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1712 Adventgeschichte: Das gewebte Band (17):


Ein durchaus moralisches Angebot


Maria tat nun mit aller Selbstverständlichkeit das, was sie sonst nie getan hätte. Sie stand sprichwörtlich mit den Hühnern auf, oder besser gesagt, mit dem Weckruf eines Hahnes. Wenn sie dann die Augen öffnete und sah, erkannte wo sie sich befand, freute sie sich auf den kommenden Tag, der sich nicht viel vom vorigen unterschied, und von dem sie dennoch mit Fug und Recht behaupten konnte, dass er einzigartig war, dieser eine, einzige, dieser Tag. Nun hatte sie die Welpen versorgt und das Haus in Ordnung gebracht, und machte sich auf Uwe in den Stall zu folgen, der bereits vorausgegangen war, als ein Traktor in die Einfahrt einbog, ein Auto im Schlepptau. Es war ihr Auto, und der Traktor wurde vom Luisl gelenkt, dem Sohn der Nachbarin. Maria blieb stehen und beobachtete wie der feiste Bursche den Motor abstellte und behäbig aus dem Traktor stieg.

0812 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (8)


Auf Dich zu zu gehen


Der Tag war voller Geschäftigkeit, ruhiger, entspannter Geschäftigkeit. Nachdem im Stall und im Haus alles erledigt war, fühlte sich Maria immer noch voller Tatendrang und Energie.

„Hättest Du Lust in den Ort hinüber zu gehen und den Schnaps abzuliefern?“, fragte Magdalena ihre Nichte.
„Schnaps? Welchen Schnaps?“, entgegnete Maria.
„Du weißt doch wie mich die Menschen im Ort nennen?“, erkundigte sich Magdalena.
„Woher soll ich das wissen ...“, doch Maria hielt unvermittelt inne, doch sie wusste es, da war doch was. Aber was? Was hatte die Nachbarin gesagt an jenem Abend, an dem sie in der Schneewehe steckengeblieben war? Sie hatte nicht so genau hingehört, weil sie nichts weiter wollte als endlich anzukommen, an jenem Tag, „Doch, ich weiß es, die Zirbenbäuerin.“

2708 Zulassen

Zulassen


Zulassen – Dich zu mir zu setzen, obwohl wir nichts voneinander wissen, außer vielleicht das Eine, das wir Menschen sind, die die Begegnung suchen, manchmal aus Langeweile oder bloßer Neugierde, manchmal aber auch um nicht unterzugehen im Sumpf der Isoliertheit und Ich-Verlorenheit.

Zulassen – Dich mir und mich Dir zuzusprechen, obwohl wir uns nicht zuvor sorgfältigst abgeklopft haben, uns vergewisserten, das Du es wert wärst, mein Vertrauen und meine Offenheit, doch wie sonst wäre Begegnung je möglich, ohne diese kleine Vorgabe.

Zulassen – Dich mir und mich Dir zu zeigen wie wir sind, obwohl es immer auch ein Wagnis ist, zu eröffnen und zuzulassen. Wie wirst Du damit umgehen, mit dem, was ich Dir entdecke, was ich Dir von mir erfahren lasse?

„Ich will Dich eintauchen lassen in meine Welt, die so ganz anders ist als Deine, und ich beginne damit: Hallo! Ich freue mich, dass Du hier bist.“, spreche ich mich Dir zu, während wir am Steg sitzen und den vollen, satten Mond sich im Wasser spiegeln sehen.
„Ja, ich bin hier, und doch, ich sollte es nicht sein, hier, wo alles so fremd ist, wo ich mich an nichts halten kann als an das Versprechen, das Du mir gibst.“, entgegnetest Du skeptisch.
„Ich weiß, es werden Spiele gespielt, woanders, Spiele mit Menschen, bei denen es Gewinner und Verlierer gibt, Kampf- und Machtspiele, Spiele um Prestige und Ansehen, Spiele um Interessen und Eigennutz, doch hier gibt es keine Spiele, nicht um Dich oder mich, nicht um den Preis des Miteinander.“, gebe ich zurück.
„Warum sollte ich Dir glauben? Worauf hin sollte ich Dir mein Vertrauen schenken, wo ich nichts habe als Dein Wort, wo ich auf nichts bauen kann als auf Deine Zusicherung, und wie wankelmütig sind doch die Menschen. Oder willst Du von Dir behaupten, dass Du noch nie enttäuscht hast?“, entgegnetest Du, logisch und nachvollziehbar.
„Ich behaupte nichts von mir, nur das, was Du an mir erlebst, so wie ich keine Vermutungen über Dich anstelle und nur das annehme, was Du mich von Dir erleben läßt, um es mir zu bewahren, vor der Welt, vor den anderen. Aber Sicherheit, nein, die kann es niemals geben.“, entgegnete ich nachdenklich.

Zulassen – haben denn Träume Schranken, so lange sie Träume sein dürfen.

Zulassen – kannst Du der Hoffnung Grenzen setzen ohne sie zu zerstören.

Zulassen – Sehnsucht, die in ihrem Wesen mich erfüllt und zu mir spricht, dass ich mich Dir zuwenden möchte, kann sie denn eingefriedet werden.

Zulassen – Staunen, dass Du bist in Deiner Einzigartigkeit und Unbestimmtheit und auch Unvorhersehbarkeit, wie könnte ich Abstriche machen ohne Dich zu verlieren noch bevor ich Dich wirklich gefunden habe.

Zulassen – Wachsen, das mir Deine Zutrauen und Deine Zuwendung ermöglicht, kann es denn begradigt werden, ohne seine Eigenständigkeit zu verlieren.

Zulassen – Zuneigung, die uns zueinander führt, uns die Hand zu reichen, einander zu stärken und zu begleiten, kann sie denn ein Maß haben, das sie kennbar macht, ohne zu enteignen.

Zulassen – Dich und mich im Wir!

3107 Mit dem Strick in der Hand


Mit dem Strick in der Hand


Wehmütig blickt er sich um, der Esel, den ich am Strick führe, zum ersten Mal, wehmütig zurück auf seine Weide und seine Kameraden. Die durften dort bleiben und weiter grasen und hin gehen wo sie wollten, zumindest innerhalb der Umzäunung, ohne Halfter und Strick. Und die, die auf der Weide zurückblieben schauen denen nach, die weggeführt werden. Da muss er doch noch mal schnell ein Maul voll Gras vom Wegrand abzupfen. Dann erst trabt er mit, denn sein Freund trabt nun auch. Vielleicht ist da auch schon ein wenig Neugierde wo es hingehen soll. Doch noch überwiegt die Abwehr, möglicherweise auch, weil er sich nun so bewegen muss wie es ein anderer von ihm will. Den Weg entlang. Noch ist die heimatliche Weide zu sehen, wenn er den Kopf wendet. Vielleicht doch noch ein Maul voll Gras? Aber da spürt er den Zug am Strick, zunächst sanft, doch nachdem er es weiterhin probiert, energischer. Nicht einmal zum Gras abzupfen darf man stehenbleiben. Das scheint ihm immer unsympathischer zu werden, zumal jetzt eine Biegung kommt. Nein, da wollen beide Esel nicht mehr weitergehen. Ein paar Schritte noch, und sie haben sich endgültig von der Sicht auf den Hof verabschiedet, betreten einen Wald. Außerdem ist jetzt schon genug gegangen. Es wäre doch an der Zeit wieder umzudrehen, doch die, die den Strick in der Hand haben, die lassen nicht locker, wollen unbedingt weitergehen. Es sind die ersten zehn Minuten, da versuchen sie es immer wieder, stehenbleiben und umdrehen, zurück in heimatliche Gefilde. Doch nach diesen ersten zehn Minuten, die wohl auch jeder kennt, der sich entschließt endlich einmal wieder laufen zu gehen, wo man gegen den Unwillen und der Versuchung sich wieder in die Bequemlichkeit zurückzuziehen, ankämpft, traben sie nun ganz brav neben uns her, lassen sich führen und scheinen auch Gefallen daran zu finden. Sie vertrauen sich an, ganz gleich wohin es geht, wie weit sich der Weg zieht, sie gehen mit. immer brav einen Hof vor den anderen setzend, ruhig und gelassen. Diese Gelassenheit greift über. Die Anspannung fällt ab, und auch wenn man mit diesem tierischen Gefährten nicht reden kann, so ist es doch etwas anderes als alleine zu gehen. Ein ruhiger, einsichtiger Begleiter, der weder auf Zeit noch auf irgendwelche Rekorde erpicht ist. Von selbst findet sich ein Tempo, das beiden angenehm ist, so dass die Landschaft nicht einfach an einem vorbeizieht, sondern aufgenommen und besehen werden kann. Gelassenheit dem Leben gegenüber für diese zwei Stunden, die wir nichts tun als miteinander zu gehen, zwischen Wäldern und Feldern, während die Sonne ihre Stahlen durch das dichte Laubwerk fallen lässt. Es gibt gerade nichts zu tun, außer hier zu gehen und hier zu sein. Warum also nicht gelassen sein und seine Gedanken fliegen lassen? Zunächst verharren sie in dem, was wir hinter uns gelassen haben, doch bald schon lösen sie sich. Man kommt früh genug zurück. Setzen sich nieder auf die Äste und Ähren, um sich noch ein wenig auszuruhen, bevor sie hinauffliegen, frei und ungezügelt. Sonst passiert es doch so oft, dass die Gedanken reglementiert werden, dass sie auf erprobte Wege gezwungen werden um Lösungen zu finden, für Probleme, die mit Althergebrachten nicht lösbar sind. Dennoch versuchen wir es immer wieder, ohne einen Schritt weiter zu kommen, doch wenn die Gedanken fliegen dürfen, dann finden sich plötzlich neue Wege, weil die Sicht weiter wird, und neue Zugänge entdeckt werden. Und der Strick in der Hand hängt lose herab. Wir gehen gemeinsam, der Esel und ich, bis wir wieder einbiegen auf den wohlvertrauten Weg, die Weide und die Gefährten in Hörweite kommen. Bald schon werden sie zu Hause sein, befreit von Halfter und Strick, machen sie als erst ein paar Freudensprünge auf der Weide, testen ob das Gras noch so schmeckt wie zuvor und begrüßen die Zurückgebliebenen. In ihrem kleinen Universum haben sie Abschied, Verlassen und Wiederkehren erlebt – und ich habe bei diesem gemeinsamen Gehen zu einer Ruhe und Gelassenheit gefunden, wie sie mir sonst selten möglich ist.

2107 Erzählen



Erzählen


Es ist mittlerweile über 25 Jahre her, dass ich die Kraft des Erzählens für mich entdeckte, damals unter einer Laterne auf einer Wiese in Hastings. Zuerst waren nur eine Freundin und ich da. Wir warteten auf den Bus, der uns abholen sollte. Wir waren zu früh dran. Viel zu früh. Doch auch andere stießen zu uns, und ich wurde gebeten eine meiner Geschichten zu erzählen, und ich tat es, und aus einer wurden mehrere. Ich erzählte. Nichts weiter, stieg ein in das erzählte Geschehen und nahm die anderen mit, so sie wollten. Was rund um uns noch geschah? Ich kann es nicht sagen. Ich genoss den Moment und das Miteinander und den Austausch, bewährte mich als aufmerksame Führerin. Zuletzt sprachen wir darüber. Dann stiegen wir in den Bus ein und fuhren weg, weg von dem Ort und aus dem Geschehen. Danach habe ich lange nicht mehr erzählt, nur das Erleben begleitete mich, überrollte mich ab und an in einer sanften Welle und trug mich fort zu der Laterne in Hastings vor über 25 Jahren.

Die Zeit verging, die Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten wurden mehr, wollten erfüllt werden, und auch wenn ich von diesem Damals, nicht nur räumlich, weit weg schien, so war es doch immer irgendwo präsent. In einer kleinen Schublade im großen Kasten meiner Erinnerungen. Und jetzt habe ich sie wieder einmal aufgemacht. Nicht nur für einen kurzen Blick hinein, sondern um sie wirklich herauszunehmen, fühlte mich ein, wie es war, gelehnt an die Laterne, erzählend, beobachtend, und plötzlich wusste ich, dass es das war, was ich immer wollte. Nicht nur schreiben, fixieren und weitergehen, sondern erzählen und näherbringen. Zuerst hatte ich gedacht, es wäre die Nacht, die diese seltsame, magische Stimmung zauberte, so dass ich meine Geschichten zunächst immer in der Nacht ansiedelte, sie erzählen ließ von meinem Alter Ego, Nyx Nachtgedanken. Aber das war es nicht.

Es war das verbindende Band des Erzählens, das Brücken schlägt zu weit entfernten Epochen und Brücken in die Ferne, das uns aufmerken lässt auf das Hier und Jetzt, das uns aber auch ein wenig dem Alltag vorenthält. Erzählen – zum Lachen zu bringen, zum Weinen, zum Nachdenken, zum Verstehen. Und wenn man zurückkehrt in diesen Alltag, so tut man es gestärkt und zuversichtlich. Vieles lässt sich mit Geschichten viel besser erklären, als durch bloße Beschreibung, denn wir können das Gelingen der Protagonisten nachvollziehen, ebenso wie ihr Scheitern. Und wenn es gut ist, dann verleitet es dazu ein wenig innezuhalten, ohne die Realität gänzlich zu negieren.

Ich will nichts weiter als meine Geschichten zu erzählen, und wenn ich meine sage, so sind es all die, die ich in mir gesammelt habe, aus eigener Anschauung, aus Gelesenem, aus Gesehenem, aus dem, was mir erzählt wurde, und bisweilen aus meinen Träumen und Phantastereien, denn dem der erzählt, dem stehen die Welten des innen und des Außen offen. Nichts, was nicht zugänglich wäre, nichts, was sich verschließen würde, und doch nichts weiter als eine Geschichte. Geschichten drängen und zwingen nicht. Vielleicht verführen sie oder verzaubern. Vielleicht schenken sie uns Worte, nach denen wir schon lange gesucht haben, aber letztlich entscheidet der Hörende ob er sich auf die Geschichte einlässt oder nicht.

Ich bin die Erzählerin, und als solche biete ich Geschichten an. Nichts weiter. Und ich freue mich, wenn ihr euch einlasst.

1611 Geschichten erzählen uns


Geschichten erzählen uns ...


Du begegnest mir. Du setzt Dich zu mir, eine Weile. Oder Du begleitest mich gar, ein Stück des Weges. Du siehst mich an, und indem ich merke, dass Dein Blick nicht an mir vorbeigeht, sondern besteht, möchte ich, dass Du verstehst, verstehst, was ich war, was ich bin und wohin mein Schritt sich wendet.

So beginne ich zu erzählen, Geschichten, die geschehen sind, Geschichten, die wir sind, im Entstehen begriffen und Geschichten, die ich mir erhoffe, erträume und ersehne. Dir zeige ich erzählend meinen Schmerz und meine Freude, meine Angst und meine Zuversicht, meine Verlorenheit und meine Verbundenheit, meine Trauer und mein Sehnen, zeige Dir erzählend die Bilder in meinem Kopf. Ich erzähle mich Dir und öffne Dir darin eine Tür zu dem, was meine Wirklichkeit, meine Sicht der Dinge, meine Welt ausmacht, öffne Dir eine Tür zu meinem Selbst- und So-Sein.

Und indem ich mich Dir erzähle, wünsche ich mir, dass Du mir Dich erzählst, Geschichten, die geschehen sind, Geschichten, die wir sind, im Entstehen begriffen und Geschichten, die Du Dir erhoffst, erträumst und ersehnst. Mir zeigst Du erzählend Deinen Schmerz und Deine Freude, Deine Angst und Deine Zuversicht, Deine Verlorenheit und Deine Verbundenheit, Deine Trauer und Dein Sehnen, zeigst mir erzählend die Bilder in Deinem Kopf. Du erzählst Dich mir und öffnest mir darin eine Tür zu dem, was Deine Wirklichkeit, Deine Sicht der Dinge, Deine Welt ausmacht, öffnest mir eine Tür zu Deinem Selbst- und So-Sein.

Ich will eintreten dürfen, so wie ich Dich bei mir einzutreten bitte, zu erkennen und zu offenbaren, zu begreifen ohne festzuhalten, zu erkennen ohne darauf zu beharren, denn Sein ist immer Sein im Werden, ist Veränderung, ist Wachsen, ist Werden. Im Erzählen entwickeln wir uns. Ob aufeinander zu oder voneinander weg? Wer weiß das schon. Doch wir wollen es wagen! Denn ohne Wagnis kann es keine Annäherung, ohne die Vorgabe des mich-Dir-Anvertrauens geben.

Nur im erzählen können wir einander verstehen, kann ein Wir wachsen. Es gibt keinen anderen Zugang zueinander, und ich will ihn nicht verlieren, diesen Zugang zu Dir, will ihn nicht verschließen, diesen Zugang zu mir. Ich wünschte, wir würden niemals aufhören Geschichten zu erzählen, niemals aufhören aufeinander zu-zu-gehen.

Die Tür steht offen, zu meine Welt und zu mir. Lass Dich ein und los. Du wirst Dich neu finden und verändert, denn die Geschichten hinterlassen Spuren, formen Dich und Dein Verstehen neu. Dein Blick wird weiter und Deine Toleranz wird größer, vor dem Anderen und seinem Je-Eigen-sein, das sich Dir erzählend annähert um Dir Du zu werden.

1005 Feuer


Feuer


Ganz klein beginnt es. Es beginnt immer ganz klein, mit einem Funken am Waldesrand. Stolz und erhaben ragen die Bäume in den Himmel. Jahrzehnte des Wachstums schenkten ihnen diese enorme Höhe. Sie rühren sich nicht, sind einfach da. Und dann kommt er, dieser kleine Funke, nistet sich ein zwischen welken Gräsern und Blättern, unbekümmert und leicht, teilt sich und steckt seine Umgebung an, wird zusehends größer und stärker, wächst fort, bis die ersten Flammen züngeln, übergreifen aufs Unterholz und hurtig weiterspringen, von einem Blatt zum nächsten, von einem Ast zum nächsten, arbeiten sich unablässig empor, bis zu den höchsten, strahlendsten Gipfeln. Selbst die müssen sich den Flammen beugen, die doch zu Anfang nichts weiter waren als ein kleiner Funken am Waldesrand.