderen. Zunächst einmal war es mit der Hand geschrieben, aber auch kunstvoll in Leder gebunden. Aber vielleicht hatte auch das so sein sollen, diese Missachtung.

Wer weiß wie viele Menschen es schon vor mir in Händen gehalten hatten, wie viele Menschen es nicht in ihrem Wert erkannt hatten. Aber wohl, auch sie konnten es nicht, denn es war für mich bestimmt oder zumindest für jemanden, der sich davon ansprechen ließ, den es zum Handeln anregte. Es war dazu ausersehen in meine Hände zu fallen, auf dass ich es lese und entsprechend auf das Gelesene reagiere. Natürlich kann man immer noch sagen, bloßer Zufall.

Es gibt Menschen, die halten alles bloß für Zufall. Und wenn man ihnen hunderte Beispiele bringt. Dann sagen sie immer noch, es seien doch nur Einzelfälle. Natürlich sind sie das, sonst wäre es ja auch nichts Besonderes. Sie sind allerdings sogar mehr als bloß Einzelfälle, sie sind einzigartig, jedes in seiner Art. Und wenn ich von einem Haus träume, einem Haus, das ganz anders aussieht als alle anderen, und wenn ich dieses Haus auch noch finde, sofort weiß, ich kenne es nicht nur aus meinem Traum, nein, ich war schon einmal hier, vor meiner Zeit, dann schütteln sie bloß den Kopf und nennen es Humbug.

Manche jedoch, die wissen worum es geht, und die wissen, dass es etwas Verbindendes gibt über Zeiten und Welten hinweg, etwas, in das wir eingesponnen sind, mit dem wir verknüpft sind. Die verstehen, dass mir das Buch ein Auftrag war, den ich gemeinsam mit meinem besten Freund, Karl Bonai, seines Zeichens Controller und nebenbei virtuoser Pianist, zu erfüllen gedachte.

Auch er gehörte zunächst zu denen, die sich skeptisch gezeigt hätten, doch er blieb trotz allem an meiner Seite und ließ sich ein, trotz aller Bedenken und Vorbehalte. Schlussendlich musste er zugeben, dass es doch manchmal so sein könnte, wie ich mir in meinem literaturzersetzten Gehirn zusammenreime. Zumindest dieses eine Mal müsste er eingestehen, dass ich recht hatte. Was aber noch lange nicht bedeuten soll, dass er nun bereit sei, solche Phänomene uneingeschränkt und ohne jede weitere Vorbehalte anzuerkennen, sondern nur, und die Betonung liegt auf nur, in diesem einen, einzigen spezifischen Fall tatsächlich so sein hätte können. Oder es könnte auch trotzdem Zufall sein und es hat sich alles andere aus unserer mentalen Arbeit ergeben. Aber letztlich spielt das auch keine Rolle.

Denn es ist wie das ist, sagt die Liebe, und auch das Leben schert sich grundsätzlich einen Dreck um unsere, im Vergleich zu diesem, vernachlässigbaren geistigen Leistungen. Aber das Buch ließ uns eine Aufgabe zukommen – welche das war und wie wir sie erfüllten, das könnt ihr hier nachlesen:

Die Pianobar