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1508 Der alte Kater und der junge Hund

Der alte Kater und der junge Hund


Kam, fraß und ging. So ungefähr lassen sich die Besuche des Katers zusammenfassen. Nicht regelmäßig, und doch über Monate hinweg immer wieder kam er. Wir wussten nicht wem er gehörte oder ob er überhaupt ein zu Hause hatte, aber mit der Zeit gewöhnten wir uns an seine Besuche und kaum, dass wir uns daran gewöhnt hatten, blieben sie plötzlich aus. Etliche Jahre sind mittlerweile ins Land gegangen und da geschah es, dass er eines Nachts vor der Türe maunzte. Kam, fraß und ging, aber entgegen seiner früheren Gewohnheit nicht sofort. Wir hatten jedoch mittlerweile Zuwachs bekommen. Ein junger Hund bereicherte unser Leben und sah den Kater wohl als Spielgefährten. Vorsichtig und neugierig umkreiste er den Gast, der es sich mit Ruhe und Gelassenheit gefallen ließ. Alt war er inzwischen geworden, der Kater. Seine Bewegungen waren langsam und bedächtig, aber nicht weniger elegant und anmutig. Ständig hüpfte der Hund um ihn herum, wedelte auffordernd mit dem Schwanz und legte die Vorderpfoten auf, während die Hinterbeine aufrecht blieben, denn er wollte spielen. Da half keine noch so einladende Geste, kein Gehüpfe und kein Winseln, der alte Kater spielte nicht mit dem jungen Hund. In aller Ruhe fraß der Kater. Freudig sah der junge Hund, dass sogar noch was für ihn übrig war. Gierig fraß er die Schüssel leer. Doch wo war er jetzt hin, der Kater? Er hatte es sich, entgegen seiner früheren Gewohnheit, auf der Couch gemütlich gemacht, und zwar genau dort, wo der junge Hund seinen bevorzugten Liegeplatz hatte. Irritiert stupste er den Kater an, doch mit einem kurzen Prankenhieb auf die Nase waren die Fronten geklärt. So leicht ließ sich der junge Hund nicht abweisen. Für diese Nacht begnügte er sich noch damit auf dem Teppich vor der Couch zu nächtigen. Doch bereits einige Nächte später lagen sie traut vereint auf der Couch, als hätten sie immer zusammengehört. Nun kam der Kater jede Nacht, fraß, schlief und verließ uns erst im Morgengrauen. Es war ein trautes, ruhiges Miteinander. Dennoch mutete uns sein Verhalten seltsam an. Was war geschehen, dass er plötzlich so heimisch und sesshaft geworden war, der alte Streuner? Eines Morgens fand ich nun die beiden, die mittlerweile Freunde geworden waren, scheinbar friedlich schlafend auf der Couch, bloß stand er nicht mehr auf, der Kater. Friedlich war er wohl in dieser Nacht verschieden. Immer wieder stupste ihn der junge Hund an, doch der Kater rührte sich nicht mehr. Es war mir, als würde mich unser Hund fragend ansehen. „Was ist da los? Warum rührt er sich nicht? Und vor allem, kann ich jetzt nicht mehr seine Futterschüssel leer fressen?“, wollte er mich vielleicht fragen. Wir haben ihn feierlich im Garten begraben. Bis heute wissen wir nicht wem er gehörte, und so konnten wir auch niemanden erzählen was mit ihm passiert ist. Aber wenn ich es könnte, so würde ich erzählen, dass er in Ruhe und Geborgenheit starb, so wie ich es jedem von uns wünschen würde, in Ruhe, Frieden und Geborgenheit sterben zu dürfen. Offenbar hatte sich der Kater bewußt solch einen Ort gesucht. Er spürte sein Ende nahen und fand einen Freund. So verschieden die beiden wohl waren, so wenig sie sich miteinander verständigen konnten, so einfach und unkompliziert war ihr Miteinander.

So einfach kann es sein, das Miteinander, fraglos, sorglos, einfach seiend.

"Die Pianobar" (Eine Leseprobe)

Prolog


Mein Name ist Anna Marx. Ich bin im Marketing beschäftigt, doch nur als Überbrückung und weil es mir der einzig mögliche Platz schien meine Kreativität auszuleben. Doch meine eigentliche Leidenschaft sind die Bücher, oder besser gesagt, jede Art von Texten. So weit ich zurückdenken kann, sehe ich mich immer nur lesend. Irgendwann begann ich meine eigenen Texte zu verfassen, weil mir das Geschriebene, das ich vorfand, zu wenig war. Es war nicht mehr das, was ich suchte. Meine Leidenschaft ließ nicht nach. Sie wurde nur präzisier. Ich war es immer und werde immer davon überzeugt sein, dass Bücher etwas bewirken in unserem Leben. Zu Anfang erweiterten sie meinen Horizont, indem ich Geschichten durchlebte, die nicht meine waren, niemals meine sein konnten, und doch durfte ich sie miterleben, über Zeiten und Weiten hinweg, eintauchen in fremde Welten und Gedanken, mein eigenes Leben für ein paar Stunden hinter mir lassend.

Ich wurde älter, wie das die Zeit eben so mit sich bringt, und manchmal zweifelte ich an der Sinnhaftigkeit meiner Leidenschaft, doch dann fand ich dieses Buch, das mir meinen Glauben mit einem Schlag wiederschenkte, meinen Glauben an die Schicksalhaftigkeit von Büchern.

Ich hatte es gefunden, weil es für mich bestimmt war, und zwar genau an diesem Tag, genau zu dieser Stunde. Irgendwer hatte es selbst gefunden oder vielleicht war es auch der Trödler, hatte es zwischen all die anderen Bücher gestellt, als wäre es wie alle anderen. Er hat es sich wohl nicht allzu genau angesehen, denn hätte er es getan, dann hätte er sofort festgestellt, dass es ganz und gar nicht so war wie alle anderen. Zunächst einmal war es mit der Hand geschrieben, aber auch kunstvoll in Leder gebunden. Aber vielleicht hatte auch das so sein sollen, diese Missachtung.

Wer weiß wie viele Menschen es schon vor mir in Händen gehalten hatten, wie viele Menschen es nicht in ihrem Wert erkannt hatten. Aber wohl, auch sie konnten es nicht, denn es war für mich bestimmt oder zumindest für jemanden, der sich davon ansprechen ließ, den es zum Handeln anregte. Es war dazu ausersehen in meine Hände zu fallen, auf dass ich es lese und entsprechend auf das Gelesene reagiere. Natürlich kann man immer noch sagen, bloßer Zufall.

Es gibt Menschen, die halten alles bloß für Zufall. Und wenn man ihnen hunderte Beispiele bringt. Dann sagen sie immer noch, es seien doch nur Einzelfälle. Natürlich sind sie das, sonst wäre es ja auch nichts Besonderes. Sie sind allerdings sogar mehr als bloß Einzelfälle, sie sind einzigartig, jedes in seiner Art. Und wenn ich von einem Haus träume, einem Haus, das ganz anders aussieht als alle anderen, und wenn ich dieses Haus auch noch finde, sofort weiß, ich kenne es nicht nur aus meinem Traum, nein, ich war schon einmal hier, vor meiner Zeit, dann schütteln sie bloß den Kopf und nennen es Humbug.

Manche jedoch, die wissen worum es geht, und die wissen, dass es etwas Verbindendes gibt über Zeiten und Welten hinweg, etwas, in das wir eingesponnen sind, mit dem wir verknüpft sind. Die verstehen, dass mir das Buch ein Auftrag war, den ich gemeinsam mit meinem besten Freund, Karl Bonai, seines Zeichens Controller und nebenbei virtuoser Pianist, zu erfüllen gedachte.

Auch er gehörte zunächst zu denen, die sich skeptisch gezeigt hätten, doch er blieb trotz allem an meiner Seite und ließ sich ein, trotz aller Bedenken und Vorbehalte. Schlussendlich musste er zugeben, dass es doch manchmal so sein könnte, wie ich mir in meinem literaturzersetzten Gehirn zusammenreime. Zumindest dieses eine Mal müsste er eingestehen, dass ich recht hatte. Was aber noch lange nicht bedeuten soll, dass er nun bereit sei, solche Phänomene uneingeschränkt und ohne jede weitere Vorbehalte anzuerkennen, sondern nur, und die Betonung liegt auf nur, in diesem einen, einzigen spezifischen Fall tatsächlich so sein hätte können. Oder es könnte auch trotzdem Zufall sein und es hat sich alles andere aus unserer mentalen Arbeit ergeben. Aber letztlich spielt das auch keine Rolle.

Denn es ist wie das ist, sagt die Liebe, und auch das Leben schert sich grundsätzlich einen Dreck um unsere, im Vergleich zu diesem, vernachlässigbaren geistigen Leistungen. Aber das Buch ließ uns eine Aufgabe zukommen – welche das war und wie wir sie erfüllten, das könnt ihr hier nachlesen:

Die Pianobar

1611 Geschichten erzählen uns


Geschichten erzählen uns ...


Du begegnest mir. Du setzt Dich zu mir, eine Weile. Oder Du begleitest mich gar, ein Stück des Weges. Du siehst mich an, und indem ich merke, dass Dein Blick nicht an mir vorbeigeht, sondern besteht, möchte ich, dass Du verstehst, verstehst, was ich war, was ich bin und wohin mein Schritt sich wendet.

So beginne ich zu erzählen, Geschichten, die geschehen sind, Geschichten, die wir sind, im Entstehen begriffen und Geschichten, die ich mir erhoffe, erträume und ersehne. Dir zeige ich erzählend meinen Schmerz und meine Freude, meine Angst und meine Zuversicht, meine Verlorenheit und meine Verbundenheit, meine Trauer und mein Sehnen, zeige Dir erzählend die Bilder in meinem Kopf. Ich erzähle mich Dir und öffne Dir darin eine Tür zu dem, was meine Wirklichkeit, meine Sicht der Dinge, meine Welt ausmacht, öffne Dir eine Tür zu meinem Selbst- und So-Sein.

Und indem ich mich Dir erzähle, wünsche ich mir, dass Du mir Dich erzählst, Geschichten, die geschehen sind, Geschichten, die wir sind, im Entstehen begriffen und Geschichten, die Du Dir erhoffst, erträumst und ersehnst. Mir zeigst Du erzählend Deinen Schmerz und Deine Freude, Deine Angst und Deine Zuversicht, Deine Verlorenheit und Deine Verbundenheit, Deine Trauer und Dein Sehnen, zeigst mir erzählend die Bilder in Deinem Kopf. Du erzählst Dich mir und öffnest mir darin eine Tür zu dem, was Deine Wirklichkeit, Deine Sicht der Dinge, Deine Welt ausmacht, öffnest mir eine Tür zu Deinem Selbst- und So-Sein.

Ich will eintreten dürfen, so wie ich Dich bei mir einzutreten bitte, zu erkennen und zu offenbaren, zu begreifen ohne festzuhalten, zu erkennen ohne darauf zu beharren, denn Sein ist immer Sein im Werden, ist Veränderung, ist Wachsen, ist Werden. Im Erzählen entwickeln wir uns. Ob aufeinander zu oder voneinander weg? Wer weiß das schon. Doch wir wollen es wagen! Denn ohne Wagnis kann es keine Annäherung, ohne die Vorgabe des mich-Dir-Anvertrauens geben.

Nur im erzählen können wir einander verstehen, kann ein Wir wachsen. Es gibt keinen anderen Zugang zueinander, und ich will ihn nicht verlieren, diesen Zugang zu Dir, will ihn nicht verschließen, diesen Zugang zu mir. Ich wünschte, wir würden niemals aufhören Geschichten zu erzählen, niemals aufhören aufeinander zu-zu-gehen.

Die Tür steht offen, zu meine Welt und zu mir. Lass Dich ein und los. Du wirst Dich neu finden und verändert, denn die Geschichten hinterlassen Spuren, formen Dich und Dein Verstehen neu. Dein Blick wird weiter und Deine Toleranz wird größer, vor dem Anderen und seinem Je-Eigen-sein, das sich Dir erzählend annähert um Dir Du zu werden.