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1105 Zulassen

Zulassen


Zulassen – Dich zu mir zu setzen, obwohl wir nichts voneinander wissen, außer vielleicht das Eine, das wir Menschen sind, die die Begegnung suchen, manchmal aus Langeweile oder bloßer Neugierde, manchmal aber auch um nicht unterzugehen im Sumpf der Isoliertheit und Ich-Verlorenheit.

Zulassen – Dich mir und mich Dir zuzusprechen, obwohl wir uns nicht zuvor sorgfältigst abgeklopft haben, uns vergewisserten, das Du es wert wärst, mein Vertrauen und meine Offenheit, doch wie sonst wäre Begegnung je möglich, ohne diese kleine Vorgabe.

Zulassen – Dich mir und mich Dir zu zeigen wie wir sind, obwohl es immer auch ein Wagnis ist, zu eröffnen und zuzulassen. Wie wirst Du damit umgehen, mit dem, was ich Dir entdecke, was ich Dir von mir erfahren lasse?

„Ich will Dich eintauchen lassen in meine Welt, die so ganz anders ist als Deine, und ich beginne damit: Hallo! Ich freue mich, dass Du hier bist.“, spreche ich mich Dir zu, während wir am Steg sitzen und den vollen, satten Mond sich im Wasser spiegeln sehen.
„Ja, ich bin hier, und doch, ich sollte es nicht sein, hier, wo alles so fremd ist, wo ich mich an nichts halten kann als an das Versprechen, das Du mir gibst.“, entgegnetest Du skeptisch.
„Ich weiß, es werden Spiele gespielt, woanders, Spiele mit Menschen, bei denen es Gewinner und Verlierer gibt, Kampf- und Machtspiele, Spiele um Prestige und Ansehen, Spiele um Interessen und Eigennutz, doch hier gibt es keine Spiele, nicht um Dich oder mich, nicht um den Preis des Miteinander.“, gebe ich zurück.
„Warum sollte ich Dir glauben? Worauf hin sollte ich Dir mein Vertrauen schenken, wo ich nichts habe als Dein Wort, wo ich auf nichts bauen kann als auf Deine Zusicherung, und wie wankelmütig sind doch die Menschen. Oder willst Du von Dir behaupten, dass Du noch nie enttäuscht hast?“, entgegnetest Du, logisch und nachvollziehbar.
„Ich behaupte nichts von mir, nur das, was Du an mir erlebst, so wie ich keine Vermutungen über Dich anstelle und nur das annehme, was Du mich von Dir erleben läßt, um es mir zu bewahren, vor der Welt, vor den anderen. Aber Sicherheit, nein, die kann es niemals geben.“, entgegnete ich nachdenklich.

Zulassen – haben denn Träume Schranken, so lange sie Träume sein dürfen.

Zulassen – kannst Du der Hoffnung Grenzen setzen ohne sie zu zerstören.

Zulassen – Sehnsucht, die in ihrem Wesen mich erfüllt und zu mir spricht, dass ich mich Dir zuwenden möchte, kann sie denn eingefriedet werden.

Zulassen – Staunen, dass Du bist in Deiner Einzigartigkeit und Unbestimmtheit und auch Unvorhersehbarkeit, wie könnte ich Abstriche machen ohne Dich zu verlieren noch bevor ich Dich wirklich gefunden habe.

Zulassen – Wachsen, das mir Deine Zutrauen und Deine Zuwendung ermöglicht, kann es denn begradigt werden, ohne seine Eigenständigkeit zu verlieren.

Zulassen – Zuneigung, die uns zueinander führt, uns die Hand zu reichen, einander zu stärken und zu begleiten, kann sie denn ein Maß haben, das sie kennbar macht, ohne zu enteignen.

Zulassen – Dich und mich im Wir!

1005 Feuer

Feuer


Ganz klein beginnt es. Es beginnt immer ganz klein, mit einem Funken am Waldesrand. Stolz und erhaben ragen die Bäume in den Himmel. Jahrzehnte des Wachstums schenkten ihnen diese enorme Höhe. Sie rühren sich nicht, sind einfach da. Und dann kommt er, dieser kleine Funke, nistet sich ein zwischen welken Gräsern und Blättern, unbekümmert und leicht, teilt sich und steckt seine Umgebung an, wird zusehends größer und stärker, wächst fort, bis die ersten Flammen züngeln, übergreifen aufs Unterholz und hurtig weiterspringen, von einem Blatt zum nächsten, von einem Ast zum nächsten, arbeiten sich unablässig empor, bis zu den höchsten, strahlendsten Gipfeln. Selbst die müssen sich den Flammen beugen, die doch zu Anfang nichts weiter waren als ein kleiner Funken am Waldesrand.

0502 Stille

Stille


Erfahrungen sind unhintergehbar. Be-Gegnungen verändern Dich, und diese Veränderung ist unumkehrbar. Will ich die Be-Gegnung, so muss ich ganz wollen, mich ganz darauf einlassen und mich ganz darin verlieren. Mache ich Abstriche von dieser Ganzheit, so geschieht auch die Be-Gegnung nicht Es ist ein mit offenen Augen in einen schwarzen Bergsee springen, mit dem Kopf voran, denn das Du ist die Unergründlichkeit.

1601 Mit dem Esel gehen


Mit dem Esel gehen


Er tut sich gerade am Heu gütlich, als ich die Weide betrete. Völlig vertieft in sein Tun wirkt er, doch für den aufmerksamen Beobachter ist klar, dass er mein Kommen längst bemerkt hat, denn ein Ohr ist in meine Richtung gewendet. Obwohl er unbeirrt weiter frisst, verfolgt er meine Schritte. Direkt gehe ich auf ihn zu. Wachsam bleibt das Ohr. Beständig in Arbeit das Maul. Heu aus dem aufgehängten Sack zupfen,  kauen, schlucken.

2512 Adventgeschichte: Das gewebte Bild:


Epilog


Der Heilige Abend war harmonisch verlaufen – und vorübergegangen. Maria und Uwe hatten eine Entscheidung getroffen und blieben. Auf dem kleinen Hof ging das Leben seinen normalen Gang weiter. Die beiden Neuankömmlinge waren aufgenommen worden und integriert. Erst als der Schnee weggeschmolzen war und der Frühling sich Bahn brach, konnte man die Veränderungen auch spüren. Immer mehr Menschen kamen der Einladung nach das Leben am Hof kennenzulernen, Tiere zu sehen, die einem Stadtmenschen normal nicht unterkamen und einige Stunden mitten unter ihnen zu verbringen.

0812 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (8)


Auf Dich zu zu gehen


Der Tag war voller Geschäftigkeit, ruhiger, entspannter Geschäftigkeit. Nachdem im Stall und im Haus alles erledigt war, fühlte sich Maria immer noch voller Tatendrang und Energie.

„Hättest Du Lust in den Ort hinüber zu gehen und den Schnaps abzuliefern?“, fragte Magdalena ihre Nichte.
„Schnaps? Welchen Schnaps?“, entgegnete Maria.
„Du weißt doch wie mich die Menschen im Ort nennen?“, erkundigte sich Magdalena.
„Woher soll ich das wissen ...“, doch Maria hielt unvermittelt inne, doch sie wusste es, da war doch was. Aber was? Was hatte die Nachbarin gesagt an jenem Abend, an dem sie in der Schneewehe steckengeblieben war? Sie hatte nicht so genau hingehört, weil sie nichts weiter wollte als endlich anzukommen, an jenem Tag, „Doch, ich weiß es, die Zirbenbäuerin.“

0309 Der Pinselmacher (Teil 2):

Eine außergewöhnliche Kundin


„Es war nicht immer so gewesen.“, begann Franz Xaver Fent zu erzählen, „Es muss wohl schon viele, viele Jahre her sein. Ich war damals zwar ein junger Pinselmacher-Meister, aber schon erfolgreich genug meinen eigenen Laden eröffnen zu können. Meine Schwester erklärte sich bereit die Verkaufstätigkeit zu übernehmen, so dass ich mich auf die Fertigung konzentrieren konnte. Schon immer verwendete ich ausschließlich Materialien bester Qualität, und ließ mich davon auch nicht abbringen. Zunächst hatte ich zu kämpfen und das Geschäft ging mehr schlecht als recht. Dies änderte sich erst als ein hiesiger, sehr berühmter Maler auf mich aufmerksam wurde. Er war der Meinung, dass er seine Arbeit nur mehr dadurch noch perfekter werden lassen könnte, wenn es ihm möglich war noch besseres Werkzeug zu finden. Dieses fand er bei mir. Nachdem jeder, der in der Kunstszene auf sich hielt, dem Meister nachzueifern suchte und dieser mit seiner Entdeckung nicht hinterm Berg hielt, war meine Arbeit und damit ich quasi über Nacht berühmt geworden. Jeder Maler, ob nun Profi oder Amateur, wollte bei mir seine Pinsel kaufen, so dass ich mit der Fertigung kaum nachkam. Ich verließ meine Werkstatt so gut wie nie, doch dann passierte etwas, was mich zunächst völlig aus der Bahn warf.

Es ist, als wäre es gerade eben erst geschehen, so nahe sind mir die Ereignisse nach wie vor, eingebrannt in mein Gedächtnis, unhintergehbar, unwiderruflich. Ich hatte eben erst meine Mittagspause beendet und mich meiner Arbeit wieder zugewandt, als ich durch das polternde Öffnen der Ladentüre aus der Konzentration gerissen wurde. Zwei Mädchen traten ein. Ich wandte mich wieder meiner Arbeit zu, doch nicht für lange, denn zwischen meiner Schwester und einem der beiden Mädchen entspann sich ein lautstarker Diskurs. ‚Sie meinen doch nicht im Ernst, dass ich mir mit solch einen harten Pinsel Furchen in meine zarte Haut ziehe. Womit mein Vater seine Leinwände malträtiert ist seine Sache, aber wenn es um mein Gesicht geht, nun da erwarte ich mir doch etwas Besseres.’, polterte das eine der beiden Mädchen. Offenbar handelte es sich um die Tochter jenes berühmten Malers, dem ich meinen Erfolg zu verdanken hatte. Die wildesten Gerüchte rankten sich um ihre Person. In einem Punkt waren sich, dass sie als äußerst launenhaft und egozentrisch beschrieben wurde. Ich beschloss meiner Schwester beizustehen: ‚Guten Tag, meine Damen.’, sagte ich höflich, ‚Kann ich Ihnen helfen?’ Zwei Mädchen, ungefähr in meinem Alter, hochgewachsen und schlank, wobei die eine mich herausfordernd mit ihren blauen Augen anblitzte, während sie ihr langes, blondes Haar energisch nach hinten warf. Ihre Erscheinung und ihr Auftreten waren raumfüllend, so dass rund um sie alles zu versinken schien, wohingegen ihre Begleiterin ruhig und gelassen blieb und mich dennoch sofort in ihren Bann zog. . Ich versank in ihren sanften, grünen Augen. ,Einmal nur diese Wangen streicheln, einmal nur dieses lange, satte, braune Haar bürsten dürfen.’, dachte ich, verloren in einem Traum, der mir so unerfüllbar schien wie die Rückholung des gestrigen Tages. ‚Beruhige Dich doch, Felicitas.’, schaltete sich nun die Freundin erstmals ins Gespräch ein, und ihre Stimme war ebenso sanft wie ihre ganze Erscheinung, ‚Sag doch einfach was Du möchtest.’ Seltsamerweise gelang es ihr wirklich ihre Freundin durch diese wenigen schlichten Worte ein wenig zu besänftigen. ‚Ich möchte einen Make-up Pinsel, der meine Haut nicht beleidigt.’, sagte Felicitas folgsam. ‚Geben Sie mir fünf Tage Zeit und ich lege Ihnen einen Pinsel vor, der Ihre Haut nicht nur nicht beleidigt, sondern sie vielmehr umschmeichelt und verwöhnt, gleich einer sanften Berührung.’, bot ich an, ‚Wenn Sie also in fünf Tagen wieder kommen, können Sie diesen Pinsel in Augenschein nehmen.’, fügte ich rasch hinzu. ‚Nein, das werden wir ganz bestimmt nicht tun!’, brauste nun Felicitas auf, ‚Wenn, dann kommen Sie zu mir, denn ich werde diesen Weg nicht noch einmal auf mich nehmen, bloß um irgendeinen Pinsel zu begutachten.’ ‚Sehr gerne.’, antwortete ich rasch, denn ich wäre wohl bis ans Ende der Welt gefahren, hätte auch nur die vage Aussicht bestanden sie wiederzusehen, und dabei kannte ich noch nicht einmal ihren Namen. ‚Dann in fünf Tagen bei mir.’, bestätigte Felicitas, und damit verließen sie das Geschäft.

Die kommenden fünf Tage waren die längsten und die kürzesten meines Lebens zugleich. Die längsten, weil ich es kaum erwarten konnte sie, deren Anblick und Stimme, mich so sehr in ihren Bann gezogen hatte, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte. Die kürzesten, weil ich meine ganze Kunst daran verwandte den perfekten Pinsel zu kreieren. Ich arbeitete bis spät in die Nacht und saß im Morgengrauen schon wieder in der Werkstatt, und als ich am Morgen des fünften Tages den Pinsel in Händen hielt, wusste ich, er war perfekt.

2307 Was bleibt von mir?


Was bleibt von mir?


Menschen treten in unser Leben. Manche bleiben nur kurz bevor sie sich wieder verabschieden. Andere wiederum begleiten uns eine weite Wegstrecke, doch irgendwann führen die Wege uns auch wieder auseinander. Manchmal fällt uns der Abschied leicht, vor allem, wenn er schleichend passiert. Geänderte Lebensumstände. Einer zieht weg, weit weg, und langsam, heimlich, still und leise schläft der Kontakt ein. Manchmal ist es schwer und wir leiden unter diesem Abschied, fühlen uns wie zerrissen, als hätte man einen Teil unserer Selbst entfernt. Eine schmerzhafte Wunde bleibt, die nur langsam verheilt. Manchmal ist so ein Abschied jedoch auch eine Entlastung, denn manche Menschen belasten uns und hindern uns an unserer Entwicklung. Doch dann gibt es immer wieder die ganz besonderen, die uns sanft an der Hand nehmen, die uns sein lassen, nicht einfach nur wie wir sind, denn das ist zu wenig, sondern die uns ermutigen zu wachsen, die uns unsere Möglichkeiten aufzeigen, so dass wir werden, was wir sein können. Doch wenn es so ist, dass Menschen in unser Leben treten, bloß um es wieder zu verlassen, wäre es dann nicht besser sich nicht zu begegnen, denn dann muss man auch den Schmerz nicht erleiden? Was bleibt von einer Begegnung, wenn sie vergangen ist?

Es bleibt die Erinnerung. Nicht, indem man rückwärtsgewandt daran festhält, sondern in Momenten, in denen Szenarien vergleichbar werden, ist da ein Satz, ein Wink, ein Fingerzeig, der uns daran erinnert wie man damit umgehen kann, damit der Umgang gelungen ist. Dann bist Du plötzlich wieder präsent. Du kannst noch so weit weg sein, in diesem Moment bist Du wieder bei mir. Hier bin ich mit Dir entlanggegangen. Hier hast Du mich auf eine Wolke aufmerksam gemacht, die die Form eines Pferdes hatte, zumindest mit viel Phantasie, und plötzlich weiß ich auch wieder was wir gesprochen haben, als würde ich daneben stehen und uns belauschen. Vielleicht huscht nun ein Lächeln über mein Gesicht, ein Lächeln der Freude, gewürzt mit ein wenig Wehmut. Denn sofort frage ich mich warum Du jetzt nicht da sein kannst. Vielleicht finden wir wieder eine Pferdchenwolke. Auch wenn Du irgendwie da bist. Aber ich freue mich auch, denn wenn ich mich Dir damals nicht geöffnet und mich nicht auf die Begegnung eingelassen hätte, so wäre mir nichts geblieben, so wäre nichts entstanden, was bleiben konnte. Du hast mich berührt, in Deiner Präsenz, und ganz gleich ob Du für immer gegangen bist, oder nur für eine kleine Weile, diese Berührung bleibt.

Was bleibt, wenn ich gehe? Gibt es etwas, was bleibt von mir? Gibt es etwas was wert ist von mir zu bleiben? Vielleicht sind es meine Geschichten, die immer noch berühren, die Menschen zueinander bringen und von der Wohltat dieses Zusammen-seins erzählen. Vielleicht bleibt die Berührung in den Menschen, denen ich begegnet bin, und wenn sie an mich denken, an die Zeit unseres Miteinanders, dann huscht hoffentlich ein Lächeln über ihr Gesicht, ein Lächeln der Freude, gewürzt mit ein klein wenig Wehmut. Das wäre es, was ich mir wünschte, dass von mir bliebe.

0201 Es passiert ganz unverhofft


Es passiert ganz unverhofft


Wir begegneten uns, immer wieder. Es war unvermeidlich, da wir zu tun hatten, an diesem Ort. Natürlich, Du oder ich hätten auch früher oder später dort hinkommen können, doch es ergab sich immer wieder, dass wir zur gleichen Zeit hinkamen. Nicht, dass wir es darauf angelegt hätten oder uns dezidiert verabredeten, es passierte einfach, aber ich weiß noch, ich begann irgendwann mich über dieses Passieren zu freuen, auch wenn wir nichts weiter, als ein paar Belanglosigkeiten austauschten. Wir grüßten einander, ein paar Worte wurden gewechselt, und dann gingen wir wieder auseinander. Ich wusste nichts von Dir, außer dass Du auch hierherkamst und wie Du aussahst. Doch eines Tages, da war es anders, da passierte etwas, und es passierte ganz unverhofft.

Wieder einmal trafen wir aufeinander, grüßten einander, und ich war schon im Begriff mich umzudrehen und wieder zu gehen, als ich innehielt, in meiner Bewegung und in meinem Blick, der Dich traf.
„Ich war gerade im Begriff einen Kaffee trinken zu gehen, dort, in dem Café nebenan. Hättest Du Lust mich zu begleiten?“, fragte ich, und wusste nicht warum. Ich bin normaler Weise nicht der Typ eigentlich fremde Menschen anzusprechen und sie ins Café oder sonstwohin zu bitten, doch es war mir, als wärst Du mir nicht fremd, sondern vertraut, in diesem Moment, obwohl ich nichts weiter von Dir wusste, eigentlich.
„Gerne“, antwortetest Du nur, und wir gingen hinüber, und es passierte etwas, und es passierte ganz unverhofft.

Wir setzten uns. Es war noch früh am Vormittag und wenige Leute waren in dem Lokal. Dennoch hatten wir, ohne uns darüber abzusprechen, den gleichen Tisch gewählt, ganz am Rand, so dass es möglich war ungestört zu reden. Ein wenig hielten wir uns noch an die Konvention, tauschten Namen und Lebensumstände aus, doch dann glitten wir in die Tiefe unserer Gedanken und nahmen einander mit, öffneten uns einander zu und fanden Annahme. Da war so viel Verstehen und so viel Gleichklang, so viel was uns verband. Es war wie Magie, und gleichzeitig so selbstverständlich, dass wir einander Einblick schenkten in Gedanken und Empfindungen, die wir sonst vor der Welt verborgen hielten.

„Noch nie hatte ich mich derart anvertraut“, verrietst Du mir.
„Noch nie hatte ich mich derart anvertrauen können“, verriet ich Dir.
„Ich kann Dir nicht sagen, warum ich das getan habe. Es war nur so eine Sicherheit, dass ich mich Dir anvertrauen kann“, gabst Du zu.
„Ich kann Dir auch nicht sagen, warum ich das getan habe. Es war nur so eine Sicherheit, dass ich bei Dir Annahme finde“, gab ich zu.
Und es passierte etwas, und es passierte ganz unverhofft.

Mittlerweile sind wir seit Jahren befreundet, und oft denke ich an diesen Moment zurück, weil ich nicht verstehe warum gerade wir uns einander derart anvertrauten und annahmen. So vielen Menschen begegnen wir tagtäglich, manchen auch immer wieder, und doch geht es niemals über einen Gruß, ein paar Höflichkeitsfloskeln hinaus, doch manchmal wird aus dieser Flüchtigkeit eine wahre, innige Begegnung des Anvertrauens und Annehmens. Vielleicht gibt es daran nichts zu verstehen, nichts zu wissen, sondern einfach nur zu leben.

1107 November Regen


November Regen


Es war an einem jener Abende im November, an denen man nichts mehr erwartet, weil man sich nichts erwarten lässt. Es ist die Situation, da man sich selbst sagt: „Geh nach Hause, mach alles gut zu und verbarrikadier die Tür,  heiz Dir gut ein und mach Dir einen Tee, vielleicht noch in der Badewanne entspannten, aber mehr geht nicht. Du wirst nichts versäumen, dort draußen, denn es passiert nichts, denn jeder, der halbwegs vernünftig denkt, bleibt heute zu Hause.“ Es ist wie eine Abmachung mit Dir selbst, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Natürlich konnte sich diese kleine Stimme in mir nicht verkneifen hämisch anzumerken, dass ich dann draußen bleiben kann, wenn dort nur Unvernünftige herumlaufen. Aber ich überhörte diese Spitze geflissentlich. Wie man sich selbst gegenüber nur so gehässig sein kann. All das dachte ich im Kaffeehaus, während ich aus dem Fenster sah und mich der Nebel und die Kälte hämisch angrinsten. Im Geist malte ich mir aus, wie ich da jetzt hinaus gehen muss, dann durch den Regen nach Hause laufen. Nicht weit, aber weit genug um mich noch länger im Sitz zu halten. Ich fand mich unentschlossen, schwankend zwischen Bequemlichkeit hier und diesen schönen warmen Aussichten zu Hause. Wenn der Weg einmal getan wäre, aber so lange er es nicht war, war es einfach nur abschreckend. Im Lied klingt das immer so romantisch, November Regen, aber so in echt, sah es gar nicht danach aus. Doch die Zeit drängte. Die Kellner kassierten schon ab. Bald würde ich gebeten werden das Kaffeehaus zu verlassen. Das mochte ich so gar nicht, denn es sollte meine Entscheidung sein zu gehen und nicht eine von außen aufgezwungene. So machte ich mich doch endlich seufzend auf den Weg. Einmal noch durchatmen, dann die Türe aufstoßen und in die Nacht hinaus, raschen Schrittes, den Kopf eingezogen um dem Wind und den Regen so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten, um die nächste Ecke, bloß noch ein kurzes Stück, als ich in etwas rannte, das meinen Schritt hemmte. Es konnte keine Mauer sein, denn die wäre hier völlig fehl am Platz gewesen. Außerdem war es weich. Ein kurzer heller Aufschrei, Dinge flogen durch die Luft und blieben rundum in den Pfützen liegen. Dann sank die Gestalt in sich zusammen, den Kopf in die Hand gestützt, und achtete den Regen nicht und nicht den Wind. Aber auch ich achtete nicht mehr darauf, denn ich fühlte mich schuldig, und die Schuld nimmt das Denken ein, die echte, wie die eingebildete. „Es tut mir leid“, hörte ich mich vorsichtig stammeln. „Ach ja? Leid tut es Dir?“, braustest Du plötzlich auf, Deinen schmalen, drahtigen Körper in voller Größe präsentierend, und Dein Gesicht war gezeichnet von Wut, „Alles ist kaputt, und das, weil Du nicht schauen kannst. So kann ich die Bücher nicht mehr abgeben. Und die gehören noch nicht einmal mir.“ Und ich sah das Blitzen in Deinen Augen, das, das mich so fasziniert und motiviert, jedes Mal, wenn Du mich so ansahst seit her. „Komm, lass sie uns aufsammeln. Ich wohne gleich dort vorne. Und dann schauen wir uns das Malheur im Warmen und im Trockenen an“, sagte ich, weil ich überzeugt war irgendetwas tun zu müssen, und so lud ich, entgegen jeder Gewohnheit, eine völlig Fremde in meine Wohnung ein, und nachdem Du mich noch einmal von oben bis unten gemustert hattest, gingst Du auf mein Angebot ein. Es war alles nicht so schlimm wie es zunächst ausgehen hatte. Und während die Bücher vor dem Kamin trockneten, tranken wir Tee und plauderten und Du ließt Deine Augen funkeln, für mich. „Was Du doch romantisch bist, fürchterlich“, erwidertest Du lachend, „Aber ja, so war es, als Du in mein Leben schneitest.“ „Eher regnete, aber ich habe eines daraus gelernt“, entgegnete ich kurz. „Dass man die Augen offenhalten sollte, auch bei so einem Wetter?“, fragtest Du. „Um Gottes willen, ja nicht, denn dann wäre das nicht passiert, und Du wärst mir nicht begegnet“, erwiderte ich, „Dass es nicht stimmt, dass bei so einem Wetter nur Unvernünftige unterwegs sind.“ „Gerade das war richtig, denn wir waren es doch“, merktest Du an, während ich nun mit Gewissheit sagen konnte, der Regen im November ist nicht nur im Lied romantisch.

1005 Feuer


Feuer


Ganz klein beginnt es. Es beginnt immer ganz klein, mit einem Funken am Waldesrand. Stolz und erhaben ragen die Bäume in den Himmel. Jahrzehnte des Wachstums schenkten ihnen diese enorme Höhe. Sie rühren sich nicht, sind einfach da. Und dann kommt er, dieser kleine Funke, nistet sich ein zwischen welken Gräsern und Blättern, unbekümmert und leicht, teilt sich und steckt seine Umgebung an, wird zusehends größer und stärker, wächst fort, bis die ersten Flammen züngeln, übergreifen aufs Unterholz und hurtig weiterspringen, von einem Blatt zum nächsten, von einem Ast zum nächsten, arbeiten sich unablässig empor, bis zu den höchsten, strahlendsten Gipfeln. Selbst die müssen sich den Flammen beugen, die doch zu Anfang nichts weiter waren als ein kleiner Funken am Waldesrand.