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2012 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (20):


Der Baum des Lebens


„Komm, lass uns den Christbaum schmücken“, forderte Maria Uwe auf. Voller Unruhe und Vorfreude war sie neben ihm gesessen, hatte den Nachmittagstee schneller als sonst getrunken, mit weniger Bedacht und mehr Eile. Nun saß sie da, brennend darauf, dass auch er endlich den letzten Schluck getan hätte, um endlich diese Worte zu sagen,
„Komm, lass uns einen Christbaum schmücken.“

1710 Nichts tun


Nichts tun


„Was machst Du da?“, fragtest Du, als Du, wie immer völlig überraschend, den Kopf bei der Türe hereinstecktest, und so wie immer wirktest Du getrieben, so dass ich mich wiederum getrieben fühlte so schnell wie möglich zu antworten. Immer musste alles wie aus der Pistole geschossen klingen.
„Ich denke nach“, antwortete ich, um ein wenig Raum zu gewinnen.
„Du tust also nichts als da zu sitzen und nachzudenken“, fragtest Du, und es wirkte pikiert.
„Nein, ich denke nach, was ich Dir antworten könnte, aber das mit dem hier sitzen, das trifft es schon mal nicht schlecht“, entgegnete ich, immer noch uneins mit mir was ich denn machte. Aber wie sollte man einen klaren Gedanken fassen können, wenn da jemand an der Türe stand und vor lauter Energie herumzappelte wie aufgezogen. Plötzlich begannst Du Dir den Hals zu verrenken.
„Liest Du vielleicht?“, versuchtest Du das Geheimnis zu ergründen.
„Nein, ich lese nicht“,  erwiderte ich, froh, ein wenig Zeit gewonnen zu haben.
„Aber dann denkst Du nach?“, meintest Du, offenbar froh, endlich eine Lösung für Dein Problem gefunden zu haben, „Es gibt ein Problem, das Dich beschäftigt, und das versuchst Du zu lösen.“
„Nein, ich denke auch nicht nach“, musste ich Dich doch enttäuschen, doch das war noch nicht alles, sondern ich musste auch eingestehen, „Ich habe keine Probleme, die ich lösen müsste.“
„Du, also ich weiß gar nicht was ich sagen soll!“, stießt Du aus, und ich dachte, das sieht jetzt doch nach Empörung aus.
„Atme tief durch und sag mir in Ruhe was Du sagen willst. Ich habe Zeit“, versuchte ich Dich zu beruhigen, doch der Schuss ging irgendwie nach hinten los.
„Ich soll mich beruhigen? Du weißt ja gar nicht wie ich aussehe, wenn ich beunruhigt bin, aber Du, das schlägt ja alles!“, riefst Du aus, und jetzt war ich sicher, das war Empörung.
„Aber warum regst Du Dich denn so auf, ich mache ja gar nichts“, erwiderte ich.
„Genau das ist es ja. Gnä Frau hat Zeit. Gnä Frau hat keine Probleme. Kein Mensch auf der Welt hat Zeit. Überall gibt es Probleme. Ich weiß nicht wo mir der Kopf steht und wo ich anfangen soll meine Probleme zu lösen, und Du, Du sitzt einfach da und kümmerst Dich um gar nichts“, echauffiertest Du Dich.
„Jeder hat Probleme? Niemand hat Zeit? Was hast Du für Probleme? Warum hast Du keine Zeit“, fragte ich nun weiter.
„Ja, was weiß denn ich, alles was so ansteht. Und wenn Du schon keine eigenen Probleme hast, dann kannst Du Dich ja kümmern, engagieren für irgend etwas. Heutzutage kann man sich ja für alles und jedes engagieren“, entgegnetest Du entrüstet.
„Wofür zum Beispiel?“, fragte ich, ehrlich interessiert.
„Für die Tiere, den Umweltschutz, die Flüchtlinge, für die Politik oder sonst was, aber mach irgendetwas“, fordertest Du mich auf, als mich endlich die Erleuchtung heimsuchte und ich mir ein Lächeln nicht verkneifen konnte.
„Warum lachst Du jetzt so komisch?“, fragtest Du mich stirnrunzelnd, wohl auch weil Deine Gardinenpredigt nicht den gewünschten Erfolg zeitigte.
„Weil ich jetzt endlich eine Antwort gefunden habe“, antwortete ich offen.
„Antwort? Auf welche Frage?“, erwidertest Du verdutzt.
„Na auf die, die Du mir eingangs gestellt hast“, erklärte ich zufrieden.
„Und die war?“, fragtest Du.
„Was ich mache, hast Du gefragt“, erklärte ich.
„Und, was machst Du?“, stießt Du unerbittlich nach.
„Nichts, ich mache nichts“, erwiderte ich seelenruhig. Dann hörte ich die Türe zuknallen. Aber ich machte weiter mit dem, was ich die ganze Zeit getan hatte.

2507 Ein kleines Stück vom Paradies


Ein kleines Stück vom Paradies


Das Paradies, oder zumindest ein kleines Stück davon, liegt zwischen Tschurndorf und Weppersdorf, und es ist durchaus keine Bildungslücke, wenn man diese beiden kleinen Ortschaften im mittleren Burgenland nicht kennt. Schade wäre es jedoch dieses kleine Stück Paradies nicht kennengelernt zu haben, das anmutet wie eine kleine Arche Noah inmitten der sanften, hügeligen, bewaldeten Landschaft des Sonnenlandes Burgenlandes. Ab und an hört man ein Auto vorbeifahren. Das ist das einzige, was das Säuseln des Baches und die Laute der verschiedensten Tiere übertönt. Stille und Geruhsamkeit strahlt es aus, eine Stille und Geruhsamkeit, nach der sich so mancher sehnt, und doch einige von uns nicht mehr aushalten. Wann kommt denn die Action? Es gibt keine Action, und doch etwa höchst Bemerkenswertes. Wenn man den Hof-Sonnenweide betritt, dann läuft einem vielleicht gleich einmal ein wehrhafter Truthahn über den Weg, der es sogar mit dem hauseigenen Dobermann aufnimmt. Hennen und Hähne, die frei herumlaufen, und mittendrinnen der aufgeregte Pablo, der schöne italienische Hahn mit dem auffälligen Kopfschmuck, der vor lauter Jagd auf Hennen ab und an das Fressen zu vergessen scheint, so schlank und rank wie er ist, oder vielleicht ist es mit ein Mittel der Damenwelt zu imponieren. Kurz sehen vielleicht die Lamas auf, aber Menschen stören sie nicht, denn sie werden auch nicht durch Menschen gestört.

Einladend, und doch vielleicht ein wenig befremdlich beim ersten Besuch, wo viele von uns diese Tiere nur mehr aus dem Bilderbuch kennen. Ja, die gibt es auch in Wirklichkeit. Hühner und Pfaue, Truthähne und Gänse,  Seidenhühner und Ziegen, Pferde und Esel, Schweine und Enten. Dabei sind es fast durchweg einheimische Tierarten. Befremdlich, weil sie so real sind und wir die Konfrontation mit dem Lebendigen nicht mehr gewohnt sind. Doch dieses Befremden weicht sehr schnell, zumal, wenn man eine fachkundige Führung von der Besitzerin bekommt, die zu jedem Tier mannigfaltige Geschichten zu erzählen hat. Von den Pfauen, die zwar in der Nähe bleiben, aber doch in den hohen Bäumen ihr Nachtquartier suchen, z.B. oder von dem Mangalitzaschwein, das sich mit größter Vorliebe im Schlamm suhlt. Und langsam weicht die Befremdung und Neugierde, Aufmerksamkeit tritt an ihre Stelle. Die Tiere wollen nicht gefallen, noch weniger uns gefällig sein, sie sind einfach da und bereichern durch dieses bloße Da-Sein unser Hier-sein. Es ist nicht mehr notwendig, und doch bleibt so vieles zurück, so vieles, was uns belastet und einschränkt, wenn nichts weiter zählt, als eben dies. Den Tieren ist es auch ziemlich egal ob wir in Designerbekleidung kommen oder in abgerissenen Jeans. Sie interessiert ob wir ihnen wohlgesonnen sind. Nichts weiter.

Zusehen, wie die Gänse und Enten sich immer in der Schar halten. Egal was sie tun, sie tun es gemeinsam. Der Weg zum Teich. Ein Bad, und die Esel und Pferde, die daneben grasen irritieren sie nicht im Mindesten. Da stupst ein grauer Hausesel aber schon mal den Haflinger an, der wohl leicht doppelt so groß und schwer ist wie er selbst, fordert ihn auf zum Spiel. Da wälzt sich ein Esel genüsslich, alle Viere von sich gestreckt oder balgt mit einem Artgenossen um ein Spielzeug. Ausgelassen und lebensfroh, doch zumeist mit gesenktem Kopf das Gras abzupfend und genüsslich verspeisend.

Mitten drin zu sein, mitten im Leben, ein kleines Stück vom Paradies, und wenn es Abend wird im Paradies, dann ziehen sich die Tiere langsam zurück. Die Gänse machen schnatternd den Anfang. Alles und jedes wird kommentiert, wenn sie sich in Richtung Stall auf den Weg machen. Die Hühner tun es ihrem Beispiel gleich, und vom anderen Ende hört man laut und vernehmlich ein genüssliches Schweineschnarchen. Die Hochlandrinder liegen im Stall und kauen genüsslich wieder, vielleicht nicht nur das Futter, sondern auch die Erinnerung an einen weiteren, schönen, sonnigen Tag an einem Ort, an dem Tiere noch Tiere sein dürfen, Raum zum Leben haben, unbehelligt und unbeeinflusst. Und zum ersten Mal befremdet einen der Gedanke, dass dies zuerst befremdlich wirken konnte, denn am liebsten würde man gar nicht mehr weggehen, aber wer verlässt schon gerne das Paradies?

0201 Die Freiheit, die ich meine ...


Die Freiheit, die ich meine ...


Nein, ich habe es mir nicht ausgesucht, wurde nicht gefragt, ob ich das will, zu leben, so wie ich es mir dereinst nicht aussuche, nicht gefragt werde, wenn ich es wieder lassen soll, das leben. Ungefragt, ungewollt und unvermutet – so könnte ich es als Beweis der Willkür sehen, als eine Belastung, die mir aufgebürdet wurde, die ich mit Verweigerung beantworte. Aber wem schade ich damit? Wohl kaum dem, der mich nicht fragte, sondern nur mir selbst. Jedem, der mir begegnet, stecke ich an mit meiner Verweigerung. So besteht der erste Akt meiner Freiheit in der Zustimmung oder Ablehnung meiner Selbst, in der Interpretation des Lebens als Bürde oder als Geschenk. Ich nehme es als Geschenk. Ändert die Sichtweise denn irgendetwas? Die nackte Tatsache, dass ich ins Leben gesetzt wurde, wird durch meine Sichtweise nicht abgeändert? Die Tatsache nicht, aber meine Herangehensweise und den Umgang damit, den Umgang mit dem Leben, mit mir und mit Dir. Ich nehme das Leben als Geschenk, das Leben und jede einzelne wache, gelebte Nacht, jede einzelne wache, gelebte Begegnung, wie diese Nacht. Du hast mich besucht, in dieser Nacht, hier auf meinem Steg. Du hast mich besucht, und bist doch nicht angekommen, zunächst. Was war es, was Dich zu mir trieb? Es war wohl die undeutliche Erinnerung an einen Moment der Freiheit, den Du erleben durftest, dereinst. Ich sah, dass Du neben mir gesessen bist, habe gehört, dass Du mit mir gesprochen hast, aber mit den Gedanken, mit Deinem Kopf warst Du ganz weit weg, dort, wo Du aufgehört hattest, obwohl Du noch nicht fertig warst: „Wenn Du da bist, dann lasse es Dir zu da zu sein, und wenn Du gehen willst, dann geh, aber sei nicht da, und doch weg. So kannst Du hier und dort nichts ausrichten.“, sagte ich Dir zu, nahm Deine Hand, und ich spürte, wie Du leicht wurdest, meine Offenheit, in dem Du Dich mir öffnetest. Es ist die Freiheit, die ich meine, mir Du sein zu wollen, oder mich in die Reihe Deiner Erfahrungen einzugliedern. Es ist die Freiheit, die ich meine, mich Dir und Dich mir zu erkennen, beim Namen zu nennen – und die Begegnung als eine lebendige zu gestalten. Es ist die Freiheit, die ich meine Dich zu empfangen, klar und ungeheuchelt. Geschenk oder Bürde – es ist die Freiheit, die ich meine.