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0912 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (9):


Verantwortung zu üben


Maria fühlte sich angenommen. Schon lange hatte sie nicht mehr an all die Dinge gedacht, die nach wie vor in ihrem Auto lagen. Es würde sich schon ergeben, irgendwann, und dann würde es auch noch passen. Immer mehr Arbeiten nahm sie ihrer Großtante ab. Hatten sie die Verrichtungen im Stall in den ersten Tagen noch gemeinsam erledigt, so sagte Maria immer öfter zu ihrer Großtante, „Ich mach das schon.“ Und dabei hatte sie den Eindruck, dass ihr Magdalena sehr dankbar war. Es war, Maria, als würden die Kräfte ihrer Großtante nachlassen, auch wenn sie sich wie immer zu bewegen schien. Vielleicht, dass es die halbe Minute länger war, die sie sitzen blieb, das kurze Kräfte schöpfen bevor sie sich von einem Ort an den anderen begab. Maria war aufmerksamer geworden und zugewandter. Kurz schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass ihre Großtante nur auf jemanden gewartet hatte, dem sie ihre Tiere, mit denen sie ihr Leben teilte, anvertrauen konnte, dass sie durchhielt bis es so weit war, um unbesorgt gehen zu können, doch mit leisem Schaudern schob Maria diesen Gedanken wieder bei Seite. Mehr noch, sie schalt sich selbst ob solch eines Ansinnens. Ihre Großtante war zwar schon 92 Jahre alt, aber bis jetzt hatte sie alles ohne Probleme gemeistert. Warum sollte das plötzlich anders sein? Doch da lenkte sie ein Geräusch ab.

0412 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (4):


Die Selbstverständlichkeit des Lebens


„Guten Morgen, Jonathan“, dachte Maria lächelnd, als sie der Haushahn an diesem Morgen wieder weckte. Diese Art geweckt zu werden erschien ihr bereits so vertraut, als wäre es niemals anders gewesen. Rasch schlüpfte sie aus dem Bett und zog sich an, denn sie wusste, dass das die einzige Chance war ihrer Großtante bei den Frühstücksvorbereitungen helfen zu können. So lief sie in die Wohnstube, die noch kalt war von der Nacht. So öffnete sie das Türchen im Kamin und fand immer noch einen Rest Glut, auf die sie zwei drei Holzscheite legte, nachdem sie sie kräftig aufgemischt hatte. Dann verharrte sie still um zuzusehen wie die Flammen um das Holz zu züngeln begannen, zuerst klein und zaghaft, aber dann immer heller und freudiger. Dann erst schloss sie das Türchen wieder um ihrer Großtante in der Küche zu helfen. Gemeinsam saßen sie dann, mit süßem Brei und dampfenden Kaffee am großen Tisch in der Wohnstube, während der Winter vor den Fenstern die Natur erstarren ließ. „Wie hat es Dich hierher verschlagen?“, fragte Maria unvermittelt, „Ich meine, Du warst doch eine Adelige. Da ist es wahrscheinlich nicht das Alltäglichste, dass man einen Bauern heiratet.“ „Das stimmt, und Du kannst Dir wahrscheinlich vorstellen wie unglücklich meine Mutter darüber war, die mich doch so gerne an irgendeinen Fürsten oder Grafen, oder was weiß ich, verheiratet hätte. Sie war eine herzensgute Frau, trotz allem, doch sie war auch eingeschränkt in ihrem Blickfeld. Es gab darin ganz klare soziale Schranken, die man nicht zu überschreiten hatte. So wenig wie ein einfacher Mensch unseren Kreisen angehören konnte, so wenig war es umgekehrt möglich. Es war für sie wie ein Naturgesetz, unumgänglich. Doch ich hatte immer schon meine eigenen Vorstellungen vom Leben gehabt. So zog ich die Natur und die Beschäftigungen darin jenen vor, die wohl meiner Stellung angemessener gewesen wären, wie Sticken und Französisch lernen und gekünstelt kichern und mich in Schale werfen und die Domestiken herunterputzen. Meine Mutter war jedes Mal einer Ohnmacht nahe, wenn ich, von oben bis unten verdreckt von einem meiner legendären Ausritte heimkehrte. ‚Du gebärdest Dich wie ein Mann. Willst Du das denn?’, pflegte sie mich zu fragen, aber sie hatte keine Chance, stur wie ich schon immer war. Doch dann kam die Wandlung, nicht in dem Sinne, wie es sich meine Mutter gewünscht hätte, aber doch vom wilden Erobern zum sanften Staunen. Es war, als wir einen neuen Gärtner aufnahmen. Es war ein junger, kräftiger Bursche mit einem breiten Dialekt. Stundenlang befasste er sich mit größter Sorgfalt mit seinem Pflanzen. Natürlich tut das jeder Gärtner, aber er hatte eine besondere Gabe genau zu wissen was seine Pflanzen brauchten und auch die Geduld sie in ihrem eigenen Rhythmus wachsen zu lassen. So beobachtete ich, dass meine Mutter eines Tages die Köchen schickte um sich frische Erdbeeren geben zu lassen. Mit aller gebotenen Höflichkeit lehnte er dieses Ansinnen ab, denn die Erdbeeren seien noch nicht so weit gepflückt zu werden. Selbst die Erdbeeren schienen sich dem Willen meiner Mutter zu widersetzen, aber als die Köchin trotzdem welche holte, da musste meine Mutter feststellen, dass der Gärtner recht gehabt hatte. Von diesem Moment an fügte sie sich. Und ich war auf seiner Seite, denn er bewachte diejenigen, die sich nicht selbst bewachen können. Immer öfter verbrachte ich die Zeit im Garten und lernte, über Gemüse und Obst, über Blumen und Tiere, denn auch diese Geschöpfe nahm er unter seine Fittiche. Die erste entscheidende Veränderung bestand darin, dass ich aufhörte meinen Friesen zu reiten, sondern ich ging mit ihm spazieren, was wohl zu allgemeiner Heiterkeit beitrug. Es waren dieselben Felder, dieselben Wälder, und doch war es, als würde ich sie, aus der veränderten Perspektive und dem verringerten Tempo ganz neu entdecken“, erzählte Magdalena mit verklärtem Blick. „Und dieser junge Gärtner war niemand anderes als Onkel Toni“, warf nun Maria ein. „Ja, das war er. War wohl nicht schwer zu erraten“, gab die Großtante lächelnd zu, „Unsere Freundschaft wurde immer enger, und eines Tages gestand er mir, dass er nach Hause müsse, denn seine Eltern konnten den Hof nicht mehr alleine bewirtschaften. Er war unsagbar traurig. Ich spürte, dass ich mir nicht mehr vorstellen konnte auch nur einen Tag ohne ihn zu verbringen, und es gab nur eine Möglichkeit diesen Abschied zu verhindern, nur einen, der angemessen wäre. Wir mussten heiraten. Dann könnte, ja dann musste ich mit ihm gehen. Das schlug ich ihm rundheraus vor. Wenige Tage später heirateten wir. Es war ein ganz großer Skandal, und meine Mutter meinte, dass ich nie wieder zu kommen bräuchte, so lange ich die Frau dieses ordinären Subjekts wäre, ja, genau so hatte sie sich ausgedrückt. Ich habe das Schloss nie wieder betreten. Der Einzige, der nach wie vor zu mir hielt war mein Vater, der mich dann auch ab und an besuchen kam, aber er war zu schwach und zu abhängig, als dass er sich offen dazu bekennen konnte. Aber es war mir egal, denn ich war glücklich und bin es bis heute.“ Langsam sah sie auf, als würde sie aus einer weit entfernten Vergangenheit auftauchen in die Gegenwart, die dereinst auch Vergangenheit sein würde und in der die Zukunft schlummerte. „Maria, ganz gleich was Du tust, mach es, weil es Dich in Deiner Lebendigkeit befördert, nichts weiter zählt!“, war Magdalenas Resümee. „Warum hast Du mich nach all diesen Jahren zu Dir eingeladen?“, fragte Maria nochmals. „Weil ich wollte, dass Du Dich erinnerst“, sagte Magdalena kryptisch. „Woran sollte ich mich erinnern?“, fragte Maria irritiert, auch wenn sie wohl eine Ahnung davon hatte, denn sie hatte bereits begonnen sich zu erinnern. „Deiner selbst zu erinnern“, erklärte Magdalena kurz, „Du warst damals ein Mädchen, das sich dem Leben zuwenden wollte, das offen war und voller Träume. So hast Du mir erzählt, dass Du so viel lernen möchtest, dass Du allen kranken Tieren helfen könntest. Doch dann ist etwas passiert, denke ich, denn Du hast Dich verändert, ich kann nicht genau sagen wohin, aber auf jeden Fall weg von Dir. Als Du hierher kamst, da wirktest Du beängstigend, so wie jemand, der sich Schicht um Schicht einen Panzer um sich baute und nun irgendwo im Niemandsland zwischen dem verletzlichen, doch liebesfähigen Menschen und der Panzerung, die den anderen suggerieren soll, dass Du souverän und unantastbar bist.“ Maria sah sie an. Ihr erster Reflex war sich aufzulehnen. Das konnte nicht stimmen. Das durfte nicht stimmen. Denn es tat weh, weh sich einzugestehen, dass man hinter sich ließ, was einem wert war, um etwas hinterher zu jagen, dessen Wert sich nur aus einer verschwommenen, dubiosen Vorstellung ergab. Jeder sagte es, dass man sich besser fühle, wenn man Erfolg hätte, einen Erfolg, der vor der Welt zählte. Die Yacht in Monaco und das Zweitdomizil in Hawaii, das repräsentierte Erfolg. Doch einer Kuh zu helfen ein Kalb zur Welt zu bringen, das partout falsch lag oder ein Rehkitz aufzuziehen, dessen Mutter – natürlich versehentlich – erschossen wurde, so dass es frei leben konnte, oder ein behindertes Kind zum Lächeln zu bringen, oder einem selbstmordgefährdeten Menschen neue Hoffnung zu schenken, das galt nicht als Erfolg, denn das brachte einem selbst nichts ein, außer vielleicht die Wärme eines Glücks, das nicht in Zahlen messbar ist. Jahre ihres Lebens war sie diesem Bild hinterhergelaufen, da konnte sie nicht plötzlich sagen, das war alles falsch, nicht plötzlich eingestehen, dass sie Jahre ihres Lebens für die falsche Sache vergeudet hatte. „Aber vielleicht sind es gerade diese Umwege, die uns erkennen lassen was das Richtige ist oder das was mir und meinem Leben Sinn und Wert verleiht“, erklärte Maria, in aller Unvorhersehbarkeit, „Vielleicht führt uns gerade das Gekünstelte zur Selbstverständlichkeit.“ Und während die Sonne hinter dem Horizont verschwand und die schneebedeckte Landschaft mit einem sachten Rot überzog, herrschte in der Welt um sie, aber auch in diesem Haus, in ihren Gedanken und in ihren Herzen eine Art des Friedens, wie es nur sein kann, wo man sich mit sich selbst, mit seinen Verfehlungen ebenso wie mit seinen Treffern, ausgesöhnt hat. Und in ihren Tassen dampfte der Kräutertee. „Es ist gut wie es ist“, setzte Maria hinzu. Eine verwirrte kleine Schneeflocke, ein kleines zartes Elfchen winkte ihr durchs Fenster zu bevor es sich niedersinken ließ und zu ihren Schwestern kuschelte. Und das Webschiffchen zog seine Bahn, eine neue Zeile hinzuzufügen zum Webbild des Lebens. Die Stille ummantelte sie wie eine schützende Hülle, Stille, die sie sonst nicht ertragen hätte. Plötzlich war sie voller Leben. Plötzlich war sie voller Möglichkeiten.

0312 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (3):


Das Leben zu be-greifen


„Was nur, was, tut man an so einem gottverlassenen, oder sonst was verlassenem Ort den ganzen Tag? Wie bringt man die Zeit herum?“, hatte sich Maria am ersten Tag, am Tag ihrer Ankunft noch gefragt, doch bereits am nächsten war die Frage verschwunden. In Windeseile war der Tag vergangen, erfüllt mit Tätigkeiten, die unmittelbar Sinn machten, bis sie am Abend, mit einem Buch in der Hand einschlief. Sie konnte sich nicht mehr entsinnen wann sie das letzte Mal so ruhig und gut geschlafen hatte, ohne die anhaltende innere Getriebenheit, die ihr wie ein Feldwebel ständig zurief, sie solle doch verdammt nochmal jeden Moment des Tages nutzen. „Wissen Sie warum Sie eine meiner besten, ja meine beste Studentin sind?“, hörte sie ihren Professor fragen, der immer ständig solche Fragen stellte, um sie auch rundweg selbst zu beantworten. Das war immer der Moment, in dem man die Frischlinge sofort erkannte, denn es waren diejenigen, die meinten, dass die Frage an jemand anderen gerichtet war. Hurtig ergriffen sie das Wort, doch es wurde ihnen sofort deutlich gemacht, dass sie gefälligst den Mund zu halten hatten, wenn der Vorgesetzte sprach. Abmahnende, drohende Blicke durchfuhren wie Säbel den Vorlauten. Jeder hatte es verstanden, bis auf eine Studentin, die sich durch nichts beirren ließ und munter weiter plauderte. „Eine Frage, die man sich selbst beantwortet, ist keine Frage, sondern eine Frotzelei“, erklärte sie, nachdem sie von ihrem Kollegen auf den Fauxpas hingewiesen wurde. Sie hatte das Institut auch schon bald verlassen, und studierte nun Philosophie oder irgend etwas anderes Unnötiges, so weit Maria erfahren hatte. „Sie sind meine beste Studentin“, antwortete der Professor also auf seine eigene Frage, „Weil Sie jede Minute des Tages nutzen, weil Sie 16 Stunden am Tag aktiv sind, deshalb, und weil sie meinen Vorgaben Folge leisten.“ Aufs Höchste mit sich und der Welt und mit sich zufrieden war er während dieses Vortrags auf seinem Schreibtisch gesessen, breitbeinig, während Maria ihm gegenüber auf einem kleinen Stuhl saß. Schon diese Anordnung zeigte die soziale Stellung, die sie einnahmen. Maria musste lächeln, denn zum ersten Mal wurde ihr bewusst wie viel Redundanz es erforderte um diesen Vorgaben zu genügen. Löcher ausheben um sie wieder zuzuschütten. Das war der ganze Sinn. Doch wenn sie hier das Feuer im Kamin entfachte, dann wurde der Sinn unmittelbar ersichtlich. Das Feuer wärmte den Raum, doch anders als eine sterile Elektroheizung, mit einer lebendigen Wärme. „Komm, wir müssen Späne hacken“, forderte Magdalena ihre Nichte auf, nachdem sie das Frühstücksgeschirr abgewaschen hatten. „Aber das kann ich doch nicht“, warf Maria ein, obwohl sie genau wusste, dass es keinen Sinn hatte. „Als Du klein warst konntest Du es“, erwiderte Magdalena lächelnd und ging ihr voran in den Schuppen, der neben dem Haus lag. Der Sturm hatte endlich nachgelassen, so dass die dicken Schneeflocken beschaulich und langsam zur Erde fielen. „Meine Elfen haben ein bisschen zu viel gegessen“, hatte Maria an diesem Morgen gedacht, doch ohne den Gedanken wegschieben zu wollen. Sie ließ ihn gewähren, auch außerhalb ihrer Träume. Die Landschaft ersteckte sich in sanften Hügeln vor ihnen, die mit einer dicken, weißen Decke verhüllt waren. Zaghaft brach die Sonne durch die Wolken und entlockte den Schneekristallen da und dort ein Glitzern. Magdalena drängte nicht, sondern ließ Maria gewähren, als sie merkte, dass sie ihren Blick hinaus in die Welt schickte. Als würde sie zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wirklich hinsehen. Erst als Maria wieder den Blick zurückholte ging Magdalena ihr die wenigen Schritte voran in den Schuppen. An allen Seiten war Holz aufgestapelt. Es würde für diesen Winter reichen, selbst für solch einen langen, wie er am nördlichsten Punkt Österreichs zu herrschen pflegte. „Der Winter fühlt sich wohl bei uns“, pflegte Magdalena zu sagen. Aus irgendeiner Lade in ihrem Gedächtnis war der Satz herausgehüpft, einer Lade, von der Maria noch nicht einmal mehr gewusst hatte, dass sie da war, doch nun war sie entdeckt und sacht nahm Maria ein Stück ums andere heraus. „Aber warum haben wir Späne gehackt, wenn ich doch im Sommer hier war?“, fragte Maria, nachdem sie den Schuppen betreten hatten, der vollgefüllt war mit Feuerholz, so dass sie nicht fürchten musste zu frieren. „Du warst so wissbegierig, so neugierig, wolltest alles mitmachen, alles lernen. Ganz im Gegensatz zu Deiner Schwester, die immer nur herumsaß und sich bedienen ließ. Keinen Schritt setzte sie vor die Türe, aus lauter Angst schmutzig zu werden oder etwas Unsauberes mit den Händen anzugreifen, aber du warst mitten drinnen im Geschehen, beim Versorgen der Tiere, bei den Arbeiten im Gemüsegarten, beim Kochen und eben auch beim Spänehacken, die Dein Großonkel schon für den Winter vorbereitete. Und dann darfst Du nicht vergessen, dass es hier auch im Sommer schon mal recht kalt werden kann. So ist man immer vorbereitet.“ „Und ich bin auch mit ihm in den Wald gegangen?“, fragte Maria weiter. „Ja, das bist Du“, erwiderte Magdalena lächelnd, während sie das erste Holzscheit auf den Pflock stellte und die kleine Hacke zur Hand nahm, „Mein Mann wusste alles über den Wald. Du warst so voller Begeisterung, wenn es Euch gelang etwas zu entdecken, einen Ameisenhaufen, einen Fuchsbau, den Biberdamm.“ „Es war immer so friedlich und harmonisch bei Euch“, hörte sich Maria sagen, während ihr unzusammenhängende Bilder durch den Kopf schossen, vom Naschen aus einem Marmeladeglas, von Schafen auf der Weide, dem hohen Gras, durch das sie lief, bevor es sich dem Schnitter beugen musste, von verstohlenen Sonnenstrahlen, die durch die Bäume fielen und der Hacke in ihrer Hand. Ja, es stimmte, sie waren genau hier gestanden und ihr Großonkel hatte es ihr gezeigt. Ihre Haut war gerötet, vor Eifer und Freude. Schaffen mit den Händen. „Friedlich und harmonisch“, wiederholte sie, als wollte sie sich den Klang der Worte nochmals zu Gemüte führen, „Ganz anders als bei uns zu Hause, wo es immer laut war und nichts herrschte als Unzufriedenheit. Ich wäre so gerne hier geblieben. Irgendwann, so dachte ich damals, würde ich ein Handwerk lernen, Tischler oder Zimmermann und dann könnte ich alles reparieren und ausbessern und die Möbel restaurieren. Das sagte ich auch Onkel Toni, und ich weiß noch, er hat mich angelacht und gemeint, dass das schön wäre, wenn ich bei Euch bliebe.“ „Es wäre schön gewesen“, gab Magdalena zu. „Und dann haben sie uns geholt, mich und Johanna. Johanna war heilfroh, aber ich wollte nicht weg, und da hat mir Mama gesagt, dass ihr uns nicht länger hierhaben wolltet, dass ihr froh wärt, wenn wir endlich wieder weg waren, weil wir für Euch nur eine Belastung waren, das hat sie gesagt“, fuhr Maria fort, die mit einem Mal begriff warum sie diese Erinnerung in eine der untersten Schubladen gesteckt hatte und alles tat um es zu vergessen. Es war ihr beinahe gelungen, so dass nichts weiter blieb als ein bitterer Nachgeschmack. „Ich habe das auch erst viel später erfahren. Irgendwann hat es mir Deine Mutter erzählt, weil sie meinte, wir hätten Dich verdorben“, erzählte Magdalene ungerührt, die mehr auf die Kraft der Taten als die der Worte vertraute, und Maria wusste nun wie es wirklich war, damals, nachdem sie das ganze Bild wiedergefunden hatte. Die Tage voll Sonnenschein und Eintracht und Miteinander, aber auch den Schmerz des Abschieds. „Nie wieder würde ich herkommen, habe ich mir damals geschworen“, fiel es Maria wieder ein, „Ich schwor mir aus dem Elend und der Enge auszubrechen, und den einzigen Weg sah ich darin finanziell unabhängig zu sein, und das hieß für mich so viel Geld zu haben, dass ich von niemanden abhängig war, geschaffen durch meine eigene Arbeit. Dann würde ich glücklich sein, irgendwo in einer großen Stadt, irgendwo inmitten vieler Menschen, die alle ihre eigenen Ziele verfolgen. Aber langsam entdecke ich, dass Unabhängigkeit auch Einsamkeit ist. Wo Misstrauen und Vorsicht dominieren, weil man weiß, dass der andere genauso rücksichtslos agieren würde wie man selbst, da gibt es keine Freundschaft und keinen wirklich menschlichen Kontakt. Immer auf der Hut und immer wachsam. Das wäre das Leben gewesen, das mich erwartet hätte.“ Resolut nahm sie die Hacke in die Hand, die ihr Magdalena reichte, setzte sie an, hieb leicht in das Holz um eine kleine Kerbe zu erhalten, um danach den Scheit hochzuheben und ihn mit voller Wucht auf den Pflock donnern zu lassen, so dass der erste Span herunterfiel. „Siehst Du, Du kannst es“, sagte Magdalena lächelnd, und das Webschiffchen fuhr durch die Bänder eine neue Reihe zu bilden auf dem Webbild des Lebens, eine besondere Reihe, denn sie schloss in sich Bilder aus einem früheren Teil des Gesamtbildes, und es war der dritte Tag des Advent.

0201 Die Freiheit, die ich meine ...


Die Freiheit, die ich meine ...


Nein, ich habe es mir nicht ausgesucht, wurde nicht gefragt, ob ich das will, zu leben, so wie ich es mir dereinst nicht aussuche, nicht gefragt werde, wenn ich es wieder lassen soll, das leben. Ungefragt, ungewollt und unvermutet – so könnte ich es als Beweis der Willkür sehen, als eine Belastung, die mir aufgebürdet wurde, die ich mit Verweigerung beantworte. Aber wem schade ich damit? Wohl kaum dem, der mich nicht fragte, sondern nur mir selbst. Jedem, der mir begegnet, stecke ich an mit meiner Verweigerung. So besteht der erste Akt meiner Freiheit in der Zustimmung oder Ablehnung meiner Selbst, in der Interpretation des Lebens als Bürde oder als Geschenk. Ich nehme es als Geschenk. Ändert die Sichtweise denn irgendetwas? Die nackte Tatsache, dass ich ins Leben gesetzt wurde, wird durch meine Sichtweise nicht abgeändert? Die Tatsache nicht, aber meine Herangehensweise und den Umgang damit, den Umgang mit dem Leben, mit mir und mit Dir. Ich nehme das Leben als Geschenk, das Leben und jede einzelne wache, gelebte Nacht, jede einzelne wache, gelebte Begegnung, wie diese Nacht. Du hast mich besucht, in dieser Nacht, hier auf meinem Steg. Du hast mich besucht, und bist doch nicht angekommen, zunächst. Was war es, was Dich zu mir trieb? Es war wohl die undeutliche Erinnerung an einen Moment der Freiheit, den Du erleben durftest, dereinst. Ich sah, dass Du neben mir gesessen bist, habe gehört, dass Du mit mir gesprochen hast, aber mit den Gedanken, mit Deinem Kopf warst Du ganz weit weg, dort, wo Du aufgehört hattest, obwohl Du noch nicht fertig warst: „Wenn Du da bist, dann lasse es Dir zu da zu sein, und wenn Du gehen willst, dann geh, aber sei nicht da, und doch weg. So kannst Du hier und dort nichts ausrichten.“, sagte ich Dir zu, nahm Deine Hand, und ich spürte, wie Du leicht wurdest, meine Offenheit, in dem Du Dich mir öffnetest. Es ist die Freiheit, die ich meine, mir Du sein zu wollen, oder mich in die Reihe Deiner Erfahrungen einzugliedern. Es ist die Freiheit, die ich meine, mich Dir und Dich mir zu erkennen, beim Namen zu nennen – und die Begegnung als eine lebendige zu gestalten. Es ist die Freiheit, die ich meine Dich zu empfangen, klar und ungeheuchelt. Geschenk oder Bürde – es ist die Freiheit, die ich meine.