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1105 Zulassen

Zulassen


Zulassen – Dich zu mir zu setzen, obwohl wir nichts voneinander wissen, außer vielleicht das Eine, das wir Menschen sind, die die Begegnung suchen, manchmal aus Langeweile oder bloßer Neugierde, manchmal aber auch um nicht unterzugehen im Sumpf der Isoliertheit und Ich-Verlorenheit.

Zulassen – Dich mir und mich Dir zuzusprechen, obwohl wir uns nicht zuvor sorgfältigst abgeklopft haben, uns vergewisserten, das Du es wert wärst, mein Vertrauen und meine Offenheit, doch wie sonst wäre Begegnung je möglich, ohne diese kleine Vorgabe.

Zulassen – Dich mir und mich Dir zu zeigen wie wir sind, obwohl es immer auch ein Wagnis ist, zu eröffnen und zuzulassen. Wie wirst Du damit umgehen, mit dem, was ich Dir entdecke, was ich Dir von mir erfahren lasse?

„Ich will Dich eintauchen lassen in meine Welt, die so ganz anders ist als Deine, und ich beginne damit: Hallo! Ich freue mich, dass Du hier bist.“, spreche ich mich Dir zu, während wir am Steg sitzen und den vollen, satten Mond sich im Wasser spiegeln sehen.
„Ja, ich bin hier, und doch, ich sollte es nicht sein, hier, wo alles so fremd ist, wo ich mich an nichts halten kann als an das Versprechen, das Du mir gibst.“, entgegnetest Du skeptisch.
„Ich weiß, es werden Spiele gespielt, woanders, Spiele mit Menschen, bei denen es Gewinner und Verlierer gibt, Kampf- und Machtspiele, Spiele um Prestige und Ansehen, Spiele um Interessen und Eigennutz, doch hier gibt es keine Spiele, nicht um Dich oder mich, nicht um den Preis des Miteinander.“, gebe ich zurück.
„Warum sollte ich Dir glauben? Worauf hin sollte ich Dir mein Vertrauen schenken, wo ich nichts habe als Dein Wort, wo ich auf nichts bauen kann als auf Deine Zusicherung, und wie wankelmütig sind doch die Menschen. Oder willst Du von Dir behaupten, dass Du noch nie enttäuscht hast?“, entgegnetest Du, logisch und nachvollziehbar.
„Ich behaupte nichts von mir, nur das, was Du an mir erlebst, so wie ich keine Vermutungen über Dich anstelle und nur das annehme, was Du mich von Dir erleben läßt, um es mir zu bewahren, vor der Welt, vor den anderen. Aber Sicherheit, nein, die kann es niemals geben.“, entgegnete ich nachdenklich.

Zulassen – haben denn Träume Schranken, so lange sie Träume sein dürfen.

Zulassen – kannst Du der Hoffnung Grenzen setzen ohne sie zu zerstören.

Zulassen – Sehnsucht, die in ihrem Wesen mich erfüllt und zu mir spricht, dass ich mich Dir zuwenden möchte, kann sie denn eingefriedet werden.

Zulassen – Staunen, dass Du bist in Deiner Einzigartigkeit und Unbestimmtheit und auch Unvorhersehbarkeit, wie könnte ich Abstriche machen ohne Dich zu verlieren noch bevor ich Dich wirklich gefunden habe.

Zulassen – Wachsen, das mir Deine Zutrauen und Deine Zuwendung ermöglicht, kann es denn begradigt werden, ohne seine Eigenständigkeit zu verlieren.

Zulassen – Zuneigung, die uns zueinander führt, uns die Hand zu reichen, einander zu stärken und zu begleiten, kann sie denn ein Maß haben, das sie kennbar macht, ohne zu enteignen.

Zulassen – Dich und mich im Wir!

0712 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (7)


Sich selbst zu überwinden


Maria von Matialis machte sich selbst und ihren Vorstellungen von sich selbst keine Ehre mehr. All die Stärke, die in ihrem Auftreten lag und ihren Taten, war verloren gegangen, irgendwo auf dem Weg zwischen Wien und diesem abgelegenen Ort. Irgendwo zwischen den Tagen hatte sie sich selbst verloren. Vielleicht war verloren nicht ganz das richtige Wort. Es war mehr eine Diskrepanz zwischen dem was sie von sich selbst erwartete und wie sie sich sah, und dem, was sie hier tat und präsentierte. Eine Kluft, die mitten durch sie selbst hindurchging, scheinbar unversöhnlich und ohne die geringste Möglichkeit die beiden Teile wieder zu versöhnen. Sie begann ihr bisheriges Leben zu hinterfragen, und allein dieses Hinterfragen ängstigte sie.

1804 Perlen sammeln

Perlen sammeln


Die Tage gehen dahin. Immer ist irgendetwas zu tun. Du nimmst Dir vor früher aufzustehen, dann kann vielleicht alles gelassener vor sich gehen. Aber wenn Du früher aufstehst und ein wenig Zeit mehr hast, dann könntest Du doch etwas machen, was Du Dir schon lange vorgenommen hast, aber nie dazugekommen bist. Und wieder ist die Zeit, die Du gewonnen hast, verplant. Du würdest so gerne einmal auf der Terrasse sitzen, bloß zehn Minuten und nichts tun, als die Blumen und Bäume zu betrachten und den Schmetterling beim Fliegen. Durchatmen, ein und aus, und nichts weiter. Doch Du wagst es nicht. Vertane, da ungenutzte Zeit. Es macht Dich nervös, wenn Du sagen müsstest, Du hättest jetzt nichts gemacht als so vor Dich hingelebt, und sei es auch nur für diese wenigen Minuten. Doch die Tage gehen dahin, und am Abend fällst Du todmüde ins Bett und fragst Dich, wo er hin ist der Tag, einfach weg, und Deine Hände sind leer. Zum Glück fragst Du Dich nur selten, denn Du meist zu müde um noch irgendetwas zu denken.

Die Tage gehen dahin, und niemals ist etwas gut genug. Es funktioniert und klappt und es geht voran, und alles was so funktioniert, das wird von Dir nicht beachtet. Es ist allzu selbstverständlich, das Funktionieren. Und dann passieren Fehler, kleine unbedeutende, oftmals so minimal, dass sie niemandem außer Dir auffallen, aber Du weißt es, und selbst vom gelungensten Tag bleibt Dir nichts im Gedächtnis, als dieser eine kleine Fehler, der selbst den besten Tag in Deinem Erinnern zu einem verlorenen verkommt. Und Tag reiht sich an Tag. Nichts bleibt, bis auf das Versagen.

Doch an diesem Morgen, als Du es nicht mehr schaffst aus dem Bett zu kommen, beschließt Du Perlen zu sammeln. Für jeden schönen Moment, für all das was Dich glücklich machte, steckst Du Dir eine Perle in die Tasche, sie allabendlich auf eine Kette zu fädeln. Anfangs sind Deine Taschen noch leer, doch endlich findet sich eine, und dann mehr. Bald schon ist Deine Kette lang, und Du sammelst weiter, Kette um Kette, wirst aufmerksamer und achtsamer, auf den Moment und das Gelingen, wendest Dich ab vom einheitlichen Dahinfließen und Versagen, und so findest die Muse zwischen dem Tun, findest das Lächeln zwischen dem Ernst, findest die Berührung zwischen der Trennung, findest das Lebendige zwischen dem Funktionalen, findest das Glück zwischen dem Einerlei.

Tag um Tag geht dahin, doch nicht mehr unbenannte, sondern Tag um Tag als je gelebter, zugänglich und erfreulich, und wenn Du jetzt des Abends ins Bett gehst, so kannst Du Dir sagen, ja es war ein guter Tag.