Posts mit dem Label Hund werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Hund werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

1209 Unverhofft


 

Unverhofft


Seit Stunden saß ich nun da und meine Gedanken drehten sich im Kreis. Unbedingt musste ich fertig werden. Der Termin hing wie ein Damoklesschwert über meinem Nacken. Woher kommt überhaupt der Ausdruck „Damoklesschwert“?, ging es mir unvermittelt durch den Kopf, und sofort ging ich daran es nachzuschlagen. Da hatte ich zumindest den Eindruck etwas zu tun. Doch wem machte ich etwas vor? Mir selbst. Immer nur mir selbst. Tat so, als wäre das jetzt wichtig. Doch das war es nicht. Wichtig war die Arbeit, die fertig gemacht werden wollte, und ich kam keinen Schritt vorwärts. Wie ein Hund, der seinen Schwanz jagt, kam ich mir vor, und selbiger setzte sich nun auch noch vor mir hin und winselte. Verstohlen sah ich auf die Uhr. Er wollte raus, sich bewegen. Natürlich, es war höchste Zeit. „Ja, wir gehen gleich“, sagte ich ihm beschwichtigend, aber halbherzig, „Ich mach das da nur noch schnell fertig, dann gehen wir auch. Das musst Du doch verstehen!“ Musst? Natürlich verstand er es nicht, von müssen gar keine Rede. Und selbst wenn er meine Worte verstanden hätte, es wäre ziemlich egal gewesen, denn es war seine Zeit, so wie immer, da wollte er raus und das war seine Art es mir zu sagen. Unbeeindruckt winselte er weiter. Meine Konzentration war nun restlos dahin. Es war eine billige Ausrede, sehr billig, denn auch bevor er zu winseln begonnen hatte, funktionierte nichts. Aber es hat doch immer etwas Entlastendes, wenn man die Schuld auf jemand anderen schieben kann, und den Hund, den störte das nicht. Er ließ nicht nach, bis ich aufstand, verärgert das Halsband nahm und die Leine und mich auf den Weg machte. „Und, bist Du jetzt zufrieden?“, blaffte ich ihn missmutig an, „Jetzt, da Du Deinen Willen bekommen hast?“ Und ja, er war höchst zufrieden. Voller Vorfreude sprang er aus dem Haus, und auf die Straße. Zielstrebig schlug er den Weg in Richtung Wald ein. „Aber wir gehen nur ein bisschen“, hörte ich mich noch sagen, doch es war mehr als schwach. Asphalt unter meinen Füßen, Hundegekläff aus den anderen Gärten. Der Hund, den ich an der Leine führte, hatte es sehr eilig zu schnüffeln. Vom ersten Moment an war er ganz bei der Sache, nur in mir haderten noch zwei Seelen. Die eine, die mir vorwarf so undiszipliniert zu sein, und die andere, die sich vehement vorzudrängen versuchte um den Spaziergang zu erleben. Noch behielt erstere die Überhand, doch sobald wir den Wald betraten, die Geräusche nachließen, die Sonnenstrahlen sich durch die Blätter der Bäume schlängelten, legte ich jegliche Disziplin ab und war da. Atmete die Luft, roch die Erde und spürte den weichen Waldboden unter meinen Füßen. Ich ließ los. Das was ich zu Hause gelassen hatte und jetzt wirklich auch dort war, nicht mehr bei mir. Ich ließ los. Die Gedanken, die mich fesselten an das Problem, das ich umrundet hatte wie ein wilder Tiger. Jetzt hatte ich mich entfernt. Es würde noch da sein, wenn ich nach Hause käme, doch dann wäre es zu spät diese eine Stunde zu genießen, die wir hier verbrachten, die Eindrücke auf- und wahrzunehmen. Einfach hier zu sein, nichts weiter. Meine Gedanken waren noch wenige Meter zuvor durcheinandergewirbelt gewesen, als hätte ein Orkan in meinem Kopf gewütet. Langsam legten sie sich. Ruhe kehrte ein. Schritt um Schritt. Ich ging. Der Hund ging. Wir fanden in einen Rhythmus. Nebeneinander. Rhythmus. Gehen. Stehen bleiben. Wie eine Einheit. Und plötzlich, ohne dass ich auch nur daran gedacht hatte, erhob sich die Lösung aus all diesen Gedanken, die nun endlich Ruhe gaben, erhob sich, klar und einfach. Mit einem Schlag wusste ich was ich zu tun hatte, wie weitermachen, wie vollenden. Und die Antwort war schon immer dagewesen. Ich hatte sie nur nicht sehen können, so sehr hatte ich mich vergraben im Problem. Frohgemut schritt ich neben meinem Hund aus. Und als wir zurückkehrten, da vollendete ich die Arbeit mit aller Leichtigkeit, während mein Hund ruhig und zufrieden neben mir lag. Hatte er gewusst was ich brauchte? Es ist verführerisch das zu denken, aber es tut letztlich auch nichts zur Sache, denn was zählt ist, dass es so geschehen ist. Manchmal, da muss man erst fortgehen um zu sehen wovon man ausging.

1508 Der alte Kater und der junge Hund

Der alte Kater und der junge Hund


Kam, fraß und ging. So ungefähr lassen sich die Besuche des Katers zusammenfassen. Nicht regelmäßig, und doch über Monate hinweg immer wieder kam er. Wir wussten nicht wem er gehörte oder ob er überhaupt ein zu Hause hatte, aber mit der Zeit gewöhnten wir uns an seine Besuche und kaum, dass wir uns daran gewöhnt hatten, blieben sie plötzlich aus. Etliche Jahre sind mittlerweile ins Land gegangen und da geschah es, dass er eines Nachts vor der Türe maunzte. Kam, fraß und ging, aber entgegen seiner früheren Gewohnheit nicht sofort. Wir hatten jedoch mittlerweile Zuwachs bekommen. Ein junger Hund bereicherte unser Leben und sah den Kater wohl als Spielgefährten. Vorsichtig und neugierig umkreiste er den Gast, der es sich mit Ruhe und Gelassenheit gefallen ließ. Alt war er inzwischen geworden, der Kater. Seine Bewegungen waren langsam und bedächtig, aber nicht weniger elegant und anmutig. Ständig hüpfte der Hund um ihn herum, wedelte auffordernd mit dem Schwanz und legte die Vorderpfoten auf, während die Hinterbeine aufrecht blieben, denn er wollte spielen. Da half keine noch so einladende Geste, kein Gehüpfe und kein Winseln, der alte Kater spielte nicht mit dem jungen Hund. In aller Ruhe fraß der Kater. Freudig sah der junge Hund, dass sogar noch was für ihn übrig war. Gierig fraß er die Schüssel leer. Doch wo war er jetzt hin, der Kater? Er hatte es sich, entgegen seiner früheren Gewohnheit, auf der Couch gemütlich gemacht, und zwar genau dort, wo der junge Hund seinen bevorzugten Liegeplatz hatte. Irritiert stupste er den Kater an, doch mit einem kurzen Prankenhieb auf die Nase waren die Fronten geklärt. So leicht ließ sich der junge Hund nicht abweisen. Für diese Nacht begnügte er sich noch damit auf dem Teppich vor der Couch zu nächtigen. Doch bereits einige Nächte später lagen sie traut vereint auf der Couch, als hätten sie immer zusammengehört. Nun kam der Kater jede Nacht, fraß, schlief und verließ uns erst im Morgengrauen. Es war ein trautes, ruhiges Miteinander. Dennoch mutete uns sein Verhalten seltsam an. Was war geschehen, dass er plötzlich so heimisch und sesshaft geworden war, der alte Streuner? Eines Morgens fand ich nun die beiden, die mittlerweile Freunde geworden waren, scheinbar friedlich schlafend auf der Couch, bloß stand er nicht mehr auf, der Kater. Friedlich war er wohl in dieser Nacht verschieden. Immer wieder stupste ihn der junge Hund an, doch der Kater rührte sich nicht mehr. Es war mir, als würde mich unser Hund fragend ansehen. „Was ist da los? Warum rührt er sich nicht? Und vor allem, kann ich jetzt nicht mehr seine Futterschüssel leer fressen?“, wollte er mich vielleicht fragen. Wir haben ihn feierlich im Garten begraben. Bis heute wissen wir nicht wem er gehörte, und so konnten wir auch niemanden erzählen was mit ihm passiert ist. Aber wenn ich es könnte, so würde ich erzählen, dass er in Ruhe und Geborgenheit starb, so wie ich es jedem von uns wünschen würde, in Ruhe, Frieden und Geborgenheit sterben zu dürfen. Offenbar hatte sich der Kater bewußt solch einen Ort gesucht. Er spürte sein Ende nahen und fand einen Freund. So verschieden die beiden wohl waren, so wenig sie sich miteinander verständigen konnten, so einfach und unkompliziert war ihr Miteinander.

So einfach kann es sein, das Miteinander, fraglos, sorglos, einfach seiend.