2801 Die Frau Pospischil ist eine gute Nachbarin


Die Frau Pospischil ist eine gute Nachbarin


Die Frau Pospischil ist eine gute Nachbarin. Tagein, tagaus fegt sie den Gehsteig vor dem Zaun. Und wenn der Schnee liegt, dann greift sie schon mal zur Schneeschaufel.
„Das hat früher der Papa gemacht“, sagt sie dann seufzend, wenn jemand vorbeikommt, irgendjemand, mit dem sie plaudern kann, ob der nun will oder nicht, ob er nun Zeit hat oder nicht, denn sie hat Zeit, „Aber seit der Papa tot ist, seitdem muss ich das machen, denn es muss ja wohl sein.“

2601 Wenn der Wahnsinn drei Mal klingelt


Wenn der Wahnsinn drei Mal klingelt


Als der Wahnsinn das erste Mal bei mir klingelte, vor mittlerweile etlichen Jahren, da öffnete ich die Türe, weil es sich nicht gehört nicht zu öffnen, wenn jemand an der Türe steht und Einlass begehrt. Und selbst dem Wahnsinn gegenüber ist Höflichkeit geboten, denn schließlich macht er auch nur seine Arbeit. Ich öffnete, aber ich ließ ihn nicht ein.
„Grüß Gott, Wahnsinn“, grüßte ich, höflich, doch ausweichend, denn obschon ich doch Umgang pflege, weiß ich noch immer nicht genau zu bestimmen, ob der Wahnsinn nun männlich oder weiblich ist. Ich neige ja zu der Ansicht, sowohl als auch, aber wie spricht man ein Sowohl-als auch an? Jedenfalls wollte ich ihm nicht zu nahe treten, so dass ich unbestimmt blieb, jedoch desto bestimmter bei meinem Standpunkt, als ich fortfuhr, „Ich bin noch nicht so weit, Sie zum Tee hereinzubitten.“

2201 Wozu bin ich?



Wozu bin ich?


„Ich habe lange nichts von Dir gehört“, sagte sie, und sah ihrer Freundin fest in die Augen. Doch diese wich ihrem Blick beharrlich aus.
„Es war keine Zeit“, entgegnete sie ausweichend, „Du weißt ja wie das ist, mit den Kindern und der Arbeit und dem Haushalt. Und eben mit allem.“
„Ja, das haben wir alle“, hielt sie entgegen, „Doch mal Hallo sagen und erzählen wie es Dir geht. Das wäre doch nicht so schwer. Dazu ist doch Zeit.“
„Meinst Du?“, fragte sie. Endlich lagen die Hände still, und der Blick fokussierte sich auf die Freundin, „Ja, vielleicht. Aber Du hast Dein eigenes Leben. Was hätte Dich das interessiert?“
„Ich dachte wir sind Freunde?“, meinte sie kopfschüttelnd, „Da interessiert man sich eben.“
„Niemand interessiert sich für mich“, erklärte sie hartnäckig, „Was hätte ich Dir sagen sollen? Was hätte ich Dir sagen können, was Dir einen Mehrwert gebracht hätte?

2101 Wenn Du gehen willst, dann schließe die Türe zu


Wenn Du gehst, dann schließe die Türe zu


Unsere Lebensumstände haben sich geändert. Alles ist anders. Ich habe mich verändert. Ich bin nicht mehr so. So wie damals eben. Du hast Dich nicht verändert. Sagst Du. Du bleibst immer gleich. Das nennst Du Verlässlichkeit. Ich nenne es Langeweile. Ende des Lebens mittendrinnen. Du verstehst es nicht. Aber Du kommst nicht mehr damit zurecht, dass es so ist. Lange hättest Du es versucht, aber jetzt geht es nicht mehr. Ich dachte wir kriegen das hin. Wir haben es doch immer noch hingekriegt. Trotz all der Jahre. Ich glaube es immer noch nicht. Du glaubst es nicht. Vielleicht, meinst Du, dass es sein könnte. Du weißt es nicht. Du willst es herausfinden. Nachdenken. Dir klar werden. Du willst sehen wie es ist, wenn Du nicht mehr da bist.

Vielleicht gehst Du, denn die Türe steht offen.

Wir finden nicht mehr zueinander. Sagst Du. Unsere Lebenswege kreuzen sich nur mehr durch Zufall, nicht mehr aufgrund von Interesse. Was haben wir gemeinsam? Du meinst, es ist nichts geblieben. Ich sage, man kann es neu entdecken, wenn man will. Aber Du bist in Deiner Bahn. Du änderst Dich nicht. Ich mich schon. Veränderung ist schlecht. Du kannst es nicht anders machen. Du willst nichts Neues entdecken. Du willst Dich nicht einlassen. Deshalb darf ich das auch nicht. Wenn ich es tue, dann muss ich mit Konsequenzen rechnen. Nimm die Stricknadeln. Das Klappern ist vertraut. Nicht das Andere, das vorher nicht war, und das Du nicht willst, weil es nicht da sein darf. Nur das was immer war. Ich frage Dich was immer war. In unserer Geschichte. Nichts war immer. Alles kam. Auch das Neue, das jetzt schon gewohnt ist, aber irgendwann war es eben neu. Du siehst es nicht so. Entweder war es immer oder eben nicht. Ein stringentes Weltbild. Meines ist Dir suspekt, mit den Veränderungen. Du willst Kontinuität bewahren. Das geht mit mir nicht.

Du gehst, weil die Türe offen steht.

Das Leben hat uns gelehrt. Dich anders als mich. Oder war es die Einstellung die anders war. Wenn ich mit meinen Lebensumständen nicht zufrieden bin, dann muss ich sie ändern. Wenn Du mit Deinen Lebensumständen nicht zufrieden bist, dann jammerst Du, und siehst sie doch als unabänderlich. Es gibt daran nichts zu rütteln. Ich frage nach. Ich soll nicht so viel fragen. Ich stelle in Frage. Ich soll es bleiben lassen. Es gibt nichts zu Hinterfragen. Im Großen und Ganzen ist es ja gut wie es ist. Immer der selbe Trott. Dazwischen wird eben ein wenig gejammert. Arbeit ist Leid. Freude geht aufs Wochenende. Arbeit muss nicht Leid sein. Doch meinst Du, und freust Dich auf die Freizeit. Dann gehst Du. Du bist nicht da. Warst es eigentlich nie. Niemals da. Bloß ein Ort für einen Zwischenstopp. Ich stand zur Verfügung. Jetzt nicht mehr. Eine weitere Veränderung, die Du nicht verstehst. Man muss sich aufs Verstehen einlassen, die Augen, die Hände, das Herz und den Kopf öffnen. Du bleibst verschlossen. Leichter ist es eine Türe zu öffnen.

Wenn Du gehst, dann bleib nicht auf halbem Wege stehen.

Erst am Ende ist es vorbei. Daran glaube ich nach wie vor. Verloren ist nichts. Außer wenn wir es verloren geben. Es gilt zu akzeptieren. Auch wenn ich es nicht verstehe. Die Zeit schlägt Wunden und heilt sie. Wir schlagen uns Wunden und wir können sie heilen. Oder sie kultivieren und uns lustvoll daran weiden. Es ist nicht mein Weg. Hier zu sein. Das ist mein Anliegen. Nicht im Gestern. Nicht im Morgen. Es ist völlig egal was in zwanzig Jahren ist. Du siehst mich an, und ich weiß, dass Deine Entscheidung gefallen ist. Auch wenn Du es nicht sagst. Auch, wenn ich es nicht verstehe. Aber ich sehe es. Wenn Du eine Entscheidung triffst, dann steh dazu und trag sie durch. Du kannst Dir nicht alle Optionen offen halten. Du kannst nicht gehen, und von mir erwarten, dass ich den Platz für Dich warm halte, falls Du doch nochmals kommst. Wenn Du gehst, dann mach es ganz.

Wenn Du gehst, dann schließ die Türe zu.

1701 Osterreise ins Miteinander (Leseprobe)

Prolog


Der Fasching geht seinem Ende entgegen. Noch ein letzter Abend, eine Nacht der Ausgelassenheit und der Exzesse, denn weil uns nun die Fastenzeit bevorsteht, wird noch so viel wie möglich gegessen und vor allem getrunken– oft sogar mehr. Der Sylvester, der traditionelle Was-ich-doch-nicht-alles-besser-machen-will-Tag, ist schon lange vorbei. Deshalb kommen heute die nächsten guten Vorsätze. 40 Tage sind auch leichter durchzuhalten als 365. Die einen wollen auf Alkohol verzichten, andere auf Fleisch, wieder andere auf Süßigkeiten – und ziehen dabei eine Sauermiene auf, als würden sie gerade ihre letzte Bluse und das letzte Stück Brot hergeben, und müssten von nun an frieren und hungern. Eine einigermaßen zynische Veranstaltung angesichts der Tatsache, dass der größte Teil der Menschheit nach wie vor am Rande des Existenzminimums lebt. Natürlich könnte man sagen, diese Menschen brauchen sich um die Fastenzeit nicht zu bekümmern, denn sie tun ja sowieso nichts anderes, aber wir, die wir in Überfluss und eingehüllt in andauernde Unterhaltung leben, wir müssen uns schon sehr anstrengen um in der Fastenzeit was zu leisten, um uns selbst zu kasteien. Das was für andere selbstverständlich ist, müssen wir uns hart erarbeiten. Und sehnsüchtig wandert der Blick auf die Tafel Schokolade, die nun endgültig im Regal eingesperrt wird. So schwer kann das Leben sein. Damit ist der Sinn der Fastenzeit wohl vollinhaltlich begriffen worden. Oder?

1601 Mit dem Esel gehen


Mit dem Esel gehen


Er tut sich gerade am Heu gütlich, als ich die Weide betrete. Völlig vertieft in sein Tun wirkt er, doch für den aufmerksamen Beobachter ist klar, dass er mein Kommen längst bemerkt hat, denn ein Ohr ist in meine Richtung gewendet. Obwohl er unbeirrt weiter frisst, verfolgt er meine Schritte. Direkt gehe ich auf ihn zu. Wachsam bleibt das Ohr. Beständig in Arbeit das Maul. Heu aus dem aufgehängten Sack zupfen,  kauen, schlucken.

1501 Osterreise ins Miteinander:


Geschichten für die Fasten- und Osterzeit


Der Fasching geht zu Ende. Noch ein letzter Abend, eine Nacht der Ausgelassenheit, denn weil die Fastenzeit folgt, wird noch gegessen und getrunken. Der Sylvester, der traditionelle Was-ich-doch-nicht-alles-besser-machen-will-Tag, ist schon lange vorbei. Deshalb kommen am Aschermittwoch die nächsten Vorsätze. 40 Tage sind auch leichter durchzuhalten als 366. Die einen wollen auf Alkohol verzichten, andere auf Fleisch, wieder andere auf Süßigkeiten – und ziehen dabei eine Sauermine auf, als würden sie gerade ihre letzte Bluse und das letzte Stück Brot hergeben, müssten nun frieren und hungern. Eine einigermaßen zynische Veranstaltung angesichts der Tatsache, dass viele Menschen nach wie vor am Rande des Existenzminimums dahinvegetieren. Natürlich könnte man sagen, diese Menschen brauchen sich um die Fastenzeit nicht zu bekümmern, denn sie tun ja sowieso nichts anderes, aber wir, die wir in Überfluss und eingehüllt in andauernde Unterhaltung leben, wir müssen uns schon sehr anstrengen um in der Fastenzeit was zu leisten, um uns selbst zu kasteien. Das was für andere selbstverständlich ist, müssen wir uns hart erarbeiten. Und sehnsüchtig wandert der Blick auf die Tafel Schokolade, die nun endgültig im Regal eingesperrt wird. So schwer kann das Leben sein. Damit ist der Sinn der Fastenzeit wohl vollinhaltlich begriffen worden. Oder?
                      
Die vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern war in früherer Zeit strengen Reglementierungen unterworfen. So war es nicht nur geboten kein Fleisch zu essen, sondern auch keine Eier und keine Milch. Darüber hinaus gab es die Vorschrift der einmaligen Sättigung. Das bedeutet, einmal am Tag satt essen und das, was man sich spart den Armen zu schenken. Diese gehörten übrigens zu den Gruppen, die von den Fastengeboten ausgenommen waren, neben schwerarbeitenden Menschen, werdenden und stillenden Müttern, Kranken und Kindern. Mittlerweile leben wir – und das ist einzigartig in der Geschichte – unter Bedingungen, die es uns ermöglichen diesem Fasten eine ganz neue Bedeutung zu geben – zumindest in der sog. „Ersten Welt“.

Einerseits kann die Fastenzeit uns frei machen, denn wer nicht ständig braucht, nicht immer auf das Haben fokussiert ist, wird offen für das Sein. Die Gedanken sind nicht mehr ausschließlich auf die Materialität und das Einverleiben derselben gerichtet, sondern können über die generelle Leiblichkeit, Fleischlichkeit hinaus zu einer Freiheit auf die Bestimmung des Mensch-seins hin zielen, sich enthalten, indem wir uns nicht auf das fixieren, worauf wir verzichten, und uns eben entsprechend leid tun, sondern indem wir uns dem zuwenden, was wir gewinnen, den Blick zu richten auf das was wir sein könnten, jenseits der Fixierung auf unsere Abhängigkeiten.

Aber es ist auch die Zeit, die zu Ostern hinführt, dem Hochfest der Auferstehung, der ein grausamer Tod vorangeht. Nicht das Sterben an sich ist das Beklemmende, sondern das Sterben dessen, der als Wort Gottes Fleisch angenommen hat um den Menschen nahe zu sein, das Sterben dessen, der sich Sohn Gottes nennt und sich für uns bis aufs Äußerste entäußert, sich hinabbegibt in die tiefste aller Tiefen und die fernste aller Fernen, in die umfassendste Verlassenheit und die totale Einsamkeit. Nicht nur einfache Verlassenheit, Einsamkeit, sondern die totale Selbstentäußerung, bis in das alles vernichtende, sich selbst nicht schonende, Nichts hinein, eine Entäußerung, die über alle Vorstellungskraft, alles Elend und alle Not, die denkbar sind, selbst von einem oftmals so kranken Hirn wie das des Menschen, reicht. Eine Unvorstellbarkeit des Schmerzes und der Entsagung, die eigentlich EndZeit bedeutet, die jedoch durch die Auferstehung in eine FastEndZeit aufgelöst wird. So führt die Absolutheit in eine Erlösung, zwar innerweltlich, aber doch mit neuen Möglichkeiten gesegnet. 40 Tage FastEndZeit.

Der Weg vom Hören zum Verstehen, vom Sehen zum Wahrnehmen, von mir zu Dir ist oftmals verstellt durch unnötige Dinge. Fastenzeit, eine Zeit des Verzichts, auch auf die Dinge, die im Wege stehen, damit der Blick auf Dich hin wieder frei wird, hin zu Verstehen und Annahme. Vierzig Geschichten durch die Fastenzeit, beginnend mit der Reinigung der großen Flut, hin zu Ostern, dem Durchgang durch die größte Verlassenheit zu einer Auferstehung in ein neues, ungetrübtes Dasein.

Thematisch beginnend mit der „Adventreise ins Miteinander“ wird diese in diesem Buch als Begleiter durch die Fasten- und Osterzeit fortgesetzt, mit Geschichten für jeden Tag, von Aschermittwoch bis Ostermontag.

(Und das tolle Cover ist wieder von dieHaag)


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0601 Wer auf Gerüchte hört ...


Wer auf Gerüchte hört ...


„Poetik des Raumes“ war der Titel der Vorlesung, die ich bei ihm hörte, der an meiner Alma Mater eine Gastprofessor innehatte. Noch heute sehe ich den Lehrsaal vor mir, denn es war ein alter, in dem die Zuhörerbänke noch nach hinten hin anstiegen und der Vortragende in einem kleinen Kreis in der Mitte unten stand. Die Bänke waren hart und unbequem, die Tische davor, viel zu schmal um ein Blatt ordentlich ablegen zu können, und dennoch war es eine Vorlesung, die mir einen weiteren Einblick in die Literatur eröffnete, in einen Aspekt, den ich bisher eher übersehen hatte. Die Anordnung des Raumes stand im Mittelpunkt. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass Sicht Herrschaft bedeutet. Die Sicht des Herrschers über die Stadt, bedeutet den Radius seiner Herrschaft. So ist es keineswegs Zufall, dass es noch heute Städte gibt, die vom Herrschaftssitz aus in alle Richtungen überblickbar sind. Aber auch psychologische Aspekte trägt der Raum. Aber auch auf Gemälden oder wohl gerade auf Gemälden kommt dieser Aspekt zum Tragen. Vieles ist mir auch noch ein Vierteljahrhundert danach erinnerlich, wogegen ich vieles andere schon längst vergessen habe. Mit größtem Eifer besuchte ich diese Vorlesung. Doch auch die interessanteste Vorlesung geht einmal zu Ende, und an diesem Ende stand eine Prüfung an. Ich entschied mich sie mündlich zu absolvieren, aus dem einfachen Grund, weil ich mündlich immer viel sicherer war. Ich bereitete mich gewissenhaft auf diesen Tag vor, denn ich wollte besonders brillieren. Die Prüfung fand am Nachmittag statt, aber ich verbrachte den ganzen Tag auf der Universität, da ich andere Lehrveranstaltungen besuchte. In der Früh traf ich eine Freundin, die eben jene Vorlesung ebenfalls gehört hatte und während wir einen Kaffee miteinander tranken, kamen wir auf die Prüfung zu sprechen.
„Ich mache die Prüfung nicht bei dem“, sagte sie entschieden, aber für mich völlig unerwartet.
„Warum nicht?“, fragte ich irritiert.
„Hast Du es denn nicht gehört?“, entgegnete sie bloß.
„Was bitte soll ich gehört haben?“, fragte ich etwas ungeduldig, „Erzähl endlich und spann mich nicht unnötig auf die Folter.“
„Es geht das Gerücht, nun ja, dass er während er Prüfungen besonders freundlich zu Studentinnen sein soll.“
„Und was heißt das?“, fragte ich nun nochmals, mit aller Naivität.
„Kannst Du Dir das nicht denken?“, damit verabschiedete sie sich und ließ mich mit einem Gerücht und halbausgegorenen Hinweisen sitzen.
Phantasievoll wie ich war und bin, kamen mir die schändlichsten Gedanken in den Kopf und den ganzen Vormittag über kam ich nicht zur Ruhe.
„Solche Vorwürfe fallen ja schließlich nicht vom Himmel“, dachte ich, „Irgendwas muss ja da dran sein.“ Ich war schon nahe daran mich zu entschuldigen, als ich mich endlich zur Ordnung rief, denn seit wann war ich bereit auf irgendein Geschwätz von irgendjemanden zu hören, einfach so. Ich ging also zur Prüfung, die in einem kleinen Büro stattfand, in dem er untergebracht war.
„Ich werde die Türe offenlassen, wenn es Ihnen recht ist, damit niemand glaubt wir hätten etwas zu verbergen“, begann er, was in mir den Eindruck erweckte, als wären ihm eben jene Gerüchte auch schon zu Ohren gekommen.
„Nun, wie hat Ihnen die Vorlesung gefallen?“, begann er das Gespräch, und ich gehöre nun mal zu den Menschen, die mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten, so dass ich ihm ausführlich erzählte. Er saß mir gegenüber, auf seiner Seite des Schreibtisches, entspannt zurückgelehnt und hörte mir zu. Nachdem ich alle Aspekte erwähnt hatte, die mir wichtig erschienen, er wohl auch hier und da nachgefragt hatte, wusste ich nicht mehr weiter und um den Moment des Schweigens zu überbrücken, merkte ich an, dass ich ja eigentlich gekommen wäre um geprüft zu werden, und nicht zum Plaudern.
„Ich wüsste nicht, was ich Sie noch fragen könnte“, erwiderte er, während er das Zeugnis ausfüllte und mir reichte, „Sie haben mir alles bereits erzählt.“
Freudestrahlend verließ ich sein Büro. Wie fatal hätte es enden können, hätte ich auf diese Gerüchte gehört. Wie ich einige Tage später erfuhr, spielte wohl eine Rolle, dass er eine Gastprofessur bekommen hatte, zumal er aus einem gänzlich anderem Bereich kam. Auch war er für einen Professor noch sehr jung, was in Wien allemal noch immer ein Auswahlkriterium darstellt. Seitdem weiß ich, dass es immer ratsam ist nicht blindlings irgendwelchen Halbwahrheiten zuzustimmen, denn die Folgen können fatal sein.

2712 Der Fäustling


Der Fäustling

 

Der Winter kam
Samt Schnee und Eis
Doch ich nicht lahm
Trotzte ihm auf meine Weis.

2612 Was bleibt vom Hl. Abend?

Was bleibt vom Hl. Abend?


Spät ist es geworden, am letzten Tag. Es wurde zu viel gegessen und getrunken, wie immer an diesem Abend. Feier im Kreise der Familie. Alles wie gehabt. Alles wie jedes Jahr. Davor, da waren Tage voller Hektik und Umtriebigkeit. Das und das und das musste noch besorgt werden. Da war keine Zeit, nicht einmal die Vorfreude aufkommen zu lassen. „Wenn es doch endlich vorbei wäre!“, hatten sich viele gedacht, und das passt doch nicht wirklich mit dem schönsten Tag des Jahres zusammen. „Ja, für die Kinder, nur für die Kinder machen wir das, weil für sie ist Weihnachten noch schön, aber für die Erwachsenen bedeutet es doch bloß noch viel mehr Arbeit als sonst“, bilden sie sich ein, und ich frage mich doch, ob es so sein muss. Wie wäre es, wenn man am Heiligen Abend die Geschenke und die Völlerei und das Saufen wegließe, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, das, worum es wirklich geht bei diesem Fest. Doch worum geht es wirklich? Was sollte man tun, wenn man nicht einkauft und kocht und bäckt? Da hat man ja nichts zu tun und weiß nichts mit sich und seiner Zeit anzufangen. Da käme man zum Schluss noch auf die Idee miteinander zu reden und auf den anderen zu hören. Nein, das kann keine Alternative sein, dann doch lieber Hektik, hinter der man sich verstecken kann, damit man ja nicht merkt, dass wir längst vergessen haben worum es eigentlich geht, was wir an diesem Abend wirklich feiern. Nichts bleibt. Lieber nicht nachdenken, sondern alles so belassen wie es ist. War doch bis jetzt auch gut so. Aber wenn es wirklich gut war, warum jammern wir dann die ganze Zeit über alles mögliche, warum machen wir so vieles, was wir gar nicht wollen. Es ist schade um das Fest, das so einfach sein könnte. Ein einfaches Fest des Miteinander, ein Fest, mit dem wir unserer Freude Ausdruck verleihen, dass uns heute der Heiland geboren wurde, der Christos, der Erlöser. Aber wir haben doch mit Religiosität nichts am Hut. Und Weihnachten hat doch nichts mehr mit Religion zu tun, sondern nur mehr mit Geschenken und Weihnachtsbäumen und Fressen und Saufen. Und wenn wir uns am nächsten Morgen mühsam aus dem Bett hieven, dann wissen wir genau wovon wir sprechen. Langsam gehen wir an die Stätte, an der das Massaker stattgefunden hat. Leere Teller und Gläser stehen herum. Reste des üppigen Festmahls finden sich noch auf den Tellern. Angewidert blicken wir weg. Der Baum steht noch im Eck. Der Schmuck ist auch noch drauf, nur die Nadeln lässt er langsam hängen. Trotz des prächtigen Aufputzes scheint er nicht glücklich zu sein. Nun, wer wäre schon glücklich, wenn er jahrelang wächst, bloß für einen einzigen Abend. Dann landet er am Müll, wie Millionen anderer auch. Es gehört eben dazu. An Weihnachten geht es um Geschenke und Fressen und Saufen und Bäume morden. Da lassen wir uns unser ökologisches Bewusstsein nicht beschmutzen, denn diese Bäume wurde ja schließlich extra dafür gezüchtet, dass sie hier stehen. Einem normalen Baum geht es nicht an den Kragen, will sagen, die natürliche Waldpopulation bleibt verschont. Das ist natürlich eine vielversprechende Ausrede. Zwei, drei Tage noch, dann wird er vom Schmuck befreit und weggeworfen. Es gehört eben dazu, und wir tun es ja nur für die Kinder, denn die wollen doch den Baum. Heute fällen, entwurzeln, und morgen wegschmeißen. So machen wir es mit Bäumen und mit den Tieren, die gedankenlos verschenkt werden und mit den Menschen, an die wir kaum einen Gedanken verschwenden, dabei sollte der Mensch den Menschen feiern. Aber wir sehen nur die Unordnung und während wir einen Kaffee trinken sehen wir uns schon wieder im Stress mit all dem, was weggeräumt gehört, an diesem Morgen, um sich für die nächste Fressorgie an diesem Feiertag bereit zu machen. Unter dem Baum liegen noch die Geschenke, und daneben das zerknüllte Papier. Fein säuberlich wurde jedes Stück verpackt, und dann, in wenigen aufgerissen und zusammengeknüllt.

Und so ist es, ein verdorbener Magen und ein schmerzender Kopf und ein gemordeter Baum und zerknülltes Papier, was von Weihnachten bleibt.