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2101 Wenn Du gehen willst, dann schließe die Türe zu


Wenn Du gehst, dann schließe die Türe zu


Unsere Lebensumstände haben sich geändert. Alles ist anders. Ich habe mich verändert. Ich bin nicht mehr so. So wie damals eben. Du hast Dich nicht verändert. Sagst Du. Du bleibst immer gleich. Das nennst Du Verlässlichkeit. Ich nenne es Langeweile. Ende des Lebens mittendrinnen. Du verstehst es nicht. Aber Du kommst nicht mehr damit zurecht, dass es so ist. Lange hättest Du es versucht, aber jetzt geht es nicht mehr. Ich dachte wir kriegen das hin. Wir haben es doch immer noch hingekriegt. Trotz all der Jahre. Ich glaube es immer noch nicht. Du glaubst es nicht. Vielleicht, meinst Du, dass es sein könnte. Du weißt es nicht. Du willst es herausfinden. Nachdenken. Dir klar werden. Du willst sehen wie es ist, wenn Du nicht mehr da bist.

Vielleicht gehst Du, denn die Türe steht offen.

Wir finden nicht mehr zueinander. Sagst Du. Unsere Lebenswege kreuzen sich nur mehr durch Zufall, nicht mehr aufgrund von Interesse. Was haben wir gemeinsam? Du meinst, es ist nichts geblieben. Ich sage, man kann es neu entdecken, wenn man will. Aber Du bist in Deiner Bahn. Du änderst Dich nicht. Ich mich schon. Veränderung ist schlecht. Du kannst es nicht anders machen. Du willst nichts Neues entdecken. Du willst Dich nicht einlassen. Deshalb darf ich das auch nicht. Wenn ich es tue, dann muss ich mit Konsequenzen rechnen. Nimm die Stricknadeln. Das Klappern ist vertraut. Nicht das Andere, das vorher nicht war, und das Du nicht willst, weil es nicht da sein darf. Nur das was immer war. Ich frage Dich was immer war. In unserer Geschichte. Nichts war immer. Alles kam. Auch das Neue, das jetzt schon gewohnt ist, aber irgendwann war es eben neu. Du siehst es nicht so. Entweder war es immer oder eben nicht. Ein stringentes Weltbild. Meines ist Dir suspekt, mit den Veränderungen. Du willst Kontinuität bewahren. Das geht mit mir nicht.

Du gehst, weil die Türe offen steht.

Das Leben hat uns gelehrt. Dich anders als mich. Oder war es die Einstellung die anders war. Wenn ich mit meinen Lebensumständen nicht zufrieden bin, dann muss ich sie ändern. Wenn Du mit Deinen Lebensumständen nicht zufrieden bist, dann jammerst Du, und siehst sie doch als unabänderlich. Es gibt daran nichts zu rütteln. Ich frage nach. Ich soll nicht so viel fragen. Ich stelle in Frage. Ich soll es bleiben lassen. Es gibt nichts zu Hinterfragen. Im Großen und Ganzen ist es ja gut wie es ist. Immer der selbe Trott. Dazwischen wird eben ein wenig gejammert. Arbeit ist Leid. Freude geht aufs Wochenende. Arbeit muss nicht Leid sein. Doch meinst Du, und freust Dich auf die Freizeit. Dann gehst Du. Du bist nicht da. Warst es eigentlich nie. Niemals da. Bloß ein Ort für einen Zwischenstopp. Ich stand zur Verfügung. Jetzt nicht mehr. Eine weitere Veränderung, die Du nicht verstehst. Man muss sich aufs Verstehen einlassen, die Augen, die Hände, das Herz und den Kopf öffnen. Du bleibst verschlossen. Leichter ist es eine Türe zu öffnen.

Wenn Du gehst, dann bleib nicht auf halbem Wege stehen.

Erst am Ende ist es vorbei. Daran glaube ich nach wie vor. Verloren ist nichts. Außer wenn wir es verloren geben. Es gilt zu akzeptieren. Auch wenn ich es nicht verstehe. Die Zeit schlägt Wunden und heilt sie. Wir schlagen uns Wunden und wir können sie heilen. Oder sie kultivieren und uns lustvoll daran weiden. Es ist nicht mein Weg. Hier zu sein. Das ist mein Anliegen. Nicht im Gestern. Nicht im Morgen. Es ist völlig egal was in zwanzig Jahren ist. Du siehst mich an, und ich weiß, dass Deine Entscheidung gefallen ist. Auch wenn Du es nicht sagst. Auch, wenn ich es nicht verstehe. Aber ich sehe es. Wenn Du eine Entscheidung triffst, dann steh dazu und trag sie durch. Du kannst Dir nicht alle Optionen offen halten. Du kannst nicht gehen, und von mir erwarten, dass ich den Platz für Dich warm halte, falls Du doch nochmals kommst. Wenn Du gehst, dann mach es ganz.

Wenn Du gehst, dann schließ die Türe zu.

1912 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (19):


Ein Abschluss


„Ich habe den Eindruck, Du gehst Deiner Verantwortung aus dem Weg“, sagte Uwe zu Maria an diesem neuen Tag.
„Wie kommst Du darauf?“, entgegnete Maria ausweichend, „Ich mache doch alles was zu machen ist.“
„Nein, das meine ich nicht, und das weißt Du ganz genau“, erwiderte Uwe, „Da steht nun Dein Auto und darin liegen Dein Handy und Dein Laptop. Du hast seit fast drei Wochen weder telephoniert noch E-Mails abgerufen noch sonst irgendwas erledigt.“
„Das hat alles Zeit“, versuchte Maria es zu bagatellisieren, unterstützt von einer wegwerfenden Handbewegung.
„Wenn Du eine Entscheidung triffst, oder besser getroffen hast, dann musst Du sie auch leben. Sonst holen Dich die nicht erledigten Dinge immer wieder ein“, meinte Uwe, „Und vor allem, es ist wichtig alles in Ordnung zu hinterlassen. Aber wer weiß, vielleicht machst Du es nur deshalb nicht, weil Du Dir noch nicht sicher bist.“
„Natürlich bin ich mir sicher!“, erwiderte Maria heftig, wohl ein wenig zu heftig. Sie fühlte sich bei einer Nachlässigkeit ertappt. Aber sie wusste, es würde nicht leicht sein.

0412 Adventgeschichte: Das gewebte Bild (4):


Die Selbstverständlichkeit des Lebens


„Guten Morgen, Jonathan“, dachte Maria lächelnd, als sie der Haushahn an diesem Morgen wieder weckte. Diese Art geweckt zu werden erschien ihr bereits so vertraut, als wäre es niemals anders gewesen. Rasch schlüpfte sie aus dem Bett und zog sich an, denn sie wusste, dass das die einzige Chance war ihrer Großtante bei den Frühstücksvorbereitungen helfen zu können. So lief sie in die Wohnstube, die noch kalt war von der Nacht. So öffnete sie das Türchen im Kamin und fand immer noch einen Rest Glut, auf die sie zwei drei Holzscheite legte, nachdem sie sie kräftig aufgemischt hatte. Dann verharrte sie still um zuzusehen wie die Flammen um das Holz zu züngeln begannen, zuerst klein und zaghaft, aber dann immer heller und freudiger. Dann erst schloss sie das Türchen wieder um ihrer Großtante in der Küche zu helfen. Gemeinsam saßen sie dann, mit süßem Brei und dampfenden Kaffee am großen Tisch in der Wohnstube, während der Winter vor den Fenstern die Natur erstarren ließ. „Wie hat es Dich hierher verschlagen?“, fragte Maria unvermittelt, „Ich meine, Du warst doch eine Adelige. Da ist es wahrscheinlich nicht das Alltäglichste, dass man einen Bauern heiratet.“ „Das stimmt, und Du kannst Dir wahrscheinlich vorstellen wie unglücklich meine Mutter darüber war, die mich doch so gerne an irgendeinen Fürsten oder Grafen, oder was weiß ich, verheiratet hätte. Sie war eine herzensgute Frau, trotz allem, doch sie war auch eingeschränkt in ihrem Blickfeld. Es gab darin ganz klare soziale Schranken, die man nicht zu überschreiten hatte. So wenig wie ein einfacher Mensch unseren Kreisen angehören konnte, so wenig war es umgekehrt möglich. Es war für sie wie ein Naturgesetz, unumgänglich. Doch ich hatte immer schon meine eigenen Vorstellungen vom Leben gehabt. So zog ich die Natur und die Beschäftigungen darin jenen vor, die wohl meiner Stellung angemessener gewesen wären, wie Sticken und Französisch lernen und gekünstelt kichern und mich in Schale werfen und die Domestiken herunterputzen. Meine Mutter war jedes Mal einer Ohnmacht nahe, wenn ich, von oben bis unten verdreckt von einem meiner legendären Ausritte heimkehrte. ‚Du gebärdest Dich wie ein Mann. Willst Du das denn?’, pflegte sie mich zu fragen, aber sie hatte keine Chance, stur wie ich schon immer war. Doch dann kam die Wandlung, nicht in dem Sinne, wie es sich meine Mutter gewünscht hätte, aber doch vom wilden Erobern zum sanften Staunen. Es war, als wir einen neuen Gärtner aufnahmen. Es war ein junger, kräftiger Bursche mit einem breiten Dialekt. Stundenlang befasste er sich mit größter Sorgfalt mit seinem Pflanzen. Natürlich tut das jeder Gärtner, aber er hatte eine besondere Gabe genau zu wissen was seine Pflanzen brauchten und auch die Geduld sie in ihrem eigenen Rhythmus wachsen zu lassen. So beobachtete ich, dass meine Mutter eines Tages die Köchen schickte um sich frische Erdbeeren geben zu lassen. Mit aller gebotenen Höflichkeit lehnte er dieses Ansinnen ab, denn die Erdbeeren seien noch nicht so weit gepflückt zu werden. Selbst die Erdbeeren schienen sich dem Willen meiner Mutter zu widersetzen, aber als die Köchin trotzdem welche holte, da musste meine Mutter feststellen, dass der Gärtner recht gehabt hatte. Von diesem Moment an fügte sie sich. Und ich war auf seiner Seite, denn er bewachte diejenigen, die sich nicht selbst bewachen können. Immer öfter verbrachte ich die Zeit im Garten und lernte, über Gemüse und Obst, über Blumen und Tiere, denn auch diese Geschöpfe nahm er unter seine Fittiche. Die erste entscheidende Veränderung bestand darin, dass ich aufhörte meinen Friesen zu reiten, sondern ich ging mit ihm spazieren, was wohl zu allgemeiner Heiterkeit beitrug. Es waren dieselben Felder, dieselben Wälder, und doch war es, als würde ich sie, aus der veränderten Perspektive und dem verringerten Tempo ganz neu entdecken“, erzählte Magdalena mit verklärtem Blick. „Und dieser junge Gärtner war niemand anderes als Onkel Toni“, warf nun Maria ein. „Ja, das war er. War wohl nicht schwer zu erraten“, gab die Großtante lächelnd zu, „Unsere Freundschaft wurde immer enger, und eines Tages gestand er mir, dass er nach Hause müsse, denn seine Eltern konnten den Hof nicht mehr alleine bewirtschaften. Er war unsagbar traurig. Ich spürte, dass ich mir nicht mehr vorstellen konnte auch nur einen Tag ohne ihn zu verbringen, und es gab nur eine Möglichkeit diesen Abschied zu verhindern, nur einen, der angemessen wäre. Wir mussten heiraten. Dann könnte, ja dann musste ich mit ihm gehen. Das schlug ich ihm rundheraus vor. Wenige Tage später heirateten wir. Es war ein ganz großer Skandal, und meine Mutter meinte, dass ich nie wieder zu kommen bräuchte, so lange ich die Frau dieses ordinären Subjekts wäre, ja, genau so hatte sie sich ausgedrückt. Ich habe das Schloss nie wieder betreten. Der Einzige, der nach wie vor zu mir hielt war mein Vater, der mich dann auch ab und an besuchen kam, aber er war zu schwach und zu abhängig, als dass er sich offen dazu bekennen konnte. Aber es war mir egal, denn ich war glücklich und bin es bis heute.“ Langsam sah sie auf, als würde sie aus einer weit entfernten Vergangenheit auftauchen in die Gegenwart, die dereinst auch Vergangenheit sein würde und in der die Zukunft schlummerte. „Maria, ganz gleich was Du tust, mach es, weil es Dich in Deiner Lebendigkeit befördert, nichts weiter zählt!“, war Magdalenas Resümee. „Warum hast Du mich nach all diesen Jahren zu Dir eingeladen?“, fragte Maria nochmals. „Weil ich wollte, dass Du Dich erinnerst“, sagte Magdalena kryptisch. „Woran sollte ich mich erinnern?“, fragte Maria irritiert, auch wenn sie wohl eine Ahnung davon hatte, denn sie hatte bereits begonnen sich zu erinnern. „Deiner selbst zu erinnern“, erklärte Magdalena kurz, „Du warst damals ein Mädchen, das sich dem Leben zuwenden wollte, das offen war und voller Träume. So hast Du mir erzählt, dass Du so viel lernen möchtest, dass Du allen kranken Tieren helfen könntest. Doch dann ist etwas passiert, denke ich, denn Du hast Dich verändert, ich kann nicht genau sagen wohin, aber auf jeden Fall weg von Dir. Als Du hierher kamst, da wirktest Du beängstigend, so wie jemand, der sich Schicht um Schicht einen Panzer um sich baute und nun irgendwo im Niemandsland zwischen dem verletzlichen, doch liebesfähigen Menschen und der Panzerung, die den anderen suggerieren soll, dass Du souverän und unantastbar bist.“ Maria sah sie an. Ihr erster Reflex war sich aufzulehnen. Das konnte nicht stimmen. Das durfte nicht stimmen. Denn es tat weh, weh sich einzugestehen, dass man hinter sich ließ, was einem wert war, um etwas hinterher zu jagen, dessen Wert sich nur aus einer verschwommenen, dubiosen Vorstellung ergab. Jeder sagte es, dass man sich besser fühle, wenn man Erfolg hätte, einen Erfolg, der vor der Welt zählte. Die Yacht in Monaco und das Zweitdomizil in Hawaii, das repräsentierte Erfolg. Doch einer Kuh zu helfen ein Kalb zur Welt zu bringen, das partout falsch lag oder ein Rehkitz aufzuziehen, dessen Mutter – natürlich versehentlich – erschossen wurde, so dass es frei leben konnte, oder ein behindertes Kind zum Lächeln zu bringen, oder einem selbstmordgefährdeten Menschen neue Hoffnung zu schenken, das galt nicht als Erfolg, denn das brachte einem selbst nichts ein, außer vielleicht die Wärme eines Glücks, das nicht in Zahlen messbar ist. Jahre ihres Lebens war sie diesem Bild hinterhergelaufen, da konnte sie nicht plötzlich sagen, das war alles falsch, nicht plötzlich eingestehen, dass sie Jahre ihres Lebens für die falsche Sache vergeudet hatte. „Aber vielleicht sind es gerade diese Umwege, die uns erkennen lassen was das Richtige ist oder das was mir und meinem Leben Sinn und Wert verleiht“, erklärte Maria, in aller Unvorhersehbarkeit, „Vielleicht führt uns gerade das Gekünstelte zur Selbstverständlichkeit.“ Und während die Sonne hinter dem Horizont verschwand und die schneebedeckte Landschaft mit einem sachten Rot überzog, herrschte in der Welt um sie, aber auch in diesem Haus, in ihren Gedanken und in ihren Herzen eine Art des Friedens, wie es nur sein kann, wo man sich mit sich selbst, mit seinen Verfehlungen ebenso wie mit seinen Treffern, ausgesöhnt hat. Und in ihren Tassen dampfte der Kräutertee. „Es ist gut wie es ist“, setzte Maria hinzu. Eine verwirrte kleine Schneeflocke, ein kleines zartes Elfchen winkte ihr durchs Fenster zu bevor es sich niedersinken ließ und zu ihren Schwestern kuschelte. Und das Webschiffchen zog seine Bahn, eine neue Zeile hinzuzufügen zum Webbild des Lebens. Die Stille ummantelte sie wie eine schützende Hülle, Stille, die sie sonst nicht ertragen hätte. Plötzlich war sie voller Leben. Plötzlich war sie voller Möglichkeiten.