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2312 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (23):


Zur Ruhe kommen


Maria war fahrig und unkonzentriert an diesem Tag. Immer wieder fiel etwas aus ihrer Hand, als würden ihre Hände keinen Bezug finden zu dem Anzufassenden. Sie schüttete sich gar das heiße Teewasser über die Hand. Dann stand sie, sehr lange, beim Wasserhahn und kühlte die verbrühte Stelle mit kaltem Wasser. Sie hatte ihr Gleichgewicht verloren und eine innere Unruhe ließ es nicht zu, dass sie bei der Sache blieb.

„Es setzt Dir zu“, sagte Uwe unvermittelt, zwischen das Fließen des Wassers und das Zischen des Wasserkessels. Verwirrt sah ihn Maria an, als hätte sie nicht verstanden. Ein paar Mal ging sie den Satz durch. Eigentlich ein sehr einfacher Satz, aber die Bedeutungen kullerten durcheinander. Die Worte fanden keinen Zusammenhang, als wären sie wahllos aus verschiedenen Zeitungen ausgeschnitten und achtlos zueinander gestellt worden. Erst nach und nach kam es zurück, das Verstehen.
„Was sollte mir denn zusetzen?“, fragte Maria, die sich auch nicht sicher war ob Uwes Satz eine Aussage oder eine Frage war. Wie kann man mit einem Satz umgehen, denn man nicht zu deuten vermag?
„Die Auseinandersetzung mit Deiner Mutter“, erklärte er ruhig und sachlich.
„Das war keine Auseinandersetzung“, entgegnete Maria gereizt, „Denn es gibt nichts auseinanderzusetzen. Ich habe ihr meine Meinung gesagt und ihr ihre Selbstsucht verziehen. Dass sie mich nicht versteht, das ist mir doch so ziemlich egal.“
„Nein, es ist Dir nicht egal“, meinte er entschieden, „Es belastet Dich, weil Du ihr nicht erklären konntest, was Dir wichtig ist. Im Grund wünscht Du Dir doch, dass sie Dich versteht und Dir Deinen Segen gibt.“
„Ich brauche ihren Segen nicht. Ich weiß sehr gut selbst was ich tue. Schließlich bin ich alt genug“, erklärte Maria trotzig.
„Es ist völlig egal wie alt Du bist oder wie sicher, sie ist Deine Mutter. Das ist eine ganz eigene Beziehung“, erwiderte Uwe geduldig, „Ist es nicht so, dass Du Dein Leben lang versucht hast ihr zu gefallen? Wolltest Du nicht, dass sie stolz auf Dich ist, dass sie Dich anerkennt? Das kannst Du nicht einfach so von einem auf den anderen Tag ablegen und so tun, als gäbe es das nicht.“
„Und was soll ich dann Deiner Meinung nach tun? Das was sie will?“, fragte Maria gereizt.
„Nein, das nicht, aber wenn Du es Dir eingestehst, dann hast Du die Möglichkeit damit umzugehen und eine Versöhnung mit Deiner Vorstellung von Dir als guter Tochter und als eigenständigen Menschen bewirken“, erklärte Uwe, „Eine Versöhnung, die Dich wirklich freimacht und nicht nur eine vorübergehende Vergessenheit bedeutet. Du kannst Dich vielleicht selbst täuschen, aber nicht auf die Dauer selbst belügen.“
„Eine Versöhnung, ja das würde ich mir wünschen“, meinte Maria nachdenklich, „Eine Versöhnung. Warum ist es nur so furchtbar schwer das Kind in sich hinter sich zu lassen, frei zu sein für das eigene Leben?“
„Es gibt zwei Gründe. Der erste ist die Loyalität, die man meint seinen Eltern in der Form zu schulden, indem man ihre Erwartungen erfüllt. Wobei diese Erwartungen ungerecht sind, sofern sie das Leben des eigenen Kindes nicht befördern“, meinte Uwe, „Der zweite Grund ist, dass wir immer nach der Liebe unserer Eltern verlangen, vor allem dann, wenn wir sie nicht bedingungslos bekommen haben. Wir lernen, dass wir Bedingungen erfüllen müssen um geliebt zu werden, und es fällt uns schwer uns von dieser Vorstellung frei zu machen. Auch weil wir es selten erkennen. Doch wahre Liebe ist bedingungslos. Sobald Bedingungen daran geknüpft werden, ist es nicht mehr Liebe, sondern ein Handel. Du tust das für mich, dann tue ich das für Dich.“
„Das heißt also, dass mich meine Mutter nie geliebt hat, sondern nur für ihre Zwecke benutzte?“, fragte Maria traurig.
„Wahrscheinlich nicht bewusst. Vielleicht hat sie es auch nie anders gelernt und konnte es nur so weitergeben“, erklärte nun Uwe, „Denn war es nicht so, dass sie wiederum nur geliebt wurde, wenn sie den Vorstellungen ihrer Mutter entsprach, wenn sie das brave, gute, artige, wohlerzogene Mädchen war? Eine Vorstellung, gegen die sie sich niemals aufgelehnt hat und die sie fraglos akzeptierte, bis zur letzten Konsequenz?“
Und in Marias Kopf erstand ein Bild, ein Bild ihrer Mutter, wie sie auf ihrem Sessel saß, wartend, dass ihre Mutter käme ihr zu sagen, dass sie es gut machte. Selbst dann noch, als ihre Marias Großmutter schon lange nicht mehr lebte.
„Es war, als würde sie immer gefallen wollen, als würde sie damit rechnen, dass jeden Moment jemand hereinkäme und ihr zustimmend zunickte, sagte, dass sie es gut machte“, sagte Maria gedankenverloren, „Sie war angewiesen auf diesen Zuspruch, der niemals kam. Nie mehr wieder. Stattdessen haben sich alle abgewandt, weil sie nicht verstanden. Auch ich. Es war der falsche Weg. Jetzt, wenn ich es so vor mir sehe, dann wünschte ich, ich hätte es ihr einfach gesagt. Vielleicht hätte ich sie aus ihrer Lethargie holen können, ihr ermöglicht einen anderen Weg einzuschlagen, aber wahrscheinlich ist es jetzt zu spät. Niemals habe ich sie wirklich gesehen. Ich habe viel zu sehr auf das gehört was sie sagte, und nicht auf das, was sie meinte. So ist es doch meine Schuld, mein Versäumnis.“
„Nein, das ist es nicht“, erklärte Uwe entschieden, „Es geht auch gar nicht um Schuld, sondern um Verständnis. Erst wenn Du sie so siehst wie sie ist, kannst Du auch ihr Handeln verstehen, doch verantwortlich ist sie selbst. Du kannst anders auf sie zugehen, wenn Du verstehst, aber auch die Verantwortung, die Du Dir auflastest für sie oder Dir aufbürden hast lassen, endlich hinter Dir lassen und Dir zugestehen, dass es nicht Deine Aufgabe ist ihr Leben zu leben und sie glücklich zu machen. Du kannst diese Bürde, die nicht Deine ist, endlich ablegen und Dich freier auf sie zubewegen. Du kannst ihr begegnen wie sie ist.“
„Dennoch, es tut weh, es tut so weh, als würde ich etwas verlieren, etwas entzwei schneiden“, sagte Maria leise.
„Natürlich tut es weh. Etwas hinter sich zu lassen, woran man allzu lange festgehalten hat, tut immer weh, doch der Schmerz führt in eine neue Möglichkeit. Erst wenn Du ihn aushältst, kannst Du neu beginnen. Altlasten verstellen Dir die Sicht auf das Jetzt. Wenn Du Dich von ihnen lösen kannst, dann führt es zu etwas Neuem“, erklärte Uwe.
„Wirst Du für mich da sein?“, fragte Maria unsicher.
„Ich werde für Dich da sein“, sagte Uwe entschieden.
„Auch wenn ich schwach und verletzlich bin?“, fragte Maria weiter.
„Gerade wenn Du schwach und verletzlich bist“, antwortete Uwe.

Sachte nahm Uwe Maria in die Arme, und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wagte sie es sich einfach anheim zu geben, seinen Armen, seinem Halt, wagte sie es schwach zu sein und verletzlich, ohne Angst zu haben. Langsam verließ sie die Unruhe und die Ruhe zog in ihr Herz ein und in ihre Gedanken. Wenn sie es selbst geschafft haben würde, dann würde sie auf ihre Mutter zu gehen und ihr das erklären können, was sie selbst erst gerade zu begreifen begann. Dann würden sie einen Weg zueinander finden, wenn ihre Mutter das wollte. Wenn nicht, dann hätte Maria zumindest alles versucht und könnte sich mit sich selbst versöhnen und tröstende Worte finden für ihr inneres Kind. Dann würde Frieden herrschen.

Vielleicht war das die eigentliche Botschaft von Weihnachten, dass der Friede damit beginnt, ihn mit sich selbst zu schließen. Und das Webschiffchen webte fort, auch an diesem Abend, dem Abend des dreiundzwanzigsten Advents.

1512 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (15):


Dich zu kennen


Uwe hatte sein Lager neben Mariens bei den Welpen aufgeschlagen für diese Nacht. Eine ruhige Nacht, die in einen entspannten Morgen ausklang. Als Maria die Augen aufschlug sah sie, dass Uwe bereits dabei war die Welpen zu versorgen, und so wie er es tat, wirkte es, als hätte er nie etwas anderes gemacht. So blieb sie liegen, verhielt sich ruhig und sah ihm einfach zu. Als er fertig war, ging er in die Küche um sich wegen dem Frühstück umzusehen. Verspielt und voller Lebenslust sprangen die Welpen um seine Füße.

0812 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (8)


Auf Dich zu zu gehen


Der Tag war voller Geschäftigkeit, ruhiger, entspannter Geschäftigkeit. Nachdem im Stall und im Haus alles erledigt war, fühlte sich Maria immer noch voller Tatendrang und Energie.

„Hättest Du Lust in den Ort hinüber zu gehen und den Schnaps abzuliefern?“, fragte Magdalena ihre Nichte.
„Schnaps? Welchen Schnaps?“, entgegnete Maria.
„Du weißt doch wie mich die Menschen im Ort nennen?“, erkundigte sich Magdalena.
„Woher soll ich das wissen ...“, doch Maria hielt unvermittelt inne, doch sie wusste es, da war doch was. Aber was? Was hatte die Nachbarin gesagt an jenem Abend, an dem sie in der Schneewehe steckengeblieben war? Sie hatte nicht so genau hingehört, weil sie nichts weiter wollte als endlich anzukommen, an jenem Tag, „Doch, ich weiß es, die Zirbenbäuerin.“

0712 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (7)


Sich selbst zu überwinden


Maria von Matialis machte sich selbst und ihren Vorstellungen von sich selbst keine Ehre mehr. All die Stärke, die in ihrem Auftreten lag und ihren Taten, war verloren gegangen, irgendwo auf dem Weg zwischen Wien und diesem abgelegenen Ort. Irgendwo zwischen den Tagen hatte sie sich selbst verloren. Vielleicht war verloren nicht ganz das richtige Wort. Es war mehr eine Diskrepanz zwischen dem was sie von sich selbst erwartete und wie sie sich sah, und dem, was sie hier tat und präsentierte. Eine Kluft, die mitten durch sie selbst hindurchging, scheinbar unversöhnlich und ohne die geringste Möglichkeit die beiden Teile wieder zu versöhnen. Sie begann ihr bisheriges Leben zu hinterfragen, und allein dieses Hinterfragen ängstigte sie.

0612 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (6)


Die Stille verstehen


Maria saß wieder bei ihrem Frühstück. Vor den Fenstern lagen all die kleinen Elfen zu einem einzigen großen, durchgehenden Haufen versammelt und rührten sich nicht. Sie klopften nicht mehr an ihr Fenster, ihr zuzuwinken. Aber vielleicht war es auch einfach, dass Maria es schon nicht mehr sehen wollte. Und Elfen hören auf zu existieren, wenn niemand an sie glaubt. Ist eben so. Sie hätte es an diesem Morgen mit einem Achselzucken hingenommen. Ist eben so. Ihr hatte ja bisher auch nichts gefehlt. Es machte keinen Unterschied. Ab und an war die durchgehende Schneedecke schon durchbrochen und es zeichneten sich die Wege ab, die sie gingen. Zum Schuppen um Holz zu holen. Zum Stall die Tiere zu versorgen. Die Spuren der Tiere, die sich beeilten auf die Weide zu kommen. Sie hatten alles zerstört. Zertrampelt. Nichts bleibt heil.

0312 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (3):


Das Leben zu be-greifen


„Was nur, was, tut man an so einem gottverlassenen, oder sonst was verlassenem Ort den ganzen Tag? Wie bringt man die Zeit herum?“, hatte sich Maria am ersten Tag, am Tag ihrer Ankunft noch gefragt, doch bereits am nächsten war die Frage verschwunden. In Windeseile war der Tag vergangen, erfüllt mit Tätigkeiten, die unmittelbar Sinn machten, bis sie am Abend, mit einem Buch in der Hand einschlief. Sie konnte sich nicht mehr entsinnen wann sie das letzte Mal so ruhig und gut geschlafen hatte, ohne die anhaltende innere Getriebenheit, die ihr wie ein Feldwebel ständig zurief, sie solle doch verdammt nochmal jeden Moment des Tages nutzen. „Wissen Sie warum Sie eine meiner besten, ja meine beste Studentin sind?“, hörte sie ihren Professor fragen, der immer ständig solche Fragen stellte, um sie auch rundweg selbst zu beantworten. Das war immer der Moment, in dem man die Frischlinge sofort erkannte, denn es waren diejenigen, die meinten, dass die Frage an jemand anderen gerichtet war. Hurtig ergriffen sie das Wort, doch es wurde ihnen sofort deutlich gemacht, dass sie gefälligst den Mund zu halten hatten, wenn der Vorgesetzte sprach. Abmahnende, drohende Blicke durchfuhren wie Säbel den Vorlauten. Jeder hatte es verstanden, bis auf eine Studentin, die sich durch nichts beirren ließ und munter weiter plauderte. „Eine Frage, die man sich selbst beantwortet, ist keine Frage, sondern eine Frotzelei“, erklärte sie, nachdem sie von ihrem Kollegen auf den Fauxpas hingewiesen wurde. Sie hatte das Institut auch schon bald verlassen, und studierte nun Philosophie oder irgend etwas anderes Unnötiges, so weit Maria erfahren hatte. „Sie sind meine beste Studentin“, antwortete der Professor also auf seine eigene Frage, „Weil Sie jede Minute des Tages nutzen, weil Sie 16 Stunden am Tag aktiv sind, deshalb, und weil sie meinen Vorgaben Folge leisten.“ Aufs Höchste mit sich und der Welt und mit sich zufrieden war er während dieses Vortrags auf seinem Schreibtisch gesessen, breitbeinig, während Maria ihm gegenüber auf einem kleinen Stuhl saß. Schon diese Anordnung zeigte die soziale Stellung, die sie einnahmen. Maria musste lächeln, denn zum ersten Mal wurde ihr bewusst wie viel Redundanz es erforderte um diesen Vorgaben zu genügen. Löcher ausheben um sie wieder zuzuschütten. Das war der ganze Sinn. Doch wenn sie hier das Feuer im Kamin entfachte, dann wurde der Sinn unmittelbar ersichtlich. Das Feuer wärmte den Raum, doch anders als eine sterile Elektroheizung, mit einer lebendigen Wärme. „Komm, wir müssen Späne hacken“, forderte Magdalena ihre Nichte auf, nachdem sie das Frühstücksgeschirr abgewaschen hatten. „Aber das kann ich doch nicht“, warf Maria ein, obwohl sie genau wusste, dass es keinen Sinn hatte. „Als Du klein warst konntest Du es“, erwiderte Magdalena lächelnd und ging ihr voran in den Schuppen, der neben dem Haus lag. Der Sturm hatte endlich nachgelassen, so dass die dicken Schneeflocken beschaulich und langsam zur Erde fielen. „Meine Elfen haben ein bisschen zu viel gegessen“, hatte Maria an diesem Morgen gedacht, doch ohne den Gedanken wegschieben zu wollen. Sie ließ ihn gewähren, auch außerhalb ihrer Träume. Die Landschaft ersteckte sich in sanften Hügeln vor ihnen, die mit einer dicken, weißen Decke verhüllt waren. Zaghaft brach die Sonne durch die Wolken und entlockte den Schneekristallen da und dort ein Glitzern. Magdalena drängte nicht, sondern ließ Maria gewähren, als sie merkte, dass sie ihren Blick hinaus in die Welt schickte. Als würde sie zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wirklich hinsehen. Erst als Maria wieder den Blick zurückholte ging Magdalena ihr die wenigen Schritte voran in den Schuppen. An allen Seiten war Holz aufgestapelt. Es würde für diesen Winter reichen, selbst für solch einen langen, wie er am nördlichsten Punkt Österreichs zu herrschen pflegte. „Der Winter fühlt sich wohl bei uns“, pflegte Magdalena zu sagen. Aus irgendeiner Lade in ihrem Gedächtnis war der Satz herausgehüpft, einer Lade, von der Maria noch nicht einmal mehr gewusst hatte, dass sie da war, doch nun war sie entdeckt und sacht nahm Maria ein Stück ums andere heraus. „Aber warum haben wir Späne gehackt, wenn ich doch im Sommer hier war?“, fragte Maria, nachdem sie den Schuppen betreten hatten, der vollgefüllt war mit Feuerholz, so dass sie nicht fürchten musste zu frieren. „Du warst so wissbegierig, so neugierig, wolltest alles mitmachen, alles lernen. Ganz im Gegensatz zu Deiner Schwester, die immer nur herumsaß und sich bedienen ließ. Keinen Schritt setzte sie vor die Türe, aus lauter Angst schmutzig zu werden oder etwas Unsauberes mit den Händen anzugreifen, aber du warst mitten drinnen im Geschehen, beim Versorgen der Tiere, bei den Arbeiten im Gemüsegarten, beim Kochen und eben auch beim Spänehacken, die Dein Großonkel schon für den Winter vorbereitete. Und dann darfst Du nicht vergessen, dass es hier auch im Sommer schon mal recht kalt werden kann. So ist man immer vorbereitet.“ „Und ich bin auch mit ihm in den Wald gegangen?“, fragte Maria weiter. „Ja, das bist Du“, erwiderte Magdalena lächelnd, während sie das erste Holzscheit auf den Pflock stellte und die kleine Hacke zur Hand nahm, „Mein Mann wusste alles über den Wald. Du warst so voller Begeisterung, wenn es Euch gelang etwas zu entdecken, einen Ameisenhaufen, einen Fuchsbau, den Biberdamm.“ „Es war immer so friedlich und harmonisch bei Euch“, hörte sich Maria sagen, während ihr unzusammenhängende Bilder durch den Kopf schossen, vom Naschen aus einem Marmeladeglas, von Schafen auf der Weide, dem hohen Gras, durch das sie lief, bevor es sich dem Schnitter beugen musste, von verstohlenen Sonnenstrahlen, die durch die Bäume fielen und der Hacke in ihrer Hand. Ja, es stimmte, sie waren genau hier gestanden und ihr Großonkel hatte es ihr gezeigt. Ihre Haut war gerötet, vor Eifer und Freude. Schaffen mit den Händen. „Friedlich und harmonisch“, wiederholte sie, als wollte sie sich den Klang der Worte nochmals zu Gemüte führen, „Ganz anders als bei uns zu Hause, wo es immer laut war und nichts herrschte als Unzufriedenheit. Ich wäre so gerne hier geblieben. Irgendwann, so dachte ich damals, würde ich ein Handwerk lernen, Tischler oder Zimmermann und dann könnte ich alles reparieren und ausbessern und die Möbel restaurieren. Das sagte ich auch Onkel Toni, und ich weiß noch, er hat mich angelacht und gemeint, dass das schön wäre, wenn ich bei Euch bliebe.“ „Es wäre schön gewesen“, gab Magdalena zu. „Und dann haben sie uns geholt, mich und Johanna. Johanna war heilfroh, aber ich wollte nicht weg, und da hat mir Mama gesagt, dass ihr uns nicht länger hierhaben wolltet, dass ihr froh wärt, wenn wir endlich wieder weg waren, weil wir für Euch nur eine Belastung waren, das hat sie gesagt“, fuhr Maria fort, die mit einem Mal begriff warum sie diese Erinnerung in eine der untersten Schubladen gesteckt hatte und alles tat um es zu vergessen. Es war ihr beinahe gelungen, so dass nichts weiter blieb als ein bitterer Nachgeschmack. „Ich habe das auch erst viel später erfahren. Irgendwann hat es mir Deine Mutter erzählt, weil sie meinte, wir hätten Dich verdorben“, erzählte Magdalene ungerührt, die mehr auf die Kraft der Taten als die der Worte vertraute, und Maria wusste nun wie es wirklich war, damals, nachdem sie das ganze Bild wiedergefunden hatte. Die Tage voll Sonnenschein und Eintracht und Miteinander, aber auch den Schmerz des Abschieds. „Nie wieder würde ich herkommen, habe ich mir damals geschworen“, fiel es Maria wieder ein, „Ich schwor mir aus dem Elend und der Enge auszubrechen, und den einzigen Weg sah ich darin finanziell unabhängig zu sein, und das hieß für mich so viel Geld zu haben, dass ich von niemanden abhängig war, geschaffen durch meine eigene Arbeit. Dann würde ich glücklich sein, irgendwo in einer großen Stadt, irgendwo inmitten vieler Menschen, die alle ihre eigenen Ziele verfolgen. Aber langsam entdecke ich, dass Unabhängigkeit auch Einsamkeit ist. Wo Misstrauen und Vorsicht dominieren, weil man weiß, dass der andere genauso rücksichtslos agieren würde wie man selbst, da gibt es keine Freundschaft und keinen wirklich menschlichen Kontakt. Immer auf der Hut und immer wachsam. Das wäre das Leben gewesen, das mich erwartet hätte.“ Resolut nahm sie die Hacke in die Hand, die ihr Magdalena reichte, setzte sie an, hieb leicht in das Holz um eine kleine Kerbe zu erhalten, um danach den Scheit hochzuheben und ihn mit voller Wucht auf den Pflock donnern zu lassen, so dass der erste Span herunterfiel. „Siehst Du, Du kannst es“, sagte Magdalena lächelnd, und das Webschiffchen fuhr durch die Bänder eine neue Reihe zu bilden auf dem Webbild des Lebens, eine besondere Reihe, denn sie schloss in sich Bilder aus einem früheren Teil des Gesamtbildes, und es war der dritte Tag des Advent.

Buchvorstellung: "Zweisprache"


Zweisprache


Der Herbst die da. Die Blätter fallen von den Bäumen und wollen gebündelt, gebunden werden, am besten in ein Buch, denn auch die Abende werden länger und laden ein zu lesen. Wo es sich trifft, so hier, wenn mich das Leben wieder hat, auf eine ganz neue Art und Weise, wenn sich die Hitze des Sommers in der Erinnerung verklärt, dann ist das Zwischenzeit, zwischen Hitze und Kälte, zwischen dem Nicht-mehr des Sommers und dem Noch-nicht des Winters. Sommer und Winter sind klar und überschaubar. Hitze und Kälte. Frühling und Herbst sind Übergänge, die Unentschlossenheit und das Wagnis. Abschied, der schon vollzogen ist, und Begrüßung, die noch aussteht. Zwischenzeit. Unsicherheit. Abschied, der mich umfängt mit Melancholie und Nostalgie. Abschied vom Sommer. Abschied von Dir. Gerade erst hat er sich eingestellt. Der Sommer. Du. Ich blicke zurück, weil das Zurück sicher ist. Nur der Blick nach vorne geht in die Offenheit. Unsicherheit, auch im Aufeinanderzugehen. Alles, was ich von Dir weiß ist, Du bist ein Mensch, wenn ich mich damit nicht aufhalte mich von Äußerlichkeiten ablenken zu lassen. Alles was ich weiß. Ein Mensch. Wie ich. Und doch ganz anders. Ein eigenes Universum. Du. So wie ich Dir. In der Offenheit geschieht Annahme, Ermöglichung. Niemals werde ich erfahren wie es sich anfühlt Du zu sein. Genauso wenig wie Du je weißt, wie es ist Ich zu sein, aber wir können es uns erzählen. In der Gebrochenheit der Sprache, Deiner und meiner, uns erzählen wie es ist Du zu sein, Ich zu sein. Glück und Schmerz in einem. Die Gebrochenheit des Menschen. Glück Dich erweiternd zu erfahren, aber auch der Schmerz nie restlos zu verstehen. Wir haben nichts weiter als die Sprache, um uns zu erfahren, doch wenn wir sie sorgsam handhaben, so bringt auch sie uns weiter. Dennoch nur Krücke. Niemals wird die Heilung vollständig sein. Denn die Sehnsucht bleibt und die Möglichkeit des Verlustes. Wiewohl auch der Verlust niemals ein gänzlicher ist, denn was wir uns schenkten, das können wir nicht mehr verlieren. Es ist eingebrannt wie das Erleben, wie das Geboren-werden, das Leben und das Sterben. Wie das Annähern, das Verbinden und das Entbinden.

Zweisprache lebendigen Atems
Zweisprache der Annnährung
Zweisprache des Erkennens
Zweisprache des Verwebens
Zweisprache des Verlierens
Zweisprache der Sehnsucht
Zweisprache des Wiederfindens
Zweisprache aus Ich und Ich
Zweisprache aus Du und Du
Zweisprache bis zum Wir
Zweisprache der Veränderung
Zweisprache der Treue

Zweisprache – Deine und meine Sprache, gewillt zu verstehen, sehnend, träumend, beglückend und erfüllend.
Zweisprache – manchmal zum Dialog findend.

Der Herbst ist da, und unsere „Zweisprache“ ist gebündelt und gebunden.

0109 Der Pinselmacher (Teil 1):

Franziska 

Sorgfältig verschloss Franziska die Ladentüre. „Pinsel aller Art“ stand außen über der Türe, die zu dem kleinen Geschäftslokals führte. Die Schrift war verblichen und lange war es her, seit der letzte Kunde das Geschäft betreten hatte. Franz Xaver Fent war es wohl auch sehr recht gewesen, als er diese Pforte für immer schließen konnte, denn so hatte er die Möglichkeit sich voll und ganz seiner Profession, dem Pinselmachen, zu widmen. Natürlich hatte er eingesehen, dass es notwendig war die Erzeugnisse seiner Hände auch zu verkaufen, auch wenn es nur aus dem profanen Grund geschah seinen Lebensunterhalt, der zwar als überaus bescheiden zu bezeichnen war, dennoch unleugbar vorhanden war, zu verdienen. Nicht, dass er sich selber je mit Kunden abgegeben hätte, doch allein das ständige Öffnen und Schließen der Türe, die langwierigen und ermüdenden Verkaufsgespräche, rissen ihm permanent aus seiner Konzentration. Seine Werkstatt lag zwar nicht unmittelbar neben dem Verkaufsraum, aber doch noch immer nahe genug um all dies mitanhören zu müssen. Und es herrschte reger Betrieb in diesem Geschäftslokal, dereinst. Schließlich war er ein anerkannter Fachmann auf seinem Gebiet, ja man raunte sich zu, dass man nirgendwo perfektere Pinsel hätte finden können. Nicht nur Künstler, die höchstes Interesse daran hatten, ihre Arbeit durch die Wahl des richtigen Werkzeuges zu vervollkommnen, auch Damen der Gesellschaft, und wohl auch die, die sich dafür hielten, deren gemeinsames Interesse darin bestand, ihre Haut wie ihre Haare mit ebenso qualitativ hochwertigen Pinseln und Bürsten zu bearbeiten, wie die Künstler ihre Leinwände, gaben sich die Klinke in die Hand. Doch nun war der Laden seit langem geschlossen, der gute Pinselmacher in Pension, so dass es ihm endlich möglich war seinen penibel durchstrukturierten Tagesablauf einzuhalten. Jede Tätigkeit hatte seine Zeit, und er kannte nicht die kleinste Abweichung. Und so penibel die Ordnung in seinem Leben war, so hielt er es auch in seiner Werkstatt. Jedes fertige Werkstück wurde sorgsam verwahrt und aufgezeichnet.

Franziska, seine Nichte, die seit Jahren für ihn sorgte, ihm den kleinen Haushalt besorgte und das Essen bereitete, fügte sich nahtlos in diese strenge Ordnung. Früher hatte diese Ägiden ihre Mutter, die Schwester des Pinselmachers, in Ermangelung einer Ehefrau oder eigener Kinder, über, doch auch an ihr gingen die Jahre nicht spurlos vorüber, und als ihr die Last der Verantwortung zu schwer zu werden drohte, erbot sich Franziska eben jene zu übernehmen, nicht ohne sich mit einer gewissen Sorge von Seiten ihres Onkels konfrontiert zu sehen, die darin bestand, dass dieses junge Mädchen Lärm und Unordnung in sein, Franz Xaver Fents Leben bringen würde. Diese Sorge erwies sich vom ersten Tage an als entbehrlich, denn Franziska erschien jeden Tag zur selben Zeit und führte jede Tätigkeit zur exakt selben Zeit aus. So gingen die Jahre in völliger Harmonie und im völligen Gleichklang dahin. Franziska betrat wie gewohnt die Räumlichkeiten ihres Onkels durch die Ladentür, an dem immer noch das Wendeschild hing, auf dessen einer Seite das Wort „Geschlossen“ und auf dessen anderer Seite das Wort „Geöffnet“ zu lesen war. Zufällig fiel Franziskas Blick beim Schließen der Türe auf dieses Schild. „Geschlossen“ las sie auf ihrer Seite der Türe, wonach die Seite mit der Aufschrift „Geöffnet“ nach außen zeigen musste. „Dieses Schild hätte schon längst fixiert werden müssen, denn schließlich wird der Laden nie mehr geöffnet.“, dachte sie noch, während sie es auf die richtige Seite drehte, doch dafür hatte sie keine Zeit, hatte sie das Aufmerken und das Umwenden des Schildes schon genug Zeit gekostet. Das hatte sie nun aufzuholen. Sie betrat die Werkstatt des Onkels, exakt fünf Minuten nach elf. Franz Xaver Fent hatte sich nach getaner Arbeit bereits in seinen Lehnsessel gesetzt um ein wenig auszuruhen und sein Mittagessen zu erwarten. „Guten Tag, lieber Onkel. Wie geht es Dir heute?“, begrüßte Franziska ihren Onkel. „Guten Tag, liebe Nichte. Alles in Ordnung, wie immer.“, antwortete ihr Onkel gleichmütig, und selbst dieser eine kleine Wortwechsel schien ritualisiert. Franziska zog sich daraufhin pflichtbewusst in die Küche zurück, so wie Martha, die ganz darin aufging für Jesus zu sorgen, für sein leibliches Wohl. Hätte Franziska auch nur ein klein wenig Anteil an Maria, Marthas Schwester, gehabt, die sich zu Jesu Füßen setzte und seinen Erzählungen lauschte, so hätte sie die Veränderung im Blick ihres Onkels wahrgenommen, hätte alles stehen und liegen gelassen und folgende Geschichte hören können. Doch Franziska war nicht Maria.

2908 Liebe & So

Liebe & so


Ich musste wohl eingeschlafen sein. Trotz allem war ich eingeschlafen, versunken in die Wärme Deiner Berührung und die der Nacht, versunken in Dich und in meine Gedanken. Ich musste wohl eingeschlafen sein, hinein in die aufgehende und untergehende Sonne, denn die Nacht war wiedergekehrt, und ich erwachte in Deine Arme.

Du bist geblieben, dieses eine Mal bist Du geblieben, hier, bei mir, auf meinem Steg. Dass es Dir gelungen war so ruhig hier zu bleiben? Dass es nichts gab, keine anderwertige Aufgabe oder Verpflichtung, die Dich von mir forttrieb, hinaus in Dein, mir namenloses Leben? Ich hütete mich wohlweislich Dich zu fragen, denn vielleicht hast Du einfach nur vergessen, dass es da noch etwas gab, dort in einem Irgendwo, etwas, das Du bloß vergessen hattest. Fragte nicht, um nicht vorzeitig darauf aufmerksam zu machen, dass Du gehen könntest, eigentlich. Nein, ich tat nichts dergleichen, stattdessen lächelte ich Dich an, küsste Dich, mit geschlossenen Augen, um diese Berührung nicht zu verlieren, so kurz sie auch immer sein mochte.

„Siehst Du den Mond?“, fragtest Du mich schließlich.
„Natürlich sehe ich ihn, sehe ihn wie jede Nacht.“, antwortete ich irritiert.
„Ja, Du siehst ihn, aber er ist nicht immer gleich, doch vor allem, er kommt und er geht, zwar verlässlich, aber sein Kommen und Gehen macht es, dass wir uns darauf freuen ihn zu sehen.“, sagtest Du.
„Und so freue ich mich darauf, dass Du kommst. Ist das nun Deine Art mir zu sagen, dass Du gehen willst?“, fragte ich, etwas konsterniert.
„Nein, es ist meine Art Dir zu sagen, dass ich hier bin und Dir bin, nicht immer und nicht immer gleich, aber wenn ich da bin, dann bin ich Dir, ganz und gar und restlos, Dir hingegeben, ewig gleichen und zugleich ewig sich ändernden Mond.“, sagtest Du.
„Liebst Du mich?“, fragte ich Dich.

Du antwortetest nicht, lange antwortetest Du nicht. Ich dachte schon, Du hättest meine Frage nicht gehört, als hätten sie der Wind und die Wellen davongetragen.

„Nein.“, antwortetest Du schließlich, „nein, ich liebe Dich nicht.“

Und sogleich rückte ich von Dir ab. Das war keine Antwort auf solch eine Frage. Das war einfach keine Option.

„Ich liebe Dich nicht, wie die Welt uns zu lieben lehrt, mit all den implizierten Macht- und Herrschaftsansprüchen, mit dem damit verbundenen Versagen der Offenheit für neue Begegnungen, mit dem Zwang der Wiederholung.“, sagtest Du.
„Wenn Du mich nicht so liebst, dann doch anders. Erklär es mir!“, bat ich, bereitwillig in Deinen Arm zurückkehrend.
„Ich liebe Dich, wenn Du damit meinst, Raum Deiner Ankunft zu sein, den Du verlassen und in den Du wieder zurückkehren darfst, wenn Du damit meinst, Raum Deiner Offenbarung Deiner selbst zu sein, in all ihrer Schönheit und Abgründigkeit, wenn Du damit meinst, die Freiheit zu wachsen, über Dich selbst hinaus, wenn Du damit meinst, der Nährboden, aus dem Du Kraft schöpfen kannst. Wenn Du das meinst, ja, dann liebe ich Dich.“, sagtest Du.
„Ja, dann, wenn Du meinst lebendigstes, atmendes Leben, dann liebe ich Dich.“, sagte ich.

Und der Mond ging seine Bahn.

2107 Erzählen



Erzählen


Es ist mittlerweile über 25 Jahre her, dass ich die Kraft des Erzählens für mich entdeckte, damals unter einer Laterne auf einer Wiese in Hastings. Zuerst waren nur eine Freundin und ich da. Wir warteten auf den Bus, der uns abholen sollte. Wir waren zu früh dran. Viel zu früh. Doch auch andere stießen zu uns, und ich wurde gebeten eine meiner Geschichten zu erzählen, und ich tat es, und aus einer wurden mehrere. Ich erzählte. Nichts weiter, stieg ein in das erzählte Geschehen und nahm die anderen mit, so sie wollten. Was rund um uns noch geschah? Ich kann es nicht sagen. Ich genoss den Moment und das Miteinander und den Austausch, bewährte mich als aufmerksame Führerin. Zuletzt sprachen wir darüber. Dann stiegen wir in den Bus ein und fuhren weg, weg von dem Ort und aus dem Geschehen. Danach habe ich lange nicht mehr erzählt, nur das Erleben begleitete mich, überrollte mich ab und an in einer sanften Welle und trug mich fort zu der Laterne in Hastings vor über 25 Jahren.

Die Zeit verging, die Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten wurden mehr, wollten erfüllt werden, und auch wenn ich von diesem Damals, nicht nur räumlich, weit weg schien, so war es doch immer irgendwo präsent. In einer kleinen Schublade im großen Kasten meiner Erinnerungen. Und jetzt habe ich sie wieder einmal aufgemacht. Nicht nur für einen kurzen Blick hinein, sondern um sie wirklich herauszunehmen, fühlte mich ein, wie es war, gelehnt an die Laterne, erzählend, beobachtend, und plötzlich wusste ich, dass es das war, was ich immer wollte. Nicht nur schreiben, fixieren und weitergehen, sondern erzählen und näherbringen. Zuerst hatte ich gedacht, es wäre die Nacht, die diese seltsame, magische Stimmung zauberte, so dass ich meine Geschichten zunächst immer in der Nacht ansiedelte, sie erzählen ließ von meinem Alter Ego, Nyx Nachtgedanken. Aber das war es nicht.

Es war das verbindende Band des Erzählens, das Brücken schlägt zu weit entfernten Epochen und Brücken in die Ferne, das uns aufmerken lässt auf das Hier und Jetzt, das uns aber auch ein wenig dem Alltag vorenthält. Erzählen – zum Lachen zu bringen, zum Weinen, zum Nachdenken, zum Verstehen. Und wenn man zurückkehrt in diesen Alltag, so tut man es gestärkt und zuversichtlich. Vieles lässt sich mit Geschichten viel besser erklären, als durch bloße Beschreibung, denn wir können das Gelingen der Protagonisten nachvollziehen, ebenso wie ihr Scheitern. Und wenn es gut ist, dann verleitet es dazu ein wenig innezuhalten, ohne die Realität gänzlich zu negieren.

Ich will nichts weiter als meine Geschichten zu erzählen, und wenn ich meine sage, so sind es all die, die ich in mir gesammelt habe, aus eigener Anschauung, aus Gelesenem, aus Gesehenem, aus dem, was mir erzählt wurde, und bisweilen aus meinen Träumen und Phantastereien, denn dem der erzählt, dem stehen die Welten des innen und des Außen offen. Nichts, was nicht zugänglich wäre, nichts, was sich verschließen würde, und doch nichts weiter als eine Geschichte. Geschichten drängen und zwingen nicht. Vielleicht verführen sie oder verzaubern. Vielleicht schenken sie uns Worte, nach denen wir schon lange gesucht haben, aber letztlich entscheidet der Hörende ob er sich auf die Geschichte einlässt oder nicht.

Ich bin die Erzählerin, und als solche biete ich Geschichten an. Nichts weiter. Und ich freue mich, wenn ihr euch einlasst.

0401 Vor dem Anfang und nach dem Ende der Worte


Vor dem Anfang und nach dem Ende der Worte 


Du hast meine Nacht auf den Kopf gestellt. Unversehens hast Du sie mir entrissen, und aus meiner unsere gemacht. „Kommst Du wieder?“, habe ich Dich gefragt, als Du mich mit der Nacht verlassen hast, und Deine Antwort blieb aus. Oder doch nicht? Du hast nichts gesagt, doch Du hast mich angesehen, hast mich mit Deinen Augen im Blick gehalten, im Augenblick, und Deine Hand strich durch mein Haar, durch mein Haar und über meinen Rücken, hast mich zu Dir gezogen, ganz nahe, Dich zu erspüren, aber gesagt, nein, gesagt hast Du nichts, nicht mit Worten, doch im Ungeworteten, im Wort des vor dem Sprechbaren liegt, im Wort, das sich zwischen dem ewigen Gerede Bahn bricht und in dem Wort, das dort ansetzt, wo alles Sprechbare sein Ende findet. Du hast mich an- und Dich mir zugesprochen im Druck Deiner Hände, im Umfangen Deines Blicks, in der Übergangslosigkeit von Körper zu Körper und im warmen Hauch Deines Atems. Dann bist Du gegangen, weg aus dieser Nacht, die nicht mehr meine, sondern unsere war, um wieder zu kommen, in dieser neuen Nacht, die ich mit Ungeduld herbeisehnte, um sie abermals zu opfern, sie ins Wir zu schenken, hier an meinem Steg – und der Mond war der einzige Zeuge. Wohl, wir plauderten über dies und das, denn noch waren wir nicht so weit, dass wir die Stille gemeinsam ertrugen. Zunächst regiert das gesprochene Wort, das uns uns annähern läßt, und doch nichts weiter intendiert als der Zuwendung Ausdruck zu verleihen. Nicht das Thema, nicht die angesprochenen Dinge, nur die Schwingung des Auf-einander-zu verleiht diesem Herantasten Wert und Sinn. Bis zu dem Punkt, an dem das sagbare, das in elementare Wort fassbare, endet, an dem Punkt, an dem das eigentliche Sprechen beginnt. Dort, wo es nichts mehr zu sagen gibt, dort wird die Stille zum Träger des Wortes von Du zu Du, schwingend, verbindend, atmend, lebendig und lautlos, doch vor allem unmißverständlich. Das gesprochene, der Syntax unterworfene Wort, läßt immer einen Interpretationsspielraum, und ist darin fehlerhaft. Es ist wohl die einzige, aber doch nur eine Krücke, die uns unterstützt den Weg zueinander zu bewältigen.

Makellos, sündlos ist nur das Wort, das sich Dir spricht, gesprochen mit dem ganzen Wesen, gesprochen mit mir selbst als Du-zugewandt. Du – als das Wort des Schöpfers, das uns ins Leben setzte. Du – als das Wort, das Dich mir ins Leben setzt – spreche mit meinen Händen, mit meiner Seele. Spreche, alles je Sprechbare nochmals in sich fassend. Spreche Ganzheit – nichts weiter, und doch mehr als alles.